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Peter Lehmann
Schöne neue Psychiatrie, Band 1: Wie Chemie und Strom auf Geist und Psyche wirken


Einleitung

Wer Klarheit über die Risiken will, die mit der Verabreichung von psychiatrischen Psychopharmaka und von Elektroschocks verbunden sind, muss sich mit deren Wirkungsweise und Auswirkungen auseinandersetzen, erst recht, wenn ärztlicherseits das Interesse an einer umfassenden Aufklärung zu wünschen übrig lässt. Das Buch kann angesichts der Inhalte zugegebenermaßen keine leichte Lektüre sein. Umfassende und eindeutige Informationen, die in dieser Form den sogenannten Laien von den Ärzten und Psychiatern nach wie vor vorenthalten werden, sollen das psychiatrische Dilemma (»Schöne neue Psychiatrie«) beim Namen nennen und dazu beitragen, das kritische Potential der Betroffenen und ihnen nahestehender Personen weiterhin zu schüren. Sie können so – sofern sie überhaupt die Chance haben – selbst wählen und sich eigenständig für oder gegen Psychopharmaka und Elektroschocks entscheiden. Ist bereits ein Schaden eingetreten, soll der Nachweis erleichtert werden, dass der Schaden auf die Behandlung zurückzuführen ist.

Schöne neue Psychiatrie?

»Brave new world«, 1932 original erschienen, hieß der bekannte Zukunftsroman des englischen Wissenschaftlers und Literaten Aldous Huxley (1894 – 1963), sein prophetischer Alptraum einer übertechnisierten und entindividualisierten Welt, in der die Versklavung der Massen mit einem durch die Droge »Soma« garantierten und genormten Glück Hand in Hand gehen. 1959 veröffentlichte er »Brave new world revisited« (deutsche Übersetzung: »Wiedersehen mit der Schönen neuen Welt«, späterer Titel: »30 Jahre danach«). Huxley maß seine Visionen der 30er Jahre an der Realität der späten 50er und kam zu dem Schluss, dass ein Teil längst bittere Wirklichkeit geworden war. Hierzu zählte er die Manipulation des Menschen durch »Soma«. Der Titel »Brave new world« von Huxleys Satire ist einer Zeile aus der Komödie »The tempest« (»Der Sturm«) von William Shakespeare entlehnt, in der es heißt:

»O, wonder! / How many goodly creatures are there here! / How beauteous mankind is! O brave new world, / That has such people in't!« (Ausspruch Mirandas, 5. Aufzug, 1. Szene; deutsche Übersetzung: »Oh Wunder! / Was gibt's für herrliche Geschöpfe hier! / Wie schön der Mensch ist! Wackre neue Welt, / Die solche Bürger trägt!«

Im Kapitel »Chemische Beeinflussung« kam er u.a. auf den Neuroleptika-Prototyp Chlorpromazin, das chemisch eng verwandte Reserpin sowie den Tranquilizer Miltown (Wirkstoff Meprobamat; im Handel als Cyrpon, Epikur, Meprobamat, Meprodil, Microbamat, Miltaun, Pertranquil und Visano; enthalten in Lenticor und Medium) zu sprechen, die damals neuesten Produkte der psychopharmakologischen Industrie:

»Am meisten in der Öffentlichkeit angepriesen werden unter diesen die drei neuen Beruhigungsmittel Reserpin, Chlorpromazin und Meprobamat. Bei gewissen Klassen von Psychopathen angewendet, haben sich die beiden ersten als bemerkenswert wirksam erwiesen, nicht indem sie Geisteskrankheit heilen, sondern indem sie deren unangenehmere Symptome, zumindest zeitweilig, zum Schwinden bringen. (...) Keines dieser Mittel ist völlig harmlos; aber ihr Preis, in körperlicher Gesundheit und geistiger Leistungsfähigkeit ausgedrückt, ist außerordentlich gering. In einer Welt, in welcher niemand etwas umsonst bekommt, bieten Beruhigungsmittel sehr viel für sehr wenig. Miltown und Chlorpromazin sind noch nicht Soma; aber sie kommen gewissen Eigenschaften dieses mythischen Präparats ziemlich nahe. Sie gewähren zeitweilige Befreiung von nervöser Spannung, ohne in der großen Zahl der Fälle dauernden organischen Schaden zuzufügen und ohne mehr als eine ziemlich leichte Beeinträchtigung der geistigen und körperlichen Fähigkeiten während ihrer Wirkung zu verursachen.«

Wäre es Huxley vergönnt gewesen, noch »60 Jahre danach« zu schreiben, hätte er vermutlich den Boom an Tranquilizern für den Aufbruch in ein realisiertes modernes Somazeitalter gehalten. Dabei sind diese Substanzen nicht frei von unangenehmen ›Nebenwirkungen‹ und besitzen zudem ein abhängig machendes Potential. Studien über unerwünschte Wirkungen lagen zu seiner Zeit kaum vor, anders bei Neuroleptika. Interessant ist hier, dass Huxley offensichtlich ein Opfer von Manipulation und Schönrednerei geworden ist. Anders ist seine blauäugige Einschätzung der Negativfolgen von Chlorpromazin, Reserpin und Meprobamat als »außerordentlich gering« nicht zu erklären. Denn die Berichte über die Anwendungen aus den frühen 50er Jahren, die er sich hätte zugänglich machen können und in denen spontan auftretende Schäden im Mittelpunkt stehen, wiesen bereits mit aller Deutlichkeit auf mittel- und langfristige Schädigungen hin. Und so nimmt es nicht wunder, dass schon 1962 Walter Schulte von der Universitätsanstalt Tübingen die aufkommende »Schöne neue Psychiatrie« hinter den Anstaltsmauern wie folgt beschreiben konnte:

»Geht man heute durch die Abteilungen einer Anstalt, so ist eigentlich nicht mehr die Unruhe das Problem, sondern diese geradezu beunruhigende Ruhe der Erstarrung, Lähmung und Abstumpfung.«

Pro & contra Psychopharmaka / Elektroschocks

Ideologisches Fehlgeleitetsein, psychotische Wirklichkeitsverkennung oder Ignoranz infolge destruktiver Triebstruktur, das sind Etikettierungen, die viele Psychiater, die pharmazeutische Industrie und die von ihr mit teuren Anzeigen gesponserten Fachzeitschriften für die Warner vor unkalkulierbaren Risiken psychiatrischer Anwendungen parat haben, die sie für segensreich, einzigartig effektiv zu preisen keine Mühen und Kosten scheuen. Otfried Linde, Psychiater aus Rheinland-Pfalz, meinte in einer Werbeanzeige des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie e.V.: »Pharma-Fortschritt? Er hat vielen psychisch Kranken die Menschenwürde zurückgegeben.« Kurt Heinrich von der Psychiatrischen Anstalt Düsseldorf geriet ins Schwärmen, als er sein Psychiatriebuch einleitete:

»Richtig angewendet sind die modernen Psychopharmaka in der Lage, die Summe von Glück und Freiheit in der Welt zu vermehren.«

Auch der Elektroschock, die Auslösung eines epileptischen Anfalls mittels Stromschlägen durch das Gehirn, erscheint in mancher Schrift in rosigen Worten. In einem Buch heißt es unter dem Schlagwort »Heilkrampfbehandlung«:

»Diese ist bei sorgfältiger Indikationsstellung und unter den Bedingungen der heute geübten Technik (Narkose und Muskelrelaxation [-entspannung]) als komplikationslose und weitgehend nebenwirkungsfreie Therapie anzusehen.«

Dass Psychopharmaka, insbesondere Neuroleptika, Antidepressiva und Lithium, sowie Elektroschocks für die Betroffenen mitnichten eitel Sonnenschein bedeuten, zeigt eine zunehmende Zahl kritischer Veröffentlichungen. Sogenannte Nebenwirkungen von Psychopharmaka treten bei bis zu 100% der Behandelten auf, schrieben 1989 die Autoren des Buches »The limits of biological treatments for psychological distress« (»Die Grenzen der biologischen Behandlung psychischer Not«). In 5% bis 10% der Fälle führen die störenden Wirkungen zum Abbruch der Behandlung, in 7,5% aber zur Anstaltseinweisung und bei älteren Menschen in 20% zur Einweisung in psychogeriatrische Einrichtungen.

Dass sich viele Betroffene vehement gegen Psychopharmaka wehren, ist in psychiatrischen Schriften wie auch in der bürgerlichen Presse nachzulesen. Michael Heim von der Psychiatrischen Anstalt Arnsdorf/Dresden sprach 1992 von einer 60%igen Verweigerung. Wolfgang Böker und Kollegen der Universitätsanstalt Bern befragten die Behandelten beispielsweise zu ihrer Meinung über Neuroleptika und erkannten:

»Bezieht man in die gesamthafte Betrachtung die Werttönung der Äußerungen mit ein, dann überwiegen insgesamt die negativen Stellungnahmen der Patienten über positive Stellungnahmen.«

Dass dieses Dilemma für Psychiater nachvollziehbar sein kann, zeigen die Beobachtungen von Pascale Wohlgemuth aus Zürich:

»Wiederholt war ich bei Patienten, die ich selbst aufgenommen und zum Teil in der ersten Phase der Hospitalisation betreut hatte, schockiert und entsetzt über den Zustand, in welchem ich diesen nach Monaten auf offenen Abteilungen begegnete. Zwar waren sie meist wieder in einen Arbeitsprozess integriert, aber sie erschienen mir wie angepasste, geordnet wandelnde, roboterhafte Karikaturen von Menschen (...). Wie gut konnte ich es nachempfinden, wenn die Patienten meinten, sie fühlten sich wie lebendige Tote, unwirklich. Auch für schlechte ›Compliance‹ (Kooperation bei der Einnahme von Medikamenten) hatte ich in Anbetracht der erheblichen Nebenwirkungen Verständnis.«

Noch drastischer fallen Bemerkungen von Psychiatriebetroffenen aus, wenn sie freimütig und rückhaltlos reden können. Dies zeigt eine kleine Auswahl von Aussagen im vorliegenden Buch. Diese Psychiatriebetroffenen äußerten sich ohne Angst, ihre kritischen Aussagen könnten sich in erhöhten Dosierungen niederschlagen.

Es gibt aber auch Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen Psychopharmaka einnehmen – z.B. weil sie vor ihren Gefühlen und den Folgen ihrer Äußerungen mehr Angst haben als vor den Gefahren, die von den Mitteln ausgehen, mit denen sie ihre Gefühle unterdrücken oder kontrollieren wollen. Aus eigener mehrjähriger Erfahrung im Bereich der Psychopharmaka- und speziell Absetzberatung weiß ich allerdings, dass in aller Regel diese Menschen ursprünglich zur Psychopharmakabehandlung genötigt oder durch Falschinformation und mangelhafte Aufklärung verführt wurden. Das hat dazu geführt, dass viele, aus welchen Gründen auch immer, große Probleme haben, einen Ausweg aus der psychopharmakologischen Drehtürpsychiatrie zu finden, sofern sie ihn überhaupt suchen.

Psychiater sprechen in der Öffentlichkeit im wesentlichen von positiven Erfahrungen. Kritiker und Kritikerinnen lassen sie in aller Regel nicht zu Wort kommen, nicht in ihren Einrichtungen, nicht in ihren Zeitschriften, nicht auf ihren Veranstaltungen. Sie sprechen von Elektroschocks, die keine Schäden anrichten, von Neuroleptika und Antidepressiva, die nicht abhängig machen, von geringen Risiken, die zudem erst nach langer Zeit der Verabreichung, unter hohen Dosen und vorwiegend bei vorgeschädigten älteren Menschen in Einzelfällen auftreten. Eine Profession, die so wenig Kritik erträgt und – soviel soll vorweggenommen sein – Risiken und Schäden derart bagatellisiert, sollte sich nicht wundern, wenn davor gewarnt werden muss, ihr weiterhin Vertrauen entgegenzubringen. Diese Notwendigkeit wird besonders deutlich angesichts der Falschinformation bei Elektroschocks. Da sich Ärzte nicht viel anders verhalten als Psychiater, sollte auch ihnen mit Skepsis begegnet werden.

Letztlich ist es Sache der Leserinnen und Leser, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Da es außerdem viele mit diesen psychiatrischen Methoden behandelte Menschen gibt, z.B. im Bekanntenkreis oder in Selbsthilfegruppen, kann es auch ratsam sein, sie – die Betroffenen – nach ihren Erfahrungen zu befragen.

Lesehinweise

Untereinander sind sich Ärzte und Psychiater einig, dass innerhalb der einzelnen Psychopharmakaklassen keine selektiven Wirkungsunterschiede bestehen, aus denen eine differentielle Indikation abgeleitet werden könnte. Es sei ohne Bedeutung, ob die gleiche Wirkung beispielsweise von dem Neuroleptikum Trifluperazin (Jatroneural) oder von dem Neuroleptikum Thioridazin (Melleretten, Melleril, Sonapax) erreicht wird. Alle Psychopharmaka einer Klasse wirken mehr oder weniger gleich und haben im Prinzip dieselben Risiken und ›Nebenwirkungen‹. Leserinnen und Leser, die sich ausschließlich für die ›Nebenwirkungen‹ bestimmter Psychopharmaka interessieren, finden ein paar – allerdings nicht ausreichend kritische und vor allem unvollständige – Stichworte in der jährlich neu erscheinenden »Roten Liste«, im »Austria-codex« und im »Arzneimittelkompendium der Schweiz«. Diese Produktverzeichnisse der Pharmaindustrie können in Apotheken, Bibliotheken oder Arztpraxen eingesehen werden.

Beim Einsatz von Psychopharmaka geht es um eine indirekte Beeinflussung mentaler Prozesse. Zu diesen Prozessen sind die gesamte Geistestätigkeit und das psychische System zu rechnen. Die primäre Wirkung besteht aus einer Beeinflussung organischer Stoffwechselprozesse. Deshalb wäre es gerechtfertigt, die psychischen und die geistigen Wirkungen als die eigentlichen Nebenwirkungen zu bezeichnen. Der Begriff »Nebenwirkung« enthält jedoch die Vorstellung einer Zweitrangigkeit und Nebensächlichkeit. Außerdem ist die Sinnes- und Lebensweise des Menschen weder bloßes Anhängsel von Stoffwechselprozessen noch überhaupt von diesen zu trennen. Deshalb sollte vermieden werden, von »Nebenwirkungen« zu sprechen. Otto Schrappe, Direktor der Universitätsanstalt Marburg, zeigte in einem Artikel über u.a. unangenehme Wirkungen von Tranquilizern, wie die korrekte Ausdrucksweise aussähe. Er setzte Nebenwirkungen in Anführungsstriche und erläuterte sie in Klammern mit dem Begriff »Intoxikationserscheinungen«, zu deutsch: »Vergiftungserscheinungen«.

Bei Publikationen über die Wirkungen von Psychopharmaka wird meist der Wirkstoff genannt. Damit besser verstehbar wird, wovon die Artikel und Zitate handeln, gebe ich bei der jeweils ersten Erwähnung in Fußnoten oder Klammern die derzeit im deutschen Sprachraum handelsüblichen Produktnamen an. Das muss aber nicht heißen, dass die im Text erwähnten Substanzen unter einem dieser Handelsnamen eingesetzt wurden.

Als Kompromiss zwischen ästhetischen und praktischen Kriterien wählte ich das bereits angewandte Zitierverfahren. Dabei bezieht sich die erste Ziffer des Literaturhinweises – Beispiel: 441:1571 – auf die im Quellenverzeichnis aufgelistete soundsovielte (hier 441.) Quellenangabe; sofern vorhanden, weist die zweite Ziffer – im angeführten Beispiel 1571 – auf die betreffende Seitenzahl.

Die Übersetzung von Zitaten aus fremdsprachiger Literatur stammt von mir. Wo ich medizinisches Fachchinesisch zitiere, füge ich hinter den jeweiligen Fachbegriff in Klammern und Schrägschrift die Übersetzung in die Umgangssprache an.

Überblick

Drei Fragen sollen einführend beantwortet werden: Was sind eigentlich psychiatrische Psychopharmaka? Wie sieht der Aufbau des Zentralnervensystems (ZNS) aus, der Hauptangriffsort der modernen psychiatrischen Anwendungen? Weshalb soll man sich noch mit dem Elektroschock beschäftigen, ist er nicht überholt?

Die psychiatrischen Psychopharmaka

»Alle Substanzen, die den Aktivitätszustand des ZNS und damit psychische Prozesse beeinflussen, sind als Psychopharmaka im weiteren Sinne zu bezeichnen.«

Diese Definition stammt aus dem Buch »Pharmakotherapie – Klinische Pharmakologie«. Mit Psychopharmaka im engeren Sinn meint man diejenigen psychotropen, d.h. die Psyche beeinflussenden Substanzen, die – mehr oder weniger – gezielt eingesetzt werden, um psychische Veränderungen herbeizuführen. Werden sie mit medizinisch-psychiatrischen Überlegungen eingesetzt, nennt man sie psychiatrische Psychopharmaka. Dabei kommt es nicht darauf an, welche medizinische Grundausbildung der Verordner erfahren hat, ob er als Arzt oder Psychiater tätig ist. Die Psychiatrisierung des Alltags hat längst die Praxen von Allgemeinmedizinern und normale Krankenhausstationen und Altenheime erreicht. Überall werden psychiatrische Psychopharmaka als ›Medikamente‹ eingesetzt, auch ohne dass die Indikationen als ausgesprochen ›psychiatrische Krankheiten‹ kenntlich werden.

In der Medizin insgesamt, zu der sich auch die Psychiatrie rechnet, kommen aus der Vielzahl der psychotropen Substanzen – mit Ausnahme der Halluzinogene – Vertreter aller Gruppen zum Einsatz:

  • Neuroleptika, z.B. Chlorpromazin, Dapotum, Esucos, Haloperidol, Imap, Leponex, Nozinan, Risperdal, Truxal

  • Lithium und Antidepressiva, z.B. Anafranil, Aurorix, Fluctin, Insidon, Tofranil, Floxyfral

  • Tranquilizer, z.B. Halcion, Lexotanil, Librium, Ludiomil, Noveril, Rohypnol, Tavor, Valium

  • Hypnotika (Beruhigungs- und Schlafmittel), z.B. Amytal, Antabus, Baldrian, Distraneurin, Heroin, Luminal, Opium

  • Antiparkinsonmittel, z.B. Akineton, Artane, Cogentin, Parkopan

  • Antiepileptika, z.B. Finlepsin, Tegretal, Timonil

  • Psychostimulantien, z.B. Captagon, Kokain, Ritalin, Stimul, Tradon

  • Halluzinogene, z.B. Haschisch, LSD, Marihuana, Mescalin.

Das Schwergewicht des psychiatrischen Psychopharmakagebrauchs liegt bei Neuroleptika, Antidepressiva und Lithium; gelegentlich werden noch Tranquilizer gegeben. Antiepileptika werden wegen ihrer dämpfenden Wirkung ebenso eingesetzt wie Psychostimulantien, die man aufgrund ihrer ›paradoxen‹ Wirkung zur Ruhigstellung von ›Zappelphilippen‹ nutzen will. Antiparkinsonmittel, die auch psychische Auswirkungen aufweisen, benutzt man zur Unterdrückung neuroleptikabedingter Muskelstörungen.

Nichttranquilizer-artige Hypnotika werden in der Psychiatrie kaum verabreicht. Distraneurin und Antabus spielen bei der Behandlung alkoholabhängiger Menschen eine wichtige Rolle. Diese Substanzen sind deshalb in »Schöne neue Psychiatrie«, wo es im wesentlichen um die Behandlung von sogenannten psychischen Krankheiten geht, nicht angesprochen. Manche Autoren zählen hirndurchblutungsfördernde Mittel (Noo-, Neurotropika) zur Gruppe der Psychopharmaka. Wegen ihrer gefäßerweiternden und durchblutungsfördernden Wirkung verabreicht man sie bei gestörten oder abnehmenden Hirnleistungen vorwiegend im Alter. Unter den Indikationen finden sich auch psychische Zustände, z.B. emotionale Labilität, Verstimmungen, Unruhezustände und Verwirrtheit. Seit Jahren ist ein nahezu konstant steigender Absatz garantiert. Marktrenner unter den Wirkstoffen ist Piracetam (im Handel als Avigilen, Cerebroforte, Cerepar, Cuxabrain, durapitrop, Encetrop, Memo-Puren, Nootrop, Nootropil, Normabraïn, Novocetam, Piracebral, Piracetam und Sinapsan). Die therapeutische Wirkung der Nootropika ist umstritten, außerdem sind sie nicht frei von unerwünschten Wirkungen.

Im Arzneiverordnungs-Report werden seit Jahren immer wieder skeptische Stimmen laut:

»Die relativ hohen Kosten kontrastieren auffällig mit den unsicheren Erfolgen, die bei der Behandlung altersbedingter Hirnleistungsstörungen erreicht werden können.«

Neben Piracetam gehören folgende Substanzen zu den Nootropika: Cyclandelat (Cyclandelat, Natil), Dihydroergotoxin (Dacoren, DCCK, Defluina, DH-Tox, Ergodesit, Ergohydrin, ergoplus, Hydergin, Hydro-Cebral, Orphol, Progeril, Sponsin), Meclofenoxat (Cerutil, Helfergin), Nicergolin (Circo-Maren, duracebrol, ergobel, Memoq, Nicergolin, Nicerium, Sermion), Nimodipin (Nimotop), Pyritinol (Encephabol, Gerigamma, Logomed, Pyritinol) und Vinpocetin (Cavinton). Als unerwünschte Wirkungen können auftreten: Depressivität, Angst, Umtriebigkeit, erhöhte Erregbarkeit, Aggressivität; Herabsetzung der Krampfschwelle, Nervosität, starke Benommenheit, Schlafstörungen; allergische Reaktionen, sexuelle Stimulation, Appetit- und Gewichtszunahme, Magen-Darm-Beschwerden (Übelkeit, Brechreiz, Oberbauchbeschwerden), Blutdruckzunahme oder -senkung, Schwindel und vermehrter Speichelfluss.

Für jedes Psychopharmakon gibt es drei verschiedene Begriffe: den pharmakologischen Strukturbegriff, seine Kurzbezeichnung (auch internationaler Freiname genannt) und den Handelsnamen. Wer wissen will, zu welcher Gruppe ein bestimmtes Psychopharmakon gehört: im Anhang dieses Buches befindet sich eine Liste, die die Handelsnamen den Substanzgruppen zuordnet.

All diese Substanzen werden einzeln oder in Kombination gegeben. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man 5er-, 6er- und 7er-Kombinationen verabreicht, darunter Substanzen mit gegenläufigen pharmakologischen Prinzipien oder etwa eine Lithium-Carbamazepin-Haloperidol-Kombination.

In Universitätsanstalten testet man immer wieder neue Substanzen, die in den Chemielaboren der Pharmafirmen entwickelt werden. Dabei überwiegt das Angebot die Nachfrage bei weitem, wie Hanfried Helmchen von der Berliner Universitätsanstalt mitteilte:

»Werden im allgemeinen für bekannte Krankheitsbilder Medikamente gesucht, so werden hier für interessante Substanzen Indikationen gesucht. Solche ›Indikationen‹ mögen durchaus außerhalb konventioneller psychiatrischer Nosologien (Krankheitslehren) liegen: z.B. Erschöpfungszustände bei überarbeiteten Managern oder berufstätigen Müttern, ›Schulmüdigkeit‹, Konzentrationsstörungen, aggressive Zustände bei Strafgefangenen, schizoide (kontaktarme, ungesellige) oder zyklothyme (durch ausgeprägte Stimmungswechsel charakterisierte) Persönlichkeitsstrukturen, Empfindlichkeit gegen Geräusche, leichter Schlaf (...). Wenn wir davon ausgehen, dass unsere Welt immer künstlicher, ›menschengemachter‹ werden wird, gleichzeitig die Anforderungen der Leistungs- und Massengesellschaft an unsere psychische Stabilität immer größer werden, muss dann nicht jede mögliche chemische Beeinflussung psychischer Funktionen auf ihre eventuelle soziale Brauchbarkeit hin untersucht werden?«

Wie naiv und gutgläubig macht sich dagegen doch Huxleys Alptraum aus.

Elektroschock

Elektroschocks, obwohl in Deutschland, Österreich und der Schweiz nie völlig aus der Mode gekommen, haben ebenfalls einen Aufwärtstrend. Mit steigender Akzeptanz sozialdarwinistischer und rassistischer Werte in Teilen der Bevölkerung werden auch diejenigen psychiatrischen Maßnahmen wieder interessanter, die in den rechtsfreien Räumen der faschistischen Diktatur ihren Durchbruch erlebten. In den letzten Jahrzehnten hatten Anästhesistinnen und Anästhesisten, ohne die die Schockprozedur, die fachintern umstrittenste Maßnahme der Medizin, nicht durchgeführt werden kann, offen oder verdeckt ihre Dienstleistung verweigert, so dass an vielen Einrichtungen der Vollzug von Elektroschocks undurchführbar war.

Wie bei psychiatrischen Psychopharmaka gelten auch bei Elektroschocks die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht und das Alter als Risikofaktoren, um solch einer Behandlung unterzogen zu werden. So ergab eine Studie von Roland Littlewood und Sybil Cross in Großbritannien 1980, dass von allen Elektrogeschockten 80% Frauen sind. In den USA sind zwei Drittel der Elektrogeschockten weiblichen Geschlechts, die Mehrheit davon älter als 65 Jahre. Frauen, die man elektroschockt, bleiben laut einer vielzitierten Studie aus dem Jahre 1968 mit durchschnittlich 234 Tagen auch wesentlich länger in der Anstalt als Männer (mit 160 Tagen).

In den letzten Jahren werben Psychiater und deren journalistische Lobby wieder für mehr Elektroschocks. »Viel zu selten« wird nach Hans Lauter von der Technischen Universität München, einem der Protagonisten dieser Methode, der Elektroschock verabreicht. 96% der leitenden Psychiater in deutschen Universitätsanstalten seien für Elektroschocks. Wie wenig dazugehört, als Rebell unter Psychiaterkollegen zu zählen, wird an Klaus Dörner von der Psychiatrischen Anstalt Gütersloh deutlich. Dieser lehrt ›nur‹ den Vollzug des Elektroschocks, setzt ihn aber momentan in der eigenen Anstalt nicht ein – allerdings unter der Prämisse, dass

»... morgen ein Tag kommen kann, der mich einem Patienten begegnen lässt, bei dem ich die Indikation für die Elektrokrampftherapie befürworte.«

Gegenüber der Münchner Illustrierten äußerte Fritz Reimer, ehemaliger Vorsitzender den Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde e.V. (DGPN), 1988:

»Ich hoffe, dass bald alle wieder schocken. In Schweden, der Schweiz, England oder Holland hat die Psychiatrie einen wesentlich höheren Standard, d.h. es wird dort sehr viel mehr geschockt als bei uns.«

Ausgerechnet auf die Volksrepublik China berief sich 1992 der US-Amerikaner Max Fink, Anführer der internationalen Elektroschockfraktion, als er sich auf einer Werbetour für seine bevorzugte Methode durch Europa befand: »In China sei die EKT (Elektrokrampf-›Therapie‹) weit verbreitet...« – was in Anbetracht der dortigen Verhältnisse wenig überrascht.

Laut Here Folkerts von der Universitätsanstalt Münster sollten die Schocks bis zu zwei Minuten dauern. Einigkeit bestehe zwischen ihm und seiner Kollegenschaft,

»... dass ein generalisierter Krampfanfall – wenn auch durch die Relaxierung modifiziert – die Conditio sine qua non (unerlässliche Bedingung) für die therapeutische Wirkung darstellt.«

Er meinte 1995 im Deutschen Ärzteblatt, Elektroschocks hätten in den letzten zehn Jahren wieder an Bedeutung gewonnen, ihre Anwendungsbreite habe zugenommen, und die Betroffenen seien mehrheitlich sehr zufrieden. Beispiele und Gründe für eine auch nur ansatzweise Unzufriedenheit oder eine strikte Ablehnung der ›therapeutischen‹ Stromstöße durch das Gehirn nannte er allerdings nicht, Berichte über Risiken und Schäden stritt er rundherum ab. Seine unkritische und einseitige Haltung fand im folgenden Jahr in der gleichen Zeitschrift immerhin eine radikale Absage, und zwar durch die Ärztin Eva Heim aus Karlsruhe. Eva Heim wies Folkerts zurecht: Tierversuche, bei denen man schon bei vergleichsweise sehr geringer Dauer und Stärke erhebliche Hirnschäden nachwies, habe er ebenso verschwiegen wie die eher gestiegene Krampfdauer und Stromstärke:

»Doch selbst wenn dem nicht so sein sollte, bleibt die conditio sine qua non dieser Therapie der iatrogen provozierte, in kurzen Abständen mehrfach wiederholte Grand-mal-Anfall, ein Ereignis, das neurologischerseits unter Einsatz massiver Medikation zu vermeiden versucht wird, vor allem wegen der im Verlauf der Krankheit erworbenen Hirnschädigung und der daraus folgenden epileptischen Demenz.«

Folkerts forderte 1995 in der Psychiater- und Neurologenzeitschrift Nervenarzt, auch verschiedenste neurologisch begründete Krankheiten sollten zum Anlass für Elektroschocks genommen werden. Bedenken seien zumeist nicht angebracht:

»Entgegen der Erwartung mancher Neurologen oder Internisten gibt es kaum Kontraindikationen...«

U.a. nannte er folgende Indikationen für Elektroschocks: Schüttellähmung, Encephalomyelitis disseminata (multiple Sklerose; entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems), Alzheimer-Demenz, Jakob-Creutzfeld-Erkrankung (mit Muskelstörungen und deliranten Symptomen einhergehende Erkrankung des ZNS), Veitstanz, Alkohol- und Barbituratentzugsdelir, Wernicke-Enzephalopathie (Stammhirnerkrankung u.a. bei chronischem Alkoholismus und der Vitaminmangelkrankheit Beriberi), Urämie (Harnvergiftung), Schädelhirntrauma, Hirntumor, Myasthenia gravis (fortschreitende Schwäche der quergestreiften Muskulatur), Muskeldystrophie (fortschreitende entzündliche Muskelerkrankung mit Schwund der rumpfnahen Muskulatur), Friedreich-Ataxie (mit fortschreitendem Muskelschwund einhergehende Erkrankung des ZNS), Lupus erythematodes (Schmetterlingsflechte), Neurosyphilis, Morbus Wilson (Symptomenkomplex mit u.a. Leber und Gehirn betreffender Degeneration), Hypophysenvorderlappeninsuffizienz (Unterfunktion des hormonaktiven Teils der Hirnanhangdrüse), Epilepsie und Depressionen nach Kohlenmonoxidvergiftung oder bei Thalamussyndrom (Sensibilitäts- und Sehstörung bei Verletzung des Thalamus) nach Hirninfarkt. Allerdings, so Folkerts bedauernd,

»... sind die immer noch grassierenden Vorurteile gegenüber der EKT auszuräumen. Diese effektive Behandlung sollte keinem Patienten aus Unkenntnis oder wegen emotionaler Ablehnung vorenthalten bleiben...«

Zahlen zur Elektroschockverabreichung nannte Heinrich Sauer von der Universitätsanstalt Heidelberg. 1985 seien in der BRD lediglich ca. 500 Menschen Elektroschocks verabreicht worden, was eine Behandlungsfrequenz von 0,08 pro 10.000 Einwohner darstelle. In Großbritannien mit fünf oder in Dänemark mit 3,8 Anwendungen pro 10.000 Einwohner würde wesentlich mehr geschockt, selbst in der Schweiz sei die Rate mit 0,25 um einiges höher. Dabei liege die »minimal erforderliche Anwendungsfrequenz« zwischen 3,0 und 4,5, was bedeute, dass die Schockrate in der BRD um das 25fache steigen müsse. Unter der Überschrift »Rettung aus der Steckdose« warb der Mediziner Hans Harald Bräutigam im November 1992 in der Zeit. Ihn hatten die Wellen des »1. Europäischen Symposiums über die Elektroheilkrampftherapie« erreicht, das Fink und seine Anhänger im Frühjahr desselben Jahres im Anatomischen Institut der Universität Graz veranstaltet hatten. Anschließend waren in vielen Städten regionale Propagandaveranstaltungen (›Fortbildungsreihen‹) durchgeführt worden.

Geschockt wird auch in Österreich. In Convulsive Therapy, der Zeitschrift der Freunde des Elektroschocks, berichteten P. König und Kollegen der Psychiatrischen Anstalt Valduna in Rankweil/Vorarlberg über seit 1984 wieder ansteigende Schockraten in ihrer Einrichtung. Zwischen 1980 und 1987 seien durchschnittlich 0,7% aller Insassinnen und Insassen ihrer Anstalt zehnmal, 15mal und mehr geschockt worden. Da sie die Kombination von Elektroschocks und Psychopharmaka für die beste Behandlungsmethode hielten und keinerlei Kontraindikationen sahen, ist anzunehmen, dass auch hier ein Signal für mehr Elektroschocks gegeben werden sollte.

Auch in der Schweiz entfachten Psychiater eine Pro-Elektroschock-Kampagne. Nachdem hier 1981 die Zahl der Elektrogeschockten auf 166 gesunken war, hatte sie sich 1985 bereits mehr als verdreifacht. Wie der Züricher Arzt und Psychotherapeut Marc Rufer 1992 warnte, plante zu diesem Zeitpunkt jede zweite Anstalt, zukünftig vermehrt zu schocken.

Eine Aufklärung über Risiken von Elektroschocks für die Betroffenen ist nicht vorgesehen. Auf eine parlamentarische Anfrage von 1990 antwortete die Westberliner Senatsgesundheitsverwaltung, »Aufklärung sei ›kein Entweder-Oder-Ereignis‹, sondern ein ›auf das Vermögen (gemeint: Einsichtsfähigkeit, P.L.) des Patienten abgestellter Prozess‹«. Die Auskunft war von Psychiatern derjenigen Anstalten formuliert worden, in denen schon seit jeher Elektroschocks verabreicht werden. Von einer rechtswirksamen Entscheidung der Betroffenen, ob sie ihre Gehirne – in Kenntnis aller möglicher Risiken und sonstiger für ihre Entscheidung wichtiger Faktoren – Elektroschocks aussetzen und epileptische Anfälle erleiden wollen, war auch hier keine Rede. Eine schriftliche Information über die Gefahren sei – so die Gesundheitsbürokratie – ein »unmenschlicher Vorschlag, der eine Krankenbehandlung mit bürokratischer und juristischer Patientenverwaltung verwechsle«.

In der Vergangenheit befassten sich nur wenige Studien mit der Frage, ob und worüber Psychiater vor anstehenden Elektroschocks aufklären. Im Australian and New Zealand Journal of Psychiatry äußerten sich R.A. Kerr und Kollegen 1982 dahingehend, dass 59,9% aller Betroffenen aussagten, man habe ihnen niemals mitgeteilt, was vorgehe. 1989 publizierte Katy Malcolm vom Northern General Hospital in Sheffield eine Studie über die Ergebnisse einer Befragung von 100 Personen, die zwischen Februar 1986 und März 1987 in ihrem Krankenhaus sowie im Sheffielder Middlewood Hospital Elektroschocks erhalten sollten. In aller Regel waren die Befragten, die fast ausnahmslos unter Neuroleptika oder Antidepressiva standen, über mögliche Risiken und Schäden völlig im unklaren gelassen worden. Malcolm schrieb über den Wissensstand der Betroffenen nach dem Arztgespräch, in welchem meist die Einwilligung zur Elektroschockbehandlung erfolgte, selten die Ablehnung (der dann z.T. trotzdem und zwangsweise verabreichten Elektroschocks):

»Die meisten Patienten (89) wussten, dass man ein allgemeines Anästhetikum anwendet, aber weniger als die Hälfte der Patienten war informiert über andere entscheidende Informationen in bezug auf EKT einschließlich der Tatsache, dass man Elektroden benutzt und dass elektrischer Strom durch das Gehirn geleitet wird. Nur 16 Patienten wussten, dass man einen Krampfanfall auslöst, einige machten Kommentare wie ›Sie würden die Behandlung stoppen, wenn man einen Anfall hätte‹ und ›Ich bin sicher, dass die Ärzte mir niemals so etwas antun würden‹. Es gab wenig Bewusstheit über die Anzahl der Behandlungen und Behandlungsintervalle, und eine übliche Fehlannahme war, es sei nur eine Behandlung vorgesehen. 40 Prozent der Patienten dachten, die Behandlung würde zukünftigen depressiven Episoden vorbeugen. Eine Differenzierung der Daten nach dem Alter zeigte, dass die Unter-65-Jährigen viel besser informiert waren als die älteren Patienten, besonders hinsichtlich der Tatsache, dass man Elektroden benutzt, ein Strom fließt und ein Krampfanfall auftritt. Männer hatten tendenziell ein größeres Gesamtwissen als Frauen. (...) 33 Patienten sagten, man hätte ihnen die Prozedur überhaupt nicht erklärt, aber nur zwölf von ihnen hatten das Gefühl, dass dies unbefriedigend ist. Der Rest machte Bemerkungen wie ›Ich bin glücklich, den Doktor entscheiden zu lassen, was am besten für mich ist‹.«

Abzuwarten bleibt, ob neben Elektroschocks auch Lobotomien eine Renaissance erleben werden. Die operative Durchtrennung von Nervenbahnen im Vorderhirn war ebenfalls im Faschismus als psychiatrische Therapie entwickelt worden. Lobotomien werden, wenn auch nur vereinzelt, immer noch durchgeführt, auch in Deutschland. Als Indikationen gelten »Depressionen«, »Angst- und Zwangsneurosen« und »manisch-depressives Irresein«. Manfred Bleuler von der Universitätsanstalt Zürich verwies 1983 darauf, dass in manchen Anstalten »die Indikation selbst bei Kranken gestellt wird, die nicht schwer und unheilbar psychotisch sind«. 1991 beschrieb der Independent die Situation in Großbritannien, wo diese Prozedur mit neuester Technik und – wie üblich – angeblich komplikationslos durchgeführt werde. Man wende das Verfahren nur an, wenn andere Maßnahmen, z.B. umfassende Kombinationen von Psychopharmaka und Elektroschocks, nicht geholfen hätten. Es sei bemerkenswert sicher, so eine Interviewaussage des Psychiaters Paul Briedges vom Brook Hospital in London, Persönlichkeitsveränderungen fänden nicht statt.

Weder Psychopharmaka noch Elektroschocks noch Lobotomien führen zu irgendwelchen gesundheitlichen Problemen – meinen viele Psychiater bei Auftritten in der Öffentlichkeit sowie im Gespräch mit Betroffenen und ihren Angehörigen vor Behandlungsbeginn. Die Wirklichkeit sieht dann anders aus.

(Quellennachweis siehe Buchtext.)