Volkmar Aderhold / Yrjö Alanen / Gernot Hess / Petra Hohn (Hg.)
Psychotherapie der Psychosen – Integrative Behandlungsansätze aus Skandinavien

CoverKartoniert, 272 Seiten, 14,8 x 21 cm, ISBN 978-3-89806-232-9. Gießen: Psychosozial Verlag 2003. € 29.90 / Preis in sFr / sofort lieferbar In den Warenkorboder Bestellung mit Formular
Herausgeber & Herausgeberin | Inhaltsverzeichnis | Vorworte von Michael Krausz, Volkmar Aderhold & Gernot Hess | Liefer- & Zahlungsbedingungen inkl. Widerrufsrecht
Gemeindepsychiatrisch orientierte Textsammlung über einen integrativen Ansatz zur Komplexbehandlung von sogenannten Psychosen (»bedürfnisangepasste Behandlung«), basierend auf psychodynamischen, systemischen und sozial-konstruktivistischen Verstehensansätzen. Originalausgabe

Original-Verlagsinfo

Diese Textsammlung zur skandinavischen Psychiatrie eröffnet der deutschen Fachöffentlichkeit ein in den letzten 25 Jahren in Skandinavien entwickeltes und in der Praxis erprobtes Behandlungskonzept für psychotisch erkrankte Menschen.

Das deutsch-finnische Herausgeberteam stellt den Lesern einen in Skandinavien entwickelten integrativen Ansatz zur Komplexbehandlung von Psychosen vor, der aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Diese am Gedanken der Gemeindepsychiatrie orientierte und in Skandinavien bewährte »bedürfnisangepasste Behandlung« basiert auf psychodynamischen, systemischen und sozial-konstruktivistischen Verstehensansätzen. Dabei greifen Krisenintervention, psychotherapeutische wie pharmakotherapeutische Elemente sowie ambulante, komplementäre, teil- und vollstationäre Behandlungs- und Rehabilitationsmöglichkeiten ineinander.

Dieses Vorgehen setzt ein Verständnis von psychotischen Störungen voraus, das gleichzeitig eine Kritik am verengten bio-medizinischen Krankheits- und Behandlungsmodell wie auch ausschließlich naturwissenschaftlichen Forschungsstrategien impliziert.

Überdie Herausgeber und die Herausgeberin

Volkmar Aderhold, Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychotherapeutische Medizin, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Eppendorf.

Yrjö 0. Alanen, emeritierter Professor der Universitätsklinik Turku in Finnland, Arzt, Psychoanalytiker und Familientherapeut in Finnland und den USA. Widmete sich der Schizophrenieforschung, ab 1970 Aufbau eines Schizophrenieprojekts in Turku (Finnland). 2001 erschien sein Hauptwerk »Schizophrenie – Entstehung, Erscheinungsformen und die bedürfnisangepasste Behandlung«.

Gernot Hess, Pädagoge und Psychiatrieplaner, langjährig tätig in sozialpsychiatrischen Entwicklungsprojekten und verschiedenen Institutionen, derzeit im Bereich Ergotherapie/Rehabilitation der Westfälischen Klinik für Psychotherapie und Psychiatrie Münster.

Petra Hohn, Sozialarbeiterin in Stockholm, machte zusammen mit Loren Mosher die Idee eines ambulanten Krisenansatzes bekannt.

Weitere Publikationen mit Beiträgen der in diesem Band enthaltenen AutorInnen im Antipsychiatrieversand:

Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort ..... 9

  • Vorwort und Dank ..... 11

  • Einleitung: Bedürfnisangepasste Behandlung in Skandinavien – eine Herausforderung? ..... 13

  • Kapitel 1: Ätiologische Grundlagen und bio-psycho-soziales Krankheitsverständnis

    • Yrjö O. Alanen: Schizophrene Vulnerabilität – auf dem Wege zu einer integrativen Sichtweise ..... 21

    • Pekka Tienari, Lyman Wynne und Karl-Erik Wahlberg: Die Adoptionsstudien der Schizophrenie und ihre klinische Bedeutung ..... 39

    • Johan Cullberg: Das dreidimensionale Entstehungsmodell der psychotischen Vulnerabilität – Konsequenzen für die Behandlung ..... 51

  • Kapitel 2: Entwicklungsprojekte in der Bewährung: Evaluation und Erfahrungs-/Therapieberichte

    • Finnland

      • Yrjö O. Alanen, Ville Lehtinen, Klaus Lehtinen, Jukka Aaltonen und Viljo Räkköläinen: Das integrierte Modell der Behandlung schizophrener und verwandter Psychosen ..... 65

      • Jaakko Seikkula, Birgitta Alakare und Jukka Aaltonen: Offener Dialog in der Psychosebehandlung – Prinzipien und Forschungsergebnisse des West-Lapplandprojektes ..... 89

      • Ari-Pekka Blomberg, Aino-Maija Rautkallio und Pauli Uusitalo: Lautes Chaos – Leises Pfeifen. Chaos und Strukturen in der Psychosenpsychotherapie ..... 103

    • Schweden

      • Johann Cullberg, Sonja Levander, Ragnhild Holmqvist, Ing-Marie Wieselgren und Maria Mattson: Bedürfnisangepasste Behandlung psychotisch ersterkrankter Patienten im Parachuteprojekt ..... 115

      • Sonja Levander: Problemformulieren – eine Methode zur Begleitung von Psychosepatienten ..... 127

  • Kapitel 3: Systemisches Vorgehen und methodische Aspekte des Ansatzes

    • Klaus Lehtinen: Familientherapie und der bedürfnisangepasste Ansatz ..... 143

    • Narrativer Ansatz und psychodynamische Aspekte ..... 165

    • Jukka Aaltonen, Aino Vartiainen, Maija-Lena Kallioskoski, Tuula Riikonen: Psychoseteam und Akutbehandlung ..... 165

    • Juha Holma und Jukka Aaltonen: Der narrative Ansatz in der Familientherapie und akute Psychosen ..... 175

    • Juha Holma und Jukka Aaltonen: Autonomiestreben und narrative Suche in der Psychose ..... 179

    • Jukka Aaltonen und Viljo Räkköläinen: Arbeit mit dem Leitbild im Behandlungsprozess ..... 191

    • Jaakko Seikkula: Wenn der Dialog zur Behandlung wird – Grundlagen des Gesprächs und Optimierung der Therapieversammlung ..... 197

  • Kapitel 4: Einzel- und Pharmakotherapie als notwendige Therapiebausteine

    • Johan Cullberg und Sonja Levander: Psychotherapie im Rückblick. Erfahrungen von fünf ehemaligen Patienten ..... 213

    • Alex-Frits Wiesel: Antipsychotische Behandlung schizophrener Patienten ..... 223

  • Kapitel 5: Zusammenfassung und Überlegungen zur Übertragung auf die BRD

    • Stellungnahmen von Psychiatern/Psychotherapeuten zu den Fragen: Lassen sich die skandinavische Modelle übertragen? Welche alternativen Entwicklungen kennzeichnen die Sozialpsychiatrie und was spricht für eine Anwendung ambulant-kriseninterventorischer, psychodynamischer und systemischer Ansätze in der gemeindepsychiatrischen Erstversorgung von Psychosekranken? ..... 233

  • Liste der Erstveröffentlichungen ..... 249

  • Literatur ..... 250

Vorwort

Man sollte ja vermuten, dass auf der Grundlage der medizinischen Wissenschaft die Behandlung psychischer Störungen – gerade der schwersten und am häufigsten chronisch verlaufenden Erkrankungen wie der Psychose – im Vergleich unterschiedlicher Länder und Kulturen einigermaßen ähnlich und standardisiert erfolgt.

Aber schon oberflächliche Gegenüberstellungen machen deutlich, dass das nationale Gesundheitssystem, die unterschiedlichen Finanzierungsmodi, sowie die Gewohnheiten der Ärzte beziehungsweise der anderen im Gesundheitswesen tätigen Berufsgruppen einen weit größeren Impact auf Behandlungsusancen haben. So haben wichtige so genannte Erfolgsparameter wie z. B. Liegedauern und verursachte Kosten weit mehr Einfluss als medizinische Evidenz- oder Therapieforschung. Warum sollte es auch im Bereich der psychiatrischen Therapien anders zugehen als in der Diagnostik, wo bereits mit der großen WHO-Studie unter Leitung von Norman Sartorius in den siebziger Jahren eine große Varianz, insbesondere zwischen Amerika und Europa sowie anderen sich entwickelnden Ländern beobachtet werden konnte.

Um so interessanter ist es, von den Erfahrungen anderer Gesundheitssysteme und von Therapeutinnen und Therapeuten in anderen Kulturen zu lernen, auf dem Hintergrund ihrer Erfahrungen das eigene Tun zu reflektieren, gute Erfahrungen zu übernehmen und nicht alle Fehler mehrfach zu machen! Europa ist dafür ein exzellentes Lernfeld. Jahrzehnte war zumindest für einige Gruppen in der deutschen Psychiatrie Italien ein wichtiger Bezugspunkt und die Reise nach Triest der notwendige Ritterschlag in der eigenen Karriere. Betrachtet man Basaglias Vorschläge und deren Umsetzung mit einigem zeitlichen Abstand, kann man auch die negativen Implikationen bestimmter Strategien gut studieren; die alleinige »Auflösung von Irrenasylen« reicht nicht als humane Alternative!

Für die Behandlung von psychotischen Störungen hat ohne Frage die skandinavische Psychiatrie viele interessante Anregungen parat. Es ist der Verdienst dieses Sammelbandes, skandinavische Autorinnen und Autoren und ihre Erfahrung den interessierten deutschen Lesern zugänglich zu machen. Welche innovativen und interessanten Aspekte sind in den hier präsentierten Ansätzen enthalten?

Wesentlich mitbeeinflusst durch die engagierte Arbeit von Yrjö Alanen gibt es einen substantiellen Beitrag der psychodynamisch orientierten Psychiatrie zur Versorgung psychotisch kranker Menschen. Dabei verbindet Alanen seine theoretischen Grundauffassungen und seine klinische Perspektive, geprägt von psychodynamischen Erfahrungen, mit dem Anspruch an Wissenschaftlichkeit und klinische Relevanz. Meiner Meinung nach präsentiert Alanen eines der wenigen klinischen Beispiele, wie psychodynamisches Gedankengut in die Behandlungsphilosophie einer Klinik, deren Forschungstradition und spezifischen Ansatz in der Psychosentherapie eingehen kann. Er hat mit seinen Erfahrungen und der Ausstrahlung des Projektes auch wesentlich zur Initiierung weiterer psychosozialer Behandlungsstrategien für Psychotiker beigetragen.

Dies ist ein Verdienst und vielleicht eine Anregung auch für die zahlreichen psychodynamisch ausgebildeten Psychiaterinnen und Psychiater in Deutschland. Das Gewicht der Arbeit mit Angehörigen und Familien ist sichtbarer und zumindest in den Modellen, die hier vorgestellt werden, integraler Bestandteil der Versorgung. Ob dies auch für die finnische, schwedische oder norwegische Versorgungspsychiatrie insgesamt gilt, ist daraus nicht zu entscheiden. Aber immerhin, es gibt Zentren der besonderen Aufmerksamkeit und wissenschaftlichen Entwicklung von Familientherapie im Bereich der psychiatrischen Versorgung – wo gibt es dies in Deutschland?

Mindestens genauso wichtig wie Interventionsstrategien sind die Arten des Behandlungssettings. Die akute ambulante Behandlung außerhalb der Psychiatrie mit Kriseninterventionsteams u.a. ist für die Entwicklung der Psychiatrie meiner Meinung nach eine sehr wichtige, nicht zu unterschätzende Zusatzkomponente.

Integriert in ein Gesamtbehandlungssystem mit dem Ziel einer langfristigen, überwiegend ambulanten Begleitung, auch schwer chronisch Kranker, könnte dies helfen, längerfristige stationäre Aufenthalte und auch Kriseninterventionen sowie die Behandlung von Ersterkrankungen grundsätzlich zu verändern.

Dies sind nicht alle Anregungen, die dieses Buch in sich birgt. Es sind auch nicht komplette Lösungen für die deutsche Psychiatrie, die hier präsentiert werden. Vielmehr handelt es sich um Anregungen, die deutlich machen, dass es nicht nur lohnend, sondern notwendig ist, über den Gartenzaun des eigenen psychiatrischen Systems hinwegzusehen und sich daran zu messen, wie die besten Erfahrungen international sind, um die eigenen Bemühungen danach auszurichten.

Michael Krausz, Hamburg
Mai 2003

Vorwort und Dank

Auf die spannende Auseinandersetzung mit skandinavischer Psychiatrie sind wir gekommen, als wir Petra Hohn und das Nackaprojekt in Stockholm kennen lernten. Durch unsere Reisen erfuhren wir mehr über die skandinavische Psychiatrie und den integrierten, bedürfnisangepassten Ansatz von Professor Alanen und seinen finnischen Kollegen, mit dem psychotische Menschen bereits seit vielen Jahren psychotherapeutisch behandelt werden. Viele skandinavische Vertreter, unter denen Alanen wegen seiner langjährigen Forschungstätigkeit und wohl einmaligen und überzeugenden Verbindung von Theorie und praktischer, innovativer Tätigkeit als Psychiater, Psychoanalytiker und Familientherapeut herausragt, haben dies auch schon persönlich in Vorträgen, so bei den Langenfelder Symposien oder den Hamburger Tagungen »zur subjektiven Seite« der Schizophrenie, bekannt gemacht. Daraus entstand der Wunsch, solche Ansätze auch durch Texte, die wir mit unseren beiden Mitherausgebern in einer drei Länder übergreifenden, fruchtbaren Zusammenarbeit gesammelt haben, nachvollziehen zu können. Dafür möchten wir allen Autoren danken, die sich beteiligt und zum Teil Originaltexte, die noch nicht veröffentlicht wurden, beigesteuert haben – besonders aber unseren skandinavischen Mitherausgebern, ohne die dieses Buch natürlich nicht entstehen hätte können. So weit zu unserem Part. In einem Brief vom 28.4.2003 fasst Yrjö Alanen sein Interesse an der Zusammenarbeit mit folgenden Worten zusammen:

»In der letzten Zeit war ich mehrfach zu Vorträgen in Deutschland und auch in Österreich und ich fand es sehr angenehm, dass es in vielen deutschsprachigen Zentren der Psychiatrie Gruppen gibt, die psychodynamische Aktivitäten für psychotische Patienten im Rahmen der Gemeindepsychiatrie auf den Weg bringen. Dabei habe ich Rückmeldungen von Zuhörern bekommen, die sehr positiv und ermutigend in dieser Hinsicht waren, und ich hoffe, dass die Erwartungen von solchen Kollegen und Psychiatriemitarbeitern durch dieses Buch, das Texte von einem größeren Kreis skandinavischer Autoren enthält, unterstützt werden. Es ist von großer Wichtigkeit, dass wir psychiatrische Angebote entwickeln, die unseren Mitbürgern mit psychotischen Störungen gerecht werden und dies auf eine verständnisvolle und humanistische Art und Weise tun – dies gilt ganz besonders in einer Zeit, in der sie oft als Ansammlung abnormer biologischer Abläufe gesehen und entsprechend reduktionistisch behandelt werden. Demgegenüber hat unsere Erfahrung gezeigt, dass die Ergebnisse einer integrierten psychodynamischen und psychosozialen Arbeit vielversprechend sind. Und ich freue mich, dass die im letzten Kapitel wiedergegebenen Stellungnahmen deutscher Psychiater in vieler Hinsicht die Gemeinsamkeit unserer Anliegen deutlich machen.«
Dieser Auffassung wollen wir uns anschließen, und wir hoffen, dass der Leser die Anregungen, welche wir bei der Herausgabe des Buches erhielten, für eigene Lernprozesse nutzen kann.

Volkmar Aderhold, Hamburg
Gernot Hess, Münster

Mai 2003