Kerstin
Kempker
Kartoniert, französische Broschur, 128 Seiten, 18 Abbildungen, 15 x
21 cm, ISBN 978-3-925931-04-8. Berlin: Antipsychiatrieverlag 1991. €
9.90 / sFr 14.85 / sofort lieferbar
Cover im Großformat | Cover-Rückseite | Autorin | Inhaltsverzeichnis | Einleitung | Nachwort | Rezension von Ursula Zangger, Heiner Keupp | English information | Infoblatt zum Ausdrucken | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home | zurück zur letzten Seite »Was veranlasst Menschen, verrückt zu werden? Was veranlasst Menschen, nicht verrückt zu werden? Besonders die zweite Frage, weniger häufig gestellt, interessiert mich.« Preis der Verrücktheit ist das Risiko der Psychiatrisierung und der Verlust der gemeinsamen Sprache; Preis der Anpassung wäre jedoch die Preisgabe der eigenen Identität. Nachwort von Thilo von Trotha. Originalausgabe August 1991 Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit geben wir das Erscheinen eines neuen Buches bekannt. Kerstin Kempker bringt die grenzziehende psychiatrische und die grenzüberschreitende verrückte Welt an ihren Berührungspunkten zum Sprechen. Dabei nutzt sie die Kunst der Collage, um sonst nur getrennt geführte Diskurse literarische, philosophische, psychiatrische wie antipsychiatrische aufeinanderprallen zu lassen. Gerade die literarischen Stimmen wie Ingeborg Bachmann, Antonin Artaud, Sylvia Plath, Unica Zürn, Robert Walser machen deutlich, dass un(zeit)gemäße und ungemäßigte Wahrnehmungen, Empfindungen und Äußerungen eine Gabe sein können, die zwar ihren Preis, mit Krankheit aber nichts zu tun hat. Preis der Verrücktheit ist das Risiko der Psychiatrisierung und der Verlust der gemeinsamen Sprache; Preis der Anpassung wäre jedoch die Preisgabe der eigenen Identität. Die Schweizer Publizistin Ursula Zangger (Zürich) folgte in ihrer Buchbesprechung der Autorin in den hermetisch geschlossenen Käfig der Sprache, wobei ihr so manches Mal Hören und Sehen verging. Auf verdiente Weise mache die Autorin auf ein modisches Wechselbalg der psychiatrischen Ausgrenzung von Verrücktheit aufmerksam, die literarische Mode Wahnsinn; die böseste Fiktion und die perfideste Art der Ausgrenzung sei eine verklärende utopisch-romantische Gegenwelt von der reichen Erfahrungswelt der Krankheit. »Kerstin Kempkers Buch hat eine reinigende Wirkung, es ermöglicht, Abstand zu gewinnen vom selbstverständlichen Sprachgebrauch und von falschen und unklaren Vorstellungen von der tatsächlichen Vorgehensweise der Psychiatrie. Die Ausgrenzung der sogenannt Verrückten findet eben nicht am Rande der Gesellschaft und durch anonyme Institutionen statt. Jede/r ist beteiligt und beteiligt sich an ihren Mechanismen und gerät auch nur allzu schnell ins klebrige Netz. Kerstin Kempker erweitert unseren Wirklichkeitssinn mit sowohl Verstandeskraft wie auch mit Musil gesprochen mit vitaler Möglichkeitssinneslust.« Weiteres zu Kerstin Kempkers Buch: »Teure Verständnislosigkeit« zeigt durch die Montage belletristischer, philosophischer, psychiatrischer und antipsychiatrischer Zitate sowie ausgewählter grenzüberschreitender Kunstwerke, wie wenig Psychiatrie schon von ihren Prämissen her von Verrücktheit versteht bzw. dem, was sie Schizophrenie nennt. Psychiater wie Eugen Bleuler, Klaus Dörner, Emil Kraepelin oder Leo Navratil auf der einen Seite tauchen in dem Buch ebenso auf wie Thomas Anz, Franca Basaglia-Ongaro, Samuel Beckett, Gaetano Benedetti, Paul Celan, David Cooper, Fernand Deligny, Michel Foucault, Erving Goffman, Ronald D. Laing, Mariella Mehr, Adolf Muschg, Urs Ruckstuhl, Marc Rufer, Thomas S. Szasz, Paul Watzlawick und Ludwig Wittgenstein auf der anderen, der nicht- bzw. antipsychiatrischen Seite, ebenso Bildende KünstlerInnen der art brut und der Prinzhorn-Sammlung. Der Text fordert heraus zum Querdenken, zum Befragen des Selbstverständlichen Antworten liefert er nicht. 1. Offizieller Verkaufstag ist der 19.8.1991. Mit freundlichen
Grüßen
Einleitung SPRACHE UND MACHT Normalität und Wahnsinn Grenzziehungen
Die psychiatrische Etikettierung
Die Schwelle der Verstehbarkeit
SPRACHE IM NIEMANDSLAND Wirklichkeit und Wahrnehmung wessen Wahrheit ist »wirklicher«?
Grenzerfahrung und Sprachgrenze
Die verrückte Grenzüberschreitung
Anhang
Sprache und Macht, der erste Teil des Textes, beschäftigt sich mit der Entgegnung der Psychiatrie (bzw. der Gesellschaft als deren Auftraggeber) auf Verrücktheit, d.h. auf die Sprache von Menschen, die sich von dem ihnen zugewiesenen Platz weg verrückt haben oder verrückt worden sind. Ich will beschreiben, wie und zu welchem Zweck man in unserer Gesellschaft Verrücktheit in den Griff bekommen will. Welche Funktion erfüllt die Institution Psychiatrie, egal ob unter dem fortschrittlichen Mäntelchen oder unverhohlen traditionell? Welcher Sprache bedient sie sich? Mit welchen Mitteln tritt sie verrücktem Sein gegenüber? Wenn, wie der englische »Anti-Psychiater« David Cooper in der Vorwarnung zu seinem Buch »Die Sprache der Verrücktheit. Erkundungen ins Hinterland der Revolution« (1978) schreibt, die Verrücktheit ein gemeinsamer sozialer Besitz ist, der uns gestohlen wurde und den wir uns politisch wiederaneignen müssen (Cooper, 2, S. 9), dann wird deutlich, dass das Thema nicht die Behandlung, Wiederherstellung, Erziehung, Bestrafung, Ausschaltung oder Unterdrückung der armen anderen (ebd., S. 7) sein kann, denn sonst gehörten wir ja zu jenen hochgelobten »professionellen Befreiern anderer Menschen«: gewissen Psychiatern, Priestern, Sozialarbeitern, Lehrern usw. (ebd.). Vielmehr interessiert mich die Frage der Funktion psychiatrischer Ausgrenzung. Welche Ängste schürt verrücktes, unbegreifliches und unberechenbares Verhalten, dass mit einem solch massiven Aufgebot, wie es die »totale Institution« Psychiatrie im Pakt mit der Jurisprudenz ist, darauf reagiert werden muss? Was befugt Psychiater, hinter Diagnosenschlüsseln verschanzt und bewaffnet mit Psychopharmaka, das Monopol auf die Zuständigkeit für Krisen und andere störende Lebensweisen zu beanspruchen? Die Antwort der Gesellschaft auf stark normverletzendes Verhalten lautet: Psychiatrie. Und diese reagiert auf die steigende »Nachfrage« mit einem immer umfangreicheren »Angebot« ihres pseudomedizinischen und stigmatisierenden Instrumentariums. Es geht um das Gegenüber von zwei extrem Ungleichartigen und Ungleichgewichtigen: Der Psychiatrie, einer großen, fest verankerten und gut vernetzten, gesellschaftlich nachgefragten und mit fast allen denkbaren Rechten versehenen Institution mit der Aura der Wissenschaftlichkeit, steht die Verrücktheit gegenüber, ein besonderer (oder »absonderlicher«), weder von der Gemeinschaft noch von der in ihr geltenden Realität legitimierter Geistes- oder Gemütszustand eines einzelnen, vereinzelten und sich vereinzelnden, Menschen. Eine Entgegnung ist eine Form der Antwort, die das Wort des Gegenübers zu entkräften sucht. Sei ihre Absicht auch »die beste«, besserwissend oder rechtfertigend, immer hält sie den anderen auf Distanz. Begegnung hieße statt dessen, mit dem Gegenüber einen gemeinsamen Anhalts- oder Angriffspunkt zu finden. Nicht im Sinne eines Kompromisses oder des kleinsten gemeinsamen Nenners, sondern in dem Bemühen, den anderen aus der so entstandenen (relativen) Nähe genauer wahrzunehmen, auch wahrgenommen zu werden; ein Für-wahr-Nehmen. Warum wird diese Begegnung so vehement vermieden? Thema des zweiten Teils, Sprache im Niemandsland, ist die Annäherung an Wirklichkeit über die Sprache, Sprache im weitesten Sinne, aber auch Schaffung von Wirklichkeit durch Sprache, ihre Begrenzung und Legitimation, Sprache als Grenze und als Medium. Genauer ist Thema die verrückte Sprache: die fremde, normübertretende, vereinzelte, auf den ersten Blick nicht zu verstehende. Der ausgrenzenden Macht der psychiatrischen Sprache steht die grenzüberschreitende Kraft der »psychotischen« Sprache und Symbolik gegenüber. Zwei Fragen drängen sich auf: Was veranlasst Menschen, verrückt zu werden? Was veranlasst Menschen, nicht verrückt zu werden? Besonders die zweite, weniger häufig gestellt, interessiert mich. Die von der Mehrheit längst entschiedene Frage Wer ist im Recht? lasse ich dabei links, nein rechts, liegen. Wie sieht die nicht normierte, nicht demokratisch abgesegnete, aber dennoch erfahrene, andere individuelle Wirklichkeit aus? Wie wird sie wahrgenommen, in welcher Sprache ist sie mitteilbar? Wo liegt der Unterschied zwischen denen, die sie sich zunutze machen können, künstlerisch-avantgardistisch oder witzig-eigenbrötlerisch, die ihre Geister aufs Papier bannen und sich ihrer indirekt entäußern, und denen, die keine gleichzeitig adäquate und anerkannte Form der Äußerung finden oder suchen? Wie aus dem bisher Gesagten abzulesen, schlage ich mich hier gezielt auf die Seite der Verrücktheit, des Wahnsinns, der Grenzüberschreitung (von dieser Seite aus) oder Grenzübertretung (von der anderen Seite aus). Es gibt die Verrücktheit als genau begrenz- und beschreibbares Etwas nicht; sie dient als Sammelbegriff oder catch-all-phrase (Foudraine) für eine Vielfalt von extrem verschiedenartigen Ausdrucksformen des Lebens, die nur die (starke) Normabweichung eint. Deshalb werde ich die Sprache der Verrücktheit zwar einseitig, aber auf dieser einen Seite aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachten. In welcher Sprache kann die verrückte, ausufernde Sprache besprochen werden? Die Metasprache (lt. Duden die wissenschaftliche, terminologische Beschreibung der natürlichen Sprache) scheint voreingenommen was ist schon natürlich? , der Blick von oben gewährt »nur« die Auf-Sicht. Angemessener, gleichwertiger ist der Blick von der Seite, vielen Seiten. Er lässt dem Objekt seine Größe, verzerrt weniger. Dieser Blick findet sich am ehesten in der analogischen, bildhaft-vergleichenden Sprache, in der Sprache der Dichtung, allgemeiner der Kunst. Literatur und Dichtung sind meines Erachtens näher an der menschlichen Realität als etwa die psychologische Forschung. Diese orientiert sich viel zu stark am Mythos der »Realität«, am Mythos der daraus resultierenden Machtstrukturen (Gruen, S. 12). Wenn Normalität und Verrücktheit sich zueinander verhalten wie Duden und Dichtung, wenn außerdem die Wortwelt in Relation zur Erfahrungswelt... wie »eine Landkarte zu dem Gebiet steht, das sie repräsentieren soll« (zit.n. Foudraine, S. 326), dann wird die Unzulänglichkeit der wissenschaftlichen Sprache, aber auch die von Sprache überhaupt deutlich. Ich bin sehr bald auf die schwierigkeit, mit eben dieser sprache sprache überführen zu wollen (Kollmann / Mattheus, S. 9), gestoßen. Dabei entwickelte ich immer größere Vorbehalte gegen die Sprache über die Unvernunft und wandte mich mehr der Sprache aus bzw. in der Ferne der Vernunft zu. Das sind die (wenigen) Stellen, wo Psychiater die »Schizophrenen« selber zu Wort kommen lassen. Mehr noch sind es aber die Texte von SchriftstellerInnen, die wie Antonin Artaud, Unica Zürn, Robert Walser rücksichtslos gegen sich selbst als Grenzgänger zwischen der Welt der Normalität und der des Wahnsinns gelebt haben. Daneben wurden mir andere AutorInnen wie Ingeborg Bachmann, Paul Celan wichtig, weil sie in ihrem Werk auf der Grenzlinie zwischen dem eben noch Sagbaren und dem nicht mehr Mitteilbaren das gefährdete Gleichgewicht immer wieder ausbalancierend zum Thema machen. Die Scherbe ist das stärkere Bild des verlorenen Gefäßes als die vollständige Kopie, das Fragment redet vom Ganzen mit der Stimme der Wahrheit, auch wenn sie schmerzhaft ist (Muschg, S. 140). Der Text versucht die »(De)Komposition« mehrerer Stimmen zu einem Thema. Dissonante Klänge, im Thema vorgegeben, variieren dieses, manchmal fast unerhört. Es sollen, ohne viel hintergründig-historisch-erklärenden »Kitt«, die Stimmen zum Thema beim Wort, also ernstgenommen werden. Am Ende jedes Satzes heben sie sich, denn vieles bleibt offen. Mit dieser Arbeitsanweisung an mich will ich aus einer Flut von Quellen unterschiedlichster Herkunft möglichst viele originale und originelle Stimmen sprechen, einander wider- und entsprechen, sie manchmal auch nicht aussprechen lassen. Meine Stimme, die dabei auch immer wieder auf- und untertaucht, will weniger etwas über die anderen aussagen als durch sie und ihre Anordnung, Zuordnung im Text. Als »Leitmotiv« lasse ich dabei Ingeborg Bachmanns unvollendeten Roman Der Fall Franza aus dem Zyklus Todesarten durch den Text ziehen:Eine junge Frau flieht aus ihrer Ehe mit einem prominenten Wiener Psychiater. Ihr jüngerer Bruder findet sie in dem verlassenen elterlichen Haus in Kärnten und nimmt sie mit auf eine Reise nach Ägypten und in den Sudan. Dort, in der Wüste, erfahren wir Stück für Stück die Wahrheit über eine mörderische Ehe und über Verbrechen, die so sublim sind, »dass wir sie kaum wahrnehmen und begreifen können, obwohl sie täglich in unserer Umgebung, in unserer Nachbarschaft begangen werden«. Als die wirklichen Schauplätze des Dramas erweisen sich die »inwendigen«: »Einmal in dem Denken, das zum Verbrechen führt, und einmal in dem, das zum Sterben führt« (in: Bachmann, 1, S. 1). Franza verliert in dem Maße, wie sie von ihrem Mann mit der scheinbar analytischen Rede überzogen wird (Schuller, S. 151), ihre eigene Sprache. Er hetzte mich hinein in einen Fall (Bachmann, 1, S. 73), sagt Franza zu ihrem Bruder. In der Wüste, in der großen Gummizelle aus Himmel, Licht und Sand (Bachmann, 1, S. 84), von der anderen Seite ihrer Wirklichkeit her, in der einzigen Landschaft, für die Augen gemacht sind (ebd., S. 93), sieht sie der Wahrheit ihres (ungelebten) Lebens ins Auge. Die Wüste, das Niemandsland, ist als freier, noch unbesetzter Ort der Ort der Erkenntnis, aber auch als Symbol der inneren Verwüstung unverlassbar (ebd., S. 83). Diese Reise, nicht durch die Wüste, sondern durch eine Krankheit (ebd., S. 100), ist auch eine weibliche Reise in die Erkenntnis, selbst niemand (gewesen) zu sein, keinen eigenen Namen zu haben und es dahin auch nicht mehr bringen zu können. Die metaphorische, aber sehr wirksame Ermordung unserer Mörder (Cooper, 2, S. 10), wie sie Cooper als eine der wirksamsten Waffen der Gegengewalt durch unsere persönlich-kollektive Poesie, unser Werk (poësis) (ebd.) empfiehlt, ist Franza nur noch wenig wirksam in einem Akt der Selbstzerstörung möglich:Ihr Denken riss ab, und dann schlug sie, schlug mit ganzer Kraft, gegen die Wand in Wien und die Steinquader in Gizeh und sagte laut, und da war ihre andere Stimme: Nein. Nein. (Bachmann, 1, S. 135) Auf die Parallelen: Sprache der Macht männliche Sprache, Sprache im Niemandsland weibliche Sprache möchte ich hier nur hinweisen. Sie schlagen sich indirekt nieder in der Verteilung der AutorInnen zum Thema: Während die wissenschaftlichen und philosophischen Äußerungen fast alle von Männern stammen, sprechen die Frauen eher in der Dichtung. »Stimmenhören«: Dieser Starrsinn des Denkens... VOR DEM DENKEN (Artaud, 2, S. 79): Ich glaube nicht, dass man Psychoanalytiker sein kann, ohne dass man die Bandwürmer kennt (zit.n. Foudraine, S. 346). Man muss sich fragen, ob der Psychiater, der menschlichen und existentiellen Problemen mit seiner medizinischen Sprache begegnet, nicht die Sicht auf die Probleme verliert..., ob die medizinische Sprache und Kultur ihm nicht Denkformen, Weisen der Begriffsbildung aufdrängen und ihn die Wirklichkeit, der er begegnet, dermaßen verzeichnen lassen, dass er nicht zu den richtigen Fragestellungen und ebensowenig zu einer richtigen Definition der Probleme vordringt (Foudraine, S. 325). Man muss begreifen, dass der Verstand nur eine gewaltige Eventualität ist (Artaud, 2, S. 82). Wenn wir neue Erkenntnis gewinnen wollen, dann müssen wir uns eine Welt neuer Fragen stellen (zit.n. Foudraine, S. 304). Nachwort (Ungekürzter
Text: Kerstin Kempker schreibt über Verrücktheit aus der Distanz der verständigen und Anteil nehmenden Beobachterin, die um die Zerbrechlichkeit und Rätselhaftigkeit der verrückten Phänomene weiß. Sachkundig entfremdet sie die gewohnte Betrachtung dessen, was als verrückt erscheint, zur Kenntlichkeit. Fraglos und ganz von selbst teilen wir die ursprüngliche Form des Sprechens miteinander, doch nur solange, bis sich in ihrem scheinbar so vertrauten Gewand etwas zu Wort meldet, das über sie hinausreicht und hinter sie zurück will, als Sprache der Verrücktheit, die das bislang von allen geteilte und von ihr plötzlich zerteilte Sprechen zu einer Antwort herausfordert. Diese Antwort kann sehr unterschiedlich ausfallen: irritiert oder interessiert, erschrocken oder inspiriert, verbissen oder aufhorchend, voller Angst und Hass oder in einer Mischung aus Humor, Verwunderung und einfühlender Toleranz. Im Ordnung erzwingenden Blick der Psychiatrie ist das erst im Entstehen begriffene, wundersame Gewächs des verrückten Sprechens immer schon ein zu vertilgendes Unkraut. Neuroleptika sind das Agent Orange im Dschungelkrieg der Supermacht Normalität gegen die merkwürdigen und vaterlandslosen Partisanen, die in den Rissen des mühsam zementierten Fundaments einer bestehenden Ordnung die lästige Arbeit der Ver-rückung leisten. Der Unfug der Idioten, all jener ganz und gar Eigentümlichen, die in einem Idiom, einer Eigensprache, scheinbar nur sich selber etwas erzählen, erweist die vermeintlich so glatten Fugen, an denen sich das allen Gemeinsame zum Gesetz verfestigt, als brüchige und grob zugeschüttete Spalten und Verwerfungen. Das aber ist nicht nur für die Verrückten allein gefährlich, sondern auch für alle anderen. Und es bedarf der Mobilisierung einer ganzen als Wissenschaft getarnten Disziplin, einer medizinischen Armee, um dieser Gefahr zu trotzen. Eindringlich lässt Kerstin Kempker im ersten Teil ihres Buches meist die Psychiatrie selbst beschreiben, wie es an dieser Front zugeht, ein selbstentlarvender Lagebericht eines mit wissenschaftlichen Versatzstücken hochgerüsteten Grenzschutzes. Sprache erweist sich hier als eine Technik der Macht, die als Instrument der Unterdrückung eine Ordnung stabilisiert. Ihr antwortet allenfalls Schweigen. Im zweiten Teil ihres Textes folgt die Autorin der Sprache ins Niemandsland, ein augenscheinlich paradoxes Unterfangen. Doch bereichert um die bittere Kenntnis der psychiatrischen Tilgungsstrategien, gibt das aus höchst verschiedenartigen Elementen gewobene Textgefüge der Versuchung nicht nach, einen eigenen Standort in der Welt zu inszenieren, in den Wissenschaften, in den Bibliotheken, im literarischen Getriebe, in der politischen Opposition oder gar in den authentischen Sprachzeugnissen der Verrückten. Die Autorin zeigt, wie Sprache im Prozess des Schreibens vor dem Horizont der Verrücktheit über sich hinausweisen kann. Dabei wird das selbst wiederum literarische Mittel der Montage von sehr verschiedenartigen Zitaten aus wissenschaftlichen, philosophischen, lyrischen und epischen Texten zu einer Technik, die Ohnmacht der Sprache der Verrücktheit zu überlisten: Zwar spricht nicht die Verrücktheit selbst, doch spiegelt die facettenreiche Konstellation des fragmentarisch Zitierten die Struktur der gleichzeitigen Verdichtung und Entkopplung von gewohnten Sprachmustern, die beide auch der Sprache der Verrücktheit zugrunde liegen. Wer zitiert, gibt anderen das Wort. Wer, wie Kerstin Kempker, aus einer großen Anzahl verschiedenartiger Quellen so zitiert, dass die vielen Textabschnitte miteinander ins Gespräch geraten und sich zu einem atonalen Chor verbinden, nutzt die Kunst der Montage, um sonst nur getrennt wahrgenommene Diskurse aufeinander zu beziehen. Durch den auf diese Weise sichtbar gemachten Abstand zwischen den Büchern, Kapiteln, Zeilen, Wörtern und Buchstaben wird dem Raum gegeben, was in der ausdifferenzierten Dichte dessen, was ist, weil es akzeptiert ist, weder gesehen noch gehört werden kann. Die Qualität des Textes beruht nicht darin, Unbekanntes zu erforschen und exakter zu benennen, sondern umgekehrt darin, Bekanntes, in dessen Namen die allgemeingültige Auffassung von Wirklichkeit alles Andere denunziert, wieder in Richtung auf die Namenlosigkeit zu öffnen, aus der das scheinbar Objektive selbst einmal entstanden ist. Es geht nicht darum, Erkenntnis an die Stelle von Unkenntnis zu setzen, sondern darum, das Selbst-Verständliche an die Fragen rückzukoppeln, denen es sein Dasein verdankt, es frag-würdig zu machen. Berlin, im Dezember 1990 Rezension von Ursula Zangger, Zürich in: Störfaktor Zeitschrift kritischer Psychologinnen und Psychologen (Wien), 4. Jg. (1990), Nr. 15/16, Heft 3/4, S. 103-104 »Das System der Sprache, ist man einmal drin, ist ein hermetisch geschlossener Käfig.« Deshalb versteht sogleich jede/r, wenn der Schweizer Schrift- und Fallensteller Jürg Laederach weiterhin ausruft: »Ich leide an der Sprache wie ein Tier.« Fangen wir an, über diese Sätze nachzudenken, so werden wir ihm bald Gesellschaft leisten und sind besser beraten, schnell weiterzulesen und ihn bei seinen Klagen ohne uns zu lassen. »Kein Mensch interessiert sich (für die Sprache), und es werden täglich weniger.« Kerstin Kempker stellt mit ihrem Buch »Teure Verständnislosigkeit Die Sprache der Verrücktheit und die Entgegnung der Psychiatrie« nicht nur ihr Interesse unter Beweis, sondern auch, dass dies nicht nur für ausgefuchste LiteratInnen spannend und interessant sein kann. Ausgehend von einem strikt antipsychiatrischen Ansatz unternimmt die Autorin eine Reise in die Sprache, oder meinetwegen in den Käfig, bei der einem so manches Mal Hören und Sehen vergeht. Wer und zu welchem Zwecke sagt: »Das ist Verrücktheit«? Wie verrückt ist die Normalität? Wer hat hier das Sagen? Es sind die Fragen in diesem Buch, die die Tatsachen in Bewegung bringen und verrücken: »Was veranlasst Menschen, verrückt zu werden? Was veranlasst Menschen, nicht verrückt zu werden?« Kerstin Kempker stellt diese heiklen Fragen mit Hilfe einer Methode, die sie davor bewahrt, über die eigenen Ansprüche zu stolpern: in beiden Teilen des Buches lässt sie Sprache im Zitat vor allem sich selbst darstellen. Obwohl die Rezensentin an dieser Stelle versichert, nie selbst diagnostiziert worden zu sein, war ihr merkwürdig unheimlich. Kurz und gut, die Institution bzw. das Wirtschaftsunternehmen Psychiatrie stellt sich in diesem ersten Kapitel selbst vor, bis zu Werbeinseraten für narkotisierende Neuroleptika. Wer einer härteren Realitätsvergewisserung bedarf, kann hier Stimmen von Opfern dieser gesellschaftlichen Ausgrenzung und Eliminierung nachlesen. Viele der Zitate vor allem des zweiten Teils stammen von SchriftstellerInnen wie A. Artaud, I. Bachmann, S. Beckett, S. Plath u.a. Ohne es vielleicht zu wissen, hat die Autorin im Werk der Ingeborg Bachmann nicht nur ihre wichtigste Zeugin, sondern auch ein Vorbild ihrer Methode. In ihrer Dissertation über Heidegger bricht der philosophische Diskurs mit einem Sonett Baudelaires ab und dem Hinweis, Grunderfahrungen wie Angst entzögen sich dem wissenschaftlichen Sprechen. Der zweite Teil »Sprache im Niemandsland« zeichnet die Wirkungsweise von Sprache nach, wie sie die sogenannte Wirklichkeit überhaupt erst schafft und konstruiert. Das Werk Paul Watzlawicks bildet hier den fundierten Hintergrund. Ein Verdienst der Darstellung ist es, auf ein modisches Wechselbalg der psychiatrischen Ausgrenzung von Verrücktheit aufmerksam zu machen, auf »die literarische Mode Wahnsinn«. Eine verklärende utopisch-romantische Gegenwelt von der reichen Erfahrungswelt der Krankheit ist die böseste Fiktion und wohl die perfideste Art der Ausgrenzung. Kerstin Kempkers Buch hat eine reinigende Wirkung, es ermöglicht, Abstand zu gewinnen vom selbstverständlichen Sprachgebrauch und von falschen und unklaren Vorstellungen von der tatsächlichen Vorgehensweise der Psychiatrie, die diese schützen. Die Ausgrenzung der sogenannt Verrückten findet eben nicht am Rande der Gesellschaft und durch anonyme Institutionen statt. Jede/r ist beteiligt und beteiligt sich an ihren Mechanismen und gerät auch nur allzu schnell selbst ins klebrige Netz. Schon im Jahre 1511 ließ Erasmus von Rotterdam seinen Toren und Verrückten ausrufen: »Niemand darf von mir erwarten, dass ich nach der gewöhnlichen Schulmethode den Begriff meines Selbst definiere oder gar einteile.« Wie schwierig ein solcher Anspruch durchzuhalten ist, davon gibt Kerstin Kempkers eigenwilliges, aber um so wertvolleres Buch vieleviele Anschauungen. Es erweitert unseren Wirklichkeitssinn mit sowohl Verstandeskraft wie auch vitaler Möglichkeitssinneslust mit Musil gesprochen , selbst wenn wir nun zu denen gehören sollten, die an der Sprache leiden wie ein Tier. Rezension von Heiner Keupp, München in: Psychologische LiteraturUmschau Kritische Rezensionszeitschrift für Psychologie, 2. Jg. (1992), Heft 1, S. 7-10 Radikale Parteilichkeit für Psychiatrie-Betroffene Verstummt sind sie noch nicht, die antipsychiatrischen Stimmen, aber sie sind leiser geworden. Eine Stimme jedoch ist deutlich vernehmbar: Der Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt e.V. und Peter Lehmann (die beide aus der Irrenoffensive hervorgegangen sind). Und diese Stimme hat sich nun auch einen bemerkenswerten Verlag zugelegt, den Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag. Das erste Buch »Der chemische Knebel« von Peter Lehmann wurde gleich zu einem großen Erfolg. Jetzt sind zwei weitere Bücher in seinem Verlag erschienen. Die Antipsychiatrie wird mit ihnen vielstimmiger. zu a) Uta Wehde hat mit ihrem Buch eine der frühen Forderungen der Irrenoffensive aufgegriffen: Das »Weglaufhaus« als alternative Institution für Psychiatrie-Betroffene, die sich dem Zugriff oder der »fürsorglichen Belagerung« durch psychiatrische Institutionen entziehen wollen. Die Autorin ist aktives Mitglied der Weglaufhaus-Projektgruppe, die der »Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt« gebildet hat, um selbst eine solche Alternative für Psychiatrie-Betroffene in Berlin aufzubauen. Uta Wehde ist während ihres Psychologiestudiums auf der Suche nach Alternativen zur Psychiatrie zu dieser Projektgruppe gestoßen. Der Selbstmord ihres Bruders während psychiatrischer Behandlung gab den Anstoß für diese Suche. Das Buch von Uta Wehde verfolgt zwei Ziele: Zum einen wird die Notwendigkeit von alternativen Institutionen für Psychiatrie-Betroffene und das Konzept des Weglaufhauses dargestellt und begründet, zum anderen werden Erfahrungen aus Holland kritisch evaluiert. Uta Wehde geht von der Annahme aus, dass im psychosozialen System oder psychiatrischen Netz die Bedürfnisse der Betroffenen keinen zentralen Orientierungspunkt bilden. Die ExpertInnen verschiedener fachlicher Provenienz formulierenden Bedarf an fachlicher Hilfe, die natürlich im »wohlverstandenen Interesse« der Betroffenen sei und gerade deshalb auch gegen den Willen der Betroffenen zur Anwendung kommen kann. Das am medizinischen Modell orientierte Denken in der Psychiatrie wird dafür verantwortlich gemacht, dass die Bedürfnisse der Betroffenen im Zweifelsfall übergangen werden, weil sie ja als Ausdruck ihrer »Verrücktheit« interpretiert werden können. Das theoretische und praktische Inventar des psychosozialen Expertensystems wird jeweils mit exemplarischen Sichtweisen von Betroffenen konfrontiert. Selbst wenn deren Stimmen nicht ohne weiteres als repräsentative Äußerungen des durchschnittlichen Psychiatrie-Betroffenen gewertet werden können, zeigen sie doch eindrucksvoll, dass die professionelle Unterstellung, »zum Wohle« der Betroffenen zu handeln, ein höchst fragwürdiges Konstrukt darstellt. Als alternative Orientierung zu diesem expertInnendominierten Ansatz schlägt Uta Wehde das Konzept der »NutzerInnenkontrolle« vor: »Eine radikale Orientierung an den Bedürfnissen der Betroffenen bei einer qualitativen Umgestaltung des psychosozialen Systems ist unabdingbar. Das Problem sozialer Kontrolle im Fürsorgebereich und besonders im Bereich Psychiatrie kann nicht gelöst werden, wenn nicht Möglichkeiten für eine Kontrolle durch die NutzerInnen geschaffen werden... letztlich können nur die Betroffenen selbst, als Nutzer, entscheiden, was sie von den Angeboten der Professionellen halten und welche sie als hilfreich erleben« (S. 19). Das Weglaufhaus war für die Irrenoffensive eine exemplarische Realisierung dieser Forderung nach Betroffenenkontrolle. Der Verweis auf die Existenz solcher alternativer Institutionen in Holland war die Antwort auf den Vorwurf des Utopismus. Es ist eine wichtige Etappe in der Diskussion um Weglaufhäuser, dass Uta Wehde sich die holländische Realität selbst angeschaut hat und mit diesem Buch das Ergebnis ihrer kritischen Evaluation vorlegt. Die kritische Realitätsprüfung hat keineswegs die Forderung nach einem Weglaufhaus unterminiert, sondern sie differenziert und zur Entwicklung von institutionellen Anforderungsprofilen geführt. Die Grundpfeiler der Weglaufhäuser werden in der Trias »Existenzraum«, »Freiraum« und »Unterstützung« benannt. Für Uta Wehde zeigen die holländischen Beispiele, dass Weglaufhäuser auf der Basis rein ehrenamtlicher Tätigkeit nicht funktionieren können oder nur um den Preis, dass sich das Spektrum der Betroffenen, die unter solchen Bedingungen den Weg zu einem selbständigen Leben gehen, sehr einschränkt. Gerade für diejenigen, die sich mit massiven psychosozialen Problemen auseinanderzusetzen haben, wird das zuverlässige Unterstützungspotential zu gering: »Da viele Betroffene, die ins Weglaufhaus kommen, nicht nur ein Bedürfnis nach einem Zimmer und einer lebenspraktischen Hilfestellung durch die MitarbeiterInnen haben, sondern auch ein Bedürfnis nach emotionaler Zuwendung und nach Unterstützung bei emotionalen Problemen, ist die Gruppe von Betroffenen sehr klein, für die das Weglaufhaus ... unter den derzeitigen Bedingungen den richtigen Ort darstellt« (S. 128) Die Folge dieser unzureichenden Ressourcen ist eine hohe Fluktuation und die resignierte Rückkehr in psychiatrische Institutionen. Wenn Uta Wehde dann auch noch betont, welch große Bedeutung das soziale Netzwerk für eine positive Lebensperspektive der Betroffenen hat, dann ist auf einmal gar nicht mehr so einsichtig, warum eine so klare Grenzziehung zu sonstigen sozial-psychiatrischen Institutionen auf Reformniveau vorgenommen wird. Ein
zentrales Unterscheidungskriterium ist die Stellung zu Psychopharmaka. Für
die Autorin ist die Arbeit in einer alternativen Institution unvereinbar mit Psychopharmaka.
Ein zweiter Differenzpunkt wird von der Autorin als »kritisches Bewusstsein«
bezeichnet ein nicht gerade einfach zu konkretisierendes Kriterium. Zumindest
meint es die Erkenntnis, dass die Menschen, die vor den bestehenden psychiatrischen
Einrichtungen davonlaufen, dafür »gute Gründe« haben, und
dass sie am Aufbau und der Arbeit alternativer psychosozialer Institutionen beteiligt
sein müssen. Dass diese Forderungen politisch quer liegen, zeigt der Anhang
des Buches: Hier wird die Geschichte des Weglaufhausprojektes in Berlin ausführlich
dokumentiert. Es ist finanziell noch immer nicht gesichert. Das Buch von Uta Wehde
imponiert mir durch seine Klarheit der Sprache und der Gedankenführung. Es
liefert nützliche Informationen über Idee und Wirklichkeit der Weglaufhäuser.
Es ist pragmatisch und radikal zugleich. »Welche Ängste schürt verrücktes, unbegreifliches und unberechenbares Verhalten, dass mit einem solch massiven Aufgebot, wie es die totale Institution Psychiatrie im Pakt mit der Jurisprudenz ist, darauf reagiert werden muss?« (S. 7). Oder: »Was veranlasst Menschen, verrückt zu werden? Was veranlasst Menschen, nicht verrückt zu werden?« (S. 8) Auf diese Fragen gibt das Buch letztlich keine expliziten Antworten, gleichwohl fand ich sie legitim. Sie richten den Blick auf Dimensionen, die die fachwissenschaftlichen Diskurse meist ausklammern. Was macht die rigide und von den psychosozialen Professionen und Institutionen bewachte Grenzziehung zwischen Normalität und Wahnsinn nötig? »Dem Irrationalen wird jenseits der Freiheit ein Schattenreich zugewiesen, das abschreckend genug ist, um seiner Versuchung nicht zu verfallen, und feste Grenzen hat, die den Herrschaftsbereich der Vernunft von außen abstecken« (S. 64).Die uns alltäglich aufgenötigte Identität soll sich diesem Schattenreich fernhalten und ist gleichzeitig »sehr brüchig« und doch immer wieder gefährdet, aus dem Herrschaftsbereich dieser einengenden Vernunft herauszufallen. Der Dialog mit diesem »Anderen der Vernunft« ist nicht erwünscht, er könnte die Grundlagen unserer verinnerlichten Zivilisation gefährden. Die Sprache unseres Alltags ist allerdings so stark von der instrumentellen Vernunft bestimmt, dass mit ihr dieser Dialog gar nicht möglich wäre. Kerstin Kempker formuliert das sehr schön so: »Sie (die Sprache, H.K.) ist, mit allen Beschränkungen und Eigentümlichkeiten, die Muttersprache des Vaterlandes Vernunft, also identitätsstiftend für die, die in ihren Grenzen beheimatet sind.« (S. 65) Die Autorin folgt den Spuren Foucaults, der in seiner Geschichte der Psychiatrie so treffend aufgezeigt hat, dass gerade die Psychiatrie (und auch die Psychologie), die sich als Spezialdisziplin für das »verrückte Sein« etabliert hat, dessen Sprache nicht mehr versteht. Foucault nennt die Sprache der Psychiatrie einen »Monolog der Vernunft«, sie wird so lange nichts verstehen (übrigens das zentrale Psychosekriterium von Karl Jaspers), wie sie die Vernunft-Hermetik ihrer eigenen Sprache und Weltsicht nicht aufzubrechen vermag. Kerstin Kempker versammelt in einer Art Collage einer Fülle von Zitaten das antipsychiatrische und psychiatriekritische Erbe und konfrontiert es mit dem Selbstverständnis der Psychiatrie, in ihrer klassischen wie auch in ihrer modernisierten Variante. Ich halte es für wichtig, in dieser Form dem kollektiven Vergessen dieses wichtigen Erbes entgegenzuwirken. Aber die Collage wird erst dadurch zu einer bewegenden Konfrontation, dass Äußerungen von Antonin Artaud, Ingeborg Bachmann, Sylvia Plath, Robert Walser oder Unica Zürn einbezogen sind, also Äußerungen von SchriftstellerInnen, die über die Grenzen der instrumentellen Vernunft hinaus gelebt und geschrieben haben. In diesen Texten ist gewagt worden, »den Radius des Denk-, Sag- und Machbaren zu erweitern« (S. 113). Genau dadurch würde »der eigene Lebensraum mehr Spiel (erhalten)«, und eine Gesellschaft, die sich durch Ausgrenzung von Verrücktheit auszeichnet, »beschneidet ... ihre eigene Vitalität« (ebd.). Eine Gesellschaft, die das Verrückte nicht mehr zu verfolgen bräuchte, könnte in ihm einen »wichtigen und ergiebigen Hinweis auf bisher ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten« erkennen. Mich hat die Lektüre von Kerstin Kempkers Buch gefesselt, und ich habe es auch dann nicht enttäuscht zur Seite gelegt, als mir klar wurde, dass es die anfangs gestellten Fragen letztlich doch nicht definitiv beantworten konnte. Aber es liefert ein collageartiges assoziatives Netz von Erfahrungen, Wahrnehmungen und Einsichten, die sich bei mir zu einer Perspektive verdichtet haben: Unsere Identitätsgehäuse reduzieren humane Entfaltungspotentiale in einem hohen Maße. Offensichtlich braucht die moderne bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsform eine in diesen Identitätsgehäusen eingesperrte Normalität, und sie wird in einer Vielzahl von Institutionen und alltäglichen Relaisstationen mit großem Aufwand reproduziert. Wäre sonst verständlich, dass es sich diese Gesellschaft so viel kosten lässt, die Normabweichungen zu kontrollieren, zu modifizieren oder zu internieren? (Dies kommt in dem Buchtitel »Teure Verständnislosigkeit« zum Ausdruck.) Eine solche Perspektive müsste natürlich theoretisch befriedigend eingeholt werden. Der neue Verlag hat sich mit seinen bisherigen drei Büchern bereits als ein unverzichtbares Projekt erwiesen. In welchem etablierten Verlag hätten diese Bücher erscheinen können? Die radikale Parteilichkeit für Psychiatrie-Betroffene wirkt in einem Verlag besonders glaubwürdig, der aus einer Betroffeneninitiative entstanden ist. Richtigstellung: Die Verlagsgründung entstand nicht aus der genannten Betroffeneninitiative, sondern war ein Schritt in Richtung geistiger (und ökonomischer) Freiheit und Unabhängigkeit. (P.L.) |