Therese
Walther Kartoniert,
240 Seiten, 10 Abbildungen, 14,8 x 21 cm, ISBN 978-3-925931-34-5. Berlin:
Antipsychiatrieverlag, vollständig überarbeitete und aktualisierte
Neuausgabe 2004. € 24.90 / sFr 36.50 / sofort lieferbar
Cover im Großformat | Cover-Rückseite | Autorin | Inhaltsverzeichnis | Vorwort | Zusammenfassung | Ausblick | Infoblatt zum Ausdrucken | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home | zurück zur letzten Seite Über die Einführung des immer noch nicht verbotenen ersten klassischen psychiatrischen Schockverfahrens. Der Insulinschock wurde Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts entwickelt. Mit hohen Dosen Insulin wurden psychiatrische PatientInnen ins Koma versetzt und anschließend mit Zucker wieder »geweckt«. Das Verfahren war aufwendig und für die Betroffenen extrem qualvoll und gefährlich. 1937 setzte man es in allen deutschen Universitätskliniken ein. Therese Walther untersucht Theorien »psychischer Krankheit«, das Menschenbild der Wissenschaftler sowie die Vorstellungen über die Wirkungsweise des Insulinschocks. Die Auswertung von Patientenakten und Berichten Betroffener läßt die Grenze zwischen Menschenexperiment und psychiatrischer Therapie verschwimmen. Die Arbeit schließt mit einem Überblick der Anwendung des Verfahrens nach 1945. »Die »Insulin-Koma-Behandlung« Erfindung und Einführung des ersten modernen psychiatrischen Schockverfahrens« erschien 2000 in erster Auflage im Antipsychiatrieverlag. Bei der Neuausgabe handelt es sich um eine korrigierte und aktualisierte Fassung. Therese Walther studierte Soziologie und Psychologie und lebt in Berlin. Sie war über sieben Jahre Mitarbeiterin des Notrufs für vergewaltigte Frauen, arbeitete im Berliner Weglaufhaus und in der antipsychiatrischen Einzelfallhilfe. Sie promoviert derzeit zum Thema »Alltagsrassismen. Auswirkungen von gesellschaftlichen Gewaltverhältnissen auf Biographien und Handlungsstrategien von Frauen«.
Ich werde mich in dieser Arbeit mit der Entdeckung und Durchsetzung der Insulin-Koma-Therapie, auch Insulinschock oder Hypoglykämie-Behandlung genannt, in Deutschland befassen. Es handelt sich hierbei um ein psychiatrisches Verfahren, das ab 1927 von Manfred Sakel, einem jüdischen Wissenschaftler aus Österreich, entwickelt wurde [Der genaue Ablauf des Verfahrens wird im nächsten Kapitel dieser Arbeit beschrieben.]. Mit hohen Insulingaben werden die betroffenen Patientinnen und Patienten so stark unterzuckert, dass sie z.T. sogar in ein Koma geraten, aus dem sie nur wieder mit Zuckergaben »hochgeholt« werden können. Dieses Verfahren bedeutet eine völlige Auslieferung und Abhängigkeit von den behandelnden Psychiatern, von denen ja z.B. auch abhängt, ob die Betroffenen überhaupt »wiedererweckt« werden und weiterleben dürfen. Ständige Todesangst wird also bewusst absichtlich ausgelöst [So sprechen z.B. die bekannten und als vielfach als kritisch-progressiv geschätzten Sozialpsychiater Dörner und Plog ganz offen (zynisch) vom angeblichen therapeutischen Nutzen dieser Todesangst (vgl. Kempker 2000, S. 59)] oder zumindest geduldet als ständiger Begleiter bei einer solchen Behandlung. Darüber hinaus ist die Behandlung auch entwürdigend, da sie den Betroffenen oft für lange Zeit oder sogar bleibend die Kontrolle über etliche Körperfunktionen nimmt und diese dann unter quälenden Zuckungen, Speicheln, Verlangsamung etc. leiden. In der vorliegenden Arbeit interessiert mich nicht nur, welche fachlichen Argumente in der Diskussion zur Zeit der Einführung ausgetauscht wurden, sondern welche mit dieser »Therapie« zusammenhängenden Fragen überhaupt berücksichtigt wurden. Die für diese Untersuchung ausgewerteten Texte werde ich also auch in Hinblick darauf analysieren, welche Denkansätze und welche Haltung gegenüber den Behandelten sich in ihnen finden lassen. Den Hauptteil dieser Arbeit bildet die Auswertung der Diskussion in den Jahren 1936 bis 1937, die in den psychiatrischen Fachzeitschriften geführt wurde. Die Arbeit ist in fünf Kapitel untergliedert. Am Anfang findet sich ein Einführungskapitel, in dem historische Entwicklungen, die mir für das Thema relevant erschienen, kurz dargestellt werden. Anschließend wird beschrieben, wie es zur »Erfindung« der neuen Methode kam. In den beiden anschließenden Kapiteln wird die Diskussion ausgewertet, die parallel zur Einführung des Verfahrens in den psychiatrischen Fachzeitschriften geführt wurde. Zunächst wird der fachliche Austausch über Theorie und Praxis wiedergegeben. Anschließend soll versucht werden, »zwischen den Zeilen« zu lesen: In diesem Teil werden Aspekte untersucht, die nicht explizit das Thema der Artikel sind, dort aber teilweise am Rande angesprochen oder jedoch vollkommen ausgeklammert werden. Einbezogen werden hier z.B. auch sprachliche Auffälligkeiten. Den Abschluss der Arbeit bildet ein kurzer Ausblick, wie die Entwicklung nach der untersuchten Zeitspanne weiterging. Nach der Zusammenfassung findet sich ein Anhang, in den Materialien aufgenommen wurden, die mir interessant erschienen, aber nicht direkt in die Auswertung eingegangen sind. Verwendet für diese Arbeit habe ich Texte aus der Psychiatrisch-Neurologischen Wochenschrift (im folgenden PNW) [Da die Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift besonders häufig auftaucht und Literaturangaben aus dieser Zeitschrift teilweise ohne Autor sind, also unter dem Namen der Publikation aufgeführt werden, habe ich mich entschieden, diese im weiteren als PNW abzukürzen, wo mir dies sinnvoll erschien.] und dem Nervenarzt. Außerdem wurden Artikel aus der Medizinischen Klinik, der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medizin, der Klinischen Wochenschrift, der Deutschen Medizinischen Wochenschrift und der Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie ausgewertet. Schreibweisen von Begriffen aus den Originaltexten wurden beibehalten, auch wenn diese teilweise heute nicht mehr korrekt sind (z.B. »Shock«) und nicht extra mit [sic] gekennzeichnet. Ebenso wurde bei Tippfehlern etc. verfahren: Diese sind auch im Originalzitat so wie hier geschrieben. In dieser Arbeit werden sie jedoch nicht gesondert hervorgehoben. Hervorhebungen in Zitaten entsprechen den Markierungen im Original. Doppelte Anführungszeichen dienen zur Markierung von Zitaten. Ich setze sie aber ebenso ein, wenn antiquierte oder fragwürdige Begriffe verwendet werden [So wird z.B. in der ganzen Arbeit der Ausdruck »Schizophrenie« auf diese Art hervorgehoben, da er mir inhaltlich äußerst problematisch erscheint. Zudem bestand im gerade Zeitraum, auf den die Auswertung sich bezieht, generell eine relativ große Ungenauigkeit bzw. Uneindeutigkeit bei der verwendeten Diagnostik. Nicht zuletzt stellt sich das Problem einer mangelnden Entsprechung mit der heutigen psychiatrischen Terminologie.]. Ich verwende in dieser Arbeit den Begriff »Ärzte« bzw. Psychiater, denn die Autoren waren fast ausschließlich Männer. Wenn Artikel von Autorinnen ausgewertet wurden, werden diese explizit als solche gekennzeichnet. Fußnoten enthalten weitergehende Erläuterungen, Erklärungen von medizinischen Fachbegriffen oder nicht mehr gebräuchlichen Wörtern. Erklärungen medizinischer Fachbegriffe wurden grundsätzlich wenn dies nicht anders angegeben ist dem Pschyrembel entnommen. Auf einen Hinweis darauf wurde bei den jeweiligen Erläuterungen verzichtet. Sonstige Literaturhinweise werden direkt im Text gegeben, die ausführliche Literaturliste findet sich am Ende der Arbeit. In der analysierten Diskussion zeigt sich deutlich, dass »psychische Krankheiten« von den Psychiatern wie auch oft heute noch als ein unverständliches, bedrohliches Übel empfunden wurden, welches sie mit allen möglichen und vielfach recht gewaltvollen Mitteln zu bekämpfen und zu besiegen versuchten [Die oft auch sprachlich Nähe zu Kriegs- und Waffenmetaphorik, wird unten noch ausführlicher untersucht.]. Die betroffenen Menschen verschwinden hinter den Diagnosen und »Krankengeschichten«, ihre Geschichte, ihre Gefühle, Gedanken und z.B. auch ihre Empfindungen bei der Behandlung mit den Insulinschocks interessieren nicht. Die Verortung der eigenen Profession in der Medizin und das Verständnis von sich selbst als Ärzten hatte zur Folge, dass Psychiater als die Versager dieses Faches galten und sich auch deutlich unter Druck fühlten, da sie keine »Erfolge« die Verrücktheit der Patientinnen und Patienten durch äußere Maßnahmen zum Verschwinden zu bringen vorweisen konnten. Die Insulin-Koma-Therapie wurde und wird noch heute sicher auch aus diesem Grund von vielen Psychiatern und Medizinern als der entscheidende Sprung von lediglich an den Symptomen ansetzenden, palliativen Ansätzen zu wirksamen Heilansätzen bzw. Gegenmitteln bei »Psychosen« bzw. »Schizophrenien« verstanden. Bereits 1937, zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Buches, in dem die Methode vorgestellt und erklärt worden war, wurde dieses Verfahren an fast allen neuropsychiatrischen Universitätskliniken in Deutschland angewendet (Frank 1978, S. 23). Dies ist einerseits ein recht kurzer Zeitraum, da das Verfahren noch relativ »unausgegoren«, also jung und wenig erprobt war. Im Vergleich zu anderen Ländern verlief die Einführung im Deutschen Reich jedoch andererseits eher langsam und schleppend. In der Schweiz beispielsweise wurde das Verfahren schon 1936 in vielen Kliniken angewendet und auch nach einem relativ einheitlichen System ausgewertet, so dass auf einem Kongress in Münsingen im Jahr 1937 [Über diesen Kongress wird im 6. Kapitel der Arbeit noch etwas ausführlicher berichtet.] bereits Erfahrungen bei der Behandlung von 2000 Patientinnen und Patienten vorlagen [Ende des gleichen Jahres waren in Deutschland erst etwa 1500 Behandlungen abgeschlossen, 1938 gab es dann eine Umfrage in den Universitätskliniken, in der 2500 Fälle ausgewertet wurden (Hamann 1996, S. 68/69).]. Am Anfang der Insulin-Schock-Therapie stellte sich u.a. das Problem, dass es wegen fehlender Erfahrungen noch kein exaktes Dosierungsschema gab, was einer der Gründe für Todesfälle als Folge der Behandlung war. So kam es beispielsweise in Wien, wo die Methode an 57 Patientinnen und Patienten versuchsweise erprobt wurde, zu 2 Todesfällen. Auch in anderen deutschen Kliniken lag die Zahl der Todesfälle in den ersten Jahren der Anwendung offiziell bei etwa 1%. Bei einer Untersuchung, die in den USA 1941 durchgeführt wurde, stellte sich sogar heraus, dass es dort eine Todesrate von knapp 5% gab. James geht davon aus, dass die Mortalität sich langfristig bei knapp unter 1% »einpendelte«, nachdem die Ärzte und Ärztinnen mehr Erfahrung hatten und mit den Gefahren besser umgehen konnten. Frank verweist auf eine Untersuchung aus den USA, die nachwies, dass in sämtlichen Fällen, in denen die Insulin-Therapie bei Schwangeren angewendet wurde, diese ihre Kinder tot zur Welt brachten (Frank 1978, S. 23). Der Insulinschock ist auch rein physisch keineswegs eine »harmlose« Methode. Mögliche Gefahren bestehen darin, dass mit Insulinschocks behandelte Menschen nicht mehr aus dem Koma erwachen oder durch Veränderungen im Gehirn hirnorganische Defekte davontragen. Es kann außerdem dazu kommen, dass sie bei einem unerwarteten »Nachschock« in ein gefährliches Koma fallen. Plötzlich auftreten können auch nach dem Schock noch spontane symptomatische »epileptische Anfälle«. Weitere Risiken bei dieser »Therapie« sind Herz-Kreislauf-Störungen, Lungenödeme oder eine erhöhte Ansteckungsgefahr durch Krankheitserreger (vgl. Lehmann 1986, S.59). Die Insulin-Koma-Therapie wurde angewendet in der Hoffnung, als »schizophren« diagnostizierte Menschen heilen bzw. ihren Zustand »bessern« [Hinweis: in den Artikeln wird der Begriff der Besserung so verwendet, dass er sich auf Patientinnen und Patienten bezieht, als ob diese und nicht ihr Zustand »gebessert« wurden. In der Arbeit wurde dies an vielen Stellen so belassen, um die Sprache aus den Originaltexten nicht so zu »übersetzen«, dass wesentliche Nuancen verlorengehen. Auf die Diskussion, ob eine Heilung oder eine lediglich eine Besserung erzielt werden könnte und darauf, in welchem Verhältnis diese Debatte mit einer eugenischen Krankheitsvorstellung stand, werde ich im Kapitel 5a noch eingehen.] zu können. Durch Insulin wurden diese Menschen absichtlich in einen Schock bzw. ein Koma versetzt, Zustände, die sonst in der Medizin unter allen Umständen vermieden werden. Das Insulin hat die Funktion, die geschädigte Bauchspeicheldrüse von Menschen mit Diabetes, die das Insulin selbst nicht mehr ausreichend produzieren können, zu unterstützen. Dies war bereits damals genau bekannt. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, erscheint die Idee, eine Substanz wie Insulin als Heilmittel für »Schizophrenie« zu verwenden, eher fernliegend. Es fragt sich auch, wieso sich ein Ansatz, der mit seiner risikoreichen »Krankheitszufügung« gewissermaßen einen Widerspruch zum ärztlichen Anspruch auf Heilung und Schadensvermeidung des »nihil nocere« darstellt, so großer Beliebtheit erfreuen konnte. Mich interessiert bei meinen Ausführungen in dieser Arbeit, wie und warum sich diese Methode in Deutschland in der Fachdiskussion behauptete und wie ihre Vertreter argumentierten. Ihre Etablierung fand zudem in der Zeit des Nationalsozialismus statt, dessen Ziel auch in bezug auf psychiatrische Patientinnen und Patienten spätestens ab 1938/39 die systematische, nahezu industriell organisierte Ermordung die »Vernichtung der Unwerten und Erbkranken« war. Bei der Weiterentwicklung der Insulin-Koma-Therapie war die Grenze zwischen Erprobung und Anwendung verschwommen. Damit ist zum einen die Problematik einer Behandlung ohne Information und Einwilligung der betroffenen Menschen verknüpft. Es stellt sich aber auch die Frage, ob das, was die Ärzte mit ihren Patientinnen und Patienten machten, nicht zumindest teilweise als »Menschenversuche« bezeichnet werden muss. Die Motive der Ärzte, die Insulinschocks einsetzten,
waren keineswegs nur auf das vermeintliche Wohl ihrer Patienten gerichtet. Manche
hatten sicher vor allem zum Ziel, Karriere zu machen und hofften, sich als Experten
für die neue Methode profilieren zu können. Dennoch muss man festhalten,
dass Wissenschaftler, die sich der Erprobung und Verbesserung dieses Verfahrens
widmeten welches ja angeblich als »schizophren« diagnostizierte
Patientinnen und Patienten »heilen« bzw. »bessern« konnte
in einem gewissen Widerspruch zur NS-Ideologie standen. Dort galt »Schizophrenie«
als sowieso unheilbar und darüber hinaus erblich. Mit dieser Diagnose stigmatisierte
Menschen wurden bei einem entsprechenden Urteil des Erbgesundheitsgerichts sterilisiert
und später auch systematisch ermordet, um den »Volkskörper«
von diesen »kranken, nutzlosen und kostspieligen Elementen« zu befreien.
Der Insulinschock war jedoch ein extrem aufwendiges und teures Verfahren, u.a.
weil Insulin zu dieser Zeit nicht so billig herzustellen war wie heute und für
diese Behandlung teilweise eigene Stationen mit besonders viel Personal eingerichtet
werden mussten. Die psychiatrische Medizin stand im Untersuchungszeitraum in einem
gewissen Spannungsverhältnis zur somatischen Medizin bzw. besaß ein
besonderes Selbstverständnis. Ich werde deshalb zunächst die historische
Entwicklung der Psychiatrie in bezug auf das Spannungsverhältnis zwischen
Theorie und Praxis bzw. zwischen Medizin und Philosophie schildern, um darzustellen,
welche Entwicklung diese Wissenschaft genommen hat. Manfred Sakel, ein jüdischer Arzt aus Österreich, entwickelte die Methode der Insulin-Koma-Therapie ab Ende der zwanziger Jahre, ausgehend von seinen Erfahrungen mit dem Einsatz von Insulin beim Morphiumentzug. Vorangegangen waren bereits Versuche anderer Ärzte, Insulin für der Psychiatrie zu nutzen, beispielsweise zur Durchbrechung von Nahrungsverweigerung oder beim Delirium tremens. Sakels Verfahren basierte im wesentlichen darauf, über einen bestimmte Zeitraum täglich durch Insulininjektionen eine Hypoglykämie bis hin zum tiefen Koma auszulösen. Diese »Insulinschocks« wurden nach etwa einer Stunde durch Traubenzuckergaben unterbrochen. Die Durchführung der Methode war kostspielig, weil für die »Insulinstationen« viel Pflegepersonal und speziell ausgebildete Ärzte benötigt wurden und Insulin damals noch sehr teuer war. Risiken bei der Anwendung des Verfahrens bestanden in unerwarteten Krampfanfällen und »Nachschocks«, sowie in Erstickungsanfällen, Herzschädigungen oder bleibenden Gedächtnisschädigungen. Nach Angaben von Sakel erzielte sein Verfahren bei einer verblüffend hohen Anzahl von Patientinnen und Patienten Heilungen. Eine fundierte Theorie über die Wirkungsweise konnte er jedoch nicht erbringen. Seine recht mythologisch anmutenden Hypothesen über die Wirkungsweise der Methode wurden von Kollegen fast einhellig abgelehnt. Zunächst noch mit Spott und vor allem von internistischen Ärzten mit scharfer Kritik wegen der zahlreichen Risiken bedacht, fand das Verfahren dennoch rasch viele Anhänger. Nach der Publikation der Monographie von Sakel wurde die Insulin-Koma-Therapie gerade an Universitätskliniken rasch eingeführt. In Deutschland fand dies im Vergleich zu anderen europäischen Ländern etwas verzögert statt. Ärzte lernten das Verfahren oft durch eine Hospitation bei Kollegen, die in ihren Kliniken bereits damit arbeiteten. In der Diskussion, die in den Fachzeitschriften geführt wurde, gab es nur anfänglich eine Debatte über das Pro und Contra der Methode. Schon bald konzentrierten sich die meisten Beiträge darauf, das Verfahren zu modifizieren oder zu ergänzen, um die Gefahren zu reduzieren und die Wirkungsweise zu erhöhen. Risiken wurden fast ausnahmslos als »eigentlich« vermeidbar dargestellt. Dabei zeigte sich in der Auswertung, dass zwar auffällig oft über teilweise lebensbedrohliche »Zwischenfälle« und sogar auch von Todesfällen berichtet wurde, dies aber unter den Psychiatern keineswegs zu einer grundsätzlichen Infragestellung des Verfahrens führte. In vielen Beiträgen wurde die Anwendung der Insulinschocks im Gegenteil als geradezu moralische Pflicht dargestellt. Aus den Artikeln ließ sich entnehmen, dass zwischen Versuch und Anwendung meist nicht getrennt wurde. Vordergründig wurde die Anwendung der Insulinschocks von den meisten Autoren als rein therapeutische Maßnahme dargestellt. Es zeigte sich jedoch, dass die Anwendung häufig gleichzeitig auch einen experimentellen Charakter hatte. Versuchsweise wurden beispielsweise die Höhe der Insulindosis oder die zeitliche Ausdehnung des Komas variiert. Die Ergebnisse flossen in die folgenden Behandlungen ein, wobei Einzelheiten bei der Durchführung der Insulinschocks unter Umständen erneut variiert wurden. Es gab zudem kombinierte Versuche mit anderen Hormonen oder krampfauslösenden Substanzen wie dem Cardiazol. Das Problem der fehlenden Theorie war mit wenigen Ausnahmen weder Kritikpunkt in der Diskussion, noch wurde von den Ärzten eine bessere Erklärung zur Wirkungsweise entwickelt. Die wenigen präsentierten Theorien über einen möglichen Wirkungsmechanismus waren vollkommen uneinheitlich, manchmal völlig abstrus und häufig äußerst vage. Die Begeisterung über das neue vielversprechende Verfahren war groß, nicht zuletzt deshalb, weil Psychiater bislang mit dem Vorwurf zu kämpfen hatten, in ihrer ärztlichen Kunst zu versagen. Der starke Druck, endlich einen Durchbruch bei einer Behandlung der »Schizophrenie« zu erreichen, trug dazu bei, dass eine theoretische Fundierung des Verfahrens als zweitrangig betrachtet wurde. Die der »Schizophrenie« als vermeintliche, die »Volksgesundheit« bedrohende Erbkrankheit zugemessene Bedeutung hatte ihren Niederschlag bereits in juristischen Regelungen gefunden. Mit Insulinschocks behandelte Patientinnen und Patienten wurden vor ihrer Entlassung zwangssterilisiert. Die Einführung der aufwendigen und teuren neuen Methode stand in einem gewissen Widerspruch damit, dass »schizophrene« Menschen als nutzlose »Volksschädlinge« galten, für die kein Geld ausgegeben werden sollte. Der Widerspruch war auch ein theoretischer: Entweder ist eine Heilung möglich, dann stellt dies die Annahme eine unheilbaren Erbkrankheit infrage. Oder »Schizophrenie« ist eine unheilbare Erbkrankheit, dann muss der Versuch einer therapeutischen Behandlung sinnlos erscheinen. Es gab tatsächlich Befürchtungen seitens der Nazis, dass genau diese Widersprüche Einfluss auf eine reibungslose Umsetzung des Sterilisationsgesetzes haben könnten. Dennoch blieben diese Aspekte insgesamt merkwürdig wenig berücksichtigt in der Diskussion in den psychiatrischen Fachzeitschriften. Feststellbar sind eine starke Uneindeutigkeit und eine gewisse Ambivalenz, die sich u.a. auch darin widerspiegelte, dass als geheilt entlassene Menschen nach wie vor als »Kranke« bezeichnet wurden. Ein Misstrauen blieb also bestehen. Die gesamte Diskussion war nicht allein sprachlich, sondern auch inhaltlich stark »versachlicht« und frei von emotionalen Einfärbungen. Die Auswertung der Artikel hinterließ den Eindruck, dass eine Information und Einwilligung der Behandelten nicht vorlag und nicht für nötig gehalten wurde. Dies wiegt um so schwerer, da es sich bei der Anwendung der Insulinschocks um eine Vermischung von Behandlung und Versuch handelte. Nur in einem Artikel fand sich der Hinweis, dass wenigstens von den Angehörigen eine Einwilligung eingeholt wurde. Der Aspekt, dass die Insulinschocks die Behandelten teilweise in ein Koma versetzten, diese also dem Arzt auf Leben und Tod ausgeliefert waren, wurde nicht als psychologisch äußerst problematisch thematisiert. So fehlt z.B. eine Berücksichtigung dessen, was diese spezifische Situation für das Arzt-Patienten-Verhältnis in einem psychiatrischen Kontext bedeutete. In bezug auf die Empfindungen, die diese teilweise sogar zwangsweise durchgeführte Behandlung bei den Betroffenen auslöste, stellte sich heraus, dass diese entweder vollständig ausgeblendet blieben oder aber bewusst geschönt wurden: So wird in den Artikeln fast ausschließlich über positive Reaktionen berichtet. Die angeführten recht euphorischen und teilweise überschwenglich dankbaren Äußerungen der Behandelten werden zudem dazu funktionalisiert, die Methode als »Wundermittel« darzustellen bzw. die durchführenden Ärzte als »Wunderheiler« erscheinen zu lassen. Ein Hinweis darauf, dass es die Menschen in panikartige Angstzustände versetzte, in ein Koma gebracht zu werden und dass es quälend war, z.B. den aus der Hypoglykämie häufig resultierenden, äußert schmerzhaften Zuckungen und Krämpfen ausgesetzt zu sein, fand sich in keinem der untersuchten Artikel. Eher am Rande ließ sich aus den Fallgeschichten entnehmen, dass die behandelten Menschen die Insulinschocks manchmal auch als unangenehm empfanden und sich dagegen wehrten. Die Empfindungen der betroffenen Menschen galten offenbar als unwesentlich oder aber sie wurden bewusst verschwiegen, um erst gar keine kritischen Fragen aufkommen zu lassen. Der inhaltlichen Ausblendung dieser unliebsamen Tatsachen lief eine sprachliche »Löschung« des »Schocks« z.B. in den für die Behandlung als Bezeichnung verwendeten Begriffen parallel. Da die Insulinschocks nicht bei allen Patientinnen und Patienten die gewünschte Veränderung erzielten, wurde über eine Eingrenzung des Personenkreises diskutiert, der einen Versuch wert schien. Möglicherweise deutete sich hier schon jene Selektion an, die wenige Jahre später im Rahmen der »Euthanasie«-Aktionen tödliche Konsequenzen hatte: Eine Einteilung in durch die neue Schockmethode »heilbare« und nicht »heilbare« Menschen, von denen letztere dann systematisch erfasst und ermordet wurden. Die Insulin-Koma-Therapie hatte sich in anderen Ländern bereits 1937 erfolgreich durchgesetzt. Ärztinnen und Ärzte aus Deutschland, die als Juden und/oder wegen ihres politischen Engagements emigrieren mussten, hatten dadurch oft sehr viel bessere Chancen, z.B. für die USA eine Einreiseerlaubnis zu erhalten und eine Arbeitsstelle zu finden, wenn sie in der Methode ausgebildet waren. In Deutschland kam es zu einer offiziellen Anerkennung z.B. auch seitens der Kostenträger erst ab 1938. Die Verbreitung der Anwendung und die Zahl der Diskussionsbeiträge nahm ab diesem Zeitpunkt noch einmal erheblich zu. Es gibt also eine auffällige zeitliche Parallele zwischen der Durchführung der »Euthanasie«-Aktionen und der breiteren Akzeptanz dieses und der beiden anderen neu entwickelten Schockverfahren. Die Krampfbehandlung mit Cardiazolschocks und die Einführung des Elektroschocks drängten die Insulin-Koma-Therapie allmählich etwas in den Hintergrund. Neben einer wesentlich unkomplizierteren Anwendung boten diese auch einen erheblichen Kostenvorteil. Die erwähnte zeitliche Parallelität zwischen verstärktem Einsatz der Schockmethoden und Durchführung der »Euthanasie«-Atkion lässt eine Analyse der fachinternen Diskussion über die neuen Verfahren in diesem Zeitraum interessant erscheinen. Bereits in den untersuchten Artikeln zeigte sich ein nicht gelöster Widerspruch bzw. eine starke Uneindeutigkeit in bezug auf die Frage, ob eine Heilung von »Schizophrenie« möglich sei, ob lediglich das Fortschreiten der Krankheit aufgehalten werden könne oder aber diese eine unheilbare Erbkrankheit darstelle. Schon in bezug auf die zwangsweisen Sterilisationen eigentlich recht problematisch, wird dieser Aspekt für die systematischen Ermordungen im Rahmen der »Euthanasie« noch viel brisanter. Eine Untersuchung der zwischen 1938 und 1942 veröffentlichten Artikel könnte wertvolle Hinweise darauf geben, wie sich dieser noch verschärfte Widerspruch auswirkte. Noch ist nicht geklärt, ob Ärzte schwiegen oder sich sogar beteiligten, um »als Belohnung« (vgl. Hamann 1996) mit den neuen Therapien arbeiten zu dürfen, ob teilweise gerade Ärzte, die das Verfahren propagierten, sich gegen die »Euthanasie«-Aktionen stellten oder ob sie im Gegenteil besonders eifrige Verfechter der Ideologie von »Auslese und Ausmerze« waren. Ein weiterer bislang nicht sehr weit erforschter Aspekt ist die Frage, ob die Anwendung von Insulinschocks in den Kliniken und Anstalten dem Schema entsprach, welches die Autoren der Zeitschriftenartikel für besonders sinnvoll und wirksam hielten. Bei der Untersuchung der im Anhang wiedergegebenen Patientenakte und dem Insulinkrankenblatt zeigte sich, dass dies zumindest bei dieser Patientin nicht der Fall war. Sie gehörte z.B. nicht zu der Zielgruppe, für die das Verfahren erfolgversprechend schien. Der Zeitraum, über den diese Frau mit Insulinschocks behandelt wurde, überschritt die vorgesehene Behandlungsdauer erheblich. Zudem wurde die Behandlung fortgesetzt und sogar noch durch Cardiazolschocks »verstärkt«, obwohl eine Besserung im Sinne einer »Aufklarung« oder »Aufhellung« des psychischen Zustandes der Patientin nicht einmal andeutungsweise erreicht wurde. Bei der Auswertung entstand vielmehr der Eindruck, dass die Frau durch die Behandlung zunehmend lethargischer und »unzugänglicher« und in ihrer Persönlichkeit gebrochen wurde. Im Gegensatz zum Beginn der Behandlung wurde sie gerade zum Schluss teilweise mit einer sehr »Schizophrenie«-spezifischen Terminologie beschrieben. Eine weitere Auswertung von Patientenakten könnte darüber Aufschluss geben, ob es sich um eine Ausnahme handelte, oder eine nicht »sachgemäße« Anwendung von Insulinschocks sehr viel häufiger vorkam. Eine Untersuchung dieser Akten wäre zudem ein Beitrag zur Erinnerung an die Qualen und Schädigungen dieser im Gegensatz zu mit Cardiazol und Elektroschocks behandelten Personen bislang von der Forschung weitgehend vernachlässigten Menschen. Es wurde bereits darauf verwiesen, dass ab Ende der dreissiger Jahre die Anwendung von Insulin-Schocks aufgrund des Krieges und der Verteuerung von Insulin zeitweilig zurückging. Zudem bekam das Verfahren Konkurrenz durch den wesentlich billigeren Elektroschock, der zudem nicht so aufwendig in der Anwendung für die Ärzte war. Dennoch blieb die Verabreichung von Insulinschocks bis in die fünfziger Jahre hinein die gängige Praxis in der Psychiatrie. Müller verfasste 1952 ein Lehrbuch über »Die körperlichen Behandlungsverfahren in der Psychiatrie«, in der er der ohnehin ein starker Verfechter dieser Methode war die Anwendung des Verfahrens als weiterhin sinnvoll propagiert. Mit der Einführung des ersten Psychopharmakons, des Chlorpromazins im gleichen Jahr trat die Anwendung der Insulin-Koma-Behandlung jedoch zunehmend weiter in den Hintergrund. Dies bedeutete allerdings nicht, dass kurz darauf abgeschafft worden wäre. Offenbar gab es hier auch länderspezifische Unterschied. Aus Frankreich stammen die aktuellsten Artikel (d.h. aus den späten sechziger Jahren), wie eine Recherche über das PubMed, einer Datenbank für Artikel aus medizinischen Fachzeitschriften ergab. Kalinowski gab 1954 mit anderen zusammen ebenfalls ein Buch über »Schockbehandlungen, Psychochirurgie und andere somatische Behandlungsverfahren in der Psychiatrie« heraus, in dem Insulinschocks nachhaltig empfohlen wurden und die Forderung erhoben wurde, in den Krankenhäuser spezielle Stationen dafür einzurichten. Der Lärm, den die unruhigen und gequälten Patientinnen und Patienten verursachen könnten, könne durch laute Musik übertönt werden, da die Atmosphäre während und nach der Behandlung möglichst angenehm sein solle. Nach dem »Schocken« sollten die Patientinnen und Patienten irgendwie beschäftigt werden, allerdings immer noch im Bett bleiben und am besten mit Bettüchern fixiert werden. Die Autoren halten Insulinschocks für alle Patientinnen und Patienten unter 50 mit gutem Gesundheitszustand gut geeignet, sind sich jedoch unklar über eine Anwendung während der Schwangerschaft. Angewendet werden sollten die Insulinschocks nur bei Menschen, bei denen die Diagnose »(akute) Schizophrenie« gestellt wurde, ansonsten sei die Methode relativ unwirksam. Zum Thema Information und Einwilligung raten Kalinowsky et al. an: »Wenn eine Insulinbehandlung für einen Kranken empfohlen wird, ist es notwendig, die Erfolge und Gefahren mit den jeweils für ihn Verantwortlichen zu besprechen. In den meisten Kliniken wird genau wie bei chirurgischen Operationen eine schriftliche Zustimmung verlangt. Der Kranke selbst sollte über die Behandlung unterrichtet werden, ohne dass dabei eine Erläuterung aller uninteressanten Einzelheiten erforderlich ist. Man soll ihm versichern, dass die Behandlung schmerzlos und mit keinerlei Unannehmlichkeiten verbunden ist. Viele Patienten fürchten die Behandlung, weil sie gehört oder gelesen haben, dass sie gefährlich sei. Manche lehnen sie ab, weil sie dabei in einen Zustand von Bewusstlosigkeit versetzt werden und befürchten, während dieser Zeit zu Experimenten benutzt, vergewaltigt oder kastriert zu werden. Andere lehnen sie aufgrund ihres allgemeinen Negativismus ab; sie sträuben sich gegen jede Art von Therapie. Doch sind die meisten Patienten zu überreden, wenn sie richtig beeinflusst werden. Die Zustimmung oder Ablehnung durch den Patienten hat indessen keinen Einfluss auf die Wirksamkeit der Insulinbehandlung als solche, aber seine Bereitwilligkeit ist wertvoll, besonders wenn er einer anschließenden Psychotherapie bedarf.« (Kalinowsky et al. 1954, S. 27) Die Einwilligung von Angehörigen einzuholen, scheint sich also als Standard durchzusetzen. Die Betroffenen selber jedoch werden nach wie vor nicht wirklich einbezogen, sondern sie werden mit falschen Angaben abgespeist und manipuliert. Die Autoren warnen vor den Gefahren bei Patientinnen und Patienten mit allgemeiner oder spezifischer Insulinallergie, da es selbst bei geringer Dosierung zu Todesfällen kommen kann. Für gefährlich halten sie auch die Auslösung vor mehr als 100 Komata, da hierbei die Gefahr der Hirnschädigung steige (ebd., S. 43). Kalinowsky et al. befassen sich ähnlich wie einige der früheren Autoren auch mit der Frage, welcher Art die erreichbaren Besserungen seien: »Daher sind wir der Ansicht, dass der Mutterboden, aus dem heraus sich die Schizophrenie entwickelt, nicht verändert wird; nur der Überbau der Psychose wird durch die Schockbehandlung abgetragen. Zur Zeit aber steht uns keine psychiatrische Therapie zur Verfügung, weder eine somatische noch eine psychotherapeutische, die die präpsychotische Persönlichkeitsverfassung des Individuums grundsätzlich umstellen kann.« (ebd.) In ihrem Überblicksbuch von 1982 über somatische Behandlungsverfahren weisen Kalinowsky et al. darauf hin, dass das Verfahren mittlerweile ziemlich außer Mode geraten sei, allerdings nicht, weil es von zweifelhaftem Wert, sondern weil es zu aufwendig in der Anwendung gewesen sei (Kalinowsky et al. 1982, S. 298). Die konkrete Durchführung der Insulinschocks veränderte sich auch in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren nicht wesentlich von dem in der Arbeit beschriebenen Ablauf. Experimentiert wurde jedoch zusätzlich auch mit der Anwendung von Insulin in kleineren, langsam gesteigerten Dosen, die nicht zu einem Koma führen. Hierbei werden die Patientinnen und Patienten für eine bis mehrere Stunden in einer akuten Hypoglykämie gehalten, bis diese durch die Zufuhr von Zucker wieder beendet wird. Dies wurde als »kleine Insulinkur« oder Subkomabehandlung bezeichnet. Die »kleine Insulinbehandlung« Die »Insulinbehandlung mit Subkomata« kommt laut Kalinowsky et al. aus der Therapie der »Kriegsneurosen« (Kalinowsky et al. 1954, S. 48). Es wurde davon ausgegangen, dass eine Behandlung mit Insulin über den gleichen Zeitraum notwendig sei, den die »Erkrankung« bestehe also u.U. über Jahre hinweg. Die Verabreichung von Insulin sollte angeblich beruhigend wirken und andere Zwangsmaßnahmen teilweise überflüssig machen. Kalinowsky et al. meinen, sie könne auch bei anderen »Erkrankungen« als »Schizophrenie« verwendet werden. Auch bei der »kleinen Insulinbehandlung« besteht die Gefahr von Todesfällen. Die Autoren befassen sich im Gegensatz zu den oben ausgewerteten Texten auch etwas ausführlicher mit den »psychischen Nebenwirkungen«. Sie beschreiben, dass Patientinnen und Patienten z.T. das Gefühl hätten, als ob sie ertränkt oder untergetaucht würden, und häufig große Angst empfinden. Diese Angst ist jedoch nicht unwillkommen, wird ihr doch teilweise therapeutische Wirksamkeit zugeschrieben, »da die Angst vermutlich zu Anlehnungsbedürftigkeit führt und den Wunsch nach Umsorgtwerden wachruft. [Anders argumentieren Dörner und Plog in bezug auf die »heilsame« Wirkung von Angst: Durch Schocks komme es »zu Abschwächung oder Abbruch des psychotischen Handelns. Sie [die Schocks, T.W.] entziehen ihm den Boden [...], die Angst, die Aufmerksamkeit, den Antrieb: Lebens- oder Körperangst kann psychotische Angst erübrigen.« (Dörner und Plog 1992, S. 546) Außer Frage scheint für beide Autorengruppen zu stehen, dass die Auslösung solcher entsetzlichen Qualen und Todesängste bei den Patientinnen und Patienten »therapeutisch« gerechtfertigt ist.] Die Verbindung mit psychotherapeutischen Maßnahmen wird zweifellos durch den Gemütszustand der Patienten während des Stadiums des Erwachens erleichtert.« (ebd., S. 71). Teilweise wurden zusätzlich sogenannte Narkosynthesen eingesetzt, um ein Sprechbedürfnis der Patientinnen und Patienten zu erzwingen. Wie außerordentlich quälend die Durchführung dieser Methode für die betroffenen Patientinnen und Patienten war bzw. ist, beschreibt Don Weitz in seinem autobiographischen Text sehr eindrücklich (Weitz: »My Insulin Shock Torture« o.S., o.J.; Übersetzung aller folgenden Zitate durch die Verfasserin): »In den ersten zwanzig oder dreißig Minuten [nach der Injektion] fühlte ich diesen quälenden, nagenden Hunger und Durst, der meinen ganzen Körper verzehrte, mein ganzes Sein, so dass es unmöglich war, irgendetwas anderes zu fühlen oder über etwas anderes nachzudenken. Ich fühlte auch diese unwirklichen körperlichen Schmerzen und intensive Verwirrung und wilde Aufregung, Angst und manchmal auch Panik. Ich konnte nicht stillsitzen oder mich entspannen. Während jeder dieser Behandlungen badete ich förmlich in meinem eigenen Schweiß. Am Ende der Reaktionen zuckte mein Körper in kurzen Abständen oder zitterte unkontrollierbar, bis mir erlaubt wurde, den mit überzuckerten Saft zu trinken, der gnädigerweise diese Achterbahnfahrt zur Hölle stoppte. Danach war ich immer total ausgesaugt und vernichtet. Als die Insulinschocks immer weitergingen, hatte ich das Gefühl, gefoltert zu werden. Ich flehte meinen Psychiater an, die Schocks sofort zu beenden. Ich fragte oft Warum foltern sie mich? Aber er und die Krankenschwestern ignorierten meine vielen echten Beschwerden darüber, dass ich leide. Meine Qualen schrieben sie meiner angeblichen Geisteskrankheit statt den Insulinschocks zu.« Nachdem Weitz einen Monat mit Insulin behandelt worden war, wog er 25 Kilo mehr. Der Autor weist auch darauf hin, dass die Verabreichung von Insulinschocks bis in die frühen sechziger Jahre hinein die Hauptbehandlungsmethode für »Schizophrenie« in den USA, Kanada und Europa war. Die sogenannte »kleine Insulinbehandlung« wird auch heute noch in einigen Kliniken in Deutschland angewendet. Ruhwinkel und Tölle veröffentlichten 1994 im Nervenarzt einen Artikel, in dem sie eine Auswertung der Behandlungsergebnisse der Anwendung dieses Verfahrens bei ihnen an der Psychiatrischen Klinik Münster in den Jahren 1972-1986 vorlegen. In dem Artikel finden sich einige Parallelen zu den Artikeln aus den dreissiger Jahren. Etwa 4% der als »schizophren« diagnostizierten Patientinnen und Patienten wurde Insulin in subkomatösen Dosierungen verabreicht, im Schnitt erhielten sie 25 »Behandlungen«. Diesen Patientinnen und Patienten wurden die Insulinspritzen angeblich vorgeschlagen was immer darunter zu verstehen ist. Nach ihrer Einwilligung wurde die Behandlung begonnen, die jedoch von knapp 4% der Patientinnen und Patienten wieder abgebrochen wurde. Die Autoren betonen, dass diese Personen jedoch ohnehin besonders renitent und schwierig gewesen seien und alle anderen sich »bereitwillig, größtenteils sogar gerne« der Behandlung unterzogen hätten. Dazu ist anzumerken, dass die gesamte Untersuchung der Autoren ausschließlich auf schriftlichen Aktennotizen des Pflegepersonals beruht. Angewendet worden seien die Insulinspritzen bei »Therapieresistentenz«, allerdings geben die Autoren auch zu, dass sie manchmal durchaus auch »bald nach der Aufnahme« verabreicht wurden (Ruhwinkel und Tölle, 1994, S.770). Die Patientinnen und Patienten wurden meist 1 1 ½ Stunden in einem unterzuckerten Zustand gehalten, sie erhielten einen »Schontag« am Sonntag. Die Dosierung lag hier zwischen 40-80 E Insulin. Gleichzeitig wurden etwa zwei Drittel der Patientinnen und Patienten auch noch Psychopharmaka verabreicht. Als Ergebnis geben die Autoren an, dass sich in etwa 50% der Fälle ein »guter Effekt« im Sinne eines die »Therapieresistenz durchbrechender Fortschritt« gezeigt habe (ebd. S. 771). Auch die obligate Krankengeschichte mit »Wunderheilungscharakter« fehlt dem Artikel nicht. Ernstzunehmende Nebenwirkungen habe es angeblich nicht gegeben. Allerdings räumen die Autoren ein, dass auch sie manchmal damit zu kämpfen hatten, dass die Patientinnen und Patienten in eine tiefere Unterzuckerung gerieten, als dies geplant war und sie sie diese dann durch Glucagon-Gaben hochholen mussten. Sie berichten auch, dass ein Patient einen Krampfanfall erlitt. Ruhwinkel und Tölle empfehlen die Anwendung von »Insulinbehandlungen« bei »therapieresistenten« Patientinnen und Patienten ausdrücklich: »Wo Erfahrungen vorliegen, gilt die Insulinbehandlung als unverzichtbar.« (ebd., S. 772) Sie schwärmen: »Die vitalisierende Wirkung einer solchen Behandlung, verbunden mit der erzwungenen Regression auf elementare Stufen menschlicher Bedürfnisbefriedigung, bietet offenkundig therapeutische Chancen« (ebd.). Diese seien bei weitem besser als jene bei Verabreichung von Psychopharmaka. Auch bei den Spekulationen über die Wirkungsweise des Verfahrens gibt es eine Parallele zu all den Überlegungen, die die Ärzte in den dreissiger Jahren anstellten: Die Autoren geben zu, es könnten »nur Vermutungen angestellt werden« (ebd., S. 773). Sie hängen einer eher psychologischen Erklärungsweise an: »Die Patienten können sich bei dieser Behandlung wie Kranke im medizinischen Sinne fühlen, zumindest aber sich medizinisch behandelt erleben, was viele entlastet. Die in der Hypoglykämie eintretende Veränderung des Befindens und die gleichzeitige intensiver Versorgung ermöglichen eine «erlaubte, heilsame Regression.« (ebd.) Ruhwinkel und Tölle plädieren für eine verstärke Anwendung von Insulin, wie auch Elektroschocks und Schlafentzug und machen für die Dominanz der Psychopharmaka-Verabreichung dafür verantwortlich, dass sie nicht häufiger eingesetzt werden. Im Gegensatz zu Erben et al., auf die sie in ihrem Artikel verweisen, halten sie jedoch nicht die Wiedereinführung der Insulinschocks für angebracht sondern befinden die »kleine Insulinbehandlung« für ausreichend. Entgegen allen anderslautenden Behauptungen wie z.B. durch Ruhwinkel und Tölle, die angeben, Insulinschocks seien kurz nach 1952 aufgegeben worden, wurde die Behandlung in Deutschland zumindest in einigen Kliniken bis in die siebziger Jahre hinein angewendet. So findet sich beispielsweise in dem Buch »Mitgift« von Kerstin Kempker (2000) ein Bericht über ihre eigene Behandlung mit Insulinschocks in den Jahren 1975 und 1976 in der Johannes Gutenberg-Klinik in Mainz. Verabreicht wurden ihr bis zu 400 E Insulin, diese Dosis wurde dann meherere Monate beibehalten (Kempker 2000, S. 48). Kempker wurden gleichzeitig auch massive Dosen Psychopharmaka verabreicht und sie erhielt 6 Elektroschocks. Für mich in meiner nur punktuellen Erinnerung an diese Zeit sind die Insulinspritzen und ihre Folgen noch schlimmer, zersetzender, abtötender als alles andere, selbst die Elektroschocks.« Als quälende Folgen beschreibt sie neben einer extremen Gewichtszunahme [Die Argumentation von Dörner und Plog in bezug auf die Anwendung der »kleinen Insulinkur« mutet dagegengesetzt doch recht zynisch an: »Dabei kann die intensive Zuwendung wie zu einem bettlägerig Kranken und die Gewichtszunahme als entlastend und stabilisierend erlebt werden.« (Dörner und Plog, 1992, S. 548)], die ihr selbst das Gefühl gaben, ein »Monster« zu sein, vor allem den Verlust ihrer Ausdrucksfähigkeiten: »An Lesen und Schreiben war überhaupt nicht zu denken«, versuchte sie zu sprechen, so kam aus ihrem Mund nur noch »verwaschene[s] und von Speichel begleitete[s] Gebrabbel« (ebd., S. 57). Durchgeführt wurden die Insulinschocks unter der Leitung von Prof. Uwe Hendrik Peters [Dieser veröffentlichte auch mehrere Artikel über die Emigrationsgeschichten von Ärzten, die mit dem Verfahren arbeiteten (siehe entsprechendes Kapitel in dieser Arbeit).]. Die Behandlungen, die Kempker über sich ergehen lassen musste, wurden wie auch bei Weitz und vermutlich unzähligen anderen Menschen völlig ohne deren Einwilligung vorgenommen. Einen offiziellen »Abschied« von den Insulinschocks, im Sinne eines Beschlusses auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie, in dem der Verzicht auf die Anwendung des Verfahrens wegen seiner Gefährlichkeit und Unwirksamkeit oder aufgrund der unangemessenen Kostspieligkeit erklärt würde, hat es nie gegeben. Dies bedeutet im Grunde genommen, dass auch heute noch Ärzte dieses Verfahren anwenden dürften, wenn sie es im Rahmen ihrer ärztlichen Behandlungsfreiheit »therapeutisch rechtfertigen« könnten [Aussage von Prof. Hanfried Helmchen in einem Telefonat am 25.7.2000; Helmchen verwehrte sich im gleichen Gespräch gegen die Bezeichnung »Insulinschock« als irreführend und verteidigte die beschriebene »ärztliche Handlungsfreiheit« vehement.]. Eine Untersuchung, in welchem Umfang Insulinschocks in Deutschland bis zu welchem Zeitpunkt durchgeführt wurden ist nie durchgeführt worden. Wieviele Menschen von der Anwendung dieses Verfahrens betroffen waren, ist deshalb nicht bekannt. Auch Informationen zu den Folgen, die diese Schocks für die Betroffenen hatten, sind bislang nicht gesammelt. Im Gegensatz zu den Elektroschocks, über die heftig diskutiert wurde und die zumindest zeitweise aufgrund massiver Proteste aus dem Standardrepertoire psychiatrischer Behandlungsverfahren genommen wurden, hat es vergleichbare öffentliche Diskussionen über Insulinschocks nie gegeben. Trotz ihrer verbreiteten Anwendung für lange Zeit ist die Methode relativ unbekannt geblieben und deshalb auch wenig in die öffentliche Kritik geraten. |