Elisabeth Reuter
Gehirn-Wäsche – Macht und Willkür in der »systemischen Psychotherapie« nach Bert Hellinger

CoverTaschenbuch, 234 Seiten, 11,7 x 19 cm, ISBN 978-3-925931-40-6. Berlin: Antipsychiatrieverlag 2005. € 11.90 / sFr 17.85 / sofort lieferbar In den Warenkorb
Cover im Großformat | Cover-Rückseite | Autorin | Rezension von Monika Gerstendörfer, Theodor Itten, Hannelore Klafki, bei Amazon | Klaus Weber | Inhaltsverzeichnis | Leseprobe | Errata | Polsku | Infoblatt zum Ausdrucken | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home | zurück zur letzten Seite 
Authentischer und reflektierter Bericht über die Suggestion von sexuellem Missbrauch, reaktionären Aufstellungshokuspokus à la Hellinger und weitere Spielarten therapeutischer Manipulation. Nachwort von Klaus Weber. Originalausgabe

Original-Verlagsinfo

Was ist das:      Sie suchen professionelle Hilfe, um sich Ihrer selbst sicherer zu werden, und diese Hilfe besteht darin, Ihnen auch noch den letzten Rest an Selbstsicherheit auszutreiben. Sie haben Ihre Großmutter als kalt und rigide in Erinnerung, Ihre Mutter eher als liebevoll, den Vater aber als Tyrannen. Und jetzt soll die Mutter herzlos gewesen sein, die Großmutter muss gewürdigt werden, und Ihr Vater soll Sie – ohne dass Sie davon wissen – als Kind sexuell missbraucht haben. Würdigen Sie jetzt endlich auch Ihren Vater, und Ihre Probleme sind für immer gelöst!

Das ist      Psychotherapie in Deutschland, durchgeführt von einem erfolgshungrigen Mann in den besten Jahren, der bei Bedarf seine Ehefrau hinzuzieht, rituelle Pseudobeerdigungen inszeniert und sich nach Gusto der angesagten therapeutischen Mythen und Techniken bedient – Gestalt, Hypnotherapie, NLP, Psychodrama und Aufstellungen à la Bert Hellinger.

Offen und reflektiert beschreibt Elisabeth Reuter eine Psychotherapie, die gnadenlos eingezwängt ist zwischen der Willkür des Therapeuten und der starren Lehre des Bert Hellinger.

»Elisabeth Reuters Buch ist der erste veröffentlichte Bericht einer im wahrsten Sinne des Wortes Therapie-Geschädigten durch Bert Hellinger und seine Schüler. Sie verbrachte Jahre ihres Lebens mit einer unmündig machenden und zerstörerischen Therapieform und schaffte es nur durch mühsame und langwierige Arbeit, sich aus den Selbst- und Fremdfesselungen zu lösen. Dafür, dass sie die Ausdauer und den Mut aufbringt, ihre Erfahrungen und die Reflexion derselben niederzuschreiben und zur Veröffentlichung zu bringen, sei ihr gedankt. Möge das Buch denjenigen eine Hilfe sein, die sich selbst aus krank und unglücklich machenden Bedingungen befreien wollen, mögen diese in Form Hellingerscher Psychotherapieangebote oder sonstiger Abhängigkeitsverhältnisse auftreten.« (Klaus Weber, aus dem Nachwort)

Foto von Elisabeth Reuter

Die Autorin

Elisabeth Reuter: 1945 geboren. Studium Grafik und Freie Malerei an der WKS Hannover. Zwei Kinder. Seit 1974 freie Malerin mit zahlreichen Ausstellungen. Von 1978 bis 1980 freie Journalistin für den NDR und andere Sender sowie für Tageszeitungen und Zeitschriften. Seit 1988 Bilderbücher mit eigenen Texten und Illustrationen – im Ellermann Verlag, Carlsen Verlag, Bitter Verlag, Echter Verlag. Die Bücher wurden bisher in neun Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet – u. a. in Deutschland, Taiwan, USA, Israel. »Merle ohne Mund« (Roman, 1996). 1997 Literaturpreis für Kinder- und Jugendliteratur (Berlin). Mehr

Inhalt

  • Meines Vaters Stimme

  • Hoffnungsvoller Therapiebeginn

  • Sexueller Kindesmissbrauch und verdrängte Erinnerungen

  • Verlassen in der Krypta

  • Entstehung von Pseudotraumata

  • Kindheitstraumata und ihre Bewertung

  • Vorläufiger Abschied von den Großeltern

  • Guter Papa, böser Vater

  • Lieber Vater, böse Mutter

  • Hypnotherapie und Übergangsobjekte

  • Familienaufstellungen nach Bert Hellinger und andere Spiele

  • Ritualsätze und Hellingersche »Kommunikation«

  • Das langsame Sterben einer Therapie

  • Zeit der Befreiung

  • Bert Hellinger – Scharlatan im Therapeutengewand?

  • Hellingersche Therapeuten – ihre Heilsversprechen und ihre Ideologie

  • Nachwort von Klaus Weber: Das Unterwerfungsprojekt Bert Hellingers – die Sicht einer Betroffenen

  • Quellen und Literaturempfehlungen

Rezension von Theodor Itten (www.ittentheodor.ch)

in: à jour – Zeitschrift des Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten Verband (SPV), Nr. 31 (Juli 2005), S. 19-20

Elisabeth Reuter: 1945 geboren, ist freie Malerin mit zahlreichen Ausstellungen. Für einige Jahre schrieb sie als freie Journalistin für den NDR und andere Sender sowie für Tageszeitungen und Zeitschriften. Sie macht Bilderbücher mit eigenen Texten und Illustrationen, die bisher in neun Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet wurden. Literaturpreisträgerin 1997 für Kinder- und Jugendliteratur (Berlin).

Die Autorin beschreibt ihre Erfahrung einer Pseudo-Psychotherapie, in der sie mit ihrem Kummer und Leid, als väterliches Gewaltopfer, sich gnadenlos eingezwängt fühlt zwischen ihrer Hoffnung nach Erlösung vom Leid und der absolut unfachlichen, unprofessionellen Willkür ihres Therapeuten, der selber den starren, nach Omnipotenz und absoluter Macht lechzenden Lehren des Bert Hellinger, verfallen war. Sie beschreibt den Verlauf einer therapeutischen Behandlung, die gar keine war, weil: «… im Zusammenhang mit meiner Klage, erfuhr ich zu meinem Erstaunen, daß mein Therapeut überhaupt nicht therapeutisch ausgebildet war. Als ich damals einen geeigneten Therapeuten suchte, schien er mir vor allem wegen seiner Doppelqualifikation besonders kompetent zu sein, da er Allgemeinmediziner und zudem Facharzt für Psychotherapie war ..., doch die Berufsbezeichnung wurde ihm von der Ärztekammer geschenkt: Nach der damaligen Übergangsregelung in Niedersachsen erhielten Mediziner in den neunziger Jahren das Recht, sich ohne Facharztausbildung und ohne Facharztprüfung «Facharzt für Psychotherapie» zu nennen, wenn sie nachwiesen, dass sie in den vergangenen fünf Jahren eher psychotherapeutisch als medizinisch gearbeitet hatten.» (S. 173) Also ein Scharlatan! Was sie hier in diesem schmerzvollen Buch an «therapeutisch» manipulativen Erlebnissen ausbreitet, ist für mich als professioneller Psychotherapeut und als ehemaliger Patient kaum vernunftmässig fassbar. Sie ging nicht nur als Gewaltopfer in diese Therapie, sondern wird im Verlauf dieser Hellingerschen Behandlung immer mehr zu einem Therapieschadenopfer. Ihr Ringen dauerte über zwei Jahre, um diesen Teufelskreis einer Psychosekte verlassen zu können. Dazu benötigte sie hilfreiche Gespräche mit einer Psychologin in einem Zentrum für Missbrauchopfer, die diese verrückmachende Kommunikation, die der Therapeut mit ihr betrieb, als das benannte, was sie war: «schlimmste Manipulation und schwerster Machtmissbrauch». Mit Hilfe einer echten Psychotherapeutin konnte sie sich vollends aus dieser unheilvollen Zwangslage befreien. Sei schreibt im Kapitel: Ritualsätze und Hellingerschen Kommunikation: «Obwohl kaum mehr steigerungsfähig, entwickelte sich bei mir eine immer unglaublichere Furcht vor meinem Therapeuten, gekoppelt an mein nicht zu kontrollierendes Verhalten, ihn weiter in allen seinen Erwartungen zu bestätigen, damit ich von ihm nicht verstossen würde. Immer schneller und schärfer prallten die gegensätzlichsten Gefühle aufeinander – Wut und Empörung, gefolgt von Hoffnung und einem gläubigen Vertrauen in meinen Therapeuten.» (S. 138) Eine sehr schmerzvolle und selbstzerstörerische Kollusion. Mit der Zeit ihrer Befreiung konnte sie wieder klar sehen was Sache war, genau reflektieren, wozu ihr dies alles widerfahren musste. Sie beschreibt als erste, ehemalige Patientin überhaupt, wir Bert Hellingers Scharlatanerie im Therapeutengewand, seine heilsversprechende Ideologie, auf ihre Seele in Not wirkte.

Die klugen Worte Klaus Webers, Professor der Psychologie der FH München, in seinem Nachwort beschreiben das Unterwerfungsprojekt Bert Hellingers. Er zeigt auf, wie die Verteufelung der Erinnerung, die Schuldzuweisung an die Frauen, das Prinzip Verantwortungslosigkeit und die dazugehörige Sektenwirtschaft funktioniert. «Möge das Buch denjenigen eine Hilfe sein, die sich selbst aus krank und unglücklich machenden Bedingungen befreien wollen, mögen diese in Form Hellingerscher Psychotherapieangebote oder sonstiger Abhängigkeitsverhältnisse auftreten.»

Rezension von Monika Gerstendörfer

in: Zeitschrift für Politische Psychologie, 11. Jg. (2003 [erschienen 2005]), Nr. 4, S. 429

»Es war 1953. Wir wohnten seit kurzem in einer Kleinstadt mitten in der Lüneburger Heide. Das Arbeitszimmer meines Vaters ließ kein Geräusch nach außen dringen, auch nicht das lauteste Weinen von uns Kindern, was bei väterlichen Strafaktionen nützlich war ...« Die kleine Elisabeth wird 1945 in eine Familie hineingeboren, in der der Vater mehr als ein Tyrann ist: »ein Meister der Gewalt«. Systematisch, grausam und hinterhältig zerstört er alles, was der Tochter etwas bedeutet. Er ist überzeugt, dass man spätestens bis zum dritten Lebensjahr den Willen eines Kindes gebrochen haben sollte. Die Mutter hilft – wie so oft – nicht. Zwar stirbt der sadistische Vater, als sie 12 Jahre ist, doch seine Stimme, das Gemurmele in ihr, geht weiter. Wieder und wieder wird das Kind, die Jugendliche, die erwachsene Frau eingeholt von Bildern und Erfahrungen aus der Vergangenheit und eben dieser Stimme.

Elisabeth Reuter ist heute eine bedeutende Künstlerin. Ihre Zeichnungen, Bilder und Illustrationen sind von großer Intensität – und voller Wärme und Liebe. Wie sie all das schützen oder neu gewinnen konnte, ist ein zentraler Aspekt dieses Sachbuchs oder autobiographischen Tatsachenromans.

An einem Punkt ihres Lebens erkennt Elisabeth, dass sie dringend Hilfe braucht. Es folgt ein steiniger Irrweg; Therapeuten und Ärzte erlebt sie zumeist als ängstliche, »hilflose Helfer«, die lieber Medikamente verabreichen, als sich auf einen Menschen einzulassen. Endlich findet sie einen, der anders wirkt – einen Hellinger-Jünger. Vielleicht hat er weniger Angst, auf jeden Fall hat er keinerlei Ethik, menschliche oder fachliche Skrupel. In der Tradition der Opfer-Täter-Verkehrungen Hellingers macht er das Kind für die sadistische Gewalt des Vaters verantwortlich. Dann probiert er Hypnomethoden an ihr aus. Seine »Diagnose«: Der Vater habe sie sexuell missbraucht. Elisabeth kann sich zwar an nichts dergleichen erinnern, doch der »Therapeut« lässt nicht locker. Von gezieltem Double-Bind über intermittierende Verstärkung bis zu zahlreichen Grenzüberschreitungen (Hausbesuch) setzt er ein ganzes Spektrum unvertretbarer, unethischer, destabilisierender und belastender Techniken ein. Das Buch heißt nicht umsonst »Gehirn-Wäsche«. Im Nachwort spricht Klaus Weber denn auch deutlich Querverbindungen der Hellinger-Schule zu faschistischen Denkmustern an.

Nach solchen Fallberichten ist vollends unvertretbar, dass Krankenkassen (vereinzelt) weiterhin ›Behandlungen‹ nach Hellingers Machart bezahlen. Die hier dargestellten Erfahrungen dokumentieren den sektenartigen Charakter vollkommener Selbstauslieferung der Patientin, verbunden mit erheblichen Risiken für Wohlbefinden und Gesundheit der Behandelten. Ein solches Vorgehen schädigt aber indirekt auch alle Menschen, die angemessene Hilfe benötigen, weil das Vertrauen in eine seriöse, wirkungsorientierte Therapien in Mitleidenschaft gezogen wird.

Vor Mut und Durchhaltevermögen der Autorin muss man den Hut ziehen – beim Schreiben dürfte sie erneut Qualen gelitten haben. Aus der Sicht einer ernsthaften, professionellen Psychotherapie ist zu wünschen, dass ihr Bericht vielen Betroffenen dabei hilft, Irrwege zu vermeiden und die Fachorgane neuerlich auf den dringenden Abgrenzungsbedarf gegenüber unseriösen Angeboten hinzuweisen.

© Monika Gerstendörfer (www.gerstendoerfer.de)

Rezension von Hannelore Klafki

Endlich ist im Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag ein Buch erschienen, auf das wir schon lange gewartet haben: der Bericht einer Betroffenen über ihre Erfahrungen mit dubiosen Praktiken in der systemischen Psychotherapie. Elisabeth Reuter beschreibt in ihrem Buch mit schonungsloser Offenheit, wie sie auf der Suche nach therapeutischer Hilfe in die Fänge eines Therapeuten gerät, der mit den "Familienaufstellungen" nach Bert Hellinger praktiziert. Sie erzählt dem Therapeuten von ihrem grausamen Vater, der sie in der Kindheit psychisch und physisch misshandelte. Doch dem Therapeuten ist dies nicht schlimm genug. Er unterstellt, dass der Vater sie auch sexuell missbraucht hätte. Er manipuliert sie so, dass sie schließlich selber daran glaubt. Mit satanischer Fantasie suggeriert er ihr Bilder über perverse Orgien in einer Kirche, die sie verzweifelt als vermeintlich eigene Erinnerungen nun mit sich herumträgt. In zweifelhaften und merkwürdig anmutenden "Aufstellungen" soll sie ihren Vater würdigen und verzeihen, weil sie die Vergewaltigungen als kleines Mädchen vom Vater verlangt hätte. Er verurteilt sie als eine machtbesessene kleine Hexe. Nicht der Vater hätte Schuld, sondern sie selbst und vor allem ihre Mutter, die sie nicht nur nicht beschützt hätte, sondern die Taten ihres Vaters gebilligt hätte. Sie versucht, zaghaft zu widersprechen, doch der Therapeut schreit sie zusammen - wie damals ihr Vater. Als sie verzweifelt fragt, ob denn ihre Person und ihre Gefühle und Bedürfnisse nicht wichtig wären, erhält sie zur Antwort, dass diese keine Bedeutung hätten. Was hinter den Gefühlen läge und worauf sie hindeuten würden, sei von Bedeutung. Der Therapeut verwirrt sie mit seinen Deutungen und Interventionen, ihre Wahrnehmungen werden von seinen Doppelbotschaften verzerrt und ihre Biografie wird von ihm verfälscht und manipuliert. Innerhalb kürzester Zeit wird aus ihr ein psychisches Wrack. Wie in ihrer Kindheit hört sie auf zu sein. Gott sei Dank merkt sie aber doch, dass das alles nicht richtig sein kann, was ihr da passiert und sucht nach Hilfe. Doch andere TherapeutInnen glauben ihr nicht, denn eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Sie wird immer verzweifelter und kann bald nur noch an Selbstmord denken. Schließlich wendet sie sich an Wildwasser (eine Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Mädchen und Frauen) und erfährt hier endlich Unterstützung und Rat. Mit Hilfe dieser Beratungsstelle kann sie sich schließlich von dem Therapeuten trennen. Als es ihr besser geht, sucht sie nach anderen Therapiegeschädigten und erfährt schnell, dass Einschüchterung, Beleidigung, Ausbeutung, Manipulation und Machtmissbrauch keine Seltenheit sind. Doch es dauert, bis das erkannt wird, denn viele Betroffene suchen die Ursachen für die Verschlechterung ihres Zustandes meist nur bei sich selbst. In Ihrem Fazit vergleicht sie zu Recht Therapien mit Religionen, die mit ihrem wachsenden Angebot an immer exotischer und esoterischer werdenden Methoden reine Glaubenssache seien.

In seinem Nachwort erläutert Klaus Weber mit anschaulichen Beispielen und Zitaten die Grundsätze des so genannten "therapeutischen" Projekts und das reaktionäre Weltbild von Bert Hellinger. Nach Hellingers Überzeugung gibt es ein so genanntes Kraftfeld (die "Familienseele"), das in der "Familienaufstellung" von den "Stellvertretern" Besitz ergreift und sie dazu bringt, psychische und physische Besonderheiten der Familienmitglieder vorzuführen. Dabei soll über das Vergangene nicht nachgedacht werden, denn dieses sei ein "kollektives Bewusstsein" und das Vergessen sei die einzig mögliche Form der Versöhnung. Es geht schlicht darum anzuerkennen, was war und ist. Diese Anerkennung wird in Form der "Würdigung" sichtbar und geht so weit, dass sexuell misshandelte Kinder ihre Eltern für ihr Handeln würdigen sollen. Auch Juden sollen Hitler würdigen, damit sie in Frieden leben können.

Beim Lesen wurde ich immer fassungsloser, und ich bin entsetzt, was alles unter dem Mantel der Therapie ablaufen kann. Wer schützt uns vor solchen Scharlatanen, die ohne Ausbildung als Psychotherapeuten arbeiten?! Aber selbst wenn sie eine Ausbildung haben, kann so etwas heute nicht immer noch vorkommen? Ist dieses so genannte "therapeutische" Konzept Hellingers nicht längst in die Hochschulen eingezogen? Nach der Lektüre dieses Buches hoffe ich, nie auf eine Therapie angewiesen zu sein. Elisabeth Reuter beschreibt flüssig, spannend und emotional, wie sie kontrolliert und manipuliert wurde, wie ihre Würde und Selbstbestimmung zerstört wurde und wie sie wieder zurück zu sich selbst fand. Ihre Reflexion und Aufarbeitung dieser "Therapie" werden dazu beitragen, Betroffene zu ermutigen, sich aus solchen krank machenden Therapien zu befreien. Ich habe dieses aufrüttelnde Buch an einem Stück durchgelesen und kann es nur wärmstens empfehlen.

Berlin, 2.2.2005

Rezension bei Amazon

  Gehirnverschmutzung
1. Februar 2005
  

Klaus Weber

Klaus Weber, geb. 1960, Dr. phil. habil., Professor für Psychologie an der FH München, Gastprofessor an der Universität Innsbruck. Veröffentlichungen: »Rechte Männer« (Hamburg 2001); »Blinde Flecken – Psychologische Blicke auf Faschismus und Rassismus« (Hamburg 2003). Adresse: Ludwig-Wörl-Weg 38, 81375 München. eMail: dr.k.weber[at]t-online.de

Leseprobe

.... Sie entwickelten nun eine Reihe von therapeutischen Ritualen, damit ich meinen Vater noch einmal symbolisch beerdigen konnte, um mich so für immer von ihm zu verabschieden und damit den Jahrestagen die schicksalsträchtigen Schrecken zu nehmen.

Als erste Vorbedingung für diesen endgültigen Abschied nannte mein Therapeut die Liebe zu meinem Vater, die ich endlich zulassen und ausdrücken sollte. Ich versuchte also, Liebe zu meinem Vater zu entwickeln, denn da der Therapeut so hartnäckig darauf bestand, musste es auch ein wichtiger, therapeutischer Grund sein, solch eine Liebe zu zeigen. In einem Text beschrieb ich diese Liebe, die es nie gegeben hatte – ich erfand einen Vater, wie ich ihn in meiner Kindheit gebraucht hätte.

Mein Therapeut reagierte überaus bewegt auf meinen Brief, er weinte – die symbolische Beerdigung konnte beginnen, da ich die Bedingung des Therapeuten erfüllt hatte. Mein Therapeut und seine Frau waren zu diesem Anlass feierlich gekleidet – er in tiefschwarzem Anzug und weißem Hemd mit schwarzseidener Fliege, sie in tiefschwarzem Kleid, schwarzseidenen Strümpfen und schwarzen Schuhen. Unsicher stellte ich meine Tasche ab. Ich war nicht passend angezogen, ich trug blaue Jeans und eine dünne Jacke mit blauen Blümchen darauf.

Wir zündeten Kerzen an, und ich las den Text der damaligen Grabrede und eine neue Rede für meinen toten Vater vor, die ich für meinen Therapeuten entworfen hatte. Begleitet von Bachscher Passionsmusik zerrissen mein Therapeut und ich fünf meiner Bilder in kleine Fetzen – Grafiken, auf denen ich die Gewalt meines Vaters dargestellt und die ich meinem Therapeuten geschenkt hatte. Die Fetzen warfen wir in eine große Tonschale und zündeten sie an – als symbolische Verbrennung meines Vaters und zugleich als ein Verbrennen meiner Wut auf ihn. Die Tonschale stand vor dem weit geöffneten Fenster auf der Fensterbank. Im Garten gegenüber stand der Pastor der evangelischen Gemeinde, rauchte eine Pfeife und schaute irritiert in das offene Fenster der Praxis.

In der Schale schlugen die Flammen hoch, beißend roch es nach Gummi, weil auch eine Collage verbrannt wurde. Ich warf zu große Stücke ins Feuer, mein Therapeut schob hastig die Schale auf die äußere Fensterbank, da zerbrach die Schale in zwei Teile, und alles fiel in den Garten. Ich unterdrückte mein Gelächter. Es sah zu komisch aus, als der ›halbverbrannte Vater‹ nach draußen fiel.

Die Frau des Therapeuten lief hinaus, holte einen Blumentopf und sammelte Asche und Papierreste darin. Wir verbrannten die letzten Papierstücke. Die Asche der Bilder kam in eine silberne Dose.

Nach der Verbrennung meiner Bilder wurde oben in der Wohnung Kaffee getrunken und Butterkuchen gegessen, wie es bei Beerdigungen üblich ist. Zum Abend gab es noch Sekt und Lachs. Und hier, während des Essens, begann ich wirklich traurig zu werden und weinte. Die dämonische Liturgie des Beerdigungsrituals trieb mich immer weiter fort von mir selbst. Zehn Stunden hatte der Abschied vom Vater gedauert – zehn Stunden lebte ich in einer düsteren, morbiden Welt voller Geister, die mein Therapeut gemeinsam mit seiner Frau für mich inszeniert hatte.

Begann nun tatsächlich die Zeit der Trauer, die Zeit des Abschiednehmens? Nein, kaum war ich wieder zu Hause, in meiner Wirklichkeit, konnte ich nicht mehr um meinen Vater trauern; ich spürte keinerlei Trauer, die Wirkung des therapeutischen Spuks war wie weggeblasen. Ich fühlte, dass das Ritual dieses Beerdigungstages nicht mein Abschied vom Vater war. Das Ritual dieser Beerdigung hieß: Mein Therapeut wollte unbedingt Abschied von meinem Vater nehmen – er wollte ihn endlich loswerden. Und ich fragte mich, wem diese Rituale der Trauer helfen sollten. ...

Errata

S. 121: Die in dem Zitat in der Fußnote enthaltenen Angaben sind nicht korrekt. Die "Wolfsschanze" befindet sich in Görlitz (Gierloz) in Ostpreußen, die "Kleine Reichskanzlei" bei Berchtesgaden wurde nie als solche bezeichnet, und Hellinger ist im September 2004 in die nahegelegene "Villa Askania" umgezogen, ehedem Sommersitz derer zu Anhalt.

Auf S. 209 muss es heißen: "Jedem das Seine" stand über dem Lagertor des KZ Buchenwald.
(Motto-Inschrift über dem Eingang des Torhauses des KZ Auschwitz war "Arbeit macht frei".)