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Peter Lehmann / Peter Stastny (Hg.)
Statt Psychiatrie 2


Rezensionen in englisch, italienisch, holländisch, lettisch

Rezensionen

Heiner Dehner in Infoblatt Psychiatrie

Irrturm

Lucinda Bee in FAPI-Nachrichten

Gaby Rudolf in Pro mente sana aktuell

Wolfgang Ruske auf www.mitwelt-online.de

Dr. Martin Wollschläger in Sozialpsychiatrische Informationen und in Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis

Raimund Ertel in Kuckucksnest

Hilde Schädle-Deininger in Psych. Pflege Heute

Regina Sattelmayer in Soziale Psychiatrie

Michael Horn in INFO SOZIAL

Klaus Dienert im Mitgliederrundbrief des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener

Verena Liebers im Eppendorfer

Jutta Crämer im Informationsblatt (Info) des Landesverbandes Berlin der Angehörigen psychisch Kranker

Fredi Lerch in der WOZ – Die Wochenzeitung

Beda Hanimann im St. Galler Tagblatt


Statt Psychiatrie 2 – eine Zusammenstellung vieler Alternativen zur Psychiatrie. Heiner Dehner in Infoblatt Psychiatrie (Nürnberg), Heft 76 (April 2009), S.16

In diesem Buch aus dem Antipsychiatrieverlag wird eindrucksvoll vorgeführt, dass es möglich ist, verrückte Zustände anders zu durchleben, als offizielle Rollenbilder von ›psychisch kranken Menschen‹ dies zulassen. In detaillierten Artikeln wird ein Überblick über alternative Konzepte des Verständnisses solcher Zustände vorgestellt. Neben Psychiatriebetroffenen kommen auch Vertreter der humanistischen Antipsychiatrie zu Wort wie Volkmar Aderhold oder Marc Rufer.

Die hier versammelten Beiträge stellen sich in ihrer Vielfältigkeit einem biologistischen Mainstream entgegen, zu dessen Idealen es immer noch gehört, über Menschen, ihre Verhaltensweisen und Gefühle so urteilen zu können wie über Gegenstände der unbelebten Materie. Gerade ein Beitrag von Dorothea Buck will den Horizont für ein wirklich verstehendes und hilfreiches Zusammensein mit Menschen eröffnen, die in psychische Ausnahmezustände geraten. Hierzu ist besonders das Kapitel »Was hilft mir, wenn ich verrückt werde?« zu nennen, in dem sich zahlreiche Beiträge finden.

Neben Selbstzeugnissen, professionellen Beiträgen mit theoretisch-konzeptionellem Hintergrund werden viele Institutionen beschrieben (Soteria, Weglaufhaus, Krisenpension u. a.), die sich an den Werten von Selbstbestimmung und Menschenrechten orientieren. Die guten Erfahrungen, welche in diesen Einrichtungen gemacht werden, sprechen für sich.

Sehr informativ und lesenswert sind auch die Beiträge über natürliche Heilmethoden und den Stellenwert von Vorausverfügungen. Daneben stehen Essays, auch von psychiatriekritischen Angehörigenverbänden, die die Tragweite von Begriffen wie ›Empowerment‹ oder ›Recovery‹ ausloten. Hinweise gibt es auch auf betroffenenkontrollierte Forschung, Selbsthilfe im Zeichen von Internet oder die Schulung von Betroffenen zur Interessenvertretung in psychosozialen Gremien.

Statt Psychiatrie 2 ist sorgfältig und übersichtlich gemacht und sollte trotz (oder gerade aufgrund) seiner Fülle die nötige Aufmerksamkeit finden.


Irrturm, Heft 20 (2008/09), S. 75-76


Lucinda Bee (Berlin) in FAPI-Nachrichten, 15. Dezember 2008

Alternativen zur Psychiatrie in aller Welt ' ein mitreißender Überblick. Der Irrglaube, verrückte Zustände ließen sich nicht anders als in psychiatrischen Einrichtungen durchleben, wird hier eindrucksvoll wiederlegt. Die engen Grenzen, die offizielle Rollenbilder vom "psychisch Kranken", Hilfs- und Lebenskonzepten ziehen, erweisen sich im Lichte dieses Buches als bloße Produkte menschenfeindlicher Borniertheit. Der in seiner Vielschichtigkeit spannend zu lesende Band gibt in vielen Artikeln einen detaillierten Überblick über einen alternativen Umgang mit verrückten Zuständen aller Art. In diesem äußerst vielstimmigen Projekt kommen Psychiatriebetroffene genauso zu Wort wie professionelle Vertreter der Nichtpsychiatrie, der humanistischen Antipsychiatrie und der durch systemsprengende Inhalte geprägten Reformpsychiatrie, darunter Psychologen und Psychiater und sogar Angehörigengruppen. Die Autoren sprechen mit eigener Stimme über Konzepte und Erfahrungen alternativer Hilfemöglichkeiten. Was die wirklich internationale Autorenschaft dieses Bandes eint, ist ein Menschenbild, das sich auf das Selbstbestimmungsrecht und die Menschenrechte beruft und an den Selbstheilungskräften der Menschen orientiert. Damit durchbrechen sie den Automatismus von Zwang und apathisierender Pharmako-"Therapie". Nicht zuletzt stellen sie sich so gegen den "Mainstream" einer falsch verstandenen, scheinobjektiven Wissenschaftlichkeit, deren Theoreme umso höhere Geltung beanspruchen, desto gründlicher sie jeder menschlichen Erfahrung beraubt wurden. Der vorliegende Band dagegen öffnet den Horizont für einen wirklich menschlichen Umgang mit Menschen, die in psychische Ausnahmezustände geraten. Das Spektrum der angesprochenen Gebiete ist beeindruckend. Da sind zum einen die Beiträge zu wohldurchdachten Hilfekonzepten, denen Zwangsbehandlung und "Pharmakotherapie" nicht als Teil der Lösung, sondern als zusätzliches Problem gelten. Noch wichtiger dürften aber die Berichte von Hilfeeinrichtungen wie z.B. der Soteria, Windhorse, Weglaufhaus oder der Krisenherberge in Ithaca sein, die es geschafft haben, sich als Institutionen zu etablieren, die eine humanere Realität zu verwirklichen suchen. Die guten Erfahrungen, welche in diesen Einrichtungen gemacht werden, obwohl sie sich selbst als politisch umstrittene Pilotprojekt mühsam behaupten mussten, straft die Rede von der Alternativlosigkeit des etablierten Systems aus Zwang und Nötigung Lügen. Damit ist das Spektrum dieses internationalen Überblicks jedoch längst nicht abgesteckt. In dem sorgfältig gegliederten Band finden sich darüber hinaus auch Beiträge, die sich etwa mit natürlichen Heilmethoden oder dem Stellenwert von Vorausverfügungen zum Schutz vor Zwangsbehandlung beschäftigen. Daneben stehen Essays, welche die Tragweite von Begriffen wie Empowerment oder Recovery ausloten oder die Möglichkeiten betroffenenkontrollierter Forschung untersuchen. Die Vielzahl der hier zu Wort kommenden Autoren und Positionen prädestiniert dieses Buch für die immer griffbereite Handbibliothek. Und wer den spannenden Band gleich in einem Rutsch verschlingt, kann später rasch darauf zurückgreifen, wenn es um die stets aktuellen Themen geht: Was kann ich tun, wenn ich verrückt werde? Wo finde ich vertrauenswürdige Hilfe für eine Angehörige oder Freundin in Not? Wie schütze ich mich vor Zwangsbehandlung? Was soll ich tun, wenn ich es nicht mehr ertrage, in der Psychiatrie weiterzuarbeiten? Welche Alternativen zur Psychiatrie gibt es, wie kann ich mich an deren Aufbau beteiligen?


Gaby Rudolf in Pro mente sana aktuell (Zürich), Nr. 4/2008, S. 34

Kennen Sie ein Buch, in welchem Artikel einer Putzfrau und Fabrikarbeiterin, einer Theologin, eines Fahrradmechanikers und eines Psychotherapeuten gleichberechtigt und sich ergänzend nebeneinander stehen? Das neue Buch von Peter Lehmann schafft diesen Spagat über alle sozialen Schichten und rund um die Welt. Was die AutorInnen verbindet ist ihr Interesse an, ihre Arbeit in und ihre Erfahrung mit alternativen Behandlungsformen für psychisch kranke Menschen. Es ist eine Hommage an die Grande Dame der Selbsthilfebewegung in Deutschland, wenn Dorothea Buck den Reigen der GastautorInnen eröffnet mit ihrem Bericht über ihre siebzigjährige Erfahrung mit Psychiatrie. Ihre klare Sicht lehrt uns, dass nicht Medikamente oder eine Zwangsbehandlung Heilung bringen, sondern die persönliche Auseinandersetzung mit der Erkrankung und das tiefe Suchen nach dem eigenen Weg vonnöten sind, will ein Mensch mit psychischen Krisen oder psychischer Erkrankung zurecht kommen.

Professionell im Sozialbereich Tätige, Betroffene – die eigentlichen Fachleute – und Angehörige stellen grössere und kleinere Projekte vor. Diese reichen von institutionalisierten Angeboten wie Soteria, Weglaufhaus Berlin oder Windhorse bis zum persönlichen Engagement, das Menschen aufbringen, weil ihnen ein psychisch erkrankter Freund nicht egal ist und sie mit und um ihn eine ideale Betreuung aufbauen. Neben diesen konkreten Alternativen beschäftigen sich AutorInnen mit AdressatInnen alternativer Angebote: Psychiatriebetroffene Familien; Menschen aus nicht-westlichen Kulturen; Kinder und Teenager; Demenzkranke sowie homosexuelle Männer.

Das Buch bietet einen umfangreichen Überblick über alternative Behandlungsangebote und kann deshalb auch als Nachschlagewerk verwendet werden.


Wolfgang Ruske auf www.mitwelt-online.de/custom/psycho.html

Was kann ich tun, wenn ich verrückt werde? Die Frage ist lebenswichtig für Betroffene und deren Angehörige. Und so geht es im ersten Teil dieses praxisnahen Handbuchs um Selbsthilfe und Selbstbehauptung Betroffener. Sie schreiben hier ihre Erfahrungen nieder, und das macht die Authentizität dieses Werks vor allem aus. Aber es werden auch alternative Modelle professioneller Unterstützung vorgestellt, funktionierende Projekte aus aller Welt, die Mut machen und auch einen Weg aus der Psychopharmakafalle aufzeigen. Insofern ist es ein Wegweiser zu einem Paradigmenwechsel in der Psychiatrie. Ein unentbehrliches Handbuch für Psychiatrie-Betroffene, aber auch für Angehörige, TherapeutInnen, JuristInnen und alle Heilberufe.


Dr. Martin Wollschläger, Gütersloh, in Sozialpsychiatrische Informationen
, 38. Jg. (2008), Nr. 3, S. 46-47, und in Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis, 40. Jg. (2008), Nr. 2, S. 520-522

Seit vielen Jahren vergriffen, nun ist er wieder da, endlich! Der Klassiker über das Begleiten, Helfen und Heil werden außerhalb und jenseits psychiatrischer Einrichtungen.

In nahezu ausschließlich völlig neuen Originalbeiträgen beschreiben 61 internationale und deutsche Autoren eine beeindruckend vielgestaltige Landschaft von Ideen und Handlungskonzepten, wobei allein schon diese bedeutende Autorenanzahl für Pluralität und Multikulturalität bürgt.

Im Zeitalter von Sponsoring und Drittmittelfinanzierung weist Peter Lehmann in seiner Einführung nicht ohne Stolz darauf hin, dass das vorliegende Buch völlig ohne Inanspruchnahme solcher Finanzquellen zustande gekommen ist: "Neben Gesundheit ist nichts wertvoller als Freiheit und Unabhängigkeit." (S. 13)

Dem kann gar nicht deutlich genug beigepflichtet werden, betrachtet man allein das Gebaren der Pharmaindustrie: Am Reißbrett werden dort regelmäßig neue Krankheitsbilder inklusive dazu passender Medikamente entworfen. Ihre sog. wissenschaftlichen Studien sind alles andere als ergebnisoffen, und die Pharmalobby lässt nichts unversucht, um sich Politik Krankenhausträger und Chefärzte ihren Wünschen und Marktstrategien gefügig zu machen: Bisher keine Positivliste und keine unabhängige Pharmaforschung, obwohl die Forderung nach beidem immer lauter wird. Marc Rufer greift im Buch dieses Thema am Beispiel der Psychopharmaka im Detail auf, referiert die Zweifel selbst gestandener Psychiater und fasst zusammen: "Die möglichen schädlichen, zum Teil sogar tödlichen Wirkungen der verschiedenen Psychopharmaka dagegen sind gesichert und allgemein bekannt. Das bedeutet gleichzeitig, dass Psychopharmaka keine spezifische Wirkung haben. Sie können bestenfalls Symptome unterdrücken oder wegdämpfen, sind jedoch in keiner Weise in der Lage, die Ursache der Störung auszuschalten, wie das beispielsweise Antibiotika bei bakteriellen Infekten im günstigen Fall zu tun vermögen." (S. 413) Demnach ist es mehr als überfällig, die Indikationsstellung für Psychopharmaka völlig neu zu überdenken und ihren Einsatz drastisch zu reduzieren.

Denn es gibt eine große Auswahl von Alternativen: Die gute alte Psychotherapie in ihren verschiedensten "Darreichungsformen" und unterschiedlichen perspektivischen Ansätzen, hierzu lesenswert vor allem der Beitrag von Theodor Itten. Wobei sich nun auch zunehmend Psychotherapeuten der Umarmungsversuche der Pharmastrategen zu erwehren haben: Bei einer ständig anwachsenden Anzahl psychischen Störungen wird die angeblich bewährte indikative und therapeutische Doppelstrategie, Psychotherapie plus Medikamente, empfohlen und als "Goldstandard" beworben unter dem Motto: Jetzt kommt endlich zusammen, was zusammen gehört! Ethisch korrekt ist selbstverständlich nur, wenn zunächst einmal Psycho- und andere nichtmedikamentöse Therapieangebote zum Einsatz kommen gemäß der alten ärztlichen Selbstverpflichtung: "Primum nil nocere – Zuerst einmal nicht schaden."

Zu Recht wurde insbesondere den verschiedensten Varianten alternativer Unterstützungsmöglichkeiten wie Soterias, Windhorse, Weglaufhäusern u. a. viel Platz eingeräumt, denn es geht denen um Ruhe, Freiheit, Selbstbestimmung und Geborgenheit, die im Zentrum ihrer Hilfebemühungen stehen. Und obwohl längst in die Jahre gekommen – die Gründung der ersten Soteria erfolgte 1971 –, können sie noch immer für sich in Anspruch nehmen, auch heute noch die einzig wirklich modernen, humanen und Richtung weisenden "Behandlungsverfahren" zu sein.

Darüber hinaus wird im Buch dem Empowerment- und Recoveryansatz breiter Raum gegeben.

Zu Recht! Denn sich als professioneller Therapeut so schnell wie möglich überflüssig zu machen, sollte mehr denn je als ein Behandlungsziel erster Ordnung gelten. Hilfe zur möglichst raschen Selbsthilfe, allein und in Netzwerken mit anderen, steht im Zentrum von Empowerment, Recovery und Psychoedukation, wobei die Autoren auch deutlich auf die Gefahren vom Missbrauch dieser emanzipatorischen Ansätze hinweisen. Selbstverständlich handelt missbräuchlich, wer Psychoedukation vor allem zur Herstellung und Festigung von Therapie, und da vor allem von Medikamentencompliance umbiegt! Sehr informativ und nützlich sind auch die Ausführungen über die Umsetzungsmöglichkeiten und den politischen Kampf um die Alternativen: "Organize and legalize it!"

Psychiatrienutzer, Profis, Helfer und Interessierte kommen zu Wort. Die im Buch dokumentierte Ideenvielfalt ist beeindruckend und ihre umsetzenden Handlungsstrategien zeitigen bereits Erfolge. Allerdings ist noch ein weiter Weg zurückzulegen, bis gesamtgesellschaftlich die durch ihre Verkürzungen notwendig inhumane biologistisch dominierte Mainstream-Psychiatrie überflüssig gemacht werden kann. Unser bio-psycho-soziales Sein, und somit entsprechend auch die Möglichkeit, unseres in diesem Systemzusammenhang Krank-Werden-Könnens, weist weit hinaus ins Komplexe und allemal hinaus über naive Wenn-dann-Relationen.

Luc Ciompi, der weise Vater der Soteria Bern und große Affektforscher, hat schon früh die Vereinnahmung des Bio-Psycho-Sozialen-Konstrukts durch Mainstream-Psychiatrie und Pharmaindustrie vorausgesehen und daher vorgeschlagen, besser von einer psycho-sozio-biologischen Verstehensweise psychischen Geschehens zu sprechen.

Das Buch empfehle ich allen, Gegnern wie Befürwortern von außerpsychiatrischen Hilfs- und Unterstützungskonzepten. Die Befürworter werden dankbar sein für den im Buch gebotenen einzigartigen Überblick und sich darüber hinaus durch die funktionierende internationale Praxis im eigenen Denken, Planen und Handeln ermutigt und bestätigt fühlen. Die Gegner werden sich während der Lektüre des Staunens nur schwer erwehren können, wobei der eine oder andere unter ihnen in produktives Grübeln geraten und dann, vielleicht, das ein oder andere in seiner Arbeit übernehmen wird.

Selbstverständlich gehört das Buch in jede Fachbibliothek und als immer präsentes Handbuch auf den Schreibtisch eines jeden Praktikers.


Ein Buch, das nicht nur Betroffenen Mut machen soll. Raimund Ertel in: Kuckucksnest – Zeitschrift von Menschen mit Krisenerfahrung
(Österreich), 20. Jg. (2008), Nr. 2, S. 19

Zuerst wusste ich mit diesem Werk nicht allzu viel anzufangen. Es schien mir eine wahllos aneinander gereihte Berichterstattung von Psychiatriebetroffenen zu sein. Doch beim zweiten Lesen erkannte ich den tieferen Sinn dieser Lebensschicksale, die in freimütiger Offenheit ihre Erfahrungen mit der Psychiatrie schildern. Und damit Betroffenen wie auch Angehörigen Mut machen, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen und gleichwertige Partner von Fachärzten und Therapeuten zu werden. An die zwanzig Personen kommen zu Wort und geben teils bedrückende aber auch befreiende Sichtweisen bekannt. Auch Profis, Ärzte und Therapeuten schildern alternative Heilmethoden und runden die Berichterstattung in dieser Weise positiv ab.

Das Buch liefert Antworten auf folgende Kernfragen:

  • Was kann ich tun, wenn ich verrückt werde?
  • Wo finde ich vertrauenswürdige Hilfe für Freunde oder Angehörige in Not?
  • Wie schütze ich mich vor Zwangsbehandlung?
  • Wie kann ich als Familienangehöriger oder Freund aktiv werden?
  • Was soll ich tun, wenn ich es nicht mehr ertrage, in der Psychiatrie weiterzuarbeiten?
  • Welche Alternativen gibt es, wie kann ich mich an deren Aufbau beteiligen?
  • Angenommen, die Psychiatrie soll abgeschafft werden: Was schlagt ihr vor? Statt Psychiatrie?

Damit rundet es nicht nur eine Aneinanderreihung von Lebensgeschichten ab, sondern zeigt auch lebbare Alternativen auf und hilft so, das eigene Schicksal besser zu bewältigen. Ein hilfreiches Werk, das seinen Platz unter den Fachbüchern und Ratgebern finden wird. Ausführliche Quellenangaben erleichtern eine vertiefende Behandlung mit dem Thema – ein gelungenes Werk!


Hilde Schädle-Deininger, Offenbach, in Psych. Pflege Heute
, 14. Jg. (2008), Heft 1, S. 54

Die Fragen, die in der Einführung des Buches gestellt werden, führen zugleich in die Thematik ein. "Was kann ich tun, wenn ich verrückt werde? Wo finde ich vertrauenswürdige Hilfe für einen Angehörigen oder eine Freundin in Not? Wie schütze ich mich vor Zwangsbehandlung? Wo kann ich mich mit Gleichgesinnten über die eigene Psychiatrie- und Lebensgeschichte austauschen? Wie kann ich als Familienangehörige oder Freund aktiv werden? Was soll ich tun, wenn ich es nicht mehr ertrage, in der Psychiatrie weiterzuarbeiten? Welche Alternativen zur Psychiatrie gibt es? Wie kann ich mich an deren Aufbau beteiligen?"

61 Autoren (Psychiatrie-Erfahrene, Mediziner, Therapeuten, Juristen, Sozialwissenschaftler, Psychiater und Angehörige aus allen Kontinenten) gehen in diesem Buch der Frage nach: Angenommen, die Psychiatrie wird abgeschafft werden, was schlagt ihr vor ... statt Psychiatrie?

Die Beiträge zeigen sehr unterschiedliche Perspektiven, alle betrachten jedoch die derzeitige psychiatrische Praxis kritisch und zeigen Alternativen auf, denen im Alltag der psychosozialen Versorgung wenig Beachtung geschenkt wird. Es würde den Rahmen einer kurzen Besprechung sprengen bei diesen zum Teil sehr namhaften Autoren und Autorinnen, auf einzelne Aspekte einzugehen.

Die beiden Herausgeber führen am Ende in einem Kapitel "Reformen oder Alternativen? – Eine bessere Psychiatrie oder bessere Alternative" einige Gesichtspunkte zur Entwicklung hinsichtlich der Pharmakotherapie aus internationaler Sicht und Forschung aus und regen an, sich doch einmal eine Welt vorzustellen, in der es die derzeit gängigen Methoden der Psychiatrie nicht mehr gibt. Eine Welt, in der ein Mensch, auch wenn er sich in schwieriger Lage befindet, nicht davor fürchten muss, Hilfe zu suchen und in Anspruch zu nehmen. Eine Welt, in der keine Gefahr besteht, dass man sich in Behandlung begibt und unverhofft eingesperrt, fixiert und zwangsinjiziert wird und erst nach unbestimmter Zeit sein Schicksal wieder in die eigenen Hände nehmen kann. Sie fordern, dass die nichtmedizinischen Alternativen, die es gibt, zur Anwendung kommen. Ihre Hoffnung, dass das psychosoziale System sich aus sich selbst heraus ändert, tendiert gegen Null! Sie betonen, dass eine psychiatrische Reform in Richtung auf angemessene, wirksame und risikoarme Behandlungsmethoden und die rechtliche Gleichstellung mit somatischen Kranken nicht stattfindet. "Das psychosoziale System unterstützt in substantieller Weise weder die Organisierung der Betroffenen und die Zusammenarbeit mit anderen Menschenrechts- und Selbsthilfegruppen, noch fordert es institutionsunabhängige Formen des Lebens mit Verrücktheit und Andersartigkeit. Dass das psychosoziale System Vielfalt auf allen Ebenen des Lebens respektiert oder gar wertschätzt, kann man nicht gerade behaupten. Am Paradigmenwechsel, den Menschenrechten, Wahlmöglichkeiten und nichtmedizinischen Alternativen scheiden sich die Geister. Die Psychiatrie zeigt der Betroffenenbewegung, ihren Unterstützern und nahe stehenden Reformprojekten mit all ihren wichtigen Erkenntnissen noch immer den kalten Rücken; ohne politischen Druck kommt es höchstens hier und da zu Formen fürsorglicher Vereinnahmung."

Wie das Vorgängerbuch geht auch diese Ausgabe ins Gericht mit der gängigen Psychiatriepraxis. Mir hat das Buch wieder sehr viele Anregungen gegeben, über den Alltag in der psychosozialen Versorgung nachzudenken, zumal viele in dem Buch enthaltene Aussagen belegt werden. Ich wünsche, dass sich viele professionelle Helfer, gleich welcher Berufsgruppe sie angehören, von diesem Buch inspirieren lassen, um psychisch erkrankten Menschen bessere und ihnen entsprechendere Hilfen anbieten zu können.


Regina Sattelmayer, B
erlin: Schöne Antipsychiatrie, in Soziale Psychiatrie, 32. Jg. (2008), Nr. 2, S. 63

Statt Psychiatrie – zwei Wörter und wieder ein genialer Titel für den neu erschienenen zweiten Band aus einem Verlag, der sich hartnäckig weiterhin gegen den Zeitgeist antipsychiatrisch nennt und dem es ganz unüblich gelingt, gegen eine "bessere" und "humanere" Psychiatrie gute Alternativen zu stellen. Das ist erfreulich, denn an psychiatrietypischer Hoffnung scheint kein Buchmangel zu sein, angefangen bei den neu entdeckten Gesundungsmodellen und endend bei den trialogisch Überzeugten.

"Statt Psychiatrie" heißt: 445 Seiten ohne das System der Psychiatrie auszukommen. Das ist genau das, was uns der Antipsychiatrieverlag von Peter Lehmann seit Jahren bietet, eben nicht nur die Reformen zur Psychiatrie, sondern eben auch die Psychiatrie einfach mal wegzudenken und auf Alternativen zu stoßen. Auf dieser Tabula rasa gibt es erst mal keinen ultimativen Gegenentwurf. Es gibt sie nicht, die Alternative, auch nicht in diesem Buch, aber es gibt Menschen und deren Gesichter, die im Übrigen auf dem Cover zu sehen sind, darunter Kate Millett, Peter Lehmann, Hannelore Klafki, Volkmar Aderhold, Maths Jesperson, Ludger Bruckmann, Salma Yasmeen und viele andere, die uns ihre Geschichte erzählen.

Das Buch ist ein Kompendium von Alternativen zur Psychiatrie und schlägt einen Bogen von individuellen Strategien, wie der "Lauf aus der Krise", bis hin zu internationalen Vernetzungen. Immer geht es um Bewegung, die ersten Schritte zur Selbsthilfe. Dabei kann man Joggen als individuelle Krisenbewältigungsstrategie erst mal belächeln – es ist dennoch ernst gemeint, weil es Disziplin erfordert und einer allgemeinen Schonhaltung entgegenwirkt und letztendlich, wie jede andere Strategie, darauf abzielt, "sich auf Aktivität einzulassen! Also selbst aktiv etwas für seine Genesung zu tun." Es ist dabei in der Tat egal, welcher Aktivität man sich hingibt. Das kann auch die Vorausverfügung sein, bei der man "der durch psychiatrische Gewalt verursachten Ohnmacht und Teilnahmslosigkeit" etwas entgegensetzt, und zwar "die Verantwortung für die eigene Lebensgestaltung". Und nicht zu vergessen: "Das Konzept der Vorausverfügung macht Betroffene zu Experten in eigener Sache."

Hinter etwas sperrigen Überschriften wie "Allgemeine und spezielle AdressatInnen der Alternativen" verbergen sich dann so spannende Themen wie das dezentrierte Selbstbild von nichtwestlichen Kulturen und "Warum versagte die Psychiatrie bei Schwarzen und ethnischen Minderheiten?" bzw. versagen musste. Und es findet sich auch ein vielleicht wegweisender Artikel des Gerontologen Erich Schützendorf, der in "Wenn die Wurst zum Brillentuch wird" über die Begleitung von Menschen mit Demenz dafür plädiert, dass pathologisch diagnostizierte Veränderungen als Ausdruck individuellen Handelns begriffen werden. Und er wirft dabei die Frage auf, ob Demenz bedeuten kann, sich, eben auf eine besondere Art und Weise, neu und anders mit der Welt in Beziehung zu setzen – sowohl für den Betroffenen als auch den Begleiter. Was, wenn der Begleiter einfach gewähren ließe, dass die Brille in die Zeitung gewickelt wird – als Ersatz für das Etui –, und erst wieder eingreift, wenn der Mensch die Brille sucht und nicht findet?

Diese über das Unkonventionelle hinausgehenden Annäherungsversuche an Verrücktheit und Anderssein, was bislang oftmals nur biomedizinisch be"handelt" wurde, und die vielen Verweise auf Internetseiten machen das Buch zu einer Fundgrube für die interessierten Leser.

Neben dem bereits etablierten Netzwerk für Stimmenhörer gibt es auch verschiedene Selbsthilfegruppen von Menschen mit "außergewöhnlichen Überzeugungen": "You Better Believe It!" Es soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass sich darunter auch ein Zusammenschluss von Menschen findet mit der Herausforderung an sich, "wie lebt man mit Selbstmordgedanken".

Überwiegend sind die Texte aus dem Englischen übersetzt und erzählen von einer globalisierten und organisierten Selbsthilfe durch fast alle Kontinente. Internationale Vernetzungen sind nachzulesen unter www.mindfreedom.org und www.evolving-minds.co.uk. Witzige Protestaktionen wie die "Great Escape Bed Push", bei der ein Bett über 100 Kilometer von einer psychiatrischen Klinik an einen Ort geschoben wird, an dem anschließend gefeiert wird, finden sich ebenso wie Strategien zur Durchsetzung von Alternativen via Internet. Auf der Seite www.bedpush.com erfährt man, dass in England, den USA und Kanada bereits jährlich am 14. Juli der "World Mad Pride Day" als karnevalistisches Event stattfindet. Betroffenenkontrollierte Forschung in Großbritannien, das TREE-Projekt aus den Niederlanden, bei dem Erfahrungswissen von Menschen mit Psychiatrieerfahrung gesammelt und ausgewertet wird (Ergebnisse erscheinen 2008!), sowie die Überlegung, das Potenzial des Behandlungsmodells Soteria von Loren Mosher neu auszuschöpfen und mit neueren Ansätzen, wie der bedürfnisangepassten Behandlung, zu verknüpfen, sind weitere lesenswerte Themenkomplexe diese Buches.

Zusatz: Das Buch ist auch in englischer Sprache unter "Alternatives Beyond Psychiatry" erhältlich.


Jutta Crämer im Informationsblatt (Info) des Landesverbandes Berlin der Angehörigen psychisch Kranker, Heft 3/2007, S. 10

Der Versuch, ein Buch zu beschreiben. Interessiert hat mich das Thema: Statt Psychiatrie... wer wünscht sich das nicht... in Zeiten in denen die psychischen Erkrankungen zur Volkskrankheit ansteigen und die Psychiatrie weit davon entfernt ist eine befriedigende Behandlung und eine Integration in das soziale Leben anzubieten. Aber, welche Alternativen gibt es? Peter Lehmann fasst es in einem Satz zusammen: "Was hilft mir, wenn ich verrückt werde?"

In diesem Buch zeigen Peter Lehmann und Peter Stastny einen bunten "Blumenstrauß" von Alternativen / Möglichkeiten / Projekten auf. Es kommen 61 Autoren, betroffene Menschen und professionelle Mitarbeiter aus der deutschen Psychiatrie und aus etlichen anderen Ländern zu Wort. Uns bekannte Namen wie Dorothea S. Buck, Hannelore Klafki, Volkmar Aderhold, Peter Lehmann und viele andere... sind dabei. Soteria-Projekte, das Berliner Weglaufhaus werden vorgestellt. Natürlich kommt auch die organisierte Selbsthilfe zu Wort. Selbsthilfe in Form von Empowerment – Selbstbefähigung stärken – selbst Verantwortung übernehmen usw. Erfahrungen mit Neuroleptica und den Folgen der Nebenwirkungen, bis zur von Betroffenen kontrollierten Forschung. Der Wert einer Patientenverfügung, eines Behandlungsplans wird auch angesprochen.

Psychiatrische Behandlungswege aus der ganzen Welt werden kurz vorgestellt. Besonders bin ich als Angehörige an den Darstellungen von Prof. Seikkula und B. Alakare aus Finnland hängen geblieben. Hier wird von Beginn einer psychischen Erkrankung an, die Familie mit einbezogen – Familienbehandlung – die Bedürfnis angepasste Behandlung – es gibt hierzu die offenen Dialoge. In die Behandlung einbezogen werden aber auch z. B. wenn es um Arbeit geht, Vertreter der Arbeitsämter, die Nachbarn oder die Freunde... Psychodynamische Psychotherapie für psychisch kranke Patienten gibt es dort schon seit den 60er Jahren, eingeführt von Prof. Y. Alanen. Hier schauen wir neidisch nach Finnland.

Wo stehen wir in Deutschland? Ein aufregendes Buch, in dem uns die Betroffenen ihre Schicksale und ihre Leiden vorstellen, aber auch Wege, die sie gefunden haben, um wieder besser leben zu können. Lesenswert, was die professionellen Mitarbeiter von ihrer Arbeit berichten. Kein Buch, was man schnell durchlesen kann. Aus meiner Sicht sollte es im Bücherschrank der Angehörigen psychisch Kranker nicht fehlen. Hören wir auf die Experten in eigener Sache.


"Don Quijote der Psychiatrie". Fredi Lerch in der WOZ – Die Wochenzeitung (Schweiz)
vom 8. November 2007


"Wir müssen die Machtfrage stellen". Beda Hanimann im St. Galler Tagblatt
vom 27. Oktober 2007

Die Psychiatrie in ihrer heutigen Form bringt nicht das Erhoffte: Das ist der Befund des St. Galler Psychologen und Psychotherapeuten Theodor Itten. Das Buch «Statt Psychiatrie 2», dessen Co-Autor Itten ist, versammelt Erfahrungen von Fachleuten und Betroffenen.

Es war ein starkes, eindrückliches Beispiel für das feinfühlige italienische Filmschaffen zu Anfang der 90er-Jahre: «Senza pelle» hiess der Film, «ohne Haut», und er erzählte von Saverio, einem jungen Mann, der sich in eine verheiratete, ihm nicht weiter bekannte Frau verliebt, sie anruft, ihr schreibt, Blumen schickt, auflauert. Das Verhalten des Psychopathen zu billigen, widerstrebt jedem Zuschauer; doch es ist die Frau im Film, die nicht nur verurteilt, sondern zu verstehen versucht. Als lebe dieser Saverio ohne Haut, lautet eine Erklärung, ohne schützende Abgrenzung zwischen sich und der Gesellschaft.

Der Film kam mir in den Sinn nach einem Gespräch mit dem Psychologen und Psychotherapeuten SPV Theodor Itten, der in St. Gallen eine psychotherapeutische Praxis betreibt. Eine Psychose, sagte Itten, sei für ihn, wie wenn einer träume, aber nicht geschützt sei durch den Mantel der Nacht. «Es gibt keinen Übergang, keine Abgrenzung. Solche Menschen brauchen einen Schutzort.» Die heutige Psychiatrie aber, die naturgemäss dafür da wäre, könne diesen Anspruch nicht mehr erfüllen, kritisiert Itten. Deshalb sucht er nach Alternativen; er hat auf seiner Homepage «Beweggründe für antipsychiatrisches Handeln» formuliert und ist Co-Autor des eben erschienen Buches «Statt Psychiatrie 2».

Enttäuschte Hoffnungen. «Antipsychiatrie», «Statt Psychiatrie»: Das klingt nach radikaler Kampfansage. Itten argumentiert engagiert, aber wie ein knallharter Kämpfer wirkt er ganz und gar nicht. Der Begriff «Antipsychiatrie» sei damals auch ein Wortspiel gewesen, in einer Zeit, als «anti» in war durch den Vietnamkrieg, durch Antibabypille und antiautoritäre Erziehung. Heute, so Itten, sei der Begriff «Statt Psychiatrie» geläufig. Der evoziert weniger den frontalen Angriff, sondern eher die Suche nach Alternativen. Denn der Befund ist für Itten der gleiche geblieben: Die Psychiatrie in ihrer heutigen Form bringt nicht das Erhoffte, sie bekämpft Symptome und enttäuscht Hoffnungen – weil nach dem Absetzen der Medikamente alles noch schlimmer sei.

Die Schweiz, führt Itten aus, habe lange Zeit eine gute Tradition des Umgangs mit psychisch Kranken gehabt. Der frühere Burghölzli-Direktor Manfred Bleuler sei liebevoll und respektierend gewesen im Vergleich zu heute, der sei noch jeden Abend durch die Klinik gegangen, «wie ein grosser Bruder» der Patienten. «Da wurde die therapeutische Gemeinschaftsidee noch gepflegt. Viele Pfleger, also Involvierte auf unteren Stufen, versuchen das heute noch, aber sie kommen zunehmend unter Druck», sagt Itten. Denn die gute Tradition der eigentlichen Psychiatrie, auch dem kranken Menschen als Mensch zu begegnen, sei auch in der Schweiz ab Mitte der 90er- Jahre ausgestorben.

«In den Rädern der Psychiatrie». Zur öffentlichen Psychiatrie von heute, die in erster Linie den Pharmakonzernen Milliardengewinne bringe, sucht die Bewegung «Statt Psychiatrie» Alternativen. Man müsse die Machtfrage stellen: «Wer hat die Macht, wer entscheidet, was wie behandelt und in wessen Namen unternommen wird?». Für Itten ist klar, dass psychisch Kranke ernster genommen und stärker einbezogen werden müssen, wenn es um die Frage nach Behandlungsarten gehe. «Man muss Abschied nehmen von der Vorstellung, dass wir Fachleute wissen, was gut ist für den Patienten. Ich weiss höchstens, was für mich gut wäre.»

Als Illustration dafür, wie Betroffene übergangen werden, schildert Itten die nicht einmalige Situation, wie sich mehrere Ärzte über das Bett eines Patienten hinweg streiten, von welchem Medikament mehr oder weniger zu verschreiben sei. Aus solchen Beispielen leitet sich die Formulierung der «Statt-Psychiatrie»-Bewegung ab, Betroffenen zu helfen, «ohne dass sie in die Räder der Psychiatrie geraten». Auch für Itten ist die heutige Psychiatrie eine Maschinerie, die zu viel macht – aber nicht patientengerecht. «Psychisch Kranke brauchen vor allem einen Ort, wo sie zur Ruhe kommen können, wo sie geschützt sind, wo man sie ernst nimmt und fragt, was sie brauchen.»

«Keine kaputten Gehirne». Als Alternativen hat die «Statt-Psychiatrie»-Bewegung Einrichtungen wie die Soteria, das Weglaufhaus oder das Windhorse-Projekt entwickelt. Ihnen gemeinsam ist die weitestgehend medikamentenfreie Behandlung von psychisch Kranken, eine umfassende Betreuung unter Einbezug des sozialen Umfeldes der Patienten. Das setzt das Umdenken voraus, dass man es hier nicht mit «Menschen mit kaputten Gehirnen» zu tun hat, sondern mit Leidenden.

Wie wichtig das Umfeld ist, wie untauglich die Ausrichtung auf den einen Aspekt einer Erkrankung, erläutert Itten mit der Metapher der Flügelanker, mit denen Schiffe auf offener See, wo kein Untergrund da ist, stabil gehalten werden. Es sei dasselbe Prinzip bei psychisch Kranken: «Sozialleben, Berufsleben, Geistiges, es ist ja nicht alles weg bei einer psychischen Erkrankung. Also muss man bei den Patienten nach Flügelankern suchen.» Das könne der Humor eines Patienten sein, über den man ihn oder sie holen könne. Oder eine sportliche Tätigkeit.

Ungewöhnlicher Schwingkampf. Itten erzählt das Beispiel eines Lausanner Arztes, der einen Schwinger als Patienten hatte. Der habe sich ein Paar Schwingerhosen beschafft und sich auf einen Kampf mit dem Schwinger eingelassen. «Das ist der Weg, auf diese Weise öffnet sich der Patient.» Itten spricht von den Ressourcen der Patienten, auf die man eingehen müsse. Das freilich setze Gespräche voraus, empathische Begleitung statt nur Symptombekämpfung oder Ruhigstellung – die für einen unruhigen Körpermenschen genau das Falsche sei. Deshalb gebe es keine normierten Lösungen, sondern nur ein gezieltes Eingehen auf den betreffenden Menschen.

«Man kann das nicht duplizieren und etwa aufgrund des Lausanner Beispiels eine Schwinger-Therapie propagieren», sagt Itten – und ist damit wieder bei seinem Anliegen und dem des Buches: Dem andern zu begegnen, dem kranken Menschen als Mensch zu begegnen. Beda Hanimann

Theodor Itten und zwei Buchpremieren: Der 1952 in Langenthal geborene Theodor Itten ist Psychologe und Psychotherapeut SPV. Seit 1981 betreibt er in St. Gallen eine psychotherapeutische Praxis. Er ist seit 2003 Vorstandsmitglied des Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten Verbandes.

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