Claudia Brügge
Wohin mit dem Wahnsinn?
Ausgewählte Aspekte der Kontroverse um Anstaltspsychiatrie und mögliche Alternativen – Kritischer Überblick über psychiatrische, antipsychiatrische und feministische Positionen – am Beispiel der Konzeptionen von Soteria (Bern), vom Weglaufhausprojekt Berlin und vom Therapieansatz Polina Hilsenbecks (München)

CoverKartoniert, 275 Seiten, 6 Abbildungen, 14,8 x 21 cm, ISBN 978-3-925931-29-1. Berlin: Antipsychiatrieverlag, korrigierte Neuausgabe 2004. € 29.90 / sFr 44.90 / sofort lieferbar In den Warenkorb

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Mit ausführlichen Interviews und umfangreichem Quellenmaterial

Original-Verlagsinfo

Ausgehend von den umstrittenen Behandlungsmethoden in der Psychiatrie und einer Kritik des Krankheitsbegriffs fragt Claudia Brügge nach angemessenen und respektvollen Möglichkeiten des Umgangs mit Menschen, die unter psychischen Problemen leiden.

Im Gegensatz zur Psychiatrie sollen in alternativen Einrichtungen die Subjektivität und Biographie der Betroffenen im Zentrum stehen. Wo liegt der qualitative Unterschied der Strukturen? Wie sieht das andere Psychoseverständnis aus, worin zeigt sich der andere Umgang mit Psychopharmaka?

In der vorliegenden Studie interviewte die Autorin MitarbeiterInnen der Soteria Bern, des Frauentherapiezentrums München und des Weglaufhausprojekts Berlin. Sie erläutert, unter welchen Bedingungen psychosoziale Begleitung und Behandlung hilfreich sein können.

»Wohin mit dem Wahnsinn?« erschien im Antipsychiatrieverlag in erster Auflage 2000. Bei der vorliegenden Fassung, einem nach wie vor aktuellen Zeitdokument, handelt es sich um eine korrigierte Neuausgabe. Das Manuskript basiert auf der 1994 an der Universität Bielefeld eingereichten Diplomarbeit Claudia Brügges (Erstgutachter Prof. Dr. Rainer Dollase, Zweitgutachter Dr. Hans Zygowski).

Die Autorin

Claudia Brügge, geb. 1967, Diplom-Psychologin. Ehemalige Mitarbeiterin bei Wildwasser Bielefeld e.V., Anlauf- und Beratungsstelle für Frauen, die in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlebt haben. Mitarbeit im Bielefelder Arbeitskreis ›Frauen und Psychiatrie‹. Lehrbeauftragte an der Universität Bielefeld.

Weitere Bücher von Brügge im Antipsychiatrieversand: Frauen in ver-rückten Lebenswelten – Ein Lesebuch zu Frauen und Psychiatrie

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung

  2. Die Kontroverse zwischen Psychiatrie und Antipsychiatrie-Bewegung

    1. Die Anstalt – das Herzstück der Psychiatrie

      1. Einweisung, notfalls unter Zwang

        1. Zwangsunterbringung

        2. Die freiwillige Aufnahme

      2. Neuroleptika – die tragende Säule

      3. Elektroschocks – harmloser als Aspirin?

      4. Wen schont »Fixierung«?

      5. Verwahrung im Langzeitbereich

    2. Die Diagnose – der heilige Gral

      1. Das medizinische Modell

      2. Dekonstruktion und ausbleibende Rekonstruktion innerhalb der Anti-Psychiatriebewegung

      3. Was bleibt? – Der Wahnsinn!

  3. Kritik aus der Frauenbewegung

    1. Einleitung: Feminismus, Psychiatrie und Antipsychiatrie

    2. Frauen in der Psychiatrie

      1. Frauen und Zwangseinweisung

      2. Frauen und Psychopharmaka

      3. Frauen und Elektroschocks

      4. Männliche Macht und Gewalt in der Psychiatrie

    3. Die gemeindenahe Psychiatriekarriere von Frauen

    4. Frauen, das verrückte Geschlecht: Patriarchale Diagnostik und »Psychose«

      1. Die Verteilung der Diagnosen

      2. Weiblicher Wahnsinn im feministischen Diskurs

        1. Weiblicher Wahnsinn als soziales Konstrukt

        2. Weiblicher Wahnsinn als Produkt patriarchaler Verhältnisse

        3. Weiblicher Wahnsinn: Tautologie oder Tabu?

  4. Erste Zusammenfassung

  5. Die praktische Antwort: Alternativer Umgang mit »Psychosen«

    1. Einleitung

    2. Die »Alternativen«

      1. Die »Soteria« in Bern: ein sozialpsychiatrisches Pilotprojekt

        1. Entstehung

        2. Der äußere Rahmen

          1. Das Haus

          2. Finanzierung

          3. Aufnahmekriterien

        3. CIOMPIs Psychose-Verständnis

        4. Die Behandlung

          1. Prinzipien

          2. Ablauf und Methoden der Behandlung

          3. Psychopharmaka

          4. Angehörigenarbeit

          5. Das Team und seine Arbeit

          6. Frauen in der Soteria

        5. Die Forschung

        6. Die Position in der psychosozialen Versorgung im eigenen Selbstverständnis

        7. Resümee

          1. Eine alternative Atmosphäre: respektvoller Umgang

          2. Theoriegeleitete Forschung einerseits und Praxis der Soteria andererseits

            1. Das Multikausalitäts-Konzept für »jedermann«

            2. Naturwissenschaftliche Forschung

      2. Therapie mit »Grenzgängerinnen«, Polina Hilsenbeck, Frauentherapiezentrum München

        1. Entstehung

        2. Der äußere Rahmen

          1. Das Zentrum

          2. Finanzierung

          3. Aufnahmekriterien

        3. Das »Psychose«-Verständnis

        4. Die Behandlung

          1. Prinzipien

          2. Ablauf und Methoden der Therapie

          3. Psychopharmaka

        5. Öffentlichkeitsarbeit

        6. Die Position innerhalb der psychosozialen Versorgung im eigenen Selbstverständnis

        7. Resümee

          1. Schutzraum und Parteilichkeit für Frauen

          2. Eine andere Welt: spirituelle Konzepte

      3. Das Konzept des »Weglaufhaus« Berlin: antipsychiatrisches Experiment des Vereins Schutz vor psychiatrischer Gewalt e.V.

        1. Die Idee

        2. Der äußere Rahmen

          1. Das Haus

          2. Finanzierung

          3. Aufnahmekriterien

        3. Das »Psychose«-Verständnis

        4. Der Umgang mit Betroffenen

          1. Prinzipien

          2. Keine Psychopharmaka

          3. Therapiefreie Betreuung statt Behandlung

          4. Das Team und seine Arbeit

          5. Frauenspezifische Aspekte

        5. Öffentlichkeitsarbeit

        6. Die Position innerhalb der psychosozialen Versorgung im eigenen Selbstverständnis

        7. Resümee

          1. Schutz vor psychiatrischer Gewalt

          2. Experimentelles Neuland

    3. Zusammenfassende Betrachtung: Das zähe Ringen um Alternativen

  6. Ausblick: Mit Blick auf den Wahn
Anhang
  1. Gespräch mit Thomas Derungs (Soteria)

  2. Gespräch mit Polina Hilsenbeck (Frauentherapiezentrum)

  3. Gespräch mit Burkhart Brückner (Weglaufhaus)
Literaturverzeichnis

Einleitung

Ziel dieser Arbeit ist zunächst ein grober Überblick und kritische Reflexion des Spannungsverhältnisses zwischen Psychiatrie, Antipsychiatrie und Feminismus. Konkreter gefasst heißt dies: Welche Kritik gibt es an der Anstaltspsychiatrie aus der Antipsychiatrie- und der Frauenbewegung? Im weiteren Verlauf werden dann drei Konzeptionen sog. alternativer Ansätze vorgestellt, die sich in dem Dreieck »Anstaltspsychiatrie«, Antipsychiatrie und Feminismus in Richtung der jeweiligen Eckpunkte ansiedeln: So entwickelte der Psychiater Luc Ciompi das Konzept der »Soteria« in Bern, die Feministin Polina Hilsenbeck ihren Therapieansatz mit »Grenzgängerinnen« und VerteterInnen der Antipsychiatrie-Bewegung das Konzept für ein »Weglaufhaus«.

Innerhalb meiner Fragestellung werden bestimmte Aspekte der Kontoverse weniger beleuchtet.

Worum es in dem begrenzten Rahmen dieser Diplomarbeit nicht geht:

Eine der theoretischen Herangehensweisen an die Institution Psychiatrie könnte in Form einer strukturellen Analyse ihrer gesellschaftlichen Funktion bzw. »Zwecke« bestehen. Übergeordneter Gegenstand einer solchen Analyseebene wäre die soziale Kontrolle abweichenden Verhaltens durch Psychiatrisierung in all ihren reformierten Fassungen.
Auch geht es hier nur am Rande um Erläuterungen, was es heißt, in einer kapitalistischen und patriarchalen Kultur zu leben.
Obgleich ein entscheidender Motor für diese Arbeit Wut und Entsetzen über Gewaltmaßnahmen der Psychiatrie, psychische Folgewirkungen und gesellschaftlicher Ausgrenzung von Psychiatrie-Betroffenen war, stehen hier gesundheitspolitische Aspekte der Kontroverse nicht im Zentrum. Die Formulierung gesundheitspolitischer Forderungen ist nicht Ziel dieser Arbeit.

Gleichfalls werden nicht behandelt:

  • Rassismus und Nazi- Vergangenheit der Psychiatrie

  • Erfahrungen im Suchtbereich, der Forensik, der Geronto-, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Erfahrungen mit der Psychiatrie in Ostdeutschland, und dies auch aus geschlechtsspezifischer Sicht

  • frauenspezifische Betrachtungen zum Thema Sexualität, Sterilisation und Mutterschaft in der Anstaltspsychiatrie die Debatte um offene und geschlossene Stationen.

Worum geht es mir also?

Der rote Faden meiner Arbeit ist mein Interesse für den »Wahn«, der diagnostisch gewöhnlich unter dem Begriff »Psychose« gefasst wird, der »härtesten Knacknuss der Psychiatrie« (CIOMPI, 1993a, 173). Dreh- und Angelpunkt ist für mich dabei, die Frage nach dem Umgang mit Betroffenen zu stellen. Umstrittene Formen der Behandlung wie (Zwangs-)Einweisung, Psychopharmakavergabe, Elektroschockbehandlung, Fixierungen, Verwahrungen im Langzeitbereich und nicht zuletzt die herrschende Diagnostik sollen im ersten Abschnitt kontrovers diskutiert und kritisch hinterfragt werden.

Also: Mein Blickwinkel auf »Psychiatrie« geht dabei im wesentlichen von der Ebene der »Psychose« aus und dem praktischen Bedürfnis von Betroffenen nach humanen Umgangsformen. Diese Arbeit kann als Plädoyer verstanden werden, sich mit dem subjektiven Erleben von »Wahnsinn« zu beschäftigen, sich verstärkt ihren Inhalten zuzuwenden. Meine Diplomarbeit selbst beinhaltet erst eine Anregung dafür.

Im dem zweiten Abschnitt verfolge ich ein ganz praktisches Anliegen. Vor dem Hintergrund der Frage: »Wohin mit dem Wahnsinn – wenn nicht in die Anstalt?« habe ich mich in der Literatur auf die Suche nach Orten gemacht, wo ein humanerer Umgang mit »Psychosen« erklärtes Ziel ist.

Ich werde innerhalb dieser Arbeit nicht in die gesundheitspolitische Diskussion einsteigen, inwieweit diese Einrichtungen nun wirklich die Lösung des »Psychiatrieproblems« darstellen oder nicht. Noch kann es hier darum gehen, sie als Lösungen für grundlegende kapitalistische und patriarchale Strukturen zu propagieren.

Ausgehend von der Tatsache, dass hier und heute keinesfalls strukturelle Umwälzungen dieses Gesellschaftssystems ( zum Besseren hin) zu erwarten sind, war mein Interesse vielmehr folgendes: Ich war neugierig, wie diese drei Einrichtungen arbeiten bzw. konzeptioniert sind, wie sie sich selbst in Bezug auf den psychiatrischen Diskurs positionieren und in erster Linie, ob ich sie wohl einer/einem Betroffenen weiterempfehlen würde. Dabei beziehe ich mich auf schriftliche Selbstdarstellungen und Gespräche, die ich mit einzelnen VerteterInnen geführt habe.

Mein Thema ist durchaus neu. Es gibt wenige theoretische Texte, die ebenso eine verknüpfende Betrachtung der drei Diskurse (Psychiatrie, Antipsychiatrie und Feminismus) ausdrücklich zum Ziel der Analyse gemacht haben (vgl. USSHER, 1991). Wo ein Rückgriff auf Vorarbeiten also nicht möglich ist, habe ich eigene Kriterien für die Strukturierung und Bewertung angelegt. Richtschnur für Akzente waren meine eigenen Eindrücke und Erfahrungen mit den einzelnen Diskursen.