Das medizinische Modell der Psychiatrie
verwandelt Menschen, die leiden und Probleme haben, in behinderte
Menschen, in Patienten und chronisch Kranke. Die Psychiatrie setzt
keinerlei Heilungsprozeß in Gang; sie funktioniert als eine Art
Transformationsfabrik, die am laufenden Band psychiatrische Patienten
produziert. Die medizinische Terminologie und die scheinbar medizinischen
Behandlungsmethoden schaffen das Trugbild einer konsequenten medizinischen
Behandlung von Krankheiten.
Die Psychiatrie produziert Patienten und
behinderte Menschen. Wenn diese dann wieder in die Gesellschaft
entlassen werden, sind sie oft nicht mehr in der Lage, für sich
selbst zu sorgen. Verschiedenste soziale Unterstützungssysteme
können nun zugreifen. Dies ist der Grund, warum meiner Meinung
nach geschützte Unterkünfte nicht als Komplementäreinrichtung
zur Psychiatrie betrachtet werden sollten, sondern als Alternative.
Sie sollten auch nicht als Rehabilitation betrachtet werden. Ich
persönlich hasse dieses ganze Konzept der Rehabilitation und fühle
mich davon genauso beleidigt wie von dem Konzept der geistigen
Gesundheit. Mich und meine Mitpatienten durch diese Brille zu
betrachten, bedeutet, unsere innersten Erfahrungen anzugreifen
wirkliche Erfahrungen, die auf ihre Art auch heilig sind,
obwohl sie oberflächlich betrachtet wahnsinnig aussehen mögen.
Diese Brille aufzusetzen, bedeutet auch zu verleugnen, daß unser
Leiden ein wirkliches Leiden der Seele ist, dem entsprechend begegnet
werden sollte. Wer in einer beschützten Unterkunft wohnt, braucht
vielleicht einiges an spezieller, persönlicher Unterstützung
er bzw. sie braucht aber kein Rehabilitationsprogramm. Diese Überzeugungen
gehören zum Hintergrund unseres von (ehemaligen) Betroffenen selbstverwalteten
Hotels.
»Magnus Stenbock« ist ein Selbsthilfeprojekt.
Dies bedeutet, daß unser Hotel zu keinem psychiatrischen oder
sozialen Rehabilitationsprogramm gehört und daß keine Professionellen
daran beteiligt sind. Wir machen nicht die übliche Trennung zwischen
zwei Gruppen von Menschen, von denen die eine dafür bezahlt wird,
daß sie sich um die andere kümmert. Und gerade diese Tatsache
ist sehr wichtig, da die nicht-trennende Begegnungsweise der Selbsthilfe
ein Weg ist, die festzementierte Rolle als Patient, Behinderter
oder chronisch Kranker aufzubrechen.
Wir haben mehrere Leute, die die praktische
Routinearbeit im Hotel erledigen. Einige von ihnen werden bezahlt,
keiner von ihnen hat einen professionellen Hintergrund. Diejenigen,
die für ihre Arbeit bezahlt werden, sind entweder Psych-iatriebetroffene,
die durch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme vom Arbeitsamt finanziert
werden, oder Personen, die schon in einem ABM-Programm waren und
jetzt über Gelder für besondere Projekte aus dem nationalen Sozialhilfe-etat
bezahlt werden.
Das Projekt ist auch in der Hinsicht absolut
demokratisch und nutzerkontrolliert, daß es von unserem örtlichen
Betroffenenverein RSMH (Reichsbund für soziale und psychische
Gesundheit, d.Ü.) Hel-singborg geleitet wird. In ihm sind zudem
alle BewohnerInnen Mitglied. In der Jahreshauptversammlung wird
ein Vorstand gewählt, und dieser ist für alles verantwortlich,
auch für das Geld und die Arbeitsverträge. Alle wichtigen Entscheidungen
werden auf unseren monatlichen Vollversammlungen getroffen.
RSMH Helsingborg wurde 1983 gegründet. 1989
bot man uns eine große Wohnung in der Stadtmitte von Helsingborg
an, in der wir ein nutzerverwaltetes Anlaufzentrum aufbauten.
Nach zwei Jahren zog eines unserer obdachlosen Vereinsmitglieder
in diese Wohnung ein und begann dort Tag und Nacht ehrenamtlich
zu arbeiten. Das bedeutete, daß unser Anlaufzentrum rund um die
Uhr geöffnet war. Es bedeutete aber auch, daß viele unserer obdachlosen
Mitglieder in die Vereinswohnung einzogen und dort lebten.
Es fiel uns sehr schwer, ihnen zu sagen,
sie sollten wieder nach draußen gehen und auf der Straße schlafen,
aber diese Wohnung war einfach nicht zum Wohnen geeignet. Es gab
keine Betten und keine Möglichkeit zu duschen oder zu baden. Trotzdem
wohnten nun plötzlich eine Menge Leute dort, einige ein halbes
Jahr oder länger. Dies schuf Probleme für andere Vereinsmitglieder,
die die Räume tagsüber nutzen wollten.
Wir brauchten also einen Ort, an dem die
obdachlosen Vereinsmitglieder in eigenen Zimmern wohnen konnten.
Zuerst überlegten wir, ein größeres Apartment zu suchen, aber
dann kam unser Vereinsvorsitzender auf die Idee, gleich ein ganzes
Hotel zu mieten. Durch seine Geschäftskontakte hörte er von einem
Hotel, das möglicherweise als passendes Objekt in Frage kam. Nachdem
wir ein paar Monate mit den Hotelbesitzern verhandelt hatten,
begannen wir, mit der Stadt-verwaltung über die Finanzierung zu
sprechen. Zuerst waren sie skeptisch, aber als sie das Hotel gesehen
und die Kosten durchkalkuliert hatten, fanden sie heraus, daß
dies ein gutes Geschäft für die Stadt werden würde. Unser Projekt
bot ihnen tatsächlich eine extrem billige Lösung an, für 18 Psychiatriepatienten
und andere obdachlose Menschen eine geschützte Unterkunft zu bekommen.
Das Hotel Magnus Stenbock liegt im Altstadtkern
von Helsingborg, nah am Fährhafen nach Dänemark. Diese Lage war
für uns entscheidend, da wir kein Haus am Stadtrand haben wollten,
dort also, wo beschützte Unterkünfte normalerweise angesiedelt
werden. Wir wollten im Zentrum der Stadt sein, so daß unsere HotelbewohnerInnen
an dem alltäglichen, breit gestreuten Angebot der Stadt teilnehmen
können. Das Hotel wurde 1898 erbaut und vor kurzem vollständig
renoviert. Es hat fünf Stockwerke, einen Keller und einen eigenen
Innenhof, so daß wir keine Nachbarn stören.
Wir übernahmen das gesamte Hotel mit allen
Möbeln. Das bedeutet, daß wir unseren Vereinsmitgliedern und anderen
obdachlosen Personen Einzelzimmer mit dem kompletten Hotelstandard
anbieten können: Toilette und Dusche in jedem Zimmer, ein Bett
mit Bettzeug, Schreibtisch, Spiegel, Lampen, Fön, Handtücher,
Radiowecker, Fernseher, Telefon usw. Später ergänzten wir die
Einrichtung mit Kühlschränken und Kaffeemaschinen. Wenn die Leute
ihre Zimmer lieber mit eigenen Möbeln ausstatten wollen, können
wir das Hotelmobiliar allerdings auch ausräumen.
Es gibt 18 Einzelzimmer, und alle BewohnerInnen
können so lange bleiben, wie sie wollen. Niemand kommt und sagt
ihnen, daß sie als nächsten Schritt im Rehabilitationsplan jetzt
ausziehen und in eine eigene Wohnung gehen sollen. Natürlich hoffen
wir, daß einige von ihnen nur vorübergehend hier wohnen, damit
für neue HotelbewohnerInnen wieder Zimmer frei werden. Diese 18
Einzelzimmer liegen in den drei oberen Stockwerken des Hotels.
Dazu kommen zwei Einzelzimmer im Erdgeschoß, die wir für Krisenzwecke
nutzen und für BesucherInnen, die nur eine Nacht bleiben.
Im obersten Stockwerk befindet sich unser
nutzerkontrolliertes Einzelfall-Management. Ein Ombudsmann erledigt
hier Verwaltungsangelegenheiten und andere praktische Dinge für
unsere Vereinsmitglieder. Auch dieses Projekt wird durch Sozialhilfegelder
für besondere Projekte finanziert.
Die beiden unteren Stockwerke werden für
alle möglichen Alltagsaktivitäten genutzt und sind für Vereinsmitglieder
und BesucherInnen offen. Im Erdgeschoß haben wir ein kleines Restaurant
und eine Hotelrezeption, an der immer jemand anzutreffen ist.
Das gesamte erste Stockwerk wird als Vereinsraum
genutzt. Hier kann man mit anderen zusammensein, reden, rauchen,
fernsehen, Billard-, Dart- und Kartenspielen, sich ein Buch aus
der Bücherei ausleihen, Musik machen usw. Hier werden von Zeit
zu Zeit auch Partys, Kultur- und Tanzabende, Vorträge oder Malworkshops
veranstaltet. Unsere von einem professionellen Regisseur des Stadttheaters
geleitete Theatergruppe trifft sich hier einmal die Woche.
Im Keller haben wir die Waschmaschinen stehen
und ein Musikstudio. Im Hof gibt es im Sommer ein Café, hier feiern
wir unsere nationalen Feste die Mittsommernachtsparty
im Juni und die Flußkrebsparty im August...
Die HotelbewohnerInnen bilden ein weites
Spektrum sehr unterschiedlicher Menschen, was Alter und persönlichen
Hintergrund betrifft. Der jüngste Bewohner ist 22 Jahre alt; er
stammt aus dem ehemaligen Nordvietnam und floh mit seiner Familie
nach dem Krieg. Der älteste ist 66; er lebte 25 Jahre als Obdachloser
auf der Straße und verbrachte danach sechs Jahre in einer Nervenheilanstalt.
Alle BewohnerInnen haben einen eigenen Mietvertrag, der eine 14tägige
Kündigungsfrist für beide Parteien einschließt. Einige wenige
Personen mußten das Hotel aufgrund von heftigem Drogenmißbrauch
und nächtlichen Gröl-und-Krach-Feten in ihren Zimmern verlassen.
Wir haben nur sehr wenige Regeln für den Aufenthalt im Hotel.
Alkohol und andere Drogen sind innerhalb des Hotels untersagt,
und ebenfalls nicht erlaubt ist Besuch im Einzelzimmer nach 22
Uhr. Diese Regeln gelten, nicht weil wir die BewohnerInnen bevormunden
oder rehabilitieren wollen, sondern aus Rücksicht auf die MitbewohnerInnen.
Diese Entscheidungen wurden demokratisch getroffen.
Wenn Sie unser Hotel besuchen wollen, sind
Sie jederzeit willkommen. Das Hotel ist von Kopenhagen aus in
einer knappen Stunde zu erreichen. Sie müssen nur die Regionalbahn
nach Elsinore nehmen und dann die Fähre nach Helsingborg. Vom
Fährhafen sind es nur noch ein paar Minuten Fußweg zu unserem
Hotel. Sie sind herzlich eingeladen!
Literatur