in: Kerstin Kempker / Peter Lehmann (Hg.): Statt Psychiatrie (Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag 1993), S. 33-34

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U. N. Terwegs

Was hilft mir, wenn ich verrückt werde?

Meine Ratschläge basieren auf einer langjährigen Erfahrung mit Flash-Back-Erlebnissen nach früherer LSD-Einnahme sowie auf zeitweiser Verschreibung ›niedrigdosierter‹ Neuroleptika durch ›nette‹ Psychiater. Nachdem diese zu einer tardiven Dyskinesie geführt haben, die sich glücklicherweise nach dem Absetzen der Neuroleptika wieder vollständig zurückbildete, gehe ich heute so vor:

Ich rede mit Menschen, denen ich vertraue, Menschen, die mir zuhören können und wollen.

Ich schreie. Der Ort dafür ist ein Tonstudio. Unter Wasser geht es sehr gut, aber ich kann nicht tauchen. Manchmal wird das Schreien unter geschützten Bedingungen als therapeutischer Service angeboten. Gern schreie ich unter Bahn-Überführungen oder in U-Bahnhöfen, wenn ein Zug kommt.

Ich weine und nehme mich in acht vor Mitleid, und sei es nur mein Selbstmitleid. Es blockiert den Strom meiner Gefühle. Ich liebe es, frei heraus zu lachen. (Das wirkt ansteckend, aber Vorsicht, es kann Neid und Unverständnis wecken.)

Ich mache Liebe, am besten zu zweit, liebe mich selbst in der Frau und/oder in meiner besseren Hälfte.

Ich seife mit weicher Seife Schultern und Brust ein und stelle mich mit dem Gesicht zum Wasser unter die Dusche, mindestens drei Minuten lang. Ich meide lauwarme Badewannen, denn sie laden zur Regression ein. Ich gehe spazieren, um Energien ›auszulaufen‹.

I treat my body like a baby (Ich behandle meinen Körper wie den eines Babys). Das heißt beispielsweise: ich ernähre mich zurückhaltend und sorgsam. Gehaltreich an Nährstoffen und bestens verträglich sind die Haferflocken »für Säuglinge ab 6 Wochen«.

Bei Angespanntheit breite ich beide Arme aus, atme tief ein, und beim Ausatmen lege ich die Hände übereinander auf den Scheitel. Eine harte Schlafunterlage sorgt für ›weiche‹ Übergänge vom Schlaf- zum Wachbewusstsein. Sie wirkt dem schockartigen Erwachen entgegen, wie ich es oft in Krisen erlebt habe.

Manchmal spreche ich mit Tieren, Bäumen oder Pflanzen und versuche, von ihnen zu lernen. In dieser Situation kann ich mich sehr einfach mit solchen Lebensweisen anfreunden, denn sie setzen mir nichts entgegen. Ich suche Ausdruck für meine Gefühle, zum Beispiel beim Singen und Tanzen.

Ich sortiere mein soziales Umfeld. Die Folge, die völlige Isolation, ist schwer auszuhalten und birgt allerlei Risiken. Einen Versuch ist es allemal wert, wenn mir ›Gott und die Welt‹ auf die Nerven gehen. Es ist eine sehr wichtige Erfahrung, das Geräusch der anderen abdrehen zu können. Natürlich sind nicht alle Sender schlecht. Noch besser bekommt mir aber, die Programme selbst zu gestalten. Alkohol ist für mich ein brauchbarer Dämpfer, aber ein völlig ungeeignetes Steuerungsmittel.

Soviel dazu aus meiner bescheidenen Lebenserfahrung.

Über den Autor

Pseudonym. Lebt in Berlin. Veröffentlichungen: »I've got dem ol Kozmic Blues«, in: Irren-Offensive, Heft 2 (1983); »Die letzte U-Bahn«, in: Irren-Offensive, Heft 3 (1987); »Küsse – Schüsse – Kalte Füsse. Prosa und Verse 1990-1992«, Berlin: Küsse 1993; u.v.m.

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© 1993 by U. N. Terwegs