Taschenbuch,
317 Seiten, 11,7 x 19 cm, ISBN 978-3-925931-36-9. Berlin: Peter Lehmann
Antipsychiatrieverlag 2004. € 11.90 / sFr 21.30 / sofort lieferbar
Cover
im Großformat | Cover-Rückseite
| Autor
| Rezensionen | Literarischer
Stellenwert | Leseprobe
| Cover-Designer
| Infoblatt
zum Ausdrucken | English
information | Liefer-
& Zahlungsbedingungen incl. Widerrufsrecht | home
| zurück zur
letzten Seite
Roman. Originalausgabe
Original-Verlagsinfo
Mit groteskem
Witz nimmt Karl Koehler seine ehemaligen Kollegen und ihre Pharmaversuche aufs
Korn. Gumpelmann, Alter Ego des Autors, zeigt vor dem Hintergrund einer Versuchsreihe
mit dem legendären Psychopharmakon Oneirin zur Produktion der »paranoiden
Maus« die Absurdität der modernen alles verschlingen wollenden Psychiatrie
auf. Wer kann die Instrumentalisierung der Sexualität und das Eintauchen
in die Niedertracht nie endender Abhängigkeiten im klinischen Alltag besser
beschreiben als ein psychiatrischer Insider? Ein Roman in der Tradition
der subversiven Literatur der amerikanischen Postmoderne, der auch »Sex and
Drugs and Doo Wop« heißen könnte.
Der
Autor
Prof. Dr. med. Karl Koehler wurde 1935 in New York geboren,
ausgebildet an psychiatrischen Universitätskliniken in New York (Cornell), Homburg-Saar
und Heidelberg sowie am psychiatrischen Landeskrankenhaus Marburg, Habilitation
in Heidelberg, Professor für Sozialpsychiatrie an der Universitätsklinik Bonn.
Jetzt ist er im Ruhestand und lebt mit seiner Frau im Rheinland. Rezensionen
Wolf Buchwald, BVVP-Magazin (Zeitschrift des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten
e.V.), 4. Jg. (2005), Nr. 1, S. 38 »...es ist nahezu unmöglich, Psychiater
und gleichzeitig ein anständiger Mensch zu sein« schreibt eine Patientin
an den Leiter der (fiktiven) Mandelburger Klinik. Diesen Satz belegt Koehler in
seinem Buch ausgiebig und genüßlich. Die Lektüre macht gleichzeitig ungeheuren
Spaß und furchtbar wütend. Der Leser wird, hoffentlich, diesem unglaublichen Pandämonium
durchgeknallter Psychiater und Psychologen nie ausgeliefert sein. In der Mandelburger
Leitungsebene regieren Karrieregeilheit, Drogensucht, Sexbesessenheit und die
unheilvollsten gegenseitigen Abhängigkeiten. Die Patienten bleiben in diesem Getriebe
unbedeutende Schachfiguren, unterworfen einer nie durchschaubaren Willkür der
Ärzte. Besonders spannend macht dieses Buch die Tatsache, daß mit Koehler ein
hervorragend informierter Insider über das gnadenlose psychiatrische Treiben schreibt.
Der Leser kann also davon ausgehen, daß zwar einige Versatzstücke der Groteske
fiktiv sein mögen, der größte Teil aber aus dem richtigen Leben gegriffen ist.
Die Geschichte um die äußerst zweifelhafte Erprobung eines riskanten neuen Medikaments
an unwissenden Patienten offenbart, daß es in der heutigen Psychiatrie nicht um
das Wohl und Wehe der Patienten, sondern nur noch um Geld, Macht und persönliche
Eitelkeiten geht. Lesevergnügen und Entsetzen durchdringen sich gegenseitig.
Ein böses, ein wichtiges Buch.
Vicky Pullen: Kritik der Pharmaindustrie
mal witzig (in: Rundbrief des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener, 2005,
Nr. 1, S. 20) Auf ein Buch wie dieses haben wir schon lange gewartet: unterhaltend,
spannend wie ein Krimi und zugleich fachlich informativ. Auch wenn das Dargestellte
kräftig überzogen wirkt, bekommt der Leser einen Einblick in die Welt
der akademischen psychiatrischen Krankenhäuser und wird über Pharmastudien
und die Pharmaindustrie informiert. Der Autor beschreibt stets auf witzige
Weise, wie der Chef seine Macht ausnutzt und wie die hierarchischen Verhältnisse
sind. Immer wieder bereitet es Schwierigkeiten passende PatientInnen für
die Studie des neuen Psychopharmakons »Oneirin« zu gewinnen, da nicht
immer eine hundert prozentige Compliance besteht. Die PatientInnen haben leider
manchmal Symptome, die doch eigentlich Ausschlusskriterien für die Studie
sind. Das Sexualleben der Hauptfiguren des Romans kommt nicht im Mindesten
zu kurz. Ich vermute, der Autor wollte damit ausdrücken, dass Sexualität
häufig benutzt wird, um Menschen vor allem Frauen zu kontrollieren,
zu beherrschen und auszubeuten. Die Hauptbotschaft des Buches kommt meiner Ansicht
nach klar durch: Professor Gumpelmann, der großen Respekt für Menschen
mit der Diagnose Schizophrenie hat und an ihrem Wohlergehen interessiert ist,
ist der Lichtblick des Buches er verkörpert den Psychiater, der sich
tatsächlich noch auf die PatientInnen einlässt. Als Gumpelmann sich
entscheidet, zwei Monate früher in den Ruhestand zu gehen, schreibt er einen
Abschiedsbrief an den Direktor Dieser Brief ist für Psychiatrie-Erfahrene
ein wahres Goldstück! Die Haupthandlung des Romans ist die »Oneiron-Studie«.
Wird es genug Probanden geben? Spuren die Ärzte? Wie verhalten sich die Probanden?
Geht es um transparente oder geheime Forschung? Wird dabei das Selbstbestimmungsrecht
der Teilnehmer beachtet? All diese Fragen halten die Spannung der eigentliche
Genuss aber liegt in den Zwischenzeilen und Zwischeninformationen. Ich will nicht
zu viel verraten, nur so viel, dass wir dabei viel über Doo-Wop und das Verhalten
von Mäusen erfahren. Wer Sinn für Humor hat, freut sich sehr über
dieses Buch und wünscht sich, dass Karl Koehler bald ein neues schreiben
möge.
Constance
Dollwet, 2.2.2005
Der Leser erlebt hautnah mit, wie machtbesessen,
korrupt und skrupellos die Psychiater einer deutschen Uniklinik sind und ihre
Patienten als Versuchskaninchen für die Pharmaindustrie missbrauchen. Dem Autor,
einem pensionierten Professor für Sozialpsychiatrie, ist ein spektakulärer Roman
gelungen, gespickt mit deftigem Sex und beißendem Humor.
Rezensionen bei Amazon Gumpelmann
trifft den Nerv der Zeit
Es gibt eine Reihe belletristischer Werke, die sich kritisch mit
der Psychiatrie auseinandersetzen und längst als Weltliteratur gelten:
António Lobo Antunes, »Einblick
in die Hölle«. Anton Cechov: »Krankenzimmer
Nr. 6«. Janet Frame: »Ein Engel an meiner Tafel«.
Friedrich Glauser: »Matto
regiert«. Ken Kesey: »Einer
flog über das Kuckucksnest«. Marge Piercy: »Frau
am Abgrund der Zeit«. Samuel Shem: »Mount
Misery«. Wer meint, ein einziges dieser Meisterwerke sei
von Seiten der herrschenden Psychiatrie akzeptiert worden, ist ein
Narr. Auch »Gumpelmann« wird es nicht anders gehen. Psychiatrisch
Befangene werden ihm Einseitigkeit, Pauschalierung, Dogmatismus,
Geltungssucht und was auch immer vorwerfen im Glauben, damit Literaturkritik
zu üben. Mit seinem blendend formulierten und absolut spannenden
Roman hat Koehler einen freiliegenden Nerv getroffen: die unheilvolle
Verstrickung der Psychiatrie mit der Pharmaindustrie und den Herstellern
von Elektroschockapparaten. Das Geheul der Getretenen wird
hoffentlich noch lange anhalten, Gumpelmannseidank. Selbstständig
Denkende und freie Geister aller Länder: lest dieses Buch, Lesevergnügen
pur ist garantiert, dazu noch ein kleiner, aber feiner Einblick
in eine ansonsten geschlossene (nicht so feine) Gesellschaft, die
uns allen droht. (Hannelore Klafki, 7. Februar 2005)
Weitere
Rezensionen bei Amazon
Zum
literarischen Stellenwert Der Roman Gumpelmann stellt eine ziemlich
geschlossene, paranoide Welt dar. Eine absurde Welt, in der mit Patienten nicht
gerade zimperlich umgegangen wird, wenn es dem pathologischen Ehrgeiz einiger
psychiatrischer Forscher dient, die zu allem bereit sind, um ihre Studien durchzuführen.
Während in einem Kultroman wie Hellers Catch 22 das Militär
beispielsweise als Metapher für eine total verwaltete Welt, für ein
geschlossenes System steht, das für sich in Anspruch nimmt, rational zu sein,
aber tatsächlich nach völlig irrationalen Prinzipien operiert, fungiert
eine Pharmastudie in Gumpelmann als Metapher für eine alles-verschlingen-wollende
Psychiatrie, insbesondere die hyper-biologische Variante. Ja, die wirklichen
Eskapisten sind die Psychiater, die ins System der alles beherrschenden biologistischen
Lehrmeinung flüchten, während sich die ihnen Ausgelieferten diesem System
nur noch in ohnmächtigen Akten selbsterhaltenden Widerstands entziehen können. Mit
seinem Szenenwechsel, in dem sich Realsatire neben pseudowissenschaftlichen und
pseudopornographischen Sequenzen rasch ablösen, stellt Gumpelmann
eine komisch-groteske Attacke gegen die etablierten Formen sprachlichen und sozialen
Verhaltens in den Stätten der psychiatrischen Forschung dar. Genauso
wie es Menschen gibt, die sich über die politisch inkorrekten Darstellungen
in den Romanen von Thomas Pynchon und William Burroughs aufregen, wird es solche
geben, die Einwände gegen die psychiatrische Inkorrektheit von Gumpelmann
haben. In diesem Sinne leistet der Roman einen kleinen Beitrag zur langen Tradition
einer subversiven Literatur. Wahrscheinlich wird es einigen Lesern von
Gumpelmann wie beim Lesen von Burroughs The Naked Lunch ergehen. Dessen
in diesem Zusammenhang eiskalt grausam und komisch wirkende Härte und seine
monströsen Figuren, darunter auch verbrecherische Ärzte, schockieren
und desorientieren jeden Leser bisweilen völlig. Dennoch bleibt The Naked
Lunch ein moralisches Buch. Burroughs will seinen Roman ausdrücklich als
ein »Wort an die Klugen«, als eine Warnung verstanden wissen. Trotz
aller Aggressivität und Heftigkeit des Inhaltes übt Gumpelmann
auch eine moralische Funktion aus. Das Eintauchen in den Schlamm, in das Verworfene
und in die Niedertracht der nie endenden Abhängigkeiten, Machtspiele und
sexuellen Hörigkeiten kann letzten Endes doch reinigend wirken. In
einem Zeitalter, in dem die Pharmaindustrie leichtes Spiel zu haben scheint, auch
die Psychiatrie für ihre Vermarktungsstrategie einzuspannen, um eine weitere
Medikalisierung der gesamten Gesellschaft herbeizuführen, wird Gumpelmann
sehr bald seinen Platz als Deutschlands Antwort zum amerikanischen psychiatrischen
Kultroman Mount
Misery einnehmen. Cover-Desiger Anton
Blitzstein (Psychiatriebetroffener Künstler aus Wien): »Wie die Burka
in der Vergangenheit ein Symbol der Unterdrückung, so soll das Mondkalb in
Zukunft ein Symbol der Freiheit für Psychiatriebetroffene werden.« (in:
»Erste Wiener Narrenfreiheit«, hg. von der Gesellschaft zur Förderung
Psychiatrie-erfahrener Literatur, Ausgabe 2005, Vorwort, S. 3)
Leseprobe (S. 128-130)
Grabski kauerte nun auf allen Vieren in Schnarbachs Büro,
bereit, das Mahl zu verzehren, das auf den Boden vor ihn hingesetzt wurde. Es
bestand aus stinkenden Brocken fauligen Fleisches und madigem Reis und war mit
einer dicken, soßenartigen, braunen und zähen Flüssigkeit bedeckt. »Jetzt
friss«, kommandierte eine strenge Stimme. Grabski schob die Arme nach
vorn, legte die Hände flach zu beiden Seiten des Napfs auf den Perserteppich
und senkte den Kopf, bis seine Lippen die Speise berührten. Und als er mit
den Zähnen ein Stück Fleisch genommen hatte, lehnte er sich zurück
auf seine Hinterbacken, die Hände auf den Knien, und kaute schweigend. »Lächele
beim Kauen, Grabski«, befahl die Stimme. »Ich will dich lächeln
sehen, wenn du die leckere Mahlzeit genießt, die ich speziell für dich
zubereitet habe.« Obwohl Grabskis Gesicht mit einer klebrig braunen
Masse beschmiert war, von vereinzelten Reiskörnern gepunktet, versuchte er
zu lächeln, und dann kaute er weiter an dem faserigen, gammeligen Fleisch. »Hör
auf zu kauen und schluck es runter«, befahl die Stimme ungeduldig. »Ich
kann nicht den ganzen Tag darauf warten, dass du fertig wirst. Schluck es runter.« Grabski
kämpfte, um den Klumpen herunterzukriegen, aber der blieb ihm im Halse stecken,
und er fing an zu würgen. Kurz darauf aber gelang es, ihn die Speiseröhre
hinunter in den Magen zu zwingen, und auf allen Vieren begann er, sich zufrieden
grunzend durch das verbliebene Fleisch mit Reis zu wühlen. »Das
ist schon besser, Grabski, viel besser. Du weißt ja, es gefällt mir,
wenn du aus dem Napf frisst wie ein Hund und Laute von dir gibst wie ein Tier.
Ich möchte hören, wie du dich darüber freust, was dein Herrchen
dir gibt.« Nach zehn Minuten hatte Grabski das Fleisch mit Reis aufgegessen,
und nun fuhr seine Zunge hin und her durch den Napf, um ihn sauber zu wischen.
Als er fertig war, lehnte er sich zurück auf die Hinterbacken, die Hände
auf den Knien, und hoffte, dass sein Herrchen zufrieden war. »Grabski,
zum tausendsten Mal: Wenn ich sage, ich will den Napf sauber, dann meine ich wirklich
sauber. Da sind immer noch Soßenreste rechts unten am Rand. Leck sie ab!« Rasch
beugte Grabski sich nach vorn und beeilte sich, die belastenden Soßenspuren
mit der Zunge zu beseitigen. Er putzte den ganzen Napf unentwegt und voller Angst,
er könnte noch irgendwo etwas übersehen haben. Jawohl, dem Hohlkopf
musste man seine untergeordnete Stellung in der Klinik ständig bewusst machen,
dachte Schnarbach. Solange er die verinnerlicht hatte, würde er sich
anbrüllen, beschimpfen und maßregeln lassen. Aus eigener Erfahrung
wusste er nur zu gut, wie schlau, gerissen und gefährlich der Schurke sein
konnte. Sobald der eine Chance witterte, ihn zu stürzen, würde er rasch
handeln, der Serotoninpegel in seinem Blut würde dramatisch steigen und er
würde alles daransetzen, wieder das Alpha-Männchen zu werden. Wenn
er doch bloß für die Oneirin-Studie nicht auf dessen Psychopharmaka-Expertise
angewiesen wäre. Er war leider an Grabski gekettet, also musste er das Arschloch
unterstützen, ob er wollte oder nicht, es war eben nicht zu ändern.
Die Oneirin-Studie war einfach zu wichtig, er durfte nicht zulassen, dass seine
persönliche Abneigung gegen ihn seine Entscheidungen beeinflusste oder sein
Urteil trübte. Er wusste nur zu gut, seine eigenen Chancen, den begehrten
Lehrstuhl in Berlin zu bekommen, hingen einzig und allein vom Erfolg der Oneirin-Studie
ab. Aber eines Tages würde die Studie fertig sein, und dann könnte
er vielleicht auch ihn erledigen, ein für allemal. Plötzlich begann
die Phantasie, der Scharbach sich voll hingegeben hatte, zu verblassen, und die
Bäume im Hof vor seinem Bürofenster gewannen schnell ihre Konturen zurück. 
|