in: Kerstin Kempker (Hg.): "Flucht in die Wirklichkeit – Das Berliner Weglaufhaus", Berlin: Antipsychiatrieverlag 1998, S. 71-76
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Das Hotel Magnus Stenbock – Ein nutzerkontrolliertes Haus in Helsingborg

Aus dem Englischen von Gaby Sohl

Das Hotel Magnus Stenbock in der Stadt Helsingborg in Schweden ist eines der weltweit größten von seinen NutzerInnen selbstverwalteten Projekte und das einzige dieser Art in Europa. Bevor ich Ihnen von diesem Hotel erzähle, eine kurze Information zu meiner Person. Ich bin ein ehemaliger Nutzer – oder, wie ich mich lieber nenne: ein Überlebender der Psychiatrie. 1980 und 1981 verbrachte ich als Patient in einer alten Nervenheilanstalt außerhalb von Helsingborg. Meine Diagnose lautete »zwangsneurotische Persönlichkeitsstörung« – in der schlimmsten Ausprägung. (Näheres siehe Jesperson 1993, 1995, d.H.). Meine Prognose war überhaupt nicht gut. (...)

Warum haben wir dieses nutzerbetriebene, selbstverwaltete Hotel gegründet? Um Ihnen den Hintergrund dieses Projekts zu verdeutlichen, beginne ich mit zwei grundsätzlichen Überzeugungen zum Thema beschütztes Wohnen, die Sie vielleicht ein wenig schockieren werden:

  • Geschützte Unterkünfte sollten nicht als Rehabilitation angesehen werden.

  • Geschützte Unterkünfte sind keine Ergänzung.

Das medizinische Modell der Psychiatrie verwandelt Menschen, die leiden und Probleme haben, in behinderte Menschen, in Patienten und chronisch Kranke. Die Psychiatrie setzt keinerlei Heilungsprozeß in Gang; sie funktioniert als eine Art Transformationsfabrik, die am laufenden Band psychiatrische Patienten produziert. Die medizinische Terminologie und die scheinbar medizinischen Behandlungsmethoden schaffen das Trugbild einer konsequenten medizinischen Behandlung von Krankheiten.

Die Psychiatrie produziert Patienten und behinderte Menschen. Wenn diese dann wieder in die Gesellschaft entlassen werden, sind sie oft nicht mehr in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Verschiedenste soziale Unterstützungssysteme können nun zugreifen. Dies ist der Grund, warum meiner Meinung nach geschützte Unterkünfte nicht als Komplementäreinrichtung zur Psychiatrie betrachtet werden sollten, sondern als Alternative. Sie sollten auch nicht als Rehabilitation betrachtet werden. Ich persönlich hasse dieses ganze Konzept der Rehabilitation und fühle mich davon genauso beleidigt wie von dem Konzept der geistigen Gesundheit. Mich und meine Mitpatienten durch diese Brille zu betrachten, bedeutet, unsere innersten Erfahrungen anzugreifen – wirkliche Erfahrungen, die auf ihre Art auch heilig sind, obwohl sie oberflächlich betrachtet wahnsinnig aussehen mögen. Diese Brille aufzusetzen, bedeutet auch zu verleugnen, daß unser Leiden ein wirkliches Leiden der Seele ist, dem entsprechend begegnet werden sollte. Wer in einer beschützten Unterkunft wohnt, braucht vielleicht einiges an spezieller, persönlicher Unterstützung – er bzw. sie braucht aber kein Rehabilitationsprogramm. Diese Überzeugungen gehören zum Hintergrund unseres von (ehemaligen) Betroffenen selbstverwalteten Hotels.

»Magnus Stenbock« ist ein Selbsthilfeprojekt. Dies bedeutet, daß unser Hotel zu keinem psychiatrischen oder sozialen Rehabilitationsprogramm gehört und daß keine Professionellen daran beteiligt sind. Wir machen nicht die übliche Trennung zwischen zwei Gruppen von Menschen, von denen die eine dafür bezahlt wird, daß sie sich um die andere kümmert. Und gerade diese Tatsache ist sehr wichtig, da die nicht-trennende Begegnungsweise der Selbsthilfe ein Weg ist, die festzementierte Rolle als Patient, Behinderter oder chronisch Kranker aufzubrechen.

Wir haben mehrere Leute, die die praktische Routinearbeit im Hotel erledigen. Einige von ihnen werden bezahlt, keiner von ihnen hat einen professionellen Hintergrund. Diejenigen, die für ihre Arbeit bezahlt werden, sind entweder Psych-iatriebetroffene, die durch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme vom Arbeitsamt finanziert werden, oder Personen, die schon in einem ABM-Programm waren und jetzt über Gelder für besondere Projekte aus dem nationalen Sozialhilfe-etat bezahlt werden.

Das Projekt ist auch in der Hinsicht absolut demokratisch und nutzerkontrolliert, daß es von unserem örtlichen Betroffenenverein RSMH (Reichsbund für soziale und psychische Gesundheit, d.Ü.) Hel-singborg geleitet wird. In ihm sind zudem alle BewohnerInnen Mitglied. In der Jahreshauptversammlung wird ein Vorstand gewählt, und dieser ist für alles verantwortlich, auch für das Geld und die Arbeitsverträge. Alle wichtigen Entscheidungen werden auf unseren monatlichen Vollversammlungen getroffen.

RSMH Helsingborg wurde 1983 gegründet. 1989 bot man uns eine große Wohnung in der Stadtmitte von Helsingborg an, in der wir ein nutzerverwaltetes Anlaufzentrum aufbauten. Nach zwei Jahren zog eines unserer obdachlosen Vereinsmitglieder in diese Wohnung ein und begann dort Tag und Nacht ehrenamtlich zu arbeiten. Das bedeutete, daß unser Anlaufzentrum rund um die Uhr geöffnet war. Es bedeutete aber auch, daß viele unserer obdachlosen Mitglieder in die Vereinswohnung einzogen und dort lebten.

Es fiel uns sehr schwer, ihnen zu sagen, sie sollten wieder nach draußen gehen und auf der Straße schlafen, aber diese Wohnung war einfach nicht zum Wohnen geeignet. Es gab keine Betten und keine Möglichkeit zu duschen oder zu baden. Trotzdem wohnten nun plötzlich eine Menge Leute dort, einige ein halbes Jahr oder länger. Dies schuf Probleme für andere Vereinsmitglieder, die die Räume tagsüber nutzen wollten.

Wir brauchten also einen Ort, an dem die obdachlosen Vereinsmitglieder in eigenen Zimmern wohnen konnten. Zuerst überlegten wir, ein größeres Apartment zu suchen, aber dann kam unser Vereinsvorsitzender auf die Idee, gleich ein ganzes Hotel zu mieten. Durch seine Geschäftskontakte hörte er von einem Hotel, das möglicherweise als passendes Objekt in Frage kam. Nachdem wir ein paar Monate mit den Hotelbesitzern verhandelt hatten, begannen wir, mit der Stadt-verwaltung über die Finanzierung zu sprechen. Zuerst waren sie skeptisch, aber als sie das Hotel gesehen und die Kosten durchkalkuliert hatten, fanden sie heraus, daß dies ein gutes Geschäft für die Stadt werden würde. Unser Projekt bot ihnen tatsächlich eine extrem billige Lösung an, für 18 Psychiatriepatienten und andere obdachlose Menschen eine geschützte Unterkunft zu bekommen.

Das Hotel Magnus Stenbock liegt im Altstadtkern von Helsingborg, nah am Fährhafen nach Dänemark. Diese Lage war für uns entscheidend, da wir kein Haus am Stadtrand haben wollten, dort also, wo beschützte Unterkünfte normalerweise angesiedelt werden. Wir wollten im Zentrum der Stadt sein, so daß unsere HotelbewohnerInnen an dem alltäglichen, breit gestreuten Angebot der Stadt teilnehmen können. Das Hotel wurde 1898 erbaut und vor kurzem vollständig renoviert. Es hat fünf Stockwerke, einen Keller und einen eigenen Innenhof, so daß wir keine Nachbarn stören.

Wir übernahmen das gesamte Hotel mit allen Möbeln. Das bedeutet, daß wir unseren Vereinsmitgliedern und anderen obdachlosen Personen Einzelzimmer mit dem kompletten Hotelstandard anbieten können: Toilette und Dusche in jedem Zimmer, ein Bett mit Bettzeug, Schreibtisch, Spiegel, Lampen, Fön, Handtücher, Radiowecker, Fernseher, Telefon usw. Später ergänzten wir die Einrichtung mit Kühlschränken und Kaffeemaschinen. Wenn die Leute ihre Zimmer lieber mit eigenen Möbeln ausstatten wollen, können wir das Hotelmobiliar allerdings auch ausräumen.

Es gibt 18 Einzelzimmer, und alle BewohnerInnen können so lange bleiben, wie sie wollen. Niemand kommt und sagt ihnen, daß sie als nächsten Schritt im Rehabilitationsplan jetzt ausziehen und in eine eigene Wohnung gehen sollen. Natürlich hoffen wir, daß einige von ihnen nur vorübergehend hier wohnen, damit für neue HotelbewohnerInnen wieder Zimmer frei werden. Diese 18 Einzelzimmer liegen in den drei oberen Stockwerken des Hotels. Dazu kommen zwei Einzelzimmer im Erdgeschoß, die wir für Krisenzwecke nutzen und für BesucherInnen, die nur eine Nacht bleiben.

Im obersten Stockwerk befindet sich unser nutzerkontrolliertes Einzelfall-Management. Ein Ombudsmann erledigt hier Verwaltungsangelegenheiten und andere praktische Dinge für unsere Vereinsmitglieder. Auch dieses Projekt wird durch Sozialhilfegelder für besondere Projekte finanziert.

Die beiden unteren Stockwerke werden für alle möglichen Alltagsaktivitäten genutzt und sind für Vereinsmitglieder und BesucherInnen offen. Im Erdgeschoß haben wir ein kleines Restaurant und eine Hotelrezeption, an der immer jemand anzutreffen ist.

Das gesamte erste Stockwerk wird als Vereinsraum genutzt. Hier kann man mit anderen zusammensein, reden, rauchen, fernsehen, Billard-, Dart- und Kartenspielen, sich ein Buch aus der Bücherei ausleihen, Musik machen usw. Hier werden von Zeit zu Zeit auch Partys, Kultur- und Tanzabende, Vorträge oder Malworkshops veranstaltet. Unsere von einem professionellen Regisseur des Stadttheaters geleitete Theatergruppe trifft sich hier einmal die Woche.

Im Keller haben wir die Waschmaschinen stehen und ein Musikstudio. Im Hof gibt es im Sommer ein Café, hier feiern wir unsere nationalen Feste – die Mittsommernachtsparty im Juni und die Flußkrebsparty im August...

Die HotelbewohnerInnen bilden ein weites Spektrum sehr unterschiedlicher Menschen, was Alter und persönlichen Hintergrund betrifft. Der jüngste Bewohner ist 22 Jahre alt; er stammt aus dem ehemaligen Nordvietnam und floh mit seiner Familie nach dem Krieg. Der älteste ist 66; er lebte 25 Jahre als Obdachloser auf der Straße und verbrachte danach sechs Jahre in einer Nervenheilanstalt. Alle BewohnerInnen haben einen eigenen Mietvertrag, der eine 14tägige Kündigungsfrist für beide Parteien einschließt. Einige wenige Personen mußten das Hotel aufgrund von heftigem Drogenmißbrauch und nächtlichen Gröl-und-Krach-Feten in ihren Zimmern verlassen. Wir haben nur sehr wenige Regeln für den Aufenthalt im Hotel. Alkohol und andere Drogen sind innerhalb des Hotels untersagt, und ebenfalls nicht erlaubt ist Besuch im Einzelzimmer nach 22 Uhr. Diese Regeln gelten, nicht weil wir die BewohnerInnen bevormunden oder rehabilitieren wollen, sondern aus Rücksicht auf die MitbewohnerInnen. Diese Entscheidungen wurden demokratisch getroffen.

Wenn Sie unser Hotel besuchen wollen, sind Sie jederzeit willkommen. Das Hotel ist von Kopenhagen aus in einer knappen Stunde zu erreichen. Sie müssen nur die Regionalbahn nach Elsinore nehmen und dann die Fähre nach Helsingborg. Vom Fährhafen sind es nur noch ein paar Minuten Fußweg zu unserem Hotel. Sie sind herzlich eingeladen!

Literatur

Coyright by Peter Lehmann 1998
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