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Peter Lehmann (Hg.)
Psychopharmaka absetzen – Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva, Phasenprophylaktika, Ritalin und Tranquilizern

Rezensionen zur 1., 2. und 3. Auflage


Rezensionen in Englisch · Finnisch · Italienisch · Niederländisch · Polnisch · Russisch · Spanisch · Ungarisch

Rezension von Claus Räthke in Irrturm (Bremen)

Rezension von Klaus Dienert im Mitgliederrundbrief des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener

Rezension von Jeffrey M. Masson im bvvp-Magazin – Zeitschrift für die Mitglieder der Regionalverbände im Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten

Rezension von Iris Hölling in Soziale Psychiatrie

Rezension von Uwe Britten in Brückenschlag – Zeitschrift für Sozialpsychiatrie, Literatur, Kunst


Rezension
in Irrturm (Bremen), Band 21 (2009/10), S. 138-139

"Psychopharmaka absetzen" aus dem Antipsychiatrieverlag von Peter Lehmann ist ein 380 Seiten starkes Werk, das intensiv, fachkundig und politisch in die Materie der psychopharmakologischen Behandlung eindringt und klar Stellung gegen ein psychiatrisches System bezieht, das von der Pharmaindustrie beherrscht wird und den Fokus bei der Behandlung psychischer Erkrankungen fast ausschließlich auf gesundheitsschädigende Psychopharmaka legt, die von den meisten Betroffenen oftmals ein Leben lang eingenommen werden.

Im ersten Teil des Buches berichten 30 Betroffene aus unterschiedlichen Ländern von ihren Erfahrungen während und nach dem erfolgreichen Absetzen ihrer Medikamente, die vielfach über Jahre verabreicht – auch zwangsverabreicht! – wurden. Es sind Geschichten von Personen, denen nicht zugehört wurde, als ihre Seele durch die Psychopharmaka Qualen erlitten. Es sind Geschichten von mutigen Entscheidungen, die im Widerspruch zur Meinung von einflussreichen Experten getroffen wurden – und vom Leiden, das manchmal folgte. Es sind Geschichten, die tief betroffen machen und die zeigen, dass ein Leben ohne tagtägliche Psychopharmaka Einnahme möglich ist und was man dafür tun kann.

Die meisten Betroffenen wurden nie informiert und gewarnt, dass die Medikamente möglicherweise hirnverändernd wirken oder auch Hirnbereiche abtöten und es so in vielen Fällen zu langwierigen Entzugserscheinungen beim Reduzieren und schließlichem Absetzen der Psychopharmaka kommen kann. Das Gehirn wieder zum normalen Funktionieren zurückkehren zu lassen, nachdem es über Jahre oder gar Jahrzehnte voll unter dem Einfluss "therapeutischer" Chemikalien gestanden hatte, ist mitunter sehr schmerzvoll.

Im zweiten Teil erläutern 11 ExpertInnen aus der Medizin, Psychiatrie, Sozialarbeit, Psychotherapie und Naturheilkunde sinn- und wirkungsvolle Alternativen zur einseitig auf Pharmakologie und Pharmakonzern ausgerichteten Psychiatrie und geben wertvolle Tipps bezüglich des Absetzens.

Besonders im Hinblick darauf, dass erfolgreiches Absetzen von Psychopharmaka in psychiatrischer und pharmafirmengesponserter Literatur in der Regel tabuisiert und das selbstbestimmte Absetzen oftmals in die Nähe einer psychiatrischen Störung gerückt wird, halte ich das Buch "Psychopharmaka absetzen" aus dem Antipsychiatrieverlag, gerade weil in ihm ausschließlich Geschichten vom erfolgreichen Absetzen zu finden sind, für einen wichtigen Meilenstein in der Aufklärung über die Chance, sich von tagtäglicher "Chemiekeule" zu befreien. "Psychopharmaka absetzen" schafft Bewusstsein auf vielen Ebenen. Es zeigt einerseits auf, wie sehr Psychiater und Psychiaterinnen für die Betroffenen, die sich für ein selbstbestimmtes und medikamentenfreies Leben entscheiden, oftmals ein Klotz am Bein sind und macht damit deutlich, womit der Betroffene, der sich evtl. für das Reduzieren und/oder letztendliche Absetzen entscheidet, von Seiten seines Psychiaters/seiner Psychiaterin u.U. zu rechnen hat. Es zeigt auch, wo fachkundige Hilfe zu finden ist und was der Betroffene selbst für sich tun kann, um beispielsweise mit dem Entzug besser zurecht zu kommen. "Psychopharmaka absetzen" macht aufgrund von Erfolgsgeschichten Mut und kann eine große Hilfe für diejenigen sein, die absetzen wollen oder aufgrund der eigenen Entzugssymptomatik beginnen, am Erfolg zu zweifeln. "Psychopharmaka absetzen" zeigt gravierende Missstände auf und bietet somit die Möglichkeit, sich aus der Abhängigkeit von der Institution Psychiatrie zu befreien und einen eigenen Standpunkt zu entwickeln.

Wer den Weg des Absetzens wählt oder in Betracht zieht, hat mit dem Werk "Psychopharmaka absetzen" meines Erachtens eine wertvolle Hilfe, Unterstützung und Informationsquelle an der Hand. Besonders in den mitunter schweren Zeiten des möglicherweise schlimmen Entzugs, in der die/der Betroffene psychisch sehr geschwächt sein kann und das Umfeld wie Familie, Freunde, Bekannte und Psychiater durch eine eher entmutigende und auch Druck ausübende Einstellung zusätzlich eine Belastung darstellen kann, ermutigen die Geschichten von anderen, die ebensolchen Hürden gegenüber standen und es letztlich geschafft haben.

Für die Redaktion
Claus Räthke

Rezension im Mitgliederrundbrief des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener, 2008, Nr. 2 (Juni), S. 30

Nun ist schon die 3. Auflage des von Peter Lehmann herausgegebenen und überaus spannend zu lesenden Buches erschienen. In seinem Vorwort empfiehlt der inzwischen leider verstorbene Soteria-Begründer Loren Mosher all seinen Psychiater-Kollegen die Lektüre dieses betroffenenorientierten Standardwerks als "Muss". Geschrieben ist es vornehmlich für Psychiatriebetroffene, die sich zum Absetzen entschlossen haben und wissen wollen, wie andere vorgegangen sind, um nicht gleich wieder im Behandlungszimmer eines Arztes oder in der Psychiatrie zu landen.

31 Betroffene aus Australien, Belgien, Deutschland, England, Neuseeland, Österreich, Schweden, Serbien, Ungarn, der Schweiz, den Niederlanden und den USA beschreiben ihre Erfahrungen beim Absetzen hautnah. Alle leben jetzt frei oder zumindest relativ frei von Psychopharmaka. Ergänzend berichten zwölf Psychiater (u.a. Marc Rufer), Ärzte (u.a. Josef Zehentbauer), Psychotherapeuten (u.a. Martin Urban), Sozialarbeiter, Heilpraktiker und andere Professionelle aus dem In- und Ausland verständlich und praxisorientiert, wie sie ihren Klientinnen und Klienten beim Absetzen helfen.

Das Buch ist deshalb besonders wertvoll, da das heiße Eisen "Selbstbestimmtes Absetzen" in der obrigkeitsorientierten Psychiatrie nicht vorkommen darf. Sowohl die Möglichkeiten des Absetzens als auch fatalerweise die Risiken des unbedachten und zu schnellen Vorgehens werden von den Psychiatern in aller Regel verschwiegen. Sehr sympathisch finde ich zudem, dass sich dieses Buch jedweder Patentrezepte prinzipiell enthält.

Wie hilfreich die Unterstützung im Selbsthilfebereich beim Absetzen sein kann, wurde mir besonders bei den beiden offenbar neu in diese aktualisierte Auflage aufgenommenen Beiträge "Crashkurs in Psychiatrie" von Oryx Cohen (MindFreedom International, USA) über das Absetzen von Zyprexa und "Mein Fels in der Brandung" von Fiona Milne (Neuseeland) über das Absetzen des SSRI-Antidepressivums Aropax deutlich. Und besonders überrascht hat mich der Beitrag des englischen Arztes Bob Johnson "Zum Absetzen von Psychostimulanzien bei Kindern": wer hat sich schon je mit dem Absetzen von Ritalin beschäftigt?

Im Buch sind eine Reihe von Beiträgen bekannter deutscher Psychiatriebetroffener und teilweise auch BPE-Mitglieder enthalten, von Regina Bellion und Ulrich Lindner über Wolfgang Voelzke und Nada Rath bis hin zu Jasna Russo und Peter Lehmann. Auf der Website www.antipsychiatrieverlag.de habe ich gelesen, dass es Buch inzwischen auch in englischer und griechischer Sprache vorliegt. So trägt dieses bemerkenswerte Buch sicher auch zum internationalen Ansehen des BPE bei.

Klaus Dienert

Rezension in: bvvp-Magazin – Zeitschrift für die Mitglieder der Regionalverbände im Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp) e.V., 2. Jg. (2003), Nr. 3, S. 30

»Viele meiner KollegInnen im psychosozialen Arbeitsfeld verbringen einen großen Teil ihrer Zeit damit, Kriterien für die Verabreichung von Psychopharmaka zu entwickeln«, schreibt Pirkko Lahti, die Präsidentin der World Federation for Mental Health, im Vorwort zum Buch des Diplompädagogen Lehmann und fährt fort: »Diagnosen und Indikationen führen oft zur Behandlung mit Psychopharmaka, die langwierig sein kann. ... Was kann zu einem schnellen Rückfall nach dem Absetzen führen? Hörten wir nicht schon von psychopharmakabedingten Absetzproblemen, von Rezeptorenveränderungen, Supersensitivitäts- und Absetzpsychosen? ... Welche Bedingungen unterstützen ein erfolgreiches Absetzen? ... Lassen wir unsere PatientInnen nicht allein mit ihren Sorgen und Problemen, wenn sie sich aus welchem Grund auch immer selbst entscheiden, ihre Psychopharmaka abzusetzen? Wo können sie Unterstützung, Verständnis und positive Vorbilder finden, wenn sie sich enttäuscht von uns abwenden (und wir uns von ihnen)?« Diese Fragen sind so treffend, dass ich mich ihnen nur anschließen kann.

Wer meint, Lehmann würde zum plumpen Wegwerfen von Psychopharmaka aufrufen, sieht sich getäuscht. Patentrezepte weist er ausdrücklich zurück. Lesen Sie selbst, auf welch individuell völlig unterschiedliche Weise die 28 psychiatriebetroffenen AutorInnen aus Belgien, Dänemark, Deutschland, England, Neuseeland, Österreich, Schweden, Ungarn, Serbien & Montenegro, der Schweiz, den Niederlanden und den USA teils problemlos und teils mit Schwierigkeiten ihre Psychopharmaka nach mitunter jahrzehntelanger Einnahme absetzten und wie spärlich professionelle Hilfe dabei war. An dem Alleingelassenwerden ändert auch die Tatsache nichts, dass der Herausgeber im deutschsprachigen Raum eine Handvoll Psychiater, Ärzte, Psychotherapeuten, Sozialarbeiter und Heilpraktiker gefunden hat, die ergänzend berichten, wie sie beim Absetzen helfen. Schauen Sie der Wahrheit – der strukturell unterlassenen Hilfeleistung – ins Auge, und laufen Sie nicht davon.

Nehmen Sie sich ein Beispiel an den mutigen Pionieren, die Verantwortung übernehmen und Betroffene beim häufig nötigen schrittweisen Absetzen mit Rat und Tat begleiten. Besonders ans Herz legen möchte ich Ihnen Martin Urbans Fallgeschichte »›Bin ich wirklich noch behindert?‹ Psychotherapeutische Begleitung beim Absetzen von Psychopharmaka«. Urban, Leiter der Fachgruppe »Klinische Psychologinnen und Psychologen in der Psychiatrie« im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP), zeigt einfühlsam, wie man Menschen, die für chronisch psychisch krank erklärt wurden, beim selbstgewählten Absetzen unterstützt: mit Vorurteilsfreiheit, Respekt und Zuwendung – auf Basis psychiatrieunabhängigen Meinung. Das Resultat seiner Tätigkeit ist beeindruckend, den Kommentar seiner Patientin hat er verdient.

Zum Thema Absetzprobleme hat Peter Lehmann bereits 1996 mit dem Buch »Wie Psychopharmaka den Körper verändern« (Teil 2 des Doppelbands »Schöne neue Psychiatrie«) sein geradezu enzyklopädisches Wissen zur Verfügung gestellt. Den medizinischen Berichten über Psychopharmaka- Schäden jetzt Berichte über erfolgreiche Absetzbemühungen folgen zu lassen, in auch ein für skeptische Professionelle verdaubares Häppchen, dafür hat Peter Lehmann höchstes Lob verdient. Egal wie man als psychosozial Tätige/r die Motivation zum Absetzen und dessen Risiken einschätzt: Die Entscheidung liegt letztlich bei den Betroffenen, und diese verhalten sich nicht anders als der Rest der Gesellschaft – zu 50% lassen sie die ärztlich verordneten Pharmaka weg. Gut, dass es jetzt dieses neue, zudem auch noch spannend zu lesende Buch zu einem bisher sträflich vernachlässigten Thema gibt.

Jeffrey M. Masson (ehemaliger Direktor des Sigmund-Freud-Archivs in Washington)

Keine Patentrezepte. Rezension in: Soziale Psychiatrie, 23. Jg. (1999), Nr. 3, S. 58/59

Seit 1986, als er seinen »Chemischen Knebel« veröffentlichte, macht Peter Lehmann ÄrztInnen die Kompetenz auf deren ureigenstem Gebiet streitig: dem Wissen über die gesundheitlichen Auswirkungen der Psychopharmakabehandlung. Aus der Überarbeitung des längst zum Klassiker gewordenen Buches erschien nun nach »Statt Psychiatrie« (1993) und »Schöne neue Psychiatrie« (1996, zwei Bände) mit »Psychopharmaka absetzen« das abschließende vierte Buch.

Doch wer meint, Lehmann würde zum plumpen Wegwerfen von psychiatrischen Psychopharmaka aufrufen, sieht sich getäuscht. Patentrezepte, mit denen Probleme beim Absetzen und beim Entzug ausgeschlossen werden können, weist Lehmann mitsamt seinen 34 psychiatriebetroffenen AutorInnen aus Belgien, Dänemark, Deutschland, England, Jugoslawien, Neuseeland, Österreich, Schweden, Ungarn, der Schweiz, den Niederlanden und den USA ausdrücklich zurück. Diese, ursprünglich mit den üblichen psychiatrischen Diagnosen (»affektive Psychose«, »Schizophrenie«, »endogene Depression«, »Zwangserkrankung« usw.) etikettiert, schildern in übersichtlich gegliederten Kapiteln, wie sie teils problemlos und teils mit Schwierigkeiten ihre Psychopharmaka nach mitunter jahrzehntelanger Einnahme absetzten. Ergänzend berichten eine Psychiaterin und Ärzte, PsychotherapeutInnen, SozialarbeiterInnen und HeilpraktikerInnen, wie sie ihren KlientInnen beim Absetzen helfen.

Dass die AutorInnen (darunter DGSP-bekannte Gesichter wie Wolfgang Voelzke und Regina Bellion) nur positive Verläufe schildern, liegt an der Tatsache, dass der Herausgeber Lehmann lediglich an erfolgreichen Absetzversuchen interessiert war. Darf man ein Thema so einseitig betrachten? Ein berechtigter Vorwurf, allerdings gewinnt diese Herangehensweise an Legitimität angesichts der Menge an psychiatrischer Literatur, deren AutorInnen sich ausschließlich auf Misserfolge beim Absetzen konzentrieren und dabei noch nicht einmal zwischen echtem Rückfall und möglichen Entzugsproblemen differenzieren. Lehmann möchte Beispiele bringen, wie andere es schaffen, nach dem Absetzen nicht gleich wieder im nächsten ärztlich-psychiatrischen Behandlungszimmer zu sitzen, und dies ist ihm in anschaulicher Weise gelungen.

Manche ließen ihre Psychopharmaka einfach weg, andere suchten (und fanden) Unterstützung bei TherapeutInnen oder Selbsthilfegruppen. Wer mit einem Rückfall rechnete, setzte diesem Risiko eigene Aktionen entgegen, z.B. autogenes Training, soziales Miteinander und Engagement, Auseinandersetzung mit dem Sinn der Verrücktheit, Vermeiden von stressigen (Familien-)Beziehungen, Aufspüren des eigenen Verantwortungsanteils an der Psychiatrisierung, Aufenthalte in der Natur, Joggen, Yoga, Meditation, spirituelle Wege und Gebete. Die AutorInnen liefern eine beeindruckende Vielfalt von Gegengewichten, mit denen sie den Grundstein für ein erfüllteres Leben legen und somit den Wegfall der mitunter vorübergehend hilfreichen Psychopharmakawirkung ausgleichen können. Als weitere Hilfen beim Verringern von Absetz- und Entzugsproblemen gelten homöopathische Entgiftung, Linderung von Entzugsproblemen mit naturheilkundlichen Mitteln (z.B. Johanniskraut, Baldrian), Körperarbeit, Psychotherapie und vieles mehr.

Bei sich abzeichnenden Problemen sei die allmähliche Dosisreduzierung der beste Weg, Entzugsrisiken zu verringern. Dies sei besonders wichtig, wenn das Psychopharmakon länger als ein oder zwei Monate verabreicht wurde. Optimal wäre es, wenn alle Faktoren, die von den AutorInnen (darunter eine Reihe Mitglieder des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener) als Voraussetzungen für ein erfolgreiches Absetzen genannt wurden, gleichzeitig vorhanden sind: eine verantwortungsbewusste Einstellung, eine an die Bedingungen des Körpers, des Psychopharmakons, der Dosis und Dauer der Einnahme angepasste Absetzgeschwindigkeit, ein unterstützendes Umfeld, geeignete Hilfemaßnahmen, fähige Profis und eine unterstützende Selbsthilfegruppe. Da in der Regel jedoch die Bedingungen beim Absetzen alles andere als optimal sind und Psychopharmakaverabreicher, die um Hilfe ersucht werden, diese – aus welchen Gründen auch immer – verweigern, bleibt schlimmstenfalls nichts anderes übrig, als sich ›wie Münchhausen‹ am eigenen Schopf aus dem psychopharmakologischen Sumpf herauszuziehen.

Bei den Betroffenen möglicherweise vorhandene Ängste sollten durch sachliche und fundierte Informationen über Risiken der Psychopharmaka sowie des Absetzens relativiert und so verringert werden. Egal wie man als psychosozial Tätige die Risiken des Absetzens einschätzt, ob die Gründe für das Absetzen als rational oder irrational bewertet werden: Die Entscheidung liegt letztlich bei den Betroffenen, und diese verhalten sich nicht anders als der Rest der Gesellschaft – zu 50 Prozent lassen sie die ärztlich verordneten Pharmaka weg. Gut, dass es jetzt das neue, zudem auch noch spannend zu lesende Buch zu dem bisher sträflich vernachlässigten Thema gibt.

Iris Hölling, Berlin

Keine Smarties. Rezension in: Brückenschlag – Zeitschrift für Sozialpsychiatrie, Literatur, Kunst: Band 15/1999 (»Orte der Heimat – Wo ist meine Seele zu Hause?«), S. 236-238

Man kann sie mögen oder nicht, diese als Sammelbände bezeichneten Bücher, in denen zwanzig und noch mehr Autoren ihre Erfahrungen schildern, der Autor X auf Seite 23 dabei der Autorin Y auf der Seite 178 widerspricht, ohne dass für die Lesenden dieser Widerspruch irgendwie aufgelöst würde, und man dabei etwas ratlos zurück bleibt... aber es gibt Themen, denen kann man sich zunächst gar nicht anders nähern.

Peter Lehmann hat ein solches Buch herausgegeben bzw. besser: initiiert. Anfang 1998 verbreitete er einen Aufruf, in dem er um Erfahrungsberichte über das Absetzen von Psychopharmaka bat. Eine Auswahl dieser Texte ist nun erschienen. Lehmann hat diese satten 375 Seiten in folgende Kapitel unterschiedlicher Länge gegliedert: Der Entschluss zum Absetzen, Absetzen ohne Probleme, Stufenweises Absetzen, Absetzen mit Problemen, Gegengewicht, Absetzen mit professioneller Hilfe, Lieber manchmal Psychopharmaka als dauernd, Professionell unterstützen, Die Zeit danach, Resümee.

Die Texte bieten natürlich mehr als nur subjektive Erlebnisse, sie bieten geradezu eine Fülle von Erfahrungen. Wer sich mit dem Absetzen von Psychopharmaka beschäftigt, findet Anregungen in unterschiedlichster Richtung. Nach generalisierbaren, also für mehr als nur den jeweiligen Autor gültigen Erkenntnissen allerdings muss man beim Lesen zuweilen etwas geduldig suchen. So mancher Text erzählt zunächst einmal in gewisser Breite die persönliche Lebenssituation, bevor es dann in wenigen Absätzen ums Thema Absetzen geht. Aber das Suchen lohnt sich!

Insgesamt sind die Texte ein Plädoyer dafür, dass Betroffene sich auf den Weg machen sollten zu rekonstruieren, wie ihre Persönlichkeit, ihre Biographie und ihre psychische Krise zusammenhängen – also nach dem subjektiven Sinn der Erkrankung zu suchen. Wer das getan hat, kann die Folgen von Krankheit vs. Medikation abwägen, kann sich nach der eigenen Haltung zu Psychopharmaka fragen, nach einem kritischen Umgang mit ihnen fahnden und sich schließlich den verschreibenden Fachleuten stellen. Wer Psychopharmaka absetzen oder wenigstens runterdosieren will, braucht Hilfe, das machen viele der Texte deutlich: das soziale Umfeld spielt eine Rolle, der Umgang mit sich selbst im eigenen Dasein (d. h. mit Ängsten und Wünschen, mit Versagungen und Begierden, mit Nöten und Hoffnungen). Herauszufinden ist jeweils subjektiv, wie das eigene Leben nach Krise und Psychopharmaka aussehen soll und aussehen muss, um »Rückfälle« zu verhindern oder zu minimieren.

Die Autorinnen und Autoren zeigen in ihren Erfahrungsberichten mögliche Wege auf. Und sie beschreiben Hilfestellungen: Für die eine ist das ein »alternativer« medizinischer Weg, für den anderen Spiritualität; der eine sucht nach einer Selbsthilfegruppe oder einem stützenden Freundeskreis, die andere möchte den professionell Tätigen als Stütze. Sie alle eint das Bestreben, jenseits der chemischen Beeinflussung wieder zurück ins Leben zu finden, um es einmal so pathetisch zu nennen: emotional intensiver, authentischer, souveräner und persönlich stabiler als mit der chemischen Benebelung. Viele der Texte weisen zudem auf das Problem der Abhängigkeit von Psychopharmaka hin, auch hierzu finden sich viele Tips und Hinweise. Das Thema Abhängigkeit (wie auch die Nebenwirkungen) macht ja die Brisanz des Medikamenteneinsatzes noch einmal ganz pointiert deutlich. Und noch ein Tabu spricht das Buch öfter an: den Suizid. Viele der Autorinnen und Autoren beschreiben, dass ihre Suizidalität mehr mit der Aussichtslosigkeit des Dahinvegetierens unter Medikamenten zu tun hatte, als mit der Erkrankung selbst. Auch hier macht das Buch Mut.

Das Buch kann anregen, nicht mehr, aber auch nicht weniger. All jene, die – zum Teil über einen mühsamen und jahrelangen Weg – zu einem selbstbestimmten Umgang mit Medikamenten gefunden haben, geben jenen, die das erst noch schaffen wollen, ein Beispiel. Dennoch muss jeder seinen Umgang selbst finden und das beginnt schon beim Lesen. Die Intention Lehmanns nämlich ist eindeutig. Er schreibt auf Seite 7: »Die Berichte [...] sollen zeigen, dass es möglich ist, unbeschadet am Ziel seiner Wünsche anzukommen und ein Leben frei von psychopharmakologischer Beeinträchtigung zu führen.« Damit endet sein Vorwort. Schon wieder eine Heilsverkündung? Schon wieder macht es nur richtig, wer es schafft? Nein, und dem widerspricht auch eine Reihe der Autoren. Und dem widerspricht die Erfahrung. Es bleibt legitim, sich für eine niedrige, statt für gar keine Medikation zu entscheiden.

Für den Umgang mit Psychopharmaka muss jeder seinen Weg finden. Jeder muss seinen Umgang mit der eigenen Verletzlichkeit, der eigenen Krankheit und auch mit einem möglichen chemischen Stoff zur Bewältigung seines Lebens finden. Alle, die über das Absetzen ihrer Medikamente auch nur nachdenken, die sollten, nein: müssen zur eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema dieses Buch lesen.

Uwe Britten

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