Kerstin
Kempker
Was hilft mir, wenn ich verrückt werde?
Beiträge von Ernst Kostal, Harold
A. Mayo, Paula Abalanda, Evelyn Hantke-Sohn, U.N.
Terwegs, Zoran
Solomun, Irit Shimrat, Maths
Jesperson, Annette Heselhaus, Thilo
von Trotha, Christa Wyss, Peter
Lehmann, Anna Guerrini, Kerstin
Kempker, Andy
Smith, Kerstin Friebel, Jasna Borovnjak
Verrückt, was heißt das eigentlich? Sind nicht alle verrückt?
Und die Verhältnisse erst recht? Muß die Frage nicht lauten, wie
Ernst Kostal es in seinem Beitrag vorschlägt: »Wer hilft
mir, wenn ich den Wahnsinn der Normalität nicht mehr mitmachen
kann noch will?« Und wer braucht Hilfe, wenn ich verrückt
werde? War ich früher, als ich für verrückt erklärt wurde, überhaupt
verrückt? Was hätte mir damals geholfen, was später und was heute?
Verrücktheit, das ist für die 17 AutorInnen dieses Artikels:
Ehrentitel oder Krankheit, Depression oder Erleuchtung, Leiden,
Freude, Intensität, Vision, Krise, notwendiges Chaos, befremdlich
oder einzig echt. Wo schon die Frage mit so unterschiedlichen
Inhalten gefüllt wird, müssen die Antworten erst recht widersprüchlich
ausfallen. Sie machen nur dann einen Sinn, wenn sie ganz persönlich
und bezogen auf den besonderen Lebenskontext gegeben werden. Sie
sind nicht übertragbar und haben viel mit dem Alltag, mit Zeit,
Geld, Raum, mit Recht, Arbeit, also mit Politik zu tun, aber auch
mit persönlicher Lebensphilosophie, mit Kommunikation und Eigenheit.
Die Beiträge von Fachleuten in Sachen eigener Verrücktheit sollen
in keiner Weise Patentrezepte sein, geht nicht, gibts nicht,
sondern die LeserInnen anregen zu eigenen Überlegungen: was wollte
ich wenn. Denn, wenn wir auch hier mit Therapie nichts am
Hut haben, »auf diese Frage zu antworten ist schon
eine therapeutische Aufgabe.« (Anna Guerrini)
Anlaß der Frage waren die vielen Anrufe, Briefe und Besuche beim
Verein zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt, das immer wiederkehrende
»Was soll ich nur tun?« von Ausgerasteten und anderen
Psychiatriebedrohten, von Angehörigen, FreundInnen und uns selber.
Antworten waren neben Adressen, Infos und Literaturtips
meist persönliche Geschichten und Nachfragen. Das scheint
mir die einzig legitime Art zu antworten. Wenn ich mir selber
ein Rätsel bin, möchte ich nicht von allen meine Auflösung hören,
sondern ich möchte mich mitteilen und gefragt werden. »Aber
sie haben mich nie danach gefragt«, sagt Maths Jesperson.
Stattdessen kommen billige Antworten in Mode, Ratgeber zum Umgang
mit psychisch Kranken wie der kostenlos verteilte
»Leitfaden für Angehörige« (bis 1991 schon 86000 Exemplare).
Was Angehörige sich untereinander raten. Beispiel aus
einer Bonner Gruppe: (...)
4. Für mich war es hilfreich, in einer besonderen Kladde die Anschriften
der Krankenhäuser, Organisationen wie Arbeitsamt, Berufsfeuerwehr,
Gesundheitsamt, Polizei u.ä. festzuhalten.
5. Den behandelnden Ärzten sollten wir zeigen, daß wir mit ihnen
zum Wohle des Patienten handeln wollen. Man sollte ihnen deshalb
Unregelmäßigkeiten, z.B. wenn der Betroffene die verordneten Medikamente
nicht oder nur unregelmäßig einnimmt, bzw. wenn sein Verhalten
zu Sorgen Anlaß gibt, mitteilen. (...)
7. Für den Angehörigen ist es oft schwer, zusehen zu müssen, wenn
eventuell auftretende Nebenwirkungen der verordneten Psychopharmaka
den Betroffenen stören. Es kommt entscheidend darauf an, daß die
Medikamente wie verschrieben eingenommen werden, damit ein Rückfall
möglichst vermieden wird. Ich rate im Zweifel, lieber Nebenwirkungen
als das Risiko eines Rückfalls in Kauf zu nehmen. (...)
10. Als Angehöriger sollte man lernen, seine Hilfen dem Betroffenen
unaufdringlich zu geben. Man darf nie sagen: »Du mußt dies
oder jenes tun.« (...)
14. Es kann notwendig werden, den schizophren Erkrankten während
eines Schubs zwangsweise einweisen lassen zu müssen. Die Erfahrungen
haben gelehrt, daß sich kaum ein Arzt bereit findet, die Einweisung
zu veranlassen, selbst wenn tätliche Bedrohungen durch den Erkrankten
erfolgt sind. In solchen Fällen ist es hilfreich, mit einem erfahrenen
Richter beim Vormundschaftsgericht zu sprechen. (»Angehörige«
1991)
Ähnliche Töne schlägt auch »Stimmenreich. Mitteilungen über
den Wahnsinn« an, Ergebnis eines sogenannten Psychoseseminars
der Hamburger Uni-Anstalt 1989 mit Betroffenen (Diagnose mußte
nicht nachgewiesen werden!), Angehörigen und Tätigen. Eine Frau
schreibt über ihren Freund:
Sein bester Freund überredete ihn dann, ins Krankenhaus
zu gehen. Dort hat er dann zwei Tage und Nächte in der Isolierzelle
verbracht. Immer, wenn er neu in die Psychiatrie kommt, ist er
so psychotisch, daß er immer einige Tage in der Isolierzelle verbringen
muß. Er bekam dort hochdosierte Neuroleptika. Jetzt gehts
ihm schon besser. Er hat seine Spur vergessen und ist freiwillig
im Krankenhaus. (Barbara B. 1992)
Wie schön. Man kann doch über alles reden. Kommt alle an den
runden Tisch, Täter und Opfer, Freunde und Feinde, zusammen sind
wir so betroffen. O-Töne von Psychoseerfahrenen sind gefragt,
darüber befinden tun andere. Andere sind auch oft die Betroffeneren:
Andere Mutter: »Sie glauben gar nicht, wie schwer
es ist, sein Kind in die Klinik zu bringen. (weint) Allgemeine
Betroffenheit« (»Zumutungen«, S. 160)
Quellen
-
Was Angehörige sich untereinander raten. Beispiel aus einer
Bonner Gruppe(1991), in: Familien helfen sich selbst! Ein
Leitfaden für Angehörige psychisch Kranker, 6., völlig überarbeitete
Aufl., Bonn: Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen,
S. 29
-
Barbara B. (1992): Die Spur der Verfolger, in: Thomas Bock
/ J.E. Deranders / Ingeborg Esterer: Stimmenreich. Mitteilungen
über den Wahnsinn, Bonn: Psychiatrie-Verlag, S. 175
-
Zumutungen oder: Sollten Angehörige Übermenschen sein? (1992),
in: Thomas Bock / J.E. Deranders / Ingeborg Esterer: Stimmenreich.
Mitteilungen über den Wahnsinn, Bonn: Psychiatrie-Verlag, S.
158 - 162
© 1993 by Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag
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