in: Psychosoziale Umschau
(BRD), 18. Jg. (2003), Nr. 3, S. 37-39 (nachträglich korrigiert
von Peter Lehmann) / English
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Wilma Boevink
Recovery: Mitreden mitmachen selbst
aktiv werden. Wie in den Niederlanden Psychiatrie-Erfahrene Partizipation neu
definieren Übersetzung von Michi Almer Auf die
Beteiligung Psychiatrie-Erfahrener in den Niederlanden wird in Deutschland oft
bewundernd verwiesen. Bei uns ist ihre Mitbestimmung inzwischen gesetzlich verankert
und formal geregelt, aber in der Praxis lässt der Umfang der Beteiligung
noch viel zu wünschen übrig. Es zeigt sich, dass Klientenräte
nicht in der Lage sind oder nicht in die Lage versetzt werden, das Gesetz in ihrem
Sinne zu nutzen. Es gibt Engpässe bei der Suche nach aktiven Mitgliedern,
beim Kontakt mit der Basis, beim Erörtern der vielen komplizierten Texte,
die auf ihrem Schreibtisch sofern vorhanden landen. Der Einfluss
auf die Tagesordnung der Gremienversammlungen, auf die Häufigkeit von Beratungen,
auf ihren Verlauf, auf die Schnelligkeit ihres Ablaufs sowie auf die Kommunikationsformen
ist beschränkt. Die Arbeitszeit, die für die Vorbereitung der Treffen,
die Teilnahme und Nachbereitung aufzuwenden ist, wird nicht bezahlt, während
Profis eine solche Arbeit im Rahmen ihrer in aller Regel gut bezahlten
Dienstzeit verrichten können. Viel Energie der aktiven Mitglieder verpufft
in institutionsinternen Angelegenheiten und Verwaltungsfragen. Für einen
inhaltlichen Beitrag fehlen die Leute, die Mittel und was ebenso wichtig
ist eine kollektive Instanz gesammelten Wissens, aus der man schöpfen
kann.
Partizipation von Psychiatrie-Erfahrenen ist nicht mehr oder weniger,
als das Wort sagt: Teilnahme von Betroffenen am Angebot der Profis.
Diese findet statt in vielen Ausschüssen, Arbeitgruppen, Gremien
und Beiräten. In der Tat: Wir werden einbezogen in die Entwicklung
von Versorgungsprogrammen, wir dürfen an der Entwicklung eines
Standards für Schizophreniebehandlung teilnehmen oder mit am
Tisch sitzen in dem Beirat, der über eine klinische Erprobung
neuer Rehabilitationsmethoden wacht. Aber ich mache mir über
diese Art von Beteiligung wenig Illusionen. Meistens werden wir
erst eingeladen, wenn die wichtigsten Entscheidungen bereits getroffen
sind. Der Zusammenhang, in dem wir arbeiten, lässt die bestehenden
Machtverhältnisse unangetastet oder verfestigt sie. Und oft
sind die partizipierenden Psychiatrie-Erfahrenen Einzelgänger,
die zwar eine Krankheitsgeschichte und Erfahrungen als Patienten
haben, aber es fehlt ihnen die politische oder historische Einsicht
in das Wesen der Betroffenenbewegung.
Selbststeuerung Mitmachen
beim Angebot der Profis: Ich frage mich, ob es darum geht. Haben wir nicht mehr
zu bieten? Ich glaube schon. In der Praxis von Betroffenen und ihren Organisationen
gibt es interessante Entwicklungen, die die Position der Psychiatrie-Erfahrenen
stärken könnten. An vielen Orten werden Initiativen ergriffen, die eine
andere Perspektive auf den Umgang mit psychischen Problemen eröffnen. Dies
geschieht unter anderem im Büro für Patientenbelange in Eindhoven, dem
»Wegwijswinkel«, einer Beratungseinrichtung für Psychiatriebetroffene
in Utrecht, der Patienten- bzw. Konsumenten-Plattform in Amsterdam und dem »Basisberaad«
in Rotterdam. Hier werden Trainingsprogramme für Profis im psychosozialen
Bereich entwickelt, Kurse für Betroffene und von Betroffenen veranstaltet,
neue Selbsthilfegruppen und Diskussionsforen für Psychiatrie-Erfahrene gestartet.
Außerdem werden Schulungsprogramme entwickelt, die den professionellen Einsatz
eigener Erfahrungen ermöglichen. Auch auf nationaler Ebene werden in Selbsthilfeorganisationen
wie »Weerklank« (Stimmenhören) oder »Stiftung Borderline«
Erkenntnisse formuliert, die das Verständnis und die Behandlung von psychischen
Problemen verbessern.
Projekte, die von Betroffenen gesteuert werden, erfreuen sich zunehmender
Beliebtheit. Auf vielen Gebieten beginnen Psychiatrie-Erfahrene,
ihre Leitungsfähigkeit zu zeigen. Allen Aktivitäten liegt
als Triebkraft die Überzeugung zugrunde, dass die eigenen Erfahrungen
eine andere Perspektive auf Symptome und psychische Probleme
wie zum Beispiel Stimmenhören oder Selbstverletzung
eröffnen und damit eine andere, wahrscheinlich bessere Dienstleistung
als das reguläre psychosoziale Versorgungsangebot ermöglichen
können. Selbsthilfe und betroffenengesteuerte Initiativen sind
eine Antwort auf die Tatsache, dass sich unsere Eigenheit, unsere
Erfahrung und unser Wissen in der regulären psychosozialen
Versorgung kaum widerspiegeln. Für die Betroffenen, individuell
und kollektiv, verschiebt sich der Schwerpunkt: Weg vom Agieren
gegen die Macht der Anderen und vom Reagieren auf ihre Tagesordnung,
hin zur Besinnung auf die immer stärkerer werdenden eigenen
Kräfte.
Recovery-Initiativen
In den letzten Jahren habe ich an einem Recovery-Projekt (1) der
Langzeitversorgung teilgenommen, wo ich mit acht Betroffenen intensiv
zusammengearbeitet habe. Wir neun trafen uns jahrelang alle zwei
Wochen, um Erfahrungen auszutauschen über unsere Versuche,
mit anhaltenden psychischen Problemen zu leben. Es war ungewohnt,
in einer anderen Rolle als der des Patienten über psychische
Beschwerden zu diskutieren, darüber hinaus aus einer Perspektive
von Selbstinitiative und Selbsthilfe, so vertraut war uns die Terminologie
der Profis von Krankheiten und Symptomen.
Die Aufforderung, die vertraute Patientenrolle zu tauschen gegen
andere, selbst zu schaffende Rollen, bekam Nachdruck durch die Form
der Treffen. Wir saßen an Tischen, die wie bei einem Managementtreffen
im Kreis aufgestellt waren, wir hielten uns an eine vorab vereinbarte
Tagesordnung und führten Protokolle. Die Mitglieder erzählten,
was sie in den vorhergehenden Wochen beschäftigt hatte. Erfahrungen
wurden ausgetauscht und man gab einander Tipps und Ratschläge
über den Umgang mit Hindernissen bei eigenen Versuchen, neue
Lebensperspektiven zu gewinnen. Das Besprechen des Protokolls der
letzten Sitzung schuf Distanz zu diesen Erfahrungen und eröffnete
den Weg zu ihrer Systematisierung. So entstanden inhaltliche Leitlinien
zu den Themen Recoveryprinzipien, Unterstützungsressourcen,
Umgang mit Psychopharmaka, Beziehung zu Therapeuten, Urlaub, das
Versorgen von Haustieren usw.
Im Verlauf des Projekts entstand bei den Mitgliedern der Wunsch, ihr
erworbenes Wissen an die Öffentlichkeit zu tragen. Es wurden verschiedene
Initiativen entwickelt wie Präsentationen und Diskussionsnachmittage für
Mitbetroffene, Untersuchungen innerhalb der eigenen Einrichtung, Seminare für
Wohnbetreuer oder ein Kurs von Erfahrenen für Erfahrene zum Thema »Beginnen
mit Recovery«. Das Projekt, das ich hier skizziert habe, beruht im
Grunde auf zwei Prinzipien:
»Nicht für unsere Patienten«
Im Recoveryprojekt haben wir nichts Neues entwickelt. Es hat Wissen
und Arbeitsweisen ans Licht gebracht, die schon lange in der Betroffenenbewegung
vorhanden waren. In der Art, wie das Projekt sich entwickelt hat,
erkenne ich viel von dem wieder, was ich selbst in zufälligen,
informellen oder organisierten Kontakten von Mitpatienten, von Experten
durch Erfahrung oder von Aktivisten gelernt habe. Diese Lektionen
haben zu tun mit Hoffnung, mit Selbstwert und Eigensinn und der
Kraft des Kollektivs. Entgegen der Behauptung mancher Profis sind
diese Lektionen weder an Diagnosen noch an Patientenmerkmale wie
Dauer der Krankengeschichte oder Schwere der Symptome gebunden.
Eine der Reaktionen auf unseren Ansatz ist, dass
er nur für eine Elite chronisch-psychiatrischer Patienten geeignet sei: »Toll,
was ihr gemacht habt, aber unsere Patienten wären damit überfordert.«
Für die meisten Patienten gäbe es keine Hoffnung, sie seien zu krank
oder zu behindert.
Über die Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe,
sagt man nachdem sie die Regie über ihr Leben wieder
in ihre eigenen Hände genommen haben , sie seien von
Anfang an keine typischen chronischen Patienten gewesen. Das erinnert
mich stark an die Art und Weise, wie in der Psychiatrie immer wieder
Beweise gesucht wurde für den verheerenden Verlauf der Krankheit
Schizophrenie. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe haben sich von ihrem
vorgegebenen Schicksal als chronische Patienten befreit. Das beweist
für manche Profis nicht, dass dies tatsächlich möglich
ist, es beweist lediglich, dass sie von Anfang an keine chronischen
Patienten gewesen seien. Da frage ich mich natürlich, aus welchem
Grund die Betroffenen dann so lange in der Langzeitversorgung gehalten
wurden und was man dort die ganze Zeit gemacht hat.
Nicht länger eine Störung mit Versorgungsbedarf
Wir haben mit der Erneuerung unseres Psychiatriesektors noch einen
weiten Weg vor uns. Um so wichtiger ist es, dass wir in der Psychiatrie-Erfahrenenbewegung
unseren Sektor verlassen. Es gibt mehr in unserer Gesellschaft als
nur den Psychiatriesektor. In einem wunderschönen Essay über
Selbstbestimmung und Bedarfsteuerung weisen Van Hoorn, Bellemakers
und Koster (in: De Kleine Zelfbeschikking en de herovering van Vraagsturing,
Harmelen 2002) darauf hin, dass die Frage: »Was will ich mit
meinem Leben, und welche Versorgung und Dienste brauche ich, um
mich so gut wie möglich zu meinen bleibenden Verletzlichkeiten
oder psychischen Behinderungen verhalten zu können?« im
Mittelpunkt stehen muss. Wir lassen uns nicht reduzieren auf eine
Störung mit psychiatrischem Versorgungsbedarf. Wir sind ganzheitliche
Personen mit einem Leben, das gelebt werden will, auch wenn es Teile
gibt, die es möglicherweise notwendig machen, professionelle
Versorgung oder Dienstleistung in Anspruch zu nehmen. Diese Notwendigkeit
macht uns zu Nutzern psychiatrischer Angebote. Und es kommt nicht
darauf an, wo wir uns die Angebote holen, die wir brauchen. In jedem
Fall steht die Fortsetzung des Lebens, das wir uns wünschen,
im Mittelpunkt, die Versorgung spielt nur eine funktionale Rolle.
In diesem Sinne wäre ich gerne eine Nutzerin
psychiatrischer Angebote, aber vorerst ist es eine einseitige politische Behauptung,
die wenig mit der Realität zu tun hat. Man kann sich zwar zum Nutzer der
Psychiatrie erklären, aber dazu braucht man auch ein Gegenüber, das
sich nutzen lässt, im positiven Sinn des Wortes. Davon sind wir noch Lichtjahre
entfernt.
Lasst uns also anfangen in der Betroffenenbewegung selber. Lasst
uns weiterhin einander unsere Geschichten erzählen. Geschichten,
in denen wir uns selbst erkennen und durch die wir unsere Eigenheit
und Identität wiederfinden. Geschichten, von denen wir sagen
können: So ist mein Leben, das bin ich, auf diese Art kannst
du mir helfen. Unsere Geschichten haben nicht nur für uns selbst
Wert. Unsere Geschichten bieten den Profis die Gelegenheit zu lernen,
in einer neuen Sprache zu kommunizieren, in einer Sprache, die sowohl
Nutzer als auch Dienstleister verstehen.
(1) »Recovery ist ein zutiefst persönlicher, einzigartiger Veränderungsprozess
der eigenen Überzeugungen, Werte, Gefühle, Ziele, Fertigkeiten und
Rollen. Es ist ein Weg, ein befriedigendes und hoffnungsvolles Leben
voller Teilhabe zu führen, auch wenn es krankheitsbedingt eingeschränkt
ist. Indem man über die katastrophalen Auswirkungen der psychischen
Erkrankung hinauswächst, zieht der Recoveryprozess die Entwicklung
einer neuen Bedeutung und eines neuen Lebensziels nach sich.«
(William A. Anthony: Recovery from mental illness: The guiding vision
of the mental health service system in the 1990's, in: Psychosocial
Rehabilitation Journal, 16. Jg. [1993], Nr. 4, S. 11-23)
Wilma Boevink, geboren 1963, Sozialwissenschaftlerin
auf dem Gebiet der psychiatrischen Fürsorge, aktives Mitglied
in der Bewegung der niederländischen Psychiatriebetroffenen.
Als ehemalige Langzeitbetroffene ist sie derzeit in Utrecht beim Trimbos-Institut
beschäftigt, dem niederländischen Institut für Psychiatrie
und Abhängigkeit. Dort arbeitet sie im Forschungsbereich, wo
sie ihre persönlichen Erfahrungen in ihre Tätigkeit integrieren
kann. Autorin (zusammen mit José van Beuzekom, Erna Gaal u.a.) von
»Samen werken aan herstel. Van ervaringen delen naar kennis overdragen«
(»Zusammenarbeiten für Recovery Vom Erfahrungsaustausch
zum Umsetzen von Wissen«), Utrecht: Trimbos-Institut 2002; Autorin
(zusammen mit Karl Bach Jensen, Regina Bellion u.a.) von Psychopharmaka
absetzen Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva,
Lithium, Carbamazepin und Tranquilizern, hg. von Peter Lehmann«,
Berlin: Antipsychiatrieverlag, 2. Aufl. 2002. Kontaktadresse: Wilma
Boevink, c/o Trimbos-Institut, Post Box 725, NL-3500 AS Utrecht, eMail
wboevink[at]trimbos.nl.
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