U.
N. Terwegs
Was hilft mir, wenn ich verrückt werde?
Meine Ratschläge basieren auf einer langjährigen Erfahrung
mit Flash-Back-Erlebnissen nach früherer LSD-Einnahme sowie
auf zeitweiser Verschreibung niedrigdosierter Neuroleptika
durch nette Psychiater. Nachdem diese zu einer tardiven
Dyskinesie geführt haben, die sich glücklicherweise
nach dem Absetzen der Neuroleptika wieder vollständig zurückbildete,
gehe ich heute so vor:
Ich rede mit Menschen, denen ich vertraue, Menschen, die mir
zuhören können und wollen.
Ich schreie. Der Ort dafür ist ein Tonstudio. Unter Wasser
geht es sehr gut, aber ich kann nicht tauchen. Manchmal wird das
Schreien unter geschützten Bedingungen als therapeutischer
Service angeboten. Gern schreie ich unter Bahn-Überführungen
oder in U-Bahnhöfen, wenn ein Zug kommt.
Ich weine und nehme mich in acht vor Mitleid, und sei es nur
mein Selbstmitleid. Es blockiert den Strom meiner Gefühle.
Ich liebe es, frei heraus zu lachen. (Das wirkt ansteckend, aber
Vorsicht, es kann Neid und Unverständnis wecken.)
Ich mache Liebe, am besten zu zweit, liebe mich selbst in der
Frau und/oder in meiner besseren Hälfte.
Ich seife mit weicher Seife Schultern und Brust ein und stelle
mich mit dem Gesicht zum Wasser unter die Dusche, mindestens drei
Minuten lang. Ich meide lauwarme Badewannen, denn sie laden zur
Regression ein. Ich gehe spazieren, um Energien auszulaufen.
I treat my body like a baby (Ich behandle meinen Körper
wie den eines Babys). Das heißt beispielsweise: ich
ernähre mich zurückhaltend und sorgsam. Gehaltreich
an Nährstoffen und bestens verträglich sind die Haferflocken
»für Säuglinge ab 6 Wochen«.
Bei Angespanntheit breite ich beide Arme aus, atme tief ein,
und beim Ausatmen lege ich die Hände übereinander auf
den Scheitel. Eine harte Schlafunterlage sorgt für weiche
Übergänge vom Schlaf- zum Wachbewusstsein. Sie wirkt
dem schockartigen Erwachen entgegen, wie ich es oft in Krisen
erlebt habe.
Manchmal spreche ich mit Tieren, Bäumen oder Pflanzen und
versuche, von ihnen zu lernen. In dieser Situation kann ich mich
sehr einfach mit solchen Lebensweisen anfreunden, denn sie setzen
mir nichts entgegen. Ich suche Ausdruck für meine Gefühle,
zum Beispiel beim Singen und Tanzen.
Ich sortiere mein soziales Umfeld. Die Folge, die völlige
Isolation, ist schwer auszuhalten und birgt allerlei Risiken.
Einen Versuch ist es allemal wert, wenn mir Gott und die
Welt auf die Nerven gehen. Es ist eine sehr wichtige Erfahrung,
das Geräusch der anderen abdrehen zu können. Natürlich
sind nicht alle Sender schlecht. Noch besser bekommt mir aber,
die Programme selbst zu gestalten. Alkohol ist für mich ein
brauchbarer Dämpfer, aber ein völlig ungeeignetes Steuerungsmittel.
Soviel dazu aus meiner bescheidenen Lebenserfahrung.
|
Über den Autor
Pseudonym. Lebt in Berlin. Veröffentlichungen: »I've
got dem ol Kozmic Blues«, in: Irren-Offensive,
Heft 2 (1983); »Die letzte U-Bahn«, in: Irren-Offensive,
Heft 3 (1987); »Küsse Schüsse
Kalte Füsse. Prosa und Verse 1990-1992«,
Berlin: Küsse 1993; u.v.m.
|
 |
© 1993 by U. N. Terwegs