Birgit Heuer / Renate Schön
Lebensqualität und Krankheitsverständnis – Die Auswirkung des medizinischen Krankheitsmodells auf die Lebensqualität von chronisch psychisch Kranken

Cover Kartoniert, IV + 434 Seiten, 14,8 x 21 cm, ISBN 978-3-925931-30-7. Berlin: Antipsychiatrieverlag, korrigierte Neuausgabe 2004. € 38.90 / sFr 58.50 / sofort lieferbar In den Warenkorb

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Original-Verlagsinfo

Ist es das unangemessene ärztliche Handeln, das seelische Probleme chronifiziert und die Lebensqualität ›chronisch psychisch Kranker‹ verringert? Welche geschichtlich-philosophischen und sozialökonomischen Grundlagen prägen unsere Vorstellungen von Lebensqualität? Was sagen ›chronisch psychisch Kranke‹ selbst zu ihrer Lebensqualität unter psychiatrischer Behandlung? Wie wird Lebensqualität in der Medizin verwendet, und was bedeutet sie jenseits medizinisch-psychiatrischer Definition?

»Lebensqualität und Krankheitsverständnis – Die Auswirkung des medizinischen Krankheitsmodells auf die Lebensqualität von chronisch psychisch Kranken« erschien 2000 in erster Auflage im Antipsychiatrieverlag. Bei der Neuausgabe handelt es sich um eine korrigierte Fassung.

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung

  2. Zum Konstrukt »Lebensqualität«

    1. Annäherung an den Alltagsbegriff

    2. Die philosophische Tradition des Begriffs

      1. Die klassisch-griechische Antike

      2. Die hellenistische Zeit

      3. Das Mittelalter

      4. Die Neuzeit

    3. Politische und sozio-ökonomische Aspekte von Lebensqualität

      1. Menschenrechte und Grundrechte

      2. Der Begriff »Lebensqualität« in der Politik

      3. Sozialindikatorenforschung

      4. Lebensqualität in der Bundesrepublik

    4. Die Beschäftigung mit Lebensqualität in der Medizin

      1. Die Anfänge in der Onkologie

      2. Definition von Lebensqualität im medizinischen Bereich

      3. Einwände gegen Lebensqualitätsforschung

      4. Bedeutung der Lebensqualitätsforschung in der Medizin unter Berücksichtigung des sozio-ökologischen Gesundheitsbegriffs

      5. Der Missbrauch des Lebensqualitätsbegriffs und die starken Kräfte der Biomedizin

    5. Psychologie und Lebensqualität

      1. Zur Psychologie des Glücks

      2. Zur Psychologie der psychischen (seelischen) Gesundheit

    6. Eigene Auffassung zur Begriffsbestimmung

  3. Das Krankheitsverständnis in der Psychiatrie

    1. Die medizinische Denkweise

    2. Biologische Psychiatrie

    3. Der Zusammenhang zwischen Lebensbedingungen und psychischen Störungen als grundlegende Erkenntnis der Sozialpsychiatrie

    4. das ärztliche Handeln in der Psychiatrie

      1. Gewalt und Zwang

      2. Diagnose

      3. Psychopharmaka

      4. Psychotherapie von Psychosen

      5. Elektroschock

  4. Die Lebensqualität chronisch psychisch Kranker

    1. Die sozialen Probleme von Menschen mit psychischen Störungen

    2. Depressivität, Selbstmord und Verlust der Lebensfreude

    3. Arbeitslosigkeit

    4. Defizitäre Wohnbedingungen

    5. Soziale Isolation und Einsamkeit

    6. Eigene Erhebung zur Lebensqualität chronisch psychisch Kranker

      1. Zielstellung, Personenkreis, Methode

      2. Ergebnisse

      3. Interpretation und Diskussion

  5. Die Auswirkungen ärztlichen Handelns auf die Lebensqualität unter Berücksichtigung ausgewählter soziologischer Aspekte

    1. Auswirkung und Funktion von Zwang und Gewalt

    2. Auswirkung und Funktion der medizinischen Diagnostik psychischer Störungen

    3. Auswirkungen von Neuroleptika und Elektroschock

  6. Abschließende Überlegungen und Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis
Anhang

Vorwort

Die Idee zur Thematik der vorliegenden Arbeit entstand bei der Teilnahme am Kongress zur »Rehabilitation psychisch Kranker« im Mai 1996 in Hamburg. Der Begriff »Lebensqualität« tauchte dort im Zusammenhang mit der Verordnung atypischer Neuroleptika auf, welche die Lebensqualität verbessern sollen. Wir stellten uns die Frage, was der Begriff »Lebensqualität« überhaupt bedeutet und inwiefern die Psychopharmaka die »Lebensqualität« eventuell auch negativ beeinflussen könnten.

Während der Praxissemester arbeiteten wir in Einrichtungen zur Betreuung psychisch Kranker (Betreutes Wohnen, Sozialpsychiatrischer Dienst, Wohnheim). Dort beobachteten wir, dass die Einnahme von Medikamenten eine sehr zentrale Rolle für chronisch psychisch kranke Menschen spielt. Wir hatten den Eindruck, dass die Menschen dadurch sehr beeinträchtigt sind. Sehr auffällig waren die Bewegungsstörungen aller Art (Zittern, Verlangsamung, Unruhe etc.), die emotionale Labilität, eine sehr eingeschränkte Motivation und andere körperlich-seelische Missempfindungen. Wir hatten die Vermutung, dass diese Auffälligkeiten mit den Nebenwirkungen der Psychopharmaka zusammenhängen könnten. Weiterhin bemerkten wir häufig negative Folgen der stationären psychiatrischen Behandlung und eine starke Beeinträchtigung in vielen Lebensbereichen. Die Menschen sind besonders im Bereich der sozialen Beziehungen sehr eingeschränkt.

Alle diese Beobachtungen bewogen uns dazu, uns ausführlich mit dem Thema »Lebensqualität chronisch psychisch Kranker« im Zusammenhang mit der psychiatrischen Behandlung zu beschäftigen. Wir erachten die Thematik als höchst relevant für pädagogische Mitarbeiter, die in einer ambulanten oder stationären Einrichtung zur Betreuung psychisch Kranker tätig sind, da diese täglich mit der medizinischen Handlungsweise und deren Auswirkungen konfrontiert sind, und dazu auch Stellung nehmen müssen.

Unserer besonderer Dank gilt Kristin, die uns bei der statistischen Auswertung unserer Befragung mit Rat und Tat zur Seite stand, sowie auch Andreas, Carsten und allen anderen Personen, die uns während der Phase zur Anfertigung unserer Diplomarbeit motivierten und Abwechslung schenkten. Ein Dank auch an Prof. Dr. Heckmann für die gute Betreuung während der Arbeitsphase.

Einleitung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist die umfassende Erarbeitung des Konstruktes »Lebensqualität« und die Betrachtung der Auswirkung der medizinischen Behandlung auf die Lebensqualität psychisch Kranker, speziell chronisch psychisch Kranker. Dieses ist ein bisher wenig erforschter Bereich. Chronisch psychisch Kranke stehen unter ständiger ärztlicher Betreuung und müssen sich immer wieder in stationäre Behandlung begeben. Nichtärztliche Betreuer ordnen sich sehr häufig der medizinischen Handlungsstrategie unter.

Folgend erfolgt eine Aufzählung der Hypothesen, die mit dieser Arbeit untersucht werden sollen:

  1. Die zentrale Hypothese ist: »Die medizinische Behandlung in der Psychiatrie beeinträchtigt die Lebensqualität chronisch psychisch Kranker.«

  2. »Psychisch kranke Menschen sind Personen mit vielfältigen sozialen Problemen. Die medizinische Behandlung lässt diese weitgehend außer acht.«

  3. »Die Psychiatrie orientiert sich auf die Unterdrückung von Symptomen und nicht auf die Förderung von seelischer Gesundheit.«

  4. »Gewalt und Zwang spielen bei der psychischen Behandlung eine zentrale Rolle.«

  5. »Medizinische Diagnosen sind Etiketten, die soziale Probleme verschleiern und die Befindlichkeit negativ beeinflussen.«

  6. »Die Neuroleptika haben vielfältige negative Auswirkungen.«

Nach der Annäherung an den Alltagsbegriff »Lebensqualität« werden die geschichtlich-philosophischen Grundlagen detailliert beschrieben. Danach erfolgt die Auseinandersetzung mit den politischen und sozio-ökonomischen Aspekten von »Lebensqualität«. Besondere Aufmerksamkeit erfuhr die Betrachtung der Verwendung des Konstrukts im medizinischen Bereich, wobei der sozio-ökologische Gesundheitsbegriff berücksichtigt und die Gefahr des Missbrauchs erörtert werden. Nach der Auseinandersetzung mit den psychologischen Konstrukten »Glück« und »Seelische Gesundheit«, die für die Bearbeitung der Thematik sehr relevant sind, wird eine eigene Auffassung zur Begriffsbestimmung dargelegt.

Die Erarbeitung des Krankheitsverständnisses in der Psychiatrie erfolgt anhand der Darstellung zweier unterschiedlicher Modelle. Die Handlungsweise in der Psychiatrie wird eingehend erörtert. Die Lebensqualität chronisch psychisch kranker Menschen wird zunächst theoretisch herausgearbeitet und danach anhand einer eigenen empirischen Erhebung versucht zu belegen. Aus der Betrachtung der Auswirkungen und der gesellschaftlichen Funktion psychiatrischen Handelns ergeben sich entscheidende Schlussfolgerungen.