Kerstin
Kempker
Kartoniert, 208 Seiten, 34 Abbildungen, 15 x 21 cm, ISBN 978-3-925931-15-4.
Berlin: Antipsychiatrieverlag 2000. € 14.90 / sFr 21.90 / sofort lieferbar
Cover im Großformat | Cover-Rückseite | Autorin | Inhaltsverzeichnis | Einleitung | Schlusswort | Rezension von Irene Stratenwerth, Linde Schmitz-Moormann, Ilse Eichenbrenner, Marc Rufer, Wolfram Pfreundschuh, Theodor Itten, Forum Sozial | Infoblatt zum Ausdrucken | Liefer- & Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home | zurück zur letzten Seite Mutmachendes Buch für Betroffene und Familien: auch der abgeschriebenste "Fall" kann es schaffen, den psychiatrischen Sumpf zu verlassen und wieder auf eigene Füße zu kommen. »Mitgift Notizen vom Verschwinden« ist der fesselnde autobiographische Bericht über eine Jugend in der Psychiatrie, über das Verschwinden in den Gedanken, über die Bedeutung und die Last der Wörter und darüber, wie die Psychiatrie sie mit Psychopharmaka und Elektroschocks auslöschen will. Das schönste Buch der Antipsychiatrie! Original-Verlagsinfo 29. Mai 2000 Sehr geehrte Damen und Herren, wir möchten Sie auf unser soeben erschienenes Buch »Mitgift Notizen vom Verschwinden« hinweisen. Das Buch das schönste Buch der Antipsychiatrie ist ab sofort im Buchhandel sowie in unserem Antipsychiatrieversand erhältlich. Wie landet eine Siebzehnjährige, die nie den Verstand verlor, in der Geschlossenen Frauenstation und wird elektrogeschockt? Wie reagiert die Umwelt auf das von Insulin und Neuroleptika entstellte Monster, das in wenigen Monaten aus ihr geworden ist? Wie passt sie sich einer ver-rückten Welt an? Wird der Suizid zum Lebensziel? Und wie findet sie wieder heraus? Wie eng wird es da »draußen«? Wozu ist ein Phantom nützlich und eine Schreibmaschine? Und was wird so der Zukunft diktiert? Unverfroren und niemals larmoyant schreibt die Autorin trotzig »Ich« und nennt die Beteiligten beim Namen: die Behandler der biologisch orientierten Universitätspsychiatrie in Mainz, der daseinsanalytisch orientierten Psychiatrie im Schweizer Kreuzlingen und der gemeindepsychiatrisch orientierten Psychiatrie Häcklingen (u.a. H. U. Peters, Wolfgang Binswanger, Niels Pörksen). Im Jahr 2000, wo in Deutschland Psychiater und Politiker »25 Jahre Psychiatrie-Enquête« feiern, zeigt »Mitgift« die andere Seite der reformierten Psychiatrie. Kerstin Kempker beschreibt, wie sie Mitte der siebziger Jahre aus einer Beamtenfamilie und katholischen Klosterschule heraus in die Psychiatrie fiel, was sie in mehr als drei Jahren dort erlebte und wie sie daraus hervorging. Es ist keine Leidensgeschichte, kein Verarbeitungs- oder Selbstfindungstext der alten Schule. Ein Bericht, trocken, lakonisch, aus großer zeitlicher Distanz gewonnen. Ein poetischer Text immer da, wo die Autorin ihre damaligen Gedichte, Briefe und Zeichnungen einfügt. Und wenn sie den psychiatrischen Akten ihre eigenen Erinnerungen gegenüberstellt, klafft dazwischen die Sprachlosigkeit. Präzise und mit kühlem Witz präsentiert Kerstin Kempker ihre Fundstücke aus sieben Jugendjahren. Sie beschreibt und weil sie nur dies tut, nicht wertet, nicht ins Allgemeine ausschweift, steht der gesamte Text unter einer Spannung, die sich nirgends entlädt. Die sprachliche Leichtfüßigkeit, mit der die Autorin den Schrecken wiedergibt, ihre illusionslose Sicht auf sich selbst und eine immer wieder aufflackernde Lust am Untergang, am Sprachspiel, am Widerspruch, am Leben selbst machen es leicht, als Leser dabeizubleiben und über Abgründe mit hinweg zu hüpfen. Mit freundlichen Grüßen Einleitung ..... 9
Anstalten
Nachher
Schluss ..... 195 Zitatnachweis ..... 201 Quellen ..... 202 Eine katholische Kindheit um '68, eine magere Jugend in Mainz, Volljährigwerden auf der Geschlossenen und drei Jahre in bodenloser Ferne von dem, was vorher war, und allem, was noch folgen konnte. Im Februar 1999, zwanzig Jahre nach meiner Entlassung als damals Zwanzigjährige, fand ich es an der Zeit, mich mit meiner Psychiatriegeschichte zu beschäftigen. Vielleicht unter der Fragestellung »Wie ist sowas möglich?« Eine Frage, die in der Häcklinger Anstalt eine ältere Zimmerkollegin auf der Aufnahmestation Tag und Nacht stellte. Sie lag auf ihrem Bett, starrte zur Wand und brachte in verwaschener Sprache alle paar Minuten nur diese eine Frage heraus: »Wie ist sowas möglich?« Einbrecher hatten ihr auf den Kopf geschlagen. Nun teilten wir ein kleines Zimmer, und ich musste beobachten, wie aus meinem anfänglichen Mitgefühl am zweiten Tag schon große Wut wurde und ich am dritten Tag eine gefüllte Wasserflasche über ihr schwang und drohte: »Wenn du nicht sofort aufhörst, knall ich dir die auf den Schädel!« Sie war dann still. Wie ist sowas möglich? Wie kann ich über mich damals schreiben, auch über diese vermeintlich andere, die böse, die tote, die maßlose? Wieviel Distanz bringen zwanzig Jahre, und ist es eine klärende oder eher eine verklärende? Wie schonungslos kann ich sprechen von der Familie, den Psychiatern, den MitinsassInnen? Wen darf ich beim Namen nennen? Und was gibt es zu sagen über damals? Was habe ich zu sagen? Es geht mir nicht um eine psychiatrische oder antipsychiatrische Beweisführung, dass in meinem ganz speziellen Fall die Psychiatrisierung falsch und schädlich war. Denn so besonders bin ich und ist meine Psychiatriegeschichte nicht. Das erfahre ich täglich an meinem Arbeitsplatz im Berliner Weglaufhaus, der bundesweit ersten antipsychiatrischen Zufluchtstätte für Psychiatriebetroffene. Ich möchte beschreiben, wie alle es gut meinen und ihrer jeweiligen Schule folgend ihr Bestes geben und damit ein Leben in dunkle, schwere Bahnen lenken, in Morast tauchen, mit bleischweren Toten behängen. Ich möchte beschreiben, wie Psychiatrie wenn nicht tot, so doch verrückt macht, und wie weit der Weg danach in irgendeine Zukunft ist. Ich weiß, warum ich mich sehr vorsichtig an dieses Thema herangepirscht habe. 1989, zehn Jahre nach der Entlassung, als ich eine Lehre gemacht, das Abitur nachgeholt, zwei Kinder bekommen und Sozialarbeit studiert hatte, schrieb ich meine Diplomarbeit über die »Teure Verständnislosigkeit Die Sprache der Verrücktheit und die Entgegnung der Psychiatrie«. Das war die Theorie. Dann, nachdem wir, der Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt, 1996 das Weglaufhaus eröffnet hatten, befasste ich mich 1998 in »Flucht in die Wirklichkeit Das Berliner Weglaufhaus« als Herausgeberin mit unseren Erfahrungen dort, der Praxis. Es ist das gleiche Thema von der anderen Seite her betrachtet, als Mitarbeiterin in einem chaotischen und angefeindeten Projekt, das um sein Überleben kämpft und (sich) Verrücktheiten nur begrenzt gestatten kann. Meine Psychiater sind inzwischen teils gestorben, teils berentet. Viele ehemalige MitinsassInnen haben sich umgebracht, zu wenigen habe ich noch Kontakt. Meine Töchter sind mit vierzehn und sechzehn Jahren in dem Alter, in dem meine Schwierigkeiten damals begannen. Ich schreibe also als Tochter und als Mutter, als Patientin und als Mitarbeiterin, erinnernd und täglich herausgefordert. Im Weglaufhaus werde ich von den BewohnerInnen häufig nach meiner eigenen Geschichte befragt. Und indem ich antworte, öffne ich eine schwarze Kiste, beuge mich darüber, wühle Einzelstücke heraus, und schon knallt der schwere Deckel wieder zu. Glück gehabt, wenn er mir den Kopf nicht abreißt. Andere Fragen werden gestellt, die eigene aktuelle Leidenserfahrung brennt den BewohnerInnen unter den Nägeln, ich muss umschalten in Windeseile, darf nicht in meine Kiste plumpsen. Diese Anstrengung wird geringer werden, so hoffe ich, wenn einige Stücke herausgenommen und auf die Leine gehängt, zu Papier gebracht sind. Sie schrecken dann weniger. Es ist auch ein Schreiben über das Schreiben. Mein Tagebuch brachte mich in die Psychiatrie, dort wurde verschrieben, ich beschrieben, schreibend kam ich auch wieder heraus. Danach schrieb ich mir in vielen Briefen an mein Phantom Verständigung zu und kämpfte schreibend darum, nicht als Schwerbehinderte und Pflegefall abgeschrieben zu werden. Die Akten stehen hier neben eigenen Texten von damals und Erinnerungen und Erlebnissen von heute, neben Bildern, der Familiensprache und literarischen Zitaten. Dieses Nebeneinander, das in leichter Abwandlung eines aktuellen Themas »Stimmen nicht hören« heißen könnte, soll dem Absurden ein Gesicht geben, das entsteht, wenn von allen Seiten Zuständigkeiten herbeiphantasiert werden, die es nicht geben kann, und daraus Taten resultieren, die wohlgemeint und katastrophal sind. Nichts ist erfunden, auch wenn nicht alles gesagt ist. Es ist keine »Reise durch den Wahnsinn«, eher eine Geister- und Achterbahnfahrt in den Wahnsinn der Institution Psychiatrie, in die déformation professionel ebenso wie die Deformation der Diagnostizierten, durch die Untiefen verschiedenster psychiatrischer Schulen, kopfüber in eine leergefegte Existenz. Physisch krank geworden in Mainz, daseinsblass in Kreuzlinger Manier, fand ich in Häcklingen endlich wieder Feinde. Es ist keine besondere Geschichte, und es sind keine extremen Erfahrungen. Die gut verborgenen Bosheiten und Fallstricke einer ehrgeizigen Mittelstandsfamilie sind ebenso gewöhnlich wie die Nöte als Jugendliche. Die schweren Geschütze, die die Mainzer Unianstalt auffuhr, gehörten zu ihrem Standardrepertoire, so wie das bodenlose Daseinsgemunkel zum Bellevue und die kalte Kosten-Nutzen-Kalkulation zu Häcklingen. Auch die Zeit danach ohne Perspektive und ohne materielle Absicherung ist die typische Situation der Ex-PatientInnen, wie ich sie von meiner Arbeit im Weglaufhaus kenne. Ich schreibe mir den Kopf frei von einem irrationalen Gefühl der Mitschuld, weil ich im Gegensatz zu vielen anderen noch am Leben bin. Als helfe es, ihre Namen zu nennen. »Euch geht's doch zu gut«, hat mein Vater oft zu uns Kindern gesagt, wenn er uns für undankbar und verdorben hielt. Dieser Ruf schallte mir unausgesprochen auch in der damals antipsychiatrischen Selbsthilfeorganisation Irren-Offensive (I.O.) entgegen, als ich 1988 zum ersten Mal dort auftauchte und ein Praktikum im Rahmen meines Studiums machen wollte. Ich hatte mich die letzten sieben Jahre um den Aufbau meiner Existenz bemüht Abitur, Jobs, Kirchenaustritt, zwei Kinder, Umzug nach Berlin, Studium und mich so wenig wie möglich mit meiner Vergangenheit beschäftigt. Im Treppenhaus der Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik sah ich das gelbe Flugblatt der Irren-Offensive und fand, es sei Zeit, das mehrjährige Loch in mein Leben zu integrieren. In der I.O., Hinterhaus vierter Stock, hatte ich sofort das Gefühl, etwas zu ordentlich gekleidet zu sein und als Studentin mit zwei Kindern zu nah am Bürgerlichen und am Erfolg zu stehen. Ich benutzte die falschen Vokabeln, statt Neuroleptika sagte ich Medikamente und statt von Insassen sprach ich ahnungslos von Patienten. Meine Psychiatriegeschichte war womöglich schon verjährt. Ich wurde nicht von allen mit offenen Armen empfangen. Aber da ich mich nicht abschrecken ließ, gehörte ich bald dazu, Anderssein war gestattet. Auch in der I.O. geriet ich in eine Endphase. Es ging hoch her, in den Mitgliederversammlungen warfen sich die Fraktionen gegenseitig aus dem Verein, es wurde auf Formalitäten herumgeritten, mit Beleidigungen und mit Wurfgeschossen argumentiert, und ich saß als jüngstes Mitglied und erste Praktikantin mittendrin und fühlte mich beiden Fronten verbunden. Da hatte ich ein neues Zuhause gefunden, in dem ich mit meiner verborgenen Geschichte Platz fand, und schon drohte es sich aufzulösen. Ich blieb beiden Seiten treu, den Hardlinern und der Weglaufhausgruppe, an der auch Nichtbetroffene beteiligt waren. Erst als bei einem Treffen, das wegen der Kinder in meiner Wohnung stattfand, per Abstimmung das Weglaufhausprojekt zunichte gemacht werden sollte, für das Tina Stöckle und ich gerade ein Konzept entworfen hatten, traf ich meine Entscheidung fürs Weglaufhaus und damit gegen den Rest der I.O. Es war eine verrückte Situation, im Rückblick auch eine komische. Da empfange ich ein gutes Dutzend Leidensgenossen, freue mich, bewirte sie, und zwei Stunden später flüchte ich aus meinem Wohnzimmer, stehe zusammen mit Tina ratlos in der Küche und habe das Gefühl, aus der eigenen Wohnung hinausgeworfen zu sein und nur der Kinder wegen ausharren zu müssen. Es dauerte lange, bis ich in der Weglaufhausgruppe das Gefühl hatte, wirklich mitreden zu können. Von Anfang an ging es viel um Politik, um Geld und um die Medien. Immer war zu wenig Zeit, um alles zu erklären und in Ruhe zu diskutieren. Man war hart und konzentriert bei der Sache, aber auch aufmerksam füreinander. Das Persönliche war nicht Thema, aber es fand statt. Für mich wurden die wöchentlichen Treffen des Vereins zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt zum wichtigsten Termin. Ich schrieb in Windeseile und in jeder freien Minute an meiner Diplomarbeit (»Die Sprache der Verrücktheit und die Entgegnung der Psychiatrie«, 1990). Meine beiden Töchter, deren Kindertagesstätte wochenlang bestreikt wurde, waren vier und sechs Jahre alt und sahen mich zu der Zeit nie ohne ein Buch in der Hand. Beim Kochen, wenn sie badeten, selbst beim Essen, beim Arzt, vor der Kasse im Supermarkt, auf dem Spielplatz, immer steckte meine Nase in einem Buch, und nur mit großem Geschrei und spektakulären Aktionen konnten sie mich daraus hervorlocken. Ich schreibe mir auch den Weg frei, raus aus dem Weglaufhaus? Immer wieder stoße ich auf Parallelen zwischen dem, was ich heute bezahlt tue, und dem, was ich damals von solchen Leuten wie mir heute erwartet habe. Ich stehe mir selbst gegenüber als die Bewohnerin, die in grenzenloser Wut und Verzweiflung brüllt und wütet und meine Beschwichtigungsversuche nur als unerlaubte Einmischung zurückweisen kann. Ich stehe mir auch als der junge Mann gegenüber, der ob dieser ganzen nervtötenden Gefühlsduselei das Weite sucht, als die ruhebedürftige Frau, die sich schimpfend endlich zur Wehr setzt, als das erschrockene Mädchen, das in der konzentrierten Atmosphäre Angst hat zu verschwinden. Kann ich mir die Psychiatrie vom Leib schreiben? Bin ich sie erst los, wenn sie in meinen Gedanken nicht mehr auftaucht, auch nicht antipsychiatrisch? Ist es eine besonders perfide Rache der Psychiatrie, daß wir im Weglaufhaus oft mit der Wut, dem Hass und der Zerstörung überschüttet werden, die die BewohnerInnen eigentlich ihr schulden? »Du unterliegst der doppelten Schwerkraft«, sagte vor zwanzig Jahren mein Therapeut zu mir. Damals nahm ich diesen Satz als finsteres Urteil, dessen Wucht in seinem Wahrheitsgehalt lag. Der Weg zwischen der dreizehnten Klasse und dem Abitur, den ich in diesem Buch beschrieben habe, hat mich tatsächlich schwerer gemacht. In meinen Träumen hüpfe ich gerne känguruhartig in weiten leichten Schritten über die Erde, kein Fliegen, nur ein schwereloses, zartes, gelegentliches Berühren des Bodens mit der Fußspitze. »Schwebt und schwindet«, so benenne ich grippeschwer das Jahr '99 und beginne zu schreiben. Beim Teekochen jagen sich vor dem Küchenfenster zwei Eichhörnchen durch die Bäume, Schwäne fliegen über das Haus, sechs Schwäne. »Was macht sie da?«, fragt in dem slowakischen Spielfilm »Der Garten« (Martin Sulik, 1995) der Vater seinen Sohn. Er blickt auf das Mädchen, das entspannt in der Luft liegt, flach über dem Gartentisch. »Schweben«, antwortet beiläufig der junge Mann, und der Vater: »Nun ist endlich alles so, wie es sein soll.« Ich schwebte gern. Verschwinden ist leichter. Hat das mit Glauben zu tun? Papa konnte nicht an Gott glauben, denn er war es selber. Ich glaubte lieber an den Gott der Kirche als an den zu Hause. Und dann glaubte ich, man müsse mir helfen. So unerschütterlich war ich in diesem Glauben, daß ich meine vielen Schutzengel immer aufs neue herausforderte: »Zeigt mir, daß die Mühe lohnt!« Erst in Häcklingen merkte ich, daß Rettung nicht mehr stattfindet. Und in Nürnberg war es mein zuverlässigster Retter, der mich aufgeben mußte, damit ich endlich von meinem Kinderglauben loskam. Es steckt ein ganz persönliches Interesse hinter diesem Buch, die Beschäftigung mit mir sollte für mich etwas Verbindliches haben, für alle anderen aber freiwillig sein und nicht ihrem Broterwerb dienen. Im Idealfall springt dabei auch etwas für sie heraus, die Ermutigung zu einem zweiten, späteren Blick, den die Distanz ebenso schärft wie sie das Urteil entschärfen kann. Ich würde auch gerne dazu anregen, den psychiatrischen Diagnosen wie auch den Akten nicht das letzte Wort zu lassen, sondern sie als eine zunächst träge Masse zu betrachten, die erst dann zur kritischen Masse wird und selbsterhaltende Kettenreaktionen in Gang setzt, wenn man ihr Glauben schenkt. Am Ende passt mir die ganze Geschichte nicht mehr. Sie kratzt und ist aus der Mode, Patchwork, ein zu grober Stoff, »homemade I'm afraid«. Ich passe mir ein Früher an, schneide weg, gebe dazu, wo es eng wird, säubere die Kanten. Soll ich mir eine andere Geschichte schreiben? Was gibt es zu fühlen? Ich würde gern verschiedene Geschichten probieren, hineinschlüpfen, mich unverbindlich in ihnen bewegen und schließlich diejenige auswählen, die Spielraum läßt, ohne die Form zu verlieren ein Kleid, das mit dem Tragen farbig wird und zu schimmern beginnt. Rezension von Irene Stratenwerth: Die Entdeckung des Eigensinnsin: Brückenschlag Zeitschrift für Sozialpsychiatrie, Literatur & Kunst, Band 17 (2001), S. 247-248 »Volljährig werden auf der Geschlossenen und drei Jahre in bodenloser Ferne von dem, was vorher war, und allem, was noch folgen konnte.« So fasst Kerstin Kempker auf der ersten Seite zusammen, wovon sie erzählen wird. Der Peter-Lehmann-Verlag bewirbt diesen Bericht als »das schönste Buch der Antipsychiatrie«. Um es vorweg zu nehmen: das ist keineswegs übertrieben. Kerstin Kempker ist ein aufwühlendes Dokument, ein präzises Protokoll und zugleich ein Roman von höchster literarischer Qualität gelungen. Aus einer Jugendkur im Allgäu wurde die störrische, unentwegt schreibende Jugendliche vor 25 Jahren in die Psychiatrie eingewiesen. Damit begann eine Behandlung, die sie innerhalb weniger Monate zerstörte: Vollgestopft mit Psychopharmaka, gequält mit Elektro- und Insulinschocks, schockiert auch vom ganz normalen Wahnsinn im Wachsaal einer Anstalt, entwickelte sich das junge Mädchen zu einem aufgeschwemmten, verstörten Wrack mit einem Anfallsleiden. Über Jahre sollte sich ihr Lebenswille nur noch in einer Form äußern: Dem Versuch sich umzubringen. Sie durchläuft verschiedenste psychiatrische »Angebote« der Anstaltspsychiatrie folgt das morbid-psychotherapeutische Ambiente des Nervensanatoriums »Bellevue« in der Schweiz und schließlich das sozialpsychiatrisch reformierte Häcklingen. Kerstin Kempker, so scheint es, gesundet schließlich nicht durch irgendeine Form psychiatrischer Hilfe, sondern trotz der Psychiatrie. Sie beginnt wieder zu schreiben, erschreibt sich ein eigenes Leben. Immer hofft man beim Lesen, dass diese Leidensgeschichte in ihrer Dramatik ein Einzelfall gewesen sein möge. Doch widersteht Kerstin Kempker der Versuchung, einen anklägerischen Skandalbericht abzuliefern. Sie erzählt ihre Geschichte in so gnadenloser Wahrhaftigkeit, dass gelegentlich sogar Mitgefühl mit denjenigen aufkommt, die sie von Berufs wegen zu betreuen und beaufsichtigen haben. Und auch die Schilderung ihrer tristen Kindheits- und Familiengeschichte gelingt ihr ohne Denunziation: Wer die Fünfziger und sechziger Jahre in Deutschland erlebt hat, wird darin beklemmend Vertrautes finden. Man hätte gern noch erfahren, wie das Wunder möglich wurde: dass aus diesem todessehnsüchtigen Ekelpaket, als das sie sich am Tiefpunkt ihrer Psychiatrisierung selbst empfand, innerhalb weniger Jahre wieder eine belastbare junge Frau wurde, die zwei Töchter großzog, studierte, sich in der Antipsychiatriebewegung engagiert und das Berliner »Weglaufhaus« mit aufbaute. Doch Kerstin Kempker behält vieles für sich, im wahrsten Sinne des Wortes: und gerade deshalb ist ihr Buch eine wunderbare Ermutigung zum Eigensinn. Rezension von Linde Schmitz-Moormann (Münster) im lichtblick-newsletter 2000 Die Geschichte einer Psychose wieder einmal? Ja, aber diesmal ganz anders: Hier erzählt eine Autorin mit großem literarischen Talent von ihrem dreijährigen Irrweg durch die Psychiatrie, in einprägsamen Bildern, trocken, witzig, lakonisch, immer das System durchschauend, nie larmoyant-anklagend, immer berichtend, beim Namen nennend. Der Leser ist von der ersten bis zur letzten Seite fasziniert, erfährt ein Stück Psychiatriegeschichte, möchte mehr wissen, geht ein Bündnis mit dem Opfer ein. Halt, nein: es gibt kein Opfer, das seine Befindlichkeiten beklagt, vielmehr eine Kämpferin, ein lebendiger Mensch mit großen Kraftreserven. Und wenn sie im ungleichen Kampf zwischen David und Goliath Fallen stellt und das kann sie gut hat sie allemal den Leser auf ihrer Seite.Mehr als in jedem Lehrbuch erfährt man bei Kerstin Kempker über psychiatrische Lehrmeinungen, zerstörerische Institutionen, fragwürdige Diagnosen und Therapien und hilfslose Helfer. Rezension von Ilse Eichenbrenner: Operation am offenen Herzen in: Soziale Psychiatrie, 24. Jg. (2000), Nr. 3, S. 54 Dieses Buch hat mich irritiert und verstört. Das kommt davon, wenn die Schubladen zu früh geschlossen werden. Ein Buch von Kerstin Kempker, der Herausgeberin des wunderbaren Weglaufhaus-Buches, erschienen im Antipsychiatrieverlag, das konnte nur brennende, wütende Propaganda sein. In drei Stunden war das zunächst spröde wirkende Buch ausgelesen, und meine Schubladen mussten neu sortiert werden. Sie beschreibt ihre enge, katholische Kindheit in Wuppertal und Mainz. Kerstin liest viel, sie schreibt viel, sie redet wenig. Sie ist ein schwieriges Mädchen eine Kur im Allgäu soll ihr guttun. Sie will vorzeitig abbrechen, gibt der Erzieherin ihr Tagebuch: »Da stehe alles. Sie nimmt es und geht. Es wird eine lange Nacht für mich, weil ich nicht schreiben kann. Und für sie, weil sie noch in der Nacht ihre Chefin und den Hausarzt alarmiert. Sie nehmen meine mehr allgemeinen als persönlichen Gedanken zu Sinn und Unsinn dieses Lebens, meine eher theoretischen Erwägungen der Fluchtwege als bare Münze. Sie kennen meine Freunde Camus, Kafka und Bernhard nicht und nicht die Befreiung, die ein zu Papier gebrachter und zu Ende gedachter Gedanke bringt.« Kerstin Kempker wird im Alter von 17 Jahren in die Mainzer Uniklinik gebracht. Dies ist der Beginn einer dreijährigen Tortur: hilflose Insulin- und Pharmaka-Therapie in Mainz, ratlose Psycho- und Soziotherapie im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen (Binswanger!), und ein letzter, vollends sinnlos erscheinender Aufenthalt in Häcklingen. Danach: eigene Wohnung, Ausbildung, Kinder und Studium der Sozialarbeit. Fast zwanzig Jahre später recherchiert sie ihre Psychiatrisierung, erhält Einblick in ihre Krankengeschichte, kopiert sie, eignet sie sich an. Warum verstört dieses Buch so? Kerstin Kempker vermeidet Diagnosen, psychodynamische Erklärungsversuche, Schuldzuweisungen. Sie zitiert die Terminologie der Ärzte und Therapeuten, übernimmt sie aber nicht. In einer stark verdichteten, enorm poetischen Sprache beschreibt sie die Ambivalenz der Heranwachsenden, ihre Sehnsucht nach Nähe, Vertrauen, Rettung. Dabei schont sie sich nicht. Ihre Aufenthalte sind fast ausschließlich freiwillig, sie provoziert, appelliert, balanciert auf allen Grenzen. So dies ist die erschreckende Erkenntnis hätte es uns auch ergehen können. Mit etwas Glück sind wir nicht psychotisch geworden. Aber wie viel mehr Glück hatten wir, ohne dieses tödliche Schlingern (und seine klinische Kasernierung) erwachsen werden zu können. Vor Beginn der Lektüre dieses Buches ging ich gewissermaßen in Deckung, Schläge aus einer ganz bestimmten Richtung erwartend. So war ich an den falschen Stellen ungeschützt. Psychiatrie das ist eben nicht nur Zwangseinweisung und Fesseln und Abspritzen. Psychiatrie ist auch die jahrelange Therapiesitzung, fesselnde Zuwendung, fürsorgliche »Auflockerung« durch Insulin und Psychopharmaka. »Mitgift« unterscheidet sich von anderen Erfahrungsberichten durch die formale Konsequenz; verflochten und doch klar zu erkennen sind die drei Stränge: Auszüge aus Epikrisen, Tagebuchnotizen, Rückschau. Keine geschwätzige Larmoyanz sondern poetisches Konzentrat. Kerstin Kempker hat am eigenen, offenen Herzen operiert und dabei kein einziges Mal gezuckt. in Forum Sozial Zeitschrift des Deutschen Berufsverbands für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Heilpädagogik e.V., 2002, Heft 1, S. 37-38Mittlerweile gibt es in Deutschland auch eine gut organisierte Betroffenenbewegung in der Psychiatrie. Mit der Flucht in die Wirklichkeit liegt ein spannend zu lesender Erfahrungsbericht über psychiatriekritische Ansätze der Selbsthilfebewegung vor. Beschrieben wird sehr eindrucksvoll der lange Weg gegen alle institutionellen Widerstände, mit dem sogenannten Berliner Weglaufhaus ein sicheres Psychiatrieasyl jenseits der herkömmlichen Psychiatrie zu schaffen. Dieses Buch dokumentiert sehr drastisch eine antipsychiatrische Wirklichkeit jenseits von Haldol und BAT-Sozialarbeit. (Ae) Rezension von Marc Rufer: Aus der Klinik herausgeschrieben Die Autobiographie der Psychiatriepatientin Kerstin Kempker in: Wochenzeitung (Schweiz), Nr. 47, 23. November 2000, S. 24 «Mitgift, Notizen vom Verschwinden», ein ehrliches Buch, ein mutiges Buch, ein poetisches, brillant geschriebenes Buch, ein packendes Buch. Es zeigt die Abgründe der Psychiatrie in schonungsloser Offenheit, es zeigt, dass die biologische Psychiatrie ihr Arsenal, Neuroleptika, Insulin- und Elektroschock hemmungslos einsetzt, wann immer sie dazu die Gelegenheit hat. Und diese Behandlung macht aus Kerstin Kempker, der verzweifelten, 17jährigen Jugendlichen, ein «aufgedunsenes, hässliches, pickelbedecktes Monster, das sich nur langsam bewegt, dem der Speichel aus dem Mund lauft und dessen Finger zu unbeweglichen Würsten mutiert sind». Parallel dazu wurde binnen weniger Wochen aus der ursprünglichen Diagnose «krisenhafte Pubertätsentwicklung» eine «endogene Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis». «Ich möchte beschreiben, wie Psychiatrie, wenn nicht tot, so doch verrückt macht.» Dies ist der Autorin überzeugend gelungen: Nur die, der es schlecht geht, ist eine «gute» Patientin. «Schlechter als mir geht's keinem. Ich kann es besonders schlimm.» «Ihr habt Angst um mich? Was gibt es Schöneres?» «Wir spielen das Psychiatriespiel, gewinnen kann es keiner. Es ist eine neue Sprache, die ich gelernt habe.» Ja, in der Psychiatrie lernen die Patientinnen viel, sie lernen vor allem, was es heisst krank zu sein, krank, verrückt, psychotisch, schizophren, suizidal. Ein verheerender Unterricht. Viele prägt dieser Stoff unwiderruflich für ihr verbleibendes Leben. Erlernte Hilflosigkeit. Auch in Kerstin reifte als Folge der Hospitalisierungen und Behandlungen die Überzeugung, man müsse ihr helfen. Äusserst schwierig, von diesem Glauben loszukommen, er macht hilflos, invalidisiert und chronifiziert. Doch nicht nur das: Klar wird auch, dass die Psychiatrie Tote produziert, Tote in grosser Zahl. «Dying is an art, like everything else. I do it exceptionally well.» Dieser Satz von Sylvia Plath war im Laufe der Hospitalisationen zum Motto von Kerstin Kempker geworden. Die Autorin hatte Glück, trotz mehrerer teils schwerer Suizidversuche blieb sie am Leben und handelte sich keine bleibenden Schädigungen ein. Ganz anders ihre «MitpatientInnen» Viele brachten sich um. Für Kerstin Kempker wurde klar, Hilfe gibt es hier keine. Sie beginnt wieder zu schreiben. «Die Toten, über die hier so leicht hinweggegangen wird, lassen mich nicht los. So makaber es klingt, sie sind es, die mich am Leben halten.» «Beim Schreiben finden meine Gedanken Buchstaben und kommen endlich einmal an die Luft.» Sie schreibt sich raus aus der Psychiatrie. Vieles ist dokumentiert in ihrem Buch, Texte, Träume, Gedichte (und auch ausdrucksstarke Zeichnungen) von damals, Briefe an ihr Phantom, einen Schweizer Schriftsteller; ihm schreibt sie die Briefe, die für alle anderen zu rücksichtslos und unvorsichtig wären. Doch schreiben kann auch verhängnisvoll sein. Ihr Tagebuch brachte die Autorin in die Psychiatrie. Die Betreuerin eines Heimes im Allgäu, wo Kerstin zur Kur weilte, ist überfordert von seinem Inhalt. Sie alarmiert den Hausarzt: «Sie kennen meine Freunde Camus, Kafka und Bernhard nicht und nicht die Befreiung, die ein zu Papier gebrachter und zu Ende gedachter Gedanke bringt. Man muss ihn dann nicht mehr denken, nicht mehr so.» Grund zur ersten Einweisung war also nicht in erster Linie das Verhalten von Kerstin, sondern ihr Tagebuch. Und das ist keineswegs aussergewöhnlich. All diejenigen, die sich auf irgendeine Weise am Rande der Gesellschaft bewegen, seien deshalb dringend davor gewarnt, die Geheimnisse ihres Innenlebens an Menschen, denen sie nicht restlos vertrauen, weiterzugeben. Etwas mehr als drei Jahre lang war Kerstin Kempker in drei verschiedenen Kliniken (darunter auch das Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen) psychiatrisch hospitalisiert. Drei verlorene oder besser gestohlene Jahre bis kurz vor ihrem 21. Geburtstag. Doch auch was folgte, war äusserst schwierig und beschwerlich. Nur langsam schaffte sie es, wieder Fuss zu fassen in der Welt der Normalen, fand erst im Laufe der Zeit einen Weg, der zu ihr passte: Abitur, Jobs, zwei Kinder, Studium der Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Autorin und Ko-Autorin von verschiedenen lesenswerten Büchern und Mitarbeiterin im bekannten Weglaufhaus in Berlin. So verstrichen nach ihrer Entlassung zwanzig Jahre, bis Kerstin Kempker fähig war, «die schwarze Kiste zu öffnen», das Buch «Mitgift» zu schreiben, in dem neben ihrer Zeit in der Psychiatrie auch ihre Jugend in einer Beamtenfamilie mit dem autoritären Vater und der strenggläubigen Mutter dargestellt ist. Das Buch ist fair. Es ist keine Anklageschrift, es beschreibt und dokumentiert. Kerstin Kempker rechnet nicht ab, die Psychiatrie entlarvt sich selbst: nicht zuletzt in den vielen Auszügen aus den teils entwendeten Klinikakten ~ bis heute tut sich die Psychiatrie bekanntlich schwer damit, den Betroffenen ihre Akten herauszugeben. Wer Kerstin Kempker heute kennen lernt, kommt nie und nimmer auf die Vermutung, dass sie diese schweren Zeiten in der Psychiatrie durchgemacht hat. So zeigt dieses Buch einerseits, wie leicht und unverhofft jeder in der Psychiatrie landen kann, andererseits bedeutet es eine riesengrosse Hoffnung für viele. Jede und jeder kann es schaffen. Niemand ist so verrückt, dass der Weg endgültig raus aus der Psychiatrie für ihn als unmöglich bezeichnet werden muss. Was es braucht dazu, ist Mut und den Willen, nicht unterzugehen. Kerstin Kempker hatte beides und auch das nötige Glück, zum Glück.
Rezension von Wolfram Pfreundschuh: Auf dem Boden der Angst Der ungewöhnliche Bericht einer Befreiung aus der Psychiatrie in: Tagesspiegel (Berlin) vom 15. Oktober 2000, S. W5 ; und in: BPE-Mitgliederrundbrief Nr. 3 / 2000, S. 16-17 Kerstin Kempker hat mehr als drei Jahre, drei sehr junge Jahre, in der Psychiatrie zugebracht. In ihrem mutigen Bericht mit dem Titel »Mitgift« geht es um Leben und um Zerstörung, um das Verschwinden des Selbst und um das Zurückfinden aus dem Nirgends. Ohne moralische Wertungen zeigt sie das pure Geschehen vor Ort und öffnet den Blick für die fast automatische Abwicklung einer fatalen Logik, welche mit der Diagnose, der Festschreibung einer »Krankheit« einsetzt. Kempker beschreibt ihre Kindheit, Familie und Schule, die Erziehung, die Fürsorge und die Bestimmung, welche diese Lebenswelt ausgemacht hat. Es ist die Welt ihrer Eltern, die eine Angst auslöst, deren Grund verborgen bleibt. Auf dem Boden dieser Angst wachsen Kinder auf, sie versuchen Sinn zu konstruieren, auch dort, wo Irrsinn herrscht. »Kinder sind zur Rettung der Eltern da«, hatte Franz Kafka einmal formuliert: Kerstin Kempker zitiert ihn bewusst. Widersinn in einer Familie erzeugt Scheinwelten und Unwägbarkeiten, verdrängt in einem lähmenden Alltag. Für das Mädchen Kerstin ist die Kindheit eine einzige Agonie. Zu ihrem eigenen Schutz wird eine fortwährende Selbstverleugnung, der Rückzug in sich selbst. An einer katholischen Mädchenschule erfährt die Schülerin die Gewalt jener höheren Ordnung, die Disziplin einer Weltherrschaft, die »IHM« zu Ehren und zu Diensten sein muss. Religion, Kirche soll binden. Doch die geforderte seelische Unterwerfung misslingt. Kerstin hasst dies alles, was sie lieben soll. Trotzig setzt sie sich, doch auf Kosten ihrer selbst. So wird das rituelle Fasten zum Hungern, der Ritus zum Protest. »Die Nonnen«, schreibt sie, »haben mich mehr gelehrt, als sie wollten.« Sie beginnt, sich zu verschließen, Sie schreibt. Das Tagebuch wird zum Dokument düsterer Gedanken. Die Protagonisten der Welt, ihre Lehrerinnen, verhalten sich ihr gegenüber immer absurder. Irgendwann gibt sie einer Betreuerin den Text. Darin stehe alles. Sie soll es lesen. Und sie liest. Mit diesem Augenblick beginnt die Mühle mahlen, die das Mädchen Kerstin fast zerreiben wird. Für die Betreuerin ist die Siebzehnjährige über Nacht ein pädagogischer Fall, für ihre Chefin ein medizinischer, für den Hausarzt ein psychiatrischer. Tatsächlich wird sie in die Psychiatrie mit der Diagnose einer »krisenhaften Pubertätsentwicklung« aufgenommen, vier Wochen später hat man schließlich »progrediente psychiatrische Auffälligkeiten« entdeckt, weil sich die »negativistische Haltung der Patientin verstärkt« habe. Ein Krankenbericht begründet das unter anderem damit, dass die Patientin ihr Frühstück verweigert. Schließlich lautet die Diagnose auf »Endogene Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis«. Gnadenlos wirkt die Logik der psychischen Diagnose. Sichtbare Verletzungen gibt es nicht, so wird der Mensch selbst zur Krankheit. Kerstin Kempker erfährt das ganze Arsenal psychiatrischer Heilkunst Neuroleptika, Insulinschocks, Elektroschocks. Die Eltern, denen es unerträglich wird zuzusehen, sehen sich nach Alternativen zur »klassischen Psychiatrie« um. So gerät die Tochter, als Patientin aus besserem Hause, in die Binswangersche Therapie in der Schweiz, in ein Sanatorium. Dort gibt es zwar keine offenen Disziplinierungen, dafür aber wieder Behandlung mit Neuroleptika. In einer abgelegenen Villa soll die Sinnfindung durch eine therapeutische Gruppe hilfsbereiter Menschen stattfinden. Aber Kerstin Kempker fürchtet, dass sie hier nicht mehr wegkommt. Denn hier sind »alle Stunden des Tages therapeutisch gestaltet« (Binswanger-Werbung), und die pausenlose Verständigkeit droht ihr den letzten eigenen Boden, die Abgrenzung, unmöglich zu machen. All das, was beziehungsfähig macht. In dieser schönen Alpenwelt denkt sie ans Sterben. Kein offenes Fenster, keine Tabletten dürfen für sie erreichbar sein. Sie sorgen sich hier wirklich sehr. Und die junge Frau beherrscht das Spiel mit ihrer Sorge: »So gut wie Ihr seid, so böse werde ich nie. Wir spielen das Psychiatriespiel, gewinnen kann es keiner. Es ist eine neue Sprache, die ich gelernt habe.« Zwei Jahre später wird sie in eine norddeutsche Sozialpsychiatrie verlegt, eine moderne Psychiatrie. Wer das veranlasst hatte, weiß sie nicht. Betreuer, Therapeuten sind aufgeklärt und erfahren. Aber auch belastet mit wissenschaftlicher Forschung, Besprechungen und Konferenzen. Sie haben wenig Zeit, sind überfordert und scheuen deshalb den direkten Kontakt. In der Verhaltenstherapie geht es liberal zu. Und hauptsächlich wird gemeinsam geplant, gearbeitet irgend etwas. Das Zusammenrechen von Laub mitten im Herbstwald kommt der Patientin sinnlos vor, ihr Dasein scheint ihr überflüssig. Doch die offene Form dieser Klinik hat ihre Vorteile: Kerstin gelangt an eine Schreibmaschine und bringt ihre Gedanken, ihren Hass und ihre Verzweiflung zu Papier. »Ich schreibe mich aus der Anstalt heraus.« Das ist ihr Weg. Sie studiert die eigenen Krankenakten und arbeitet auf. Sie findet ihre Sprache, auch mitunter eine literarische. Sie fotografiert, sie teilt sich mit. Ihre Pfade sind verrückt, voller Zweifel und Erschrecken. Aber am Ende dieser Geschichte steht hart erkämpftes Eigentum am eigenen Leben, eine große menschliche Leistung. Kerstin Kempkers Beschreibung verlorener Jahre klagt nicht an. Sie zeigt, wie es sein kann, dieses Gefängnis eines psychiatrischen Krankheitsbegriffs und seiner Mittel und Methoden. Ihrem Buch geht es nicht um die Frage des richtigen oder falschen Tuns, der besseren oder schlechteren Hilfe. Es geht überhaupt nicht um Fragen und Probleme der Helfer und Experten, und ihr Text hat auch nicht den Duktus einer »Expertin in eigener Sache«. »Mitgift« ist ein wichtiges Buch und ein schönes, Literatur und Dokumentation in einem. Es ist ein Buch, das Hoffnung macht auf eine menschliche Befreiung aus Ohnmacht und Verzweiflung. Rezension von Theodor Itten: Feuchte Augen in der Psychiatrie in: pro mente sana aktuell (Schweiz), 2000, Nr. 4, S. 30-31 Haben Sie den Film »Durchgeknallt« (Girl, Interrupted) von James Mangold, mit Winona Ryder und Angelina Jolie in den Hauptrollen, auch gesehen? Beide Hauptfiguren erleben auf verschiedene Art und Weise in der amerikanischen Psychiatrie der ausgehenden 60er Jahre Seelenterror pur. Hier ist ein neues deutsches Buch zu diesem Filmthema. Als Vietnam mit Giftbombenangriffen von den Amerikanern zerstört wurde, war das jugendliche aufkeimende Leben von Kerstin Kempker, geb. 1958 in Wuppertal, auch mit Gift bedroht. »Ich will mit euch ins Nichts gucken«, schreibt sie. Uns über das eigene Verschwinden in den persönlichen Gedanken informieren, »über die Bedeutung und die Last der Wörter und darüber, wie die Psychiatrie«, die sie als Patientin erlebt und heute als Fachfrau bestens kennt, »sie mit Gift, Strom, Vernebelung und Kälte auslöschen« wollte. Kempker gliedert ihr viertes Buch in drei gleichwertige Teile. Erstens:Vorher, wo sie die Lebenssituation zu Hause, in einer, aus dem Nichts durch intensives Arbeiten hochgekommen Beamtenfamilie, beschreibt. Im Herbst 1968 kommt die Autorin termingerecht aufs Gymnasium. Sie fängt an zu schreiben und zu schweigen. Was sie dabei sucht, ist eine Verständigung mit ihrer, uns allen wohlbekannten, schwierigen Lebensphase auf der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsenwerdung. »Ich erwarte aufrichtiges Mitleid und praktische Hilfe. Es gibt ratlose Blicke und halbherzige Angebote«. Eines dieser Angebote ist, eine Psychotherapeutin zu besuchen. Diese jedoch verweist sie an einen Psychiater. Da bockt sie, »ich bin doch nichtverrückt.« Aus der erhofften Psychotherapie wird nichts. Sie bekommt, von einer, zusammen mit der Mutter besuchten Psychiaterin, eine Kur im Allgäu verschrieben Aber da, fühlt sie sich am falschen Ort, in der falschen Menschenherde. Die Erwachsenen um sie herum, Eltern, LehrerInnen, BetreuerInnen merken es nicht. Als Flügelanker in diesem aufbrausenden seelischen Sturm, erweist sich ihr Tagebuch, in das sie im Bett, bei Taschenlampenlicht, ihre »düsteren Gedanken« notiert. Die Kur ist für sie nicht das, was sie braucht. Sie will die Heimreise antreten, und sagt einer Betreuerin, »dass ich es nicht mehr aushalte, dass das Kurprogramm mir mehr schade als nütze, und mich nur noch tiefer in mein eigenes Loch stürze.« Um dies zu beweisen, nimmt das Mädchen sein Tagebuch, aus dem bereits reisefertigen Koffer, und sagt: »Da steht alles« Die angesprochene Betreuerin nimmt es und geht damit zur Chefin, die informiert den Hausarzt, der alarmiert die Psychiatrie in Mainz, ein Bett in der Uniklinik für Psychotherapie wird für Kerstin reserviert. Die Mutter wird gebeten, ihre Tochter abzuholen. Vom 3.12.1975 - 12.2.1979 wird sie nun eine sogenannte psychiatrische Patientin/Insassin. Im zweiten Teil, ihres autobiographischen Berichtes; Anstalten, gibt Kempker uns intime Einblicke in Ihr versinkendes junges Leben in der Mainzer Uniklinik, (bei Professor Peters), dem Sanatorium Bellevue i in Kreuzlingen, (Prof. Binswanger) und zuletzt die Sozialpsychiatrie in Häcklingen (Prof. Niels Pörksen). »Sie spritzen mir täglich Insulin und legen damit eine verhängnisvolle Fährte. Sie legen mir enge Zügel an und wollen mich gleichzeitig mit Insulin auflockern« Eine klassische Beziehungsfalle, dieser Doppelknoten. Wie sinnlos grenzenlos und grenzenlos sinnlos. Als Kempker Prof. Peters bei einer Krankenvisite fragt:»Warum bin ich in der Psychiatrie?« antwortet er:»Sie wissen es ja selbst. Sie sind schizophren.« Ist das eine sinnvolle Antwort ? Wir müssen tief Luft holen bei dieser stigmatisierenden Diagnose, die den Ärzten eine Struktur gibt, und Verzweiflung und Aufruhr der PatientInnen besiegelt. Das ist kein Einzelfall, es ist die Norm. In der Folge wird sie mit Neuroleptika, Antidepressiva, Antiparkinson- und Kreislaufmittel, und tägliche Insulin-Injektionen behandelt. Die Behandlung seelisch Leidender ist so wie wir sie behandeln, und nicht anders. Kerstin nimmt an Gewicht zu (unerwünschte Wirkung der Medikamente), verstummt nach aussen immer mehr, und wird gegen innen, zur Seele hin immer verwirrter, durch das, was diese Menschen in diesen Institutionen mit ihr tun. Als sie dann noch Elektroschock bekommt, will sie nicht mehr leben. Kempker zeigt in der weiteren, feinfühligen Textfolge, indem sie ihre eigenen Tagebucheinträge von damals, mit der, von ihr mühsam erworbenen Krankengeschichten und die heutige, durch professionelle erworbene, distanzierte Aussensicht miteinander, wie unverständlich dieses psychiatrische System, heute, wie auch damals, für sie ist. Für uns in der Deutschschweiz Lebende, ist ihr Erfahrungsbericht, ihrer therapeutischen Behandlung im Sanatorium Bellevue (die Gebäude wurden im November 1989 abgerissen), welches von der grossen Ärztefamilie Binswanger, über mehrere Generationen erfolgreich geleitet wurde, und ein wichtiger Teil der innovativen Schweizer Psychiatrie verkörperte, ein Augenöffner vom Seeleninnern her. In Kreuzlingen geht es ihr schlechter als keiner anderen. Sie wird zum schwierigsten Fall. »Ich werfe euch die Kontrolle zu, gebe euch mein Leben in Verwahrung, ein Pfand, was ist es wert?« Sie testet die Glaubwürdigkeit der Pflegenden und misstraut ihren Sprüchen. Sie merkt, »wir spielen das Psychiatriespiel, gewinnen kann es keiner«, in der daseinsanalytisch geprägten therapeutischen Gemeinschaft. Als die deutsche Krankenkasse nicht mehr die 200 Sfr. pro Tag bezahlen will, wird eine Verlegung in die Modellklinik für gemeindenahe Versorgung in Häcklingen vollzogen. Auch dort erlebt sie, wie trotz Verhaltenstherapie und sozialpädagogischem Ansatz, ihre gesamte Lebenssituation sich nicht verbessert. Ihre Gedanken kann sie nicht in Ruhe äussern, ohne dass diese und sie sofort pathologisiert werden. MitbewohnerInnen dieser sozialpsychiatrischen Einrichtung zünden sich an, oder versuchen, mittels einer Überdosis von Schlaftabletten, aus diesem, für sie unerträglichen Leben, wegzugehen. »Ich sammle die Toten, und ich entwickle einen sehr vitalen Hass.« Mit dem, vom Vater zu einer Weihnachten geschenkten Fotoapparat, beginnt Kerstin ihre nahe und ferne Lebensumgebung abzulichten. Viele der damals entstandenen Bilder sind, zusammen mit Zeichnungen aus ihrer Hand, im sorgfältig gestalteten Buch, enthalten. Der dritte Abschnitt, Nachher geht der Frage nach: Was suchte ich, als ich in die Psychiatrie ging oder kam? Was wollte ich bekommen? Was für eine Biographie, was für ein Lebensentwurf passt zu mir? Um den aufkommenden Gedanken und Gefühlen Form zu geben, schreibt sie viele intensive Briefe um so in ihre Zukunft hineinzukommen. Ihre Wörterschiffe tragen sie in die Zukunft, stranden an neuen Ufern. Achtsam bewegt sie sich »draussen« unter Menschen ist. Wenn ich schon auf der Welt bin, will ich auch in ihr sein. Sie beginnt freier zu atmen, geht in eine ambulante Psychotherapie. Luft und Leben kriegen ist elementar. »Nichts ist erfunden, auch wenn nicht alles gesagt ist. Es ist keine Reise durch den Wahnsinn (ein Buch von Mary Barnes und Joe Berke, 1971), eher eine Geister- und Achterbahnfahrt in den Wahnsinn der Institution Psychiatrie, in die déformation professionelle ebenso wie die Deformation der Diagnostizierten, durch die Untiefen verschiedener psychiatrischen Schulen, kopfüber in eine leergefegte Existenz«. Heute arbeitet die Autorin, Dipl.-Sozialpädagogin und Mutter von zwei Töchtern, im Berliner Weglaufhaus, über das sie schon publiziert hat (Flucht in die Wirklichkeit, 1998). Kerstin Kempkers Mut, so offen und direkt aus ihrer verletzten Vergangenheit zu schreiben ist für uns alle, die zum Teil die Reformbewegung der Psychiatrie der 60er und 70er Jahren miterlebt haben, und solche die sie nur vom Hörensagen kennen, überaus wertvoll. Für alle sonst an dem Thema Interessierten ist dieses Buch ein »Denk-Mal« zum Luft- und Kraftholen für den eigenen Widerstand sich nicht ausgrenzen und stigmatisieren zu lassen. Und ja, die in Basel lebende Schriftstellerin Birgit Kempker (Liebe Kunst) ist Kerstin Kempkers Schwester. |