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Thilo
von Trotha
Was hilft mir, wenn ich verrückt werde?
Die Verrückung jener Gesetze, auf deren Dasein im Haupte
jedes anderen man mit Zuversicht baut, als des einzigen, was er
untrüglich mit uns gemein hat, trägt etwas so Grauenhaftes an
sich, daß man sich nicht getraut, das fremdartige Uhrwerk zu berühren,
daß es nicht noch grellere Töne von sich gebe und uns an dem eigenen
irre mache. (Adalbert Stifter)
Vor über 100 Jahren formulierte der Dichter Adalbert Stifter
eine Einstellung zum Verrückt-Sein, die ich auch heute noch für
vorbildlich halte. Denn das Grauenhafte des Wahnsinns
besteht in aller Regel nicht aus dem Leid, das der für wahnsinnig
Gehaltene in den Augen der anderen zu erleben scheint und auf
das dann eine alarmierte Umgebung mit irgendeiner Art von Intervention
zu dessen Bestem reagiert. Nach meinen Erfahrungen
ist es eher umgekehrt: Die tiefe Irritation, die das verrückte
Verhalten bei Angehörigen, Freunden und Kollegen auslöst und die
Stifter in so prägnanten und einfühlsamen Worten eingefangen hat,
steht am Anfang einer Kette von Aktionen und Konflikten, an deren
Ende die meist von niemandem beabsichtigte, mehr oder weniger
verdeckte Gewalt einer psychiatrischen Lösung steht.
Die Töne, die anschließend aus dem irrenärztlichen
Zwangsapparat dringen, sind tatsächlich zu grell,
um die anderen noch erreichen zu können, ohne diese selber irre
zu machen bevor sie meist für längere Zeit ganz und gar
verstummen... Deshalb entscheidet die Kommunikation mit dem für
verrückt Gehaltenen, die vor dem ersten Kontakt mit der Psychiatrie
stattfindet, darüber, ob der Versuch gelingt, den Freund, die
Mutter, den Onkel, die Arbeitskollegin, den Nachbarn, die Tochter
oder den Unbekannten auf der Straße in verrückten Phasen zu begleiten
oder nicht.
Aus diesen Gründen meine ersten beiden Bitten an alle, die in
meiner Nähe sind, sollte ich noch einmal in meinem Leben für verrückt
gehalten werden:
-
Getraut Euch nicht, in das fremdartige Uhrwerk
einzugreifen, auch wenn es nicht richtig tickt!
Nehmt Abstand von den spontanen Impulsen, die es Euch ratsam
erscheinen lassen, schnell, effektiv und drastisch
einzuschreiten!
-
Vermeidet unter allen Umständen auch nur den geringfügigsten
Kontakt mit der Psychiatrie, und zwar in allen ihren stationären,
ambulanten, beratenden, pharmazeutischen, psychologischen
und therapeutischen Varianten! Dennoch wünsche
ich mir natürlich sehr, nicht allein gelassen, nicht ignoriert
und nicht isoliert zu werden, sondern daß die Leute, an die
ich mich wende, versuchen, den Mut und die Geduld aufzubringen,
auch dann zu mir zu stehen, wenn ich ihnen als ein anderer,
als ein Ver-rückter, gegenübertreten sollte. Ich weiß, daß
ich mich in solchen Momenten befremdlich äußern und ungewöhnlich
handeln kann, was einen solchen Wunsch zu einer unzumutbaren
Belastung für andere werden läßt. Aber auch in Extremsituationen
ist es mir allemal lieber, im Stich gelassen als der in jedem
denkbaren Fall für mich vernichtenden psychiatrischen Aggression
überantwortet zu werden. Deshalb:
-
Bleibt so viel wie irgend möglich bei mir, physisch anwesend
und persönlich erreichbar!
-
Überschreitet dabei aber niemals die Grenzen Eurer eigenen
Belastbarkeit! Solltet Ihr an diese Grenzen stoßen, zieht
Euch zurück! Informiert andere Vertraute von diesem Rückzug,
niemals aber Fremde oder gar Psychiater!
-
Wenn die Zwangseinweisung trotz Eurer Zurückhaltung nicht
vermieden werden konnte, achtet darauf, daß die Verfügungen
für diesen Fall, die ich in meinem Psychiatrischen Testament
niedergelegt habe, auch gegen alle Regeln und Gewohnheiten
der psychiatrischen Kunst eingehalten werden.
Ich bitte Euch darum zu respektieren, daß ich ohne Ausnahme
lieber physischem Zwang (Einsperrung, Fixierung, selbst Schlägen
und anderen Formen körperlicher Disziplinierung) ausgesetzt
sein will, als auch nur ein Milligramm irgendeines Neuroleptikums
zu schlucken, selbst wenn Ihr diese Haltung nicht teilt und
vielleicht sogar darunter (mit-)leidet.
-
Wenn Ihr könnt, versucht mich rauszuholen und bedenkt dabei,
daß jeder Ort (selbst der Knast, ein finsteres Versteck oder
ein ferner, unbekannter Ort) mir bessere Überlebenschancen
und größere Aussichten bietet, mein außerordentliches Gebaren
wieder nachvollziehbaren Regeln anzugleichen, als eine Irrenanstalt,
und sei sie noch so fortschrittlich, human
oder offen.
-
Auch wenn ich fremd oder verwirrt auf Euch wirken sollte,
versucht nicht, Euch zu verstellen, auch nicht in bester Absicht,
sondern reagiert, wie ich es von Euch gewohnt bin! Nichts
wirkt schlimmer, nichts mündet unmittelbarer in einen (in
so einem Fall ja auch nicht mehr ganz unbegründeten) Verfolgungswahn
als eine Umgebung, die sich beim kleinsten Anzeichen für ein
verrücktes Benehmen in eine Horde selbsternannter Therapeuten
und Einfühlungsartisten verwandelt. Ihr werdet mich in einem
solchen Moment nicht begreifen. Laßt Euch davon nicht allzusehr
irritieren! Denn ich selbst werde wahrscheinlich Jahre brauchen,
um mir über die euphorischen und die verzweifelten Augenblicke,
aus denen ein Wahnerlebnis besteht, wenigstens in groben Umrissen
bewußt zu werden. Jedes ehrliche Eingeständnis der eigenen
Hilflosigkeit wiegt alle Versuche, psychologisch angemessen
oder therapeutisch professionell zu agieren, hundertfach
auf. In meinen Augen unübertroffen, hat ein junger Mann namens
Birger Sellin, den seine Umwelt als Autisten bezeichnete,
diese so verhängnisvolle wie gut gemeinte Haltung in seiner
Beschreibung der Bemühungen einer Psychologin charakterisiert:
»... ursprünglich siebte sie sozusagen mein denken wie
ein verunreinigtes auszusiebendes auszugsmehl wie eine irrtumsbehaftete
ideensammlung mit exotischem charakter und jetzt sucht sie
wie angst in appetitlicher weise totgemeistert wird.«
(zitiert nach Klonovsky, 1992, S. 35)
Versagt es Euch, meinen Wahnsinn (und Euer Erschrecken) in
appetitlicher Weise totzumeistern!
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Dennoch bitte ich Euch, mir zu helfen, wenn Ihr bemerkt,
daß ich in meinem Leben (in finanziellen Angelegenheiten,
bei meiner Arbeit, in meinem Studium, gegenüber Fremden oder
Institutionen) ein nur schwer wieder zu ordnendes Chaos anrichte.
Versucht mich in einem solchen Fall (ohne Krankschreibung
und ärztliches Attest!), von diesen Bereichen fernzuhalten
und mich zu überreden, an einem ruhigen Ort den Lauf der Dinge
erst einmal abzuwarten. Mir ist bewußt, daß dieser Wunsch
in Widerspruch zu der zuvor geäußerten siebten Bitte geraten
kann. Doch läßt sich nicht alles hypothetisch regeln, so daß
ich keinen Weg sehe, dieses Dilemma prinzipiell zu vermeiden.
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Am Selbstmord möchte ich gehindert werden, notfalls auch
mit Gewalt. Doch bildet diese Situation einer Selbstgefährdung
das klassische Alibi für alle psychiatrischen Zwangsmaßnahmen.
Deshalb bitte ich Euch darum, auch dann niemals die Psychiatrie
einzuschalten, wenn Ihr den Eindruck gewonnen habt, ich könnte
meinem Leben ein Ende setzen nicht zuletzt, weil die
Angst, ein weiteres Mal in das Räderwerk der psychiatrischen
Maschine zu geraten, solche Selbstmordneigungen bei mir mit
Sicherheit drastisch verschärfen würde.
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Vertraut darauf, daß die verrückte Phase in meinem Leben
wahrscheinlich früher als Ihr denkt abklingen
wird! Laßt Euch dieses Vertrauen nicht durch noch so fachkundige
und kompetente Agenten der psychiatrischen Propaganda
nehmen, seien es nun raffinierte und beredte, von ihrer Sache
überzeugte Psychiater, seien es andere Betroffene, Mitglieder
meiner Familie oder Bekannte, die dem Mythos einer heilsamen
Wirkung der von einer pseudomedizinischen Wissenschaft
inszenierten Rituale zur Austreibung des Irreseins aus scheinbar
kranken Gehirnen immer noch verfallen sind.
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Es könnte sein, daß ich in einer Zeit, in der das, was ich
sage und unternehme, ungewöhnlich, zusammenhanglos oder übertrieben
wirkt, auf ebenso verrückte Weise produktiv bin. Ich wäre
Euch dankbar, wenn Ihr die dabei entstehenden Zettel, Notizen,
Zeichnungen, Kritzeleien, vielleicht sogar die Aussprüche,
Geschichten und Ideen, nicht möglichst schnell vergeßt und
vernichtet, auch dann nicht, wenn sie verworren, kindisch,
anstößig oder peinlich erscheinen. Bewahrt diese Zeugnisse
für mich auf, da sie später zu Schlüsseln für die Rekonstruktion
und Verarbeitung des wahnsinnigen Erlebens werden könnten!
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Seht in mir nicht einen Kranken, der einen Rückfall erleidet,
sondern jemanden, der aus zwingenden, wenn auch nicht unbedingt
offensichtlichen Gründen genötigt ist, seine Position zu den
anderen und zu sich selbst in ein neues Verhältnis zu verrücken!
Quelle
Klonovsky, Michael: »ich ertrinke in einsamkeit«,
in: Die Zeit, 47. Jg. (1992), Nr. 32, Magazin, S. 28-35
| Über
den Autor
Geboren 1960, schreibt nach einem Studium der Philosophie
und der Germanistik in Freiburg/Breisgau und Berlin zur
Zeit an einer Arbeit über den Einfluß der Auseinandersetzung
mit dem Wahnsinn im Werk des französischen Philosophen Michel
Foucault. Nach Aufenthalten in unterschiedlichen Psychiatrischen
Anstalten arbeitet er seit 1989 in antipsychiatrischen Projekten
mit. Dabei engagiert er sich vor allem für die Errichtung
des Berliner Weglaufhauses für Psychiatrie-Flüchtlinge.
Veröffentlichung: "Die
Kampfschrift und das Schreibspiel", in: Wolfgang Fehse
/ Klaus Wehmeier (Hg.), "Renntag im Irrgarten. Beiträge
zur labyrinthischen Situation 3", Berlin: Labyrinth 1991
(Stand: 1993).
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© 1993 by Thilo von Trotha
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