Kerstin
Kempker
Was hilft mir, wenn ich verrückt werde?
Wo bin ich verrückt geworden, selbstzerstörerisch, stumm, schlaflos,
getrieben, wie in Trance? In der Psychiatrie. Vor diesem Verrücktwerden
schützt mich das Fernbleiben der Psychiatrie, das faktische und
auch das stimmungsverdunkelnde der Erinnerung.
Ich bin als 17jährige in der Psychiatrie gelandet, und heute,
17 Jahre später, lasse ich mich von der Erinnerung nicht mehr
verfolgen, sondern drehe den Spieß herum. Ich nehme die Fährte
der drei Jahre Anstalt auf, so wie man Licht macht, um das mächtige
Gespenst zu bannen. Begonnen habe ich damit zaghaft und eher theoretisch
im Studium und mit der Diplomarbeit. Ich lernte in Berlin die
Irren-Offensive und das KommRum kennen und wurde dann im Verein
zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt aktiv. Ohne diese gemeinsame
politische Perspektive, den persönlichen Austausch und Rückhalt
hätte ich die Konfrontation mit meiner Psychiatriezeit nicht gewagt.
Um funktionieren, studieren, meine Kinder versorgen zu können,
hatte ich die drei Jahre nicht aus dem Gedächtnis, aber aus meinem
aktuellen Leben gestrichen. In Alpträumen und Momenten der Verzweiflung
und des Befremdens waren sie jedoch immer wieder aufgetaucht.
Dumpf und gesichtslos, keinen konkreten Erlebnissen zuzuordnen,
oft verbunden mit Atemnot und Todesangst, das pure Entsetzen.
An diesem Punkt kam ich auch mit der Gesprächstherapie nicht weiter,
da fehlten die Worte.
Neben dem herzlichen und wie selbstverständlichen Rückhalt durch
andere Psychiatriebetroffene im Verein hat mir bei der Spurensuche
entscheidend geholfen, die Akten über den schwärzesten und am
wenigsten erinnerten Teil meiner Psychiatriezeit, die Mainzer
Uni-Anstalt, zu lesen. Zu diesem Zweck mußte ich sie letztes Jahr
vor Ort stehlen.
5 Elektroschocks, wochenlang tägliche Insulinschocks
(400 Einheiten i.v.), Antidepressiva-Infusionen, 14 verschiedene
Neuroleptika, Tranquilizer, Antidepressiva und Barbiturate plus
Kreislaufmittel plus Anti-Parkinsonmittel. Der Speiseplan am 28.
März 1976, einem schockfreien Tag, sah z.B. so aus: Lyogen ret.
3 mg, Melleril ret. 2 x 30 mg, Ordinal ret. 1 Dragee, Dihydergot
3 x 20 Tr., Tavor 2,5 mg, Pertofran 75 mg, Akineton ret. 1 Dr,
Luminal 3 x 1,0 Tb., Valium 2 x 10 mg, Valium 20 mg. i.m. Zusätzlich
zum E-Schock vom 16. März 1976 und den dabei verabreichten Herz-,
Beruhigungs- und Betäubungsmitteln (Atropin, Brevimytal, Succinylcholin)
gab es neben weiteren Kreislaufmitteln 2 Neuroleptika, 2 Tranquilizer
und 1 Antidepressivum. Die laut Peters (damals Anstaltsleiter,
heute Chef der DGPN) »exzessiv hohe« Dosis von 400 Einheiten
Alt-Insulin i.v. reicherte er noch an mit 3 mg Lyogen, 2 x 200
mg Melleril, 1 Dr Ordinal, 3 x 20 Tr. Dihydergot, 2,5 mg Tavor
und 1 Luminal. Am 20. Februar 1976 brauchte er zusätzlich 10 Ampullen
Traubenzucker i.v., um mich aus dem Koma zu holen.
Was war geschehen? War ich eine extrem selbst- und fremdgefährliche
unheilbar Schizophrene, kataton, stuporös, hebephren, manisch,
depressiv, alles gleichzeitig und zudem kurz vor dem Tod?
Ich war eine 17jährige Schülerin kurz vor dem Abitur, las Camus,
Thomas Bernhard und Kafka, stand also der herrschenden Realität
eher skeptisch gegenüber, schrieb Tagebuch und galt als umgängliche
Eigenbrötlerin. Zuhause stritten sich die Eltern, in der Schule,
einem von Nonnen geführten Mädchengymnasium, verweigerte ich schließlich
die Mitarbeit, die bewertbare Leistung. Der Teufelskreis begann:
Ich wurde einer Psychiaterin vorgeführt, die mich ins Allgäu
zur Jugendkur schickte. Dort lag ich mit mehreren Mädchen im engen
Schlafsaal, um zehn ging das Licht aus, Rückzug gab es nicht,
stattdessen Pflichtprogramm rund um die Uhr: Körperertüchtigung,
Wettkämpfe, nicht einmal der Saunagang war freiwillig. Ich wünschte
mir sehnlichst meine Ruhe und geistigen Austausch. Da die Betreuerinnen
das nicht begriffen, gab ich einer von ihnen mein Tagebuch mit
den verzweifelten Eintragungen der letzten Tage zu lesen, um so
die Kur abbrechen zu können. Das klappte auch. Nur verstand der
noch in der Nacht informierte Allgäuer Hausarzt mich noch viel
weniger und sah sich stattdessen genötigt, einen Alarmruf an die
Mainzer Psychiaterin zu schicken, die mir daraufhin ohne
mein Wissen einen Platz in der Mainzer Uni-Klinik, Psychotherapeutische
Abteilung, verschaffte. Also lag ich in einem Klinikbett, mein
Tagebuch war konfisziert, und ein eingebildeter und kaltschnäuziger
junger Arzt befragte mich. Man injizierte mir Insulin, um meine
Gesprächsbereitschaft zu fördern. Als ich eines Morgens statt
zu frühstücken lieber schlafen wollte, wurde ich gleich mit der
Diagnose: »Verdacht auf progrediente (fortschreitende)
psychiatrische Auffälligkeiten, die über das Ausmaß einer Pubertätskrise
hinausgehen«, in die Psychiatrische Abteilung eskortiert.
In dem Begleitschreiben hieß es, ich sei negativistisch und man
wolle mich wegen »gewisser suizidal wirkender Impulse«
(das stehengelassene Frühstück) über die Weihnachtstage loshaben,
nehme mich danach aber gerne wieder auf.
Ich erwachte im Gemeinschaftsschlafsaal der Geschlossenen Frauenabteilung.
Prof. Dr. Uwe Henrik Peters kam kurz herein und antwortete auf
meine Frage, weshalb ich hier sei: »Das wissen Sie ja selbst.
Sie sind schizophren.« Die Behandlung begann,
als Privatpatientin genoß ich eine besonders intensive. FreundInnen
und Bekannte kamen nur einmal und suchten erschrocken das Weite.
Fünf Monate später fand ich mich in einem aufgedunsenen, 12 kg
schwereren, von Akne befallenen Körper (nicht) wieder, den ich
nicht bewegen konnte, wie ich wollte, mit einer Zunge, die zu
schwer zum Sprechen war, Fingern, die nicht greifen, geschweige
denn schreiben konnten, einem weithin leergefegten Gedächtnis
und einem Gehirn, das zur Konzentration nicht mehr taugte.
Aus dieser Haut wollte ich raus. Als Schizophrene
auf der Geschlossenen sah ich neben dem hartnäckig vorgetragenen
Wunsch, hier weg zu müssen, weil es mir doch nur schlechter
gehe (eine Äußerung, die von meinem Psychiater gerne
mit weiteren Schocks beantwortet wurde), nur noch die Selbsttötung
als Ausweg.
Damit hatte sich die psychiatrische Einstufung vom Beginn dieses
Teufelskreises, die als suizidal ausgelegte Frühstücksverweigerung,
also bewahrheitet. Ich war tatsächlich gequält, lebensüberdrüssig
und -untauglich geworden. Die Mainzer Uni-Anstalt hatte mich verrückt
gemacht, verrückt in diesem zerstörerischen und unproduktiven
Sinn von mir selber fremd und im Wege.
Vor dieser Art des Ausrastens schützt mich die gemeinsame politische,
öffentliche und persönliche Auseinandersetzung mit der Psychiatrie.
Nicht ich muß mich schämen, dort gelandet zu sein. Und einen Arbeitsplatz,
für den ich meinen Lebenslauf frisieren muß, oder FreundInnen,
denen ich nur die Rosinen meiner Vergangenheit auftischen kann,
will ich nicht.
Die andere lebendigere Verrücktheit, die überbordende, unmögliche,
unvorsichtige der symbolträchtigen Handlungen und rotierenden
Gefühle, bleibt eine Möglichkeit von mir, auf Unsägliches zu reagieren.
Wichtig ist dabei, Zeit und Ort noch bestimmen zu können. Diese
Zeitbombe, die die Ereignisse entzünden können, braucht eine lange
Lunte, damit ich sie richtig plazieren kann, gefahrlos, aber wirkungsvoll.
Erfahrungswerte, eigene und die anderer, können da hilfreich sein.