Ludger Bruckmann
Rückblick auf zwölf Jahre antipsychiatrische Selbsthilfe
Zwei Interviews (1981 und 1992)
Interview 1.
Teil (1981) (1)
Das Interview mit Ludger er ist Mitbegründer der
Irren-Offensive fand in seiner Wohnung bei Kaffee und Kuchen
statt. Das war für mich das erste 'offizielle' Interview
nach dem Fragenkomplex, den ich nach meinem und Peters Interview
zusammengestellt hatte. Ich war gespannt und auch etwas nervös,
weil ich nicht einschätzen konnte, ob die Fragen überhaupt
so gestellt werden könnten, ob ich auf die befragte Person
entsprechend eingehen könnte, ob ich es schaffen würde,
mich rauszuhalten, ob ich das erfahren würde, was ich erfahren
wollte. Der Interviewverlauf bestätigte mir, dass ich mit
meinen Fragen doch auf der richtigen 'Spur' war. Ich musste die
Fragen auch nicht nochmal erklären; die Situation war recht
locker. Beim letzten Fragenkomplex (übergreifende Gedanken,
Möglichkeiten und Grenzen) fühlte ich mich etwas verunsichert.
Ich sagte Ludger, dass das für mich selbst offene Fragen
waren. Nach dem Interview war ich richtig happy, es hatte uns
Spaß gemacht, und ich freute mich auf die nächsten.
Berlin 1982, Tina Stöckle
Frage: Ludger, was hast Du früher mit dem Namen Irrenhaus
verbunden?
Ludger: Sagenhafte Angstvorstellungen, dass es ganz schlimm wäre,
als verrückt zu gelten oder es zu sein. Meine Mutter, die
während des Dritten Reichs im Kloster bei Geisteskranken
war, hat mir schreckliche Geschichten erzählt, wie sie abtransportiert
und gequält wurden. Daher die wahnsinnige Angst. Verrückt
das war für mich das schlimmste, was passieren konnte.
Frage: Wie kam es dann, dass Du in die Klapse gekommen bist?
Ludger: Durch ein religiöses Elternhaus, durch mein engagiertes
Christentum wollte ich christlich handeln, hatte einen versteckten
Opfersinn und wollte mich irgendwie dabei opfern oder umbringen.
Ich wurde von den Leuten durch ihr widersprüchliches Verhalten
mir gegenüber in einen Zustand gedrängt, der mich stumm
machte. Ich hatte starke Schmerzen, bin vor Menschen geflüchtet,
bin vor Kliniken hingelaufen und hab' geschrien, dass ich Angst
habe, bin dann aber wieder weggelaufen. Mein älterer Bruder,
zu dem ich großes Vertrauen hatte, hat mich dann in die
Klinik gebracht.
Frage: Und welche Erwartungen hattest Du, kurz bevor Du in die
Klapse reinkamst?
Ludger: Ich hatte sagenhafte Angst, dachte, mein Bruder stecke
mit der Mafia unter einer Decke, dachte, die würden mich
in der Klinik grausam umbringen. Ich dachte, hier komm' ich nie
wieder heraus, hatte überhaupt kein Vertrauen zu diesen Leuten,
habe sie auch nach Strich und Faden belogen.
Frage: Was haben die dann mit Dir gemacht?
Ludger: Der Psychiater behandelte mich, als ob ich nicht ganz
dicht sei, als armes, hilfloses Geschöpf, aber mit dem Anspruch,
er verstehe ja alles. Ich hatte das Gefühl, ich müsse
die Leute reinlegen. Ich hab' erzählt, dass ich Stimmen hören
würde, was überhaupt nicht stimmte. Ich hatte mich über
meinen älteren Bruder geärgert, der alles brühwarm
erzählt hatte, was ich ihm anvertraut hatte. Bei der Spritze
hatte ich Angst, dass ich im Schlaf etwas verraten würde,
was ich gar nicht sagen durfte. Ich bekam starke Medikamente,
dadurch Muskelverspannungen, aber nach einigen Wochen ging es
mir wieder besser. Ich hatte auch mit den Menschen gesprochen,
von denen ich zuerst den Eindruck hatte, das sind Verrückte;
ich war aber sehr zurückhaltend. Meine Mutter holte mich
raus, sagte, sie habe keinen verrückten Sohn. Einige Wochen
später war ich wieder in dem gleichen Zustand. Meine Mutter
wollte mich verstecken und hat mich zuhause eingeschlossen.
Frage: Und welche Diagnose hast Du gekriegt?
Ludger: Paranoide Schizophrenie.
Frage: Fühltest Du Dich damals krank?
Ludger: Ich war krank, nicht mehr in der Lage, irgend etwas selbst
zu unternehmen, war in einem Zustand, wo ich nicht klarkam, wo
ich absolut auch Hilfe benötigte. Ich war in einem tieftraurigen,
deprimierten Angstzustand.
Frage: Warst Du im Sinne der Psychiater krankheitseinsichtig?
Ludger: Der Psychiater flippte aus, als ich ihm sagte, ich hätte
keine Stimmen gehört.
Frage: Wie weit ist Dir nach der Klapse Deine Vergangenheit nachgehangen?
Ludger: In der Familie bin ich wie ein Verrückter behandelt
worden, jeder musste Rücksicht darauf nehmen. Auch im kirchlichen
Kreis wurde hinter meinem Rücken gesagt »Der war in
der Klapse«, taten alle ganz freundlich, aber keiner hat's
angesprochen, die sind weggelaufen, wenn ich davon anfing. Ich
hab' mich als völlig abgelehnt gefühlt, hatte selbst
den starken Eindruck: Ich bin ja verrückt, das stimmt schon,
was die sagen. Die Situation in Essen war so, dass es mir bedeutend
dreckiger ging. Ich kam mit der Arbeit nicht klar. Es dauerte
nicht lange, da war ich wieder so weit.
Frage: Hast Du das Erlebnis Klapse hinterher aufgearbeitet?
Ludger: Ja, mein jüngerer Bruder holte mich nach Berlin,
rettete mich vor dem nächsten Klinikaufenthalt, der auf alle
Fälle drei Monate dauern sollte.Ich machte in Berlin eine
Therapie. Da war zum ersten Mal ein Mensch, der mir zuhörte
und mich fragte, was ich dazu sage. Da fing ich laut zu lachen
an und sagte, das will überhaupt kein Mensch wissen. Der
Therapeut sah zwar in mir einen von der Umwelt her kaputten Menschen,
aber er hatte sofort ein Verständnis dafür, dass hier
was abgelaufen ist, was mich kaputt gemacht hat. Ich lebe inzwischen
zweieinhalb Jahre in Berlin und komme sehr gut und immer besser
zurecht. Ich hab' das dadurch geschafft, dass mein Bruder und
der Therapeut an mich glaubten, dass der Therapeut in mir einen
Menschen mit Fähigkeiten sah, die er selbst finden und damit
umgehen muss.
Frage: Ludger, Du warst ja ein Mitbegründer der Irren-Offensive.
Kannst Du Dich noch erinnern, welche Vorstellungen Du damals hattest?
Ludger: Die erste Irren-Offensive war gut und schön für
mich. Da hatte ich ein starkes Verständnis gefunden. Jeder
hat von sich und seiner Geschichte erzählt, jeder kam dran.
Da war so viel Einfühlungsvermögen da, eine Gemeinsamkeit,
da wir doch ähnliches erlebt hatten, das hat gut getan.
Frage: Welche konkreten Bedürfnisse in bezug auf Dich selbst
hast Du jetzt, und wie weit kannst Du diese im Moment verwirklichen?
Ludger: Ich hab' eigentlich den Wunsch nach einer Partnerschaft,
und das ist ein heißes Eisen für mich. Ich hab' auch
Angst davor. Ich bin im Moment dabei, mehr und viel unter Menschen
zu gehen. Ich fang' konkreter an, in Gruppen und Initiativen mitzuarbeiten,
wo ich Freunde finde; auch gemeinsame Erlebnisse mit der Irren-Offensive,
Besuche in Kliniken... Das macht mir Freude, wenn ich was getan
hab.
Frage: Und inwieweit gelingt es Dir, Deine Kernprobleme anzusprechen,
anzugehen oder zu lösen?
Ludger: Ich glaube, ich habe gewaltige Fortschritte gemacht.
Der Zustand taucht ja immer wieder auf, der Angst macht. Aber
diesmal habe ich mich krank schreiben lassen. Ich habe mich wieder
gefangen, obwohl ich in die Klinik sollte, Spritzen bekommen sollte.
Ich hab' den Arbeitsplatz und alles andere erhalten können.
Ich finde, ich komme immer besser mit der Situation zurecht. In
der Problemlösegruppe, in der ich bin, bin ich viel mutiger
und aktiver als andere. Ich merke, dass andere noch viel mehr
Ängste als ich haben... Das sind gewaltige Fortschritte!
Frage: Sag' mal, gibt es Bedürfnisse, von denen Du glaubst,
dass sie nicht in der Irren-Offensive zu verwirklichen sind, dass
man einen Psychofachmann bräuchte?
Ludger: Es gibt Bedürfnisse, die die Irren-Offensive gar
nicht erfüllen kann, die ich woanders befriedige. Es gibt
Therapieformen, die sehr gut für mich waren. Ich glaube nicht,
dass die Leute aus der Irren-Offensive eine Art Therapie veranstalten
können. Ich glaub', das ist individuell vollkommen verschieden,
ob einer Therapie will oder nicht. Ich finde es gut, wenn wir
in Kleingruppen in der Irren-Offensive miteinander sprechen, einfach
nur sprechen. Das ist ungeheuer wichtig! Ich kann mir durchaus
vorstellen, dass das für manche die beste Hilfe ist, gerade
für Leute mit schlechter Therapieerfahrung, dass sie das
Angenommensein spüren, Verständnis für ihre Probleme
finden und auch so weiterkommen. Für mich persönlich
ist aber Therapie eine hilfreiche Unterstützung.
Frage: Die Angst, dass Dich beziehungsweise sich die Irren gegenseitig
verrückt machen, hast Du sie?
Ludger: Nein, die hab' ich nicht. Es geht mitunter ganz schön
chaotisch bei uns zu, aber das wird gerade unter Irren viel besser
ausgetragen, als wenn ein Chaot unter Nicht-Irren ist, dann wird
da Rücksicht genommen auf den Scheiß, den er baut.
In der Irren-Offensive, da knallt es richtig, und irgendwie kommen
wir schon damit zurecht. Zum Teil waren das Situationen, an die
ich mich sehr gerne erinnere. [Wir lachen.]
Frage: Du hast vorher gesagt, Du hättest gewaltige Fortschritte
gemacht. Kannst Du noch genauer sagen, was sich da verändert
hat?
Ludger: Es hat sich, seit ich in der Irren-Offensive bin, die
Einstellung zu Menschen, die ich früher als verrückt
gesehen hab', völlig umgekehrt. Ich sehe inzwischen das Durchdrehen
als Teil des Lebensprozesses, als Lebensentwicklung, die ich als
gegeben für mich ansehe und auch als gut empfinde. Ich sehe
heute viele Menschen, die diesen Schritt noch nicht erreicht haben,
die in einem Klischee stecken. Ich sehe auch keinen Unterschied
mehr zwischen Verrückten und Nicht-Verrückten. Ich sehe
mich nicht als krank, aber ich komme manchmal in einen Zustand,
wo es mir ungeheuer dreckig geht. Aber die Hilfe ist ja, indem
ich unter Leute gehe und mit ihnen spreche. Die Irren-Offensive
war da ungeheuer wichtig für mich. Ich hab' da sehr viel
mitnehmen können, was mir auch gerne gegeben wurde.
Frage: Ludger, hat die Irren-Offensive die Angst, noch mal in
die Klapse zu kommen, gemindert oder konkret schon verhindert?
Ludger: Ich glaub', konkret sogar schon verhindert oder mitverhindert.
Frage: Du machst ja Therapie und vieles andere, zum Beispiel
Filmen. Welchen Stellenwert hat die Irren-Offensive in Deinem
gesamten Lebenszusammenhang ?
Ludger: Ich glaube, einen Teil meiner Freizeit investiere ich.
Ich glaube, ich könnte mich noch stärker engagieren,
aber im Moment werden so viele Interessen geweckt, ich kann nicht
alle gleichzeitig anpacken, da muss ich auch sehr vorsichtig sein.
Aber es tut mir gut, da mitzuarbeiten. Vor allem, ich mach' das
nicht aus Interesse, um anderen zu helfen, sondern helfe mir selbst
damit. Die Irren-Offensive hat für mich einen hohen Stellenwert,
eine große Bedeutung; wenn Probleme angesprochen werden,
merke ich oft: Aha, das hat mit mir, mit meinen Problemen zu tun.
Immer wieder werde ich auf meine Krankheitsgeschichte gebracht,
womit ich immer besser umgehen kann.
Frage: Welche Bedeutung hat der Offensivcharakter der Irren-Offensive
für Dich?
Ludger: Der hat ungeheure Bedeutung! Im Geschäft hab' ich
erzählt, dass ich in der Klapse war und in der Irren-Offensive
bin, da wurde ich von den Arbeitskollegen ganz schief angeguckt.
Mir wurde gesagt, da dürfte ich überhaupt nicht mehr
hingehen, das würde mich nur alles belasten. Dann wurde auch
mein Dienst so eingeteilt, dass ich nicht mehr hingehen konnte.
Aber mich hat das befreit, dazu zu stehen und es zu sagen! Diesen
Mut hab' ich durch die Irren-Offensive gekriegt. Ich kämpfe
auch für Gleichberechtigung am Arbeitsplatz, das regt die
Kollegen besonders auf. Der Offensivcharakter ist wichtig, und
ich bin froh, dass ich das ein Stück für mich geschafft
hab, das zu verwirklichen. Dann finde ich es gut, dass wir Zeitungen
rausbringen. Was ich für sehr wichtig halte, ist, dass sich
jeder offen dazu bekennt, das ist oft sehr schwierig. Er muss
aber sich dann auch so stark fühlen, dass er gut damit umgehen
kann; er darf nicht die Angst haben, jetzt können die mir
was.
Frage:Und was bringt Dir persönlich im Moment dieser Offensivcharakter?
Ludger: Er zeigt, dass wir lebendig, aktiv sind, dass wir ganz
klar offensiv vorgehen und zeigen, hier stimmt etwas nicht, hier
ist etwas faul, und hier zeigen wir auch an ganz konkreten Beispielen,
so sieht die Sache aus.
Frage: Ludger, jetzt mal zur Irren-Offensive als Gruppe. Siehst
Du denn überhaupt einen gewissen Gruppenzusammenhalt, einen
Gruppencharakter?
Ludger: Ja, ich sehe viele gemeinsame Interessen in verschiedener
Hinsicht. Das ist ein Gruppenbildungsprozess, der sich in vielen
Auseinandersetzungen stärker und dann auch einen Zusammenhang
bildet. Anfangs lief in der Irren-Offensive alles chaotisch durcheinander,
da liefen Sachen gegeneinenander, die eigentlich gemeinsam laufen
sollten. Aber jetzt ist ein Zusammenhalt da, auch wenn da viel
chaotisch läuft. Ich glaube, intensive Gruppenprozesse laufen
jetzt ab durch das Bilden von Kleingruppen. Das ist ein richtiges
Zusammengehörigkeitsgefühl; teilweise ist es da unter
bestimmten Leuten, teilweise schwimmt es auch weg. Manchmal wird
bestimmten Problemen zu viel Zeit eingeräumt, manchen wieder
zu wenig. Aus den Kleingruppen heraus können wir die Interessen
klar formuliert im Plenum vortragen, werden schneller und wirksamer
arbeiten können dadurch.
Frage: Sag' mal, hast Du das Gefühl, dass manche zu viel
quatschen, sich wie Therapeuten verhalten?
Ludger: Ich glaube, in der Irren-Offensive verhält sich
überhaupt keiner wie ein Therapeut. So wie wir miteinander
umgehen, finde ich das gut und ehrlich. Es wird einem manchmal
auch was gesagt, was einem nicht ganz passt, was aber wichtig
ist, zu überdenken ist, was außerhalb der Irren-Offensive
nicht der Fall ist. Ich hab' auch nicht den Eindruck, dass sich
da solche Macker rausbilden. Ich hab' eher den Eindruck, dass
Leute, die in der Irren-Offensive viel Initiative ergreifen, dass
die von allen als Macher herausgefordert werden: »Du musst
das jetzt tun«; das finde ich nicht so gut. Aber dagegen
wehren sich gerade diese Leute stark. So wird es auch bleiben,
weil die Belastungen schnell anwachsen, und die Leute gezwungen
sind, sich zu wehren.
Frage: Und wie erlebst Du Dich in der Gruppe, beziehungsweise
was glaubst Du, wie andere Dich sehen?
Ludger: Ich glaube, irgendwo mögen mich die Leute aus der
Irren-Offensive und freuen sich auch, wenn ich komm'. Ich glaub',
ich bin oft zurückgezogen und komm' nur selten aus mir heraus,
mitunter rede ich auch zu lange, dass ich den Leuten auf den Nerv
gehe.
Frage: Den Eindruck hab' ich auch, dass Dich die Leute mögen.
Ludger, was glaubst Du denn, was die anderen davon haben, wenn
sie zur Irren-Offensive kommen?
Ludger: Hier gelt' ich was, hier bin ich was wert, hier sag'
ich was, da hört man mir zu, da nimmt man mich für voll.
Dies muss ein schönes Gefühl sein, ist es auch für
mich gewesen, ist es noch. Hier kommen Minderheiten, die sonst
überhaupt nicht zu Wort kommen, zu Wort, deswegen sind auch
Kleingruppen so wichtig.
Frage: Hast Du für Dich Leute gefunden, zu denen Du Vertrauen
hast oder glaubst, dieses entwickeln zu können?
Ludger: Ja, zu bestimmten Leuten habe ich eine sehr starke Vertrauensebene.
Ich hab' auch schon angerufen, wenn's mir dreckig ging. Als ich
eine Frau in der Klinik besucht hab', da war eine ganz intensive
Beziehung mit dem Gefühl, da hab' ich was gegeben, da hat
sie was gegeben. Ich hab' oft so schöne Zuneigungserlebnisse,
dass ich einfach spüre, hier bin ich angenommen.
Frage: Fühlst Du Dich in der Gruppe manchmal allein gelassen
oder unverstanden?
Ludger: Ja, wenn nicht in den Raum kommt, was eigentlich da ist.
wie Schwierigkeiten, verschiedene Meinungen. Ich hab' mich dann
rausgezogen, bin gegangen. Ich neige dazu, in solchen Situationen
zu kneifen.
Frage: Das ist auch nicht einfach, da dazubleiben. Glaubst Du,
dass Du von den anderen was lernen kannst und umgekehrt, dass
die was von Dir lernen können?
Ludger: Von dem Trip, dass ich ein Stückchen weiter bin,
bin ich jetzt runter, das ist Quatsch. Ich glaube, wir lernen
alle in der Irren-Offensive, uns so zu akzeptieren, wie wir sind,
nicht mehr irgendwelche gespielte Eigenschaften, die uns jahrelang
eingepredigt worden sind, mitzumachen.
Frage: Genau, das ist unheimlich wichtig. Sag' mal, nerven Dich
auch manche Leute?
Ludger: Mich nerven die Leute, die ausstrahlen, dass sie schon
ein Stück weiter wären als andere. Die von sich erzählen
mit einem Anspruch, als wenn andere keine Ahnung hätten.
Mich nervt auch, wenn sehr lange um ein Problem gesprochen wird,
wenn zum Beispiel eine halbe Stunde über Zigarettenrauchen
gequatscht wird.
Frage: Ludger, jetzt noch ein paar allgemeinere Fragen. Zuerst
zur Selbsthilfe: Was heißt für Dich Hilfe zur Selbsthilfe?
Ludger: Hilfe zur Selbsthilfe hat für mich eigentlich einen
ganz konkreten Anlass: das Leben mit den ganzen Schwierigkeiten
in die Hand zu nehmen. Also irgendwo versuchen zu sagen »Hier
sind wir da«, wenn irgendwas ist, dann melde ich mich, dann
frage ich um Hilfe. Ich glaube, dass wir da einander sehr gut
zur Verfügung stehen. Ich halte es für ganz wichtig,
dass jeder versucht, sich selbst zu helfen, dass er das, was er
schaffen kann, auch selbst angeht. Gerade, was er glaubt, nicht
zu schaffen, dass er da immer wieder rangeht, wenn nötig
eben gemeinsam mit Hilfe von anderen.
Frage: Hast Du das Gefühl, dass diese Hilfe für Dich
und die anderen ausreichend vorhanden ist?
Ludger: Teils, teils ist sie vorhanden. Es gibt aber Leute, die
leisten so viel Hilfestellung, dass sie total überlastet
sind. Andererseits gibt es in der Irren-Offensive Leute, die einfach
noch nicht in der Lage sind, diese Hilfestellung zu leisten. Aber
das wird sich wohl aktivieren, es werden immer weniger diese Rückfallsachen
passieren.
Frage: Ludger, wenn Du mal überlegst: Welche Bedürfnisse
können im Moment verwirklicht werden? Wo siehst Du die Möglichkeiten,
wo die Grenzen?
Ludger: Wenn es sich um absolute Pflegefälle handelt, ist
die Irren-Offensive nicht geeignet. Da ich bisher keinen in der
Irren-Offensive erlebt habe, der ein Pflegefall ist, ist das gar
nicht unser Problem. Ich sehe die Möglichkeit, dass alle
Menschen unserer Gesellschaft außerhalb der Klinik leben.
Wir müssten eine Art Gesundheitspolizei einrichten, das heißt,
dass Leute, die nicht in der Irren-Offensive sind, einfach Bekannte,
die dem positiv gegenüberstehen, Menschen!, demjenigen, damit
er nicht isoliert ist, die Kontaktmöglichkeiten geben: Da
kriegst Du Hilfe. Ich glaub', wenn wir mit einigen solchen Fällen
Erfolg haben, dann wird sich bald so 'was herauskristallisieren.
Dann werden auch die Klinikgläubigen merken, dass es auch
anders geht.
Frage: Glaubst Du, manche brauchen noch so 'ne Art Krücken
für eine bestimmte Zeit?
Ludger: Das hat nicht unbedingt was mit den Leuten in der Irren-Offensive
zu tun. Wenn ich z.B. an die Leute am Arbeitsplatz denke, die
sind unselbständig! Sehr viele Leute lassen sich stützen.
Wieviel mehr ist das jetzt in dem Fall, wo einer so lange in der
Klinik war, über Jahre hinaus an Versorgung gewohnt ist,
dieser soll plötzlich ein anderes Leben anfangen. Es ist
klar, dass da panische Ängste entstehen, dass sie weglaufen
und wieder in die Klinik reinlaufen. Aber ich freue mich oft über
die Schritte, die man bei einzelnen sieht, was die innerhalb von
ein oder zwei Jahren geschafft haben, wie die aus sich rausgekommen
sind. Ich sehe das von der positiven Seite.
Frage: Wer kann denn diese Krücken geben? Meinst Du, dass
wir das leisten können oder sogenannte Experten brauchen?
Ludger: Nein,
Psychologen und Psychiater sowieso nicht. Aber was gut wäre,
ist eine Therapieform, wie sie im KommRum (2)
besteht. Ich bin davon überzeugt, dass Studenten, Arbeiter,
einfach Leute, die dem positiv gegenüberstehen, die beste
Hilfestellung leisten. Also im Ursinn christlicher Nächstenliebe
miteinander umgehen, das ist hilfreicher als alles andere, so
eine Pille kannst Du auch nicht erfinden.
Frage: Es sind ja auch schon viele Leute weggeblieben. Welche
Leute bleiben da?
Ludger: Das sind ganz verschiedene Beweggründe. Manche bleiben
da, weil sie ein Wertgefühl in der Irren-Offensive haben.
Manche fühlen sich verstanden und angenommen, darum bleiben
sie da; einige wollen weiterkommen. Wir gehen heute nicht mehr
so vorsichtig um miteinander wie anfangs in der Irren-Offensive.
Deshalb wäre ein Extratreffen für Neue, die diesen Umgang
nicht kennen, ganz wichtig. Das ist wirklich eine ganz große
Schwierigkeit, dass Neue auf einmal Angst kriegen, oder dass ihnen
das zuviel wird, die brauchen ja ganz besonders viel Verständnis,
Zuwendung, Entgegenkommen. Das müsste eigentlich viel behutsamer
geschehen, als es geschieht. Das gilt auch für Leute, die
in der Krise stecken, die kurz vor der Klapse stehen, wo man das
merkt. Auch müsste da noch 'was dazukommen.
Frage: Siehst Du sonst noch irgendwo Schwierigkeiten oder Grenzen?
Ludger: Bisher sind wir so weit gekommen, wie wir überhaupt
nicht erwarten durften, sind sehr weit gekommen. Ich glaube, das
sind immer wieder Prozesse, dass wir auf der Stelle treten, aber
dann wird ja auch dran gearbeitet, dann kommen Auseinandersetzungen,
regen sich die Leute auf, dann läuft das doch immer wieder
weiter. Aus Schwierigkeiten, Problempunkten kommen auch die neuen
Ideen.
Frage: Ludger, welche Bedingungen bräuchte eigentlich eine
Selbsthilfegruppe, um sich wirklich selber helfen zu können?
Ludger: Ich denke da an Notsituationen wie 'Ohne Arbeit kein
Geld, keine Wohnung, ohne Wohnung keine Arbeit'. Ideal wäre
ein Freiraum, dass einfach diese Probleme Arbeitslosigkeit, Wohnraum
beiseite geschafft würden. Klinikaufenthalt kostet ja eine
Menge Geld für eine Person; aber die Menschen, die draußen
sind, werden nicht unterstützt, werden kaputtgemacht. Ideal
wäre, wenn Häuser zur Verfügung gestellt würden,
wo zur Hälfte Leute aus der Irren-Offensive, zur Hälfte
auch Leute, die ganz normal im Arbeitsleben stehen, wohnen würden,
die zusammenarbeiten.
Frage: Aber ich denk' mir, dass eigentlich die Leute auch bezahlt
werden müssten, denn wer voll arbeitet, der wird es sich
kaum leisten können, dass er sich in der Freizeit voll für
Leute engagiert.
Ludger: Ja, das ist richtig. Ich halte insofern die Krisenintervention
für sehr wichtig. Die Therapieformen, die ich kennengelernt
habe, sind gut. In solchen Häusern müssten eben auch
solche Leute sein, die Therapie machen, die die richtigen Ansprechpartner
wären, die müssten aber auch entsprechend bezahlt werden.
Frage: Und was den politischen Charakter der Irren-Offensive
angeht, welche Möglichkeiten siehst Du da?
Ludger: Das allerwichtigste, was wir ja auch schon machen, ist,
aktiv aufzeigen: 'Hier sind Situationen konkret so, und da sind
Situationen konkret falsch gelaufen. Da passiert etwas mit Menschen,
da werden Menschen in Anstalten gesteckt, die da nicht reingehören,
die werden verwahrt.' Wir können an Einzelfällen eine
Alternative aufzeigen: 'Hier schaffen wir etwas, hier geht etwas
anders.' Konkrete Beispiele sollten auch den politischen Charakter
haben mit der Forderung: 'Hier muss etwas anders werden, hier
muss etwas anderes passieren, hier sind wir nicht damit einverstanden,
dass einer in die Klinik kommt, weil er mit dem Leben nicht mehr
zurechtkommt; dass sich keiner mehr darum kümmern muss, da
das ja die Psychiater für uns machen, der Mensch aber zerbricht
und geht kaputt'. Ich halte den Wiedereingliederungsprozess als
wichtigste Forderung für Leute, die in der Klinik sind. Ich
bin gegen Kliniken. Das, was höchstens existieren darf, ist
eine Krisenintervention, damit Leute, wenn sie in der Krise sind,
hingehen können. Den Rest halte ich für regelrechten
Blödsinn! Für Gebäude wie Sicherheitstrakts werden
Riesenmengen Gelder ausgegeben; für alternative Leistungen,
für wirklich was Positives, da wird überhaupt kein Geld
gegeben. Um die Bevölkerung zu informieren bzw. Betroffenheit
herzustellen, könnten wir außer der Zeitung Podiumsdiskussionen,
Flugblätter, Informationsstände machen... Obwohl ich
davor etwas Angst habe: diese Stimmen aus der Bevölkerung
»Ach, die Verrückten«, Angst vor Aggressionen,
die an uns losgelassen werden. Aber ich würde mir das zutrauen,
auch da mitzumachen, weil wir das ja gemeinsam machen.
Frage: Meinst Du, dass das die anderen in der Irren-Offensive
ähnlich sehen, oder gibt es da Differenzen?
Ludger: Ich denke, da gibt's Unterschiede, aber viele werden
das ähnlich sehen.
Interview 2. Teil (1992)
Das Interview, das Tina Stöckle mit Ludger Bruckmann führte,
fand 1981 statt. Tina Stöckle starb im April 1992. Von den
insgesamt 14 Interviews hat sie aus Platzgründen elf veröffentlicht.
Alle Interviews hatte sie neben laufendem Cassettenrecorder geführt.
Ihr Vater tippte sie mühsam ab; drei Cassettenrecorder waren
hinterher ruiniert.
Jetzt setzte ich das Interview schriftlich fort. Die Fragen entwarf
ich gemeinsam mit Ludger Bruckmann. Im Juni 1992 schickte ich
ihm die ausformulierten Fragen, er schickte mir seine Antworten
handschriftlich zurück. Ich brauchte das Manuskript nur noch
in den Computer einzutippen. Die Überarbeitung besprachen
wir am Telefon, die Änderungen gab ich während des Gesprächs
in die Datei ein. Die verbliebenen offenen Fragen klärte
Ludger Bruckmann mit der Schlusskorrektur. Da wir beide schon
öfters gemeinsam Texte formuliert haben, besaß dieser
Interviewteil nicht mehr den Charakter des Besonderen, den er
vermutlich 1981 noch gehabt hätte. Trotzdem war ich auf die
Antworten sehr gespannt.
Berlin 1992, Peter Lehmann
Frage: Ludger, es sind nun ungefähr elf Jahre vergangen,
seit Tina Dich befragt hat. Du hast Dir ja jetzt das Interview
von damals wieder durchgelesen. Ich habe es auch gelesen, als
erstes fiel mir Dein veränderter Sprachgebrauch auf. Heute
sprichst Du nicht mehr von psychiatrischen Medikamenten, psychiatrischen
Kliniken, psychischen Krankheiten. Was hat dazu geführt,
dass Du jetzt andere Begriffe verwendest? Woher kommt Dein veränderter
Sprachgebrauch? Welche konkreten Erfahrungen lassen Dich andere
Begriffe verwenden?
Ludger: Es erschreckt mich, wie wenig Aufklärung über
die Psychiatrie in der Öffentlichkeit stattfindet. In der
Irren-Offensive zeigte sich, dass meine Angst vor der Psychiatrie
nicht nur berechtigt war, sondern dass der wirkliche Horror bei
weitem meine Ahnungen übertraf. Mit brutalsten Mitteln wird
die Persönlichkeit zerstört, um Menschen an eine kaputte
Normalität anzupassen. Was keiner wissen will, was aber Tatsache
ist: Psychiatrische Anstalten sind gar keine Hospitäler und
Kliniken, in denen Kranke behandelt werden, sondern eher Gefängnisse
und Verwahrhäuser. Psychiater tragen lediglich Arztkittel,
ohne aber ärztlich tätig zu werden, selbst wenn mal
jemand erkranken sollte. Auf die weiß gestrichenen Autos,
in denen Menschen in die Anstalten gekarrt werden, sind nur rote
Kreuze draufgemalt, die Eingelieferten werden deshalb noch lange
nicht zu Kranken. Die in Irrenhäusern Untergebrachten werden,
wenn sie sich wehren, mit Gewalt ausgezogen und auf's Bett geschnallt
und brutal be- bzw. misshandelt, sie sind nicht krank, lediglich
wehrlos. Sie werden krank wegen der Behandlung mit den angeblichen
Medikamenten, die in Wirklichkeit Nervengifte sind, was man erfahren
oder nachlesen kann. Hinter psychiatrischen Diagnosen wie Schizophrenie,
Hebephrenie, endogene Psychose, Autismus, Borderline, endogene
Depression, Manie usw. verbergen sich einzig die Arroganz, die
Machtbesessenheit, die Verständnislosigkeit und der fehlende
Einfühlungswillen der psychiatrischen Täter, von denen
ich einzelne nach und nach bei Veranstaltungen und Diskussionen
persönlich kennen- und durchschauen lernte. Hinter den mit
den Diagnosen verbundenen ebenso miesen Prognosen von sogenannten
psychischen Krankheiten und der angeblich notwendigen Langzeitbehandlung
versteckt sich einzig der Wunsch der psychiatrisch Tätigen,
nicht als gelinde gesagt überflüssige
und falsch ausgebildete Berufsgruppe erkannt und abgeschafft zu
werden. Eine Anzahl weiterer Psychiatrie-Betroffener im In- und
Ausland hat ähnliche Gefühle, Erkenntnisse und Erfahrungen
wie ich, und es ist besser, die Dinge beim Namen zu nennen, um
nicht dazu beizutragen, die Wahrheit zu verschleiern, was dazu
führt, dass so erschreckend viele 'psychisch Kranke' erstarrt
im psychiatrischen Sumpf stecken bleiben und qualvoll untergehen.
Aufklärung tut not.
Frage: Ludger, was waren Deine wichtigsten Erkenntnisse, die
Du während Deiner Mitarbeit in der Irren-Offensive gewonnen
hast?
Ludger: Dass auch die Menschen, die in die Fangarme der Psychiatrie
geraten sind, wertvolle Menschen sind Menschen, die aus
einer vergewaltigenden Normalität ausgebrochen sind. Das
ist kerngesund. Dass Gewalt, allerhand-Blödsinn-Anstellen
oder bösartiges Verhalten als das anzusehen ist, was es ist,
dass solche Dinge absolut nichts mit einem Nichts-dafür-Können
oder mit einer sogenannten Psychose zu tun haben. Menschen, die
in Problemsituationen klaren Wein einschenken, sind meistens Psychiatrie-Betroffene,
die von den Psychopharmaka weg, d.h. clean sind. Mit ewigen Leidens-
und Opferlamm-Geschichten ist der Weg zu einem glücklichen
Leben verbaut. Ich hätte nie geglaubt, wie mein Vertrauen
von einzelnen Psychiatrie-Betroffenen missbraucht werden und wie
ich mich in diesen täuschen kann. Viel von dem Fundament,
das die Irren-Offensive gelegt hat, ist nicht verloren gegangen,
sondern besteht weiter. Ich freue mich, so viel Unterstützung
aus aller Welt erleben zu dürfen: Es kommen viele Briefe,
deren Absender uns danken und Kraft und Erfolg wünschen.
Und ich freue mich über die vielen Besucher, die aus aller
Welt hierher kommen, inzwischen zum Verein zum Schutz vor psychiatrischer
Gewalt, den antipsychiatrisch aktive Psychiatrie-Betroffene 1989
mit Gleichgesinnten gegründet haben. In manchen anderen Städten
greifen unsere Ideen, und Gruppen oder Einzelpersonen versuchen,
ähnliches aufzubauen. Es sind wie überall
viel zu wenige, die versuchen, selbstverantwortlich zu leben.
Es wird einem leicht gemacht, das alte Trauerspiel immer wieder
von vorne zu beginnen, denn es gibt so viele Blödmänner,
die dabei helfen: Psychiater, Gemeindepsychiater, Angehörige,
sogenannte Freunde und auch manche Psychiatrie-Betroffene, die
laut tönen, aber dauernd zum Psychiater rennen, wenn ihnen
der Furz quer sitzt. Psychiatrie-Betroffene sind genauso in der
Lage, Spielchen zu spielen, Intrigen zu spinnen, vor dem Senat
zu kuschen und alles, was einem heilig ist, mit Dreck zu beschmeißen.
Ich habe sowas erlebt, will hier aber keine Namen nennen. Die
klare Abgrenzung der Irren-Offensive gegenüber dem Senat
ging durch den Einfluss einzelner Mitglieder verloren. Jetzt liefen
einzelne Leute zur Senatsverwaltung, wie z.B. eine Diplompsychologin,
die für sich alleine versuchte, einen besseren Lohn auszuhandeln.
Plötzlich galten in der Irren-Offensive einzelne Anstalten
und Psychopharmaka-verabreichende Psychiater als 'gut'. In öffentlichen
Veranstaltungen, in denen die Weglaufhausgruppe gegen die Blockierung
der zugesagten Senatsgelder kämpfte, fielen ihr einzelne
Mitglieder der Irren-Offensive, speziell diejenigen mit den bezahlten
Stellen, in den Rücken und versuchten, mit der Psychiatrieverwaltung
gemeinsame Sache zu machen. Alte Freunde wurden zu Feinden erklärt.
Betroffene, die zur Irren-Offensive kamen und Hilfe wollten, waren
in einer miesen Situation; sie waren jetzt von geringerem Interesse
und liefen frustriert wieder weg. Gewalt und Zerstörung wurden
in der Irren-Offensive toleriert, und es ging bergab.
Frage: Welches war denn das schönste Erlebnis in den vergangenen
Jahren Deiner Mitarbeit in der Irren-Offensive, und was war Deine
angenehmste Wahrnehmung?
Ludger: Mein schönstes sehr persönliches Erlebnis war
mein Geburtstag 1981, vor dem ich weglaufen wollte bis ans Ende
der Welt; da wartete plötzlich die Irren-Offensive mit Kaffee
und Kuchen und Geschenken vor meiner Haustür auf mich, um
mit mir meinen Geburtstag zu feiern. Tina hatte Kuchen gebacken,
Fritz Neumann hatte eine Kaffeekanne unterm Arm. Mir kommen heute
noch die Tränen, wenn ich an diesen Tag zurück denke.
Ausgesprochen
angenehm fand ich, wenn ich nicht mehr weiter wusste und Tina
mich in den Arm nahm oder wenn ich Tina in ihrer Verzweiflung
in den Arm nehmen konnte. Stark waren die Ideen, der Mut und die
Frechheit unserer Aktionen. An den Spiegel auf der Basaglia-Ausstellung
(3) denke ich gerne zurück,
über dem der ironische Text hing: »Schon mal einen Zwanghaft-Normalen
gesehen?« Da durften sich die neugierigen Ausstellungsbesucher
und -besucherinnen selbst beschauen. Es machte mir die helle Freude,
wie gut drauf wir waren unschlagbar.
Frage: Ludger, was hast Du denn für Dich ganz persönlich
aus der Gruppe herausgeholt? Was haben Dir die ganzen Jahre antipsychiatrisches
Engagement und nichtpsychiatrische Selbsthilfe gebracht?
Ludger: Durch meine Arbeit in der Irren-Offensive geschah etwas
Merkwürdiges: Im Laufe der Zeit wurden meine eigenen Probleme
immer kleiner, und ich gewann an Kraft. Voll Begeisterung und
Tatendrang kämpfe ich bis heute gegen den Psychiatrie-Goliath
und seine Philister. Bin immer noch sehr aufgeregt, wenn eine
Aktion startet. Es ist ein Weg von der Leidensgeschichte hin zur
eigenen Verantwortung, zur großen Freiheit für das,
was wir leben. Ich begriff, welch ein Teufelskreis die Psychiatrie
ist. Darum kämpfte ich damals mit der selbstbewussten starken
Irren-Offensive gegen die Psychiatrie für ein selbstbestimmtes
und freies Leben. Alle hielten zusammen, wenn's darauf ankam.
Ich erkannte, dass die Lösung eines Problems meistens nicht
in der Kompliziertheit, sondern der Einfachheit zu finden ist.
Ein Beispiel: Mir ist danach, einen Brief zu schreiben. Aber was
tu ich? Ich bilde mir ein, ich kann nicht, weil..... So verbringe
ich die Zeit, tu dies, tu das, aber nicht, was ich will. So breche
ich immer wieder Vereinbarungen zwischen dem, was in mir wohnt
(meinen Gefühlen, meinen Wünschen, meinem Ich, meiner
Seele es gibt viele Ausdrücke), und zwischen dem Universum,
das mich am Leben erhält Gott, Natur oder wie immer
ich es nennen mag. Darum versuche ich, das zu tun, was mich glücklich
macht. Ich schreibe deshalb den Brief sofort. Ich kann es, wenn
ich will. Glaube ich, ich sei krank, hält mich das ab, die
Dinge zu tun, die ich tun will, obwohl ich dazu in der Lage wäre.
Als ich erneut verrückt war, haben mir nicht die Menschen
geholfen, die sagten, ich sei krank, sondern diejenigen, die sagten:
»Du spinnst. Ich verstehe Dich nicht. Was macht Dir Angst?«
Verstehst Du, warum ich in einer Diagnose keinen rettenden Halt
sehe, sondern eine Zentnerlast, die immer schwerer wird? Aus der
Diagnose wird eingebildete Krankheit, schließlich Behinderung
das Gegenteil von Gesundheit und der Fähigkeit, sich
selbst zu verstehen und selbständig zu handeln. Aber ich
hab' noch nie einem Menschen gesagt, es sei leicht, die Psychopharmaka
abzusetzen und aus dem Teufelskreis Psychiatrie rauszukommen.
Es ist wichtig, etwas zu tun. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten.
Alles erfordert Arbeit an sich selbst.
Frage: Ludger, Du hast die Irren-Offensive mittlerweile verlassen.
Hast Du den Glauben in die Gruppe verloren? Bist Du von der Idee
einer radikal-antipsychiatrischen Selbsthilfe immer noch überzeugt?
Ludger: Warum ich die Irren-Offensive verlassen habe, ergibt
sich aus den vorhergehenden Antworten. Ich fühlte mich so,
als ob ich eine Brücke gebaut hatte zwischen dem Verein zum
Schutz vor psychiatrischer Gewalt und der Irren-Offensive. Ich
fand es schade, dass Betroffene plötzlich gegen Betroffene
kämpfen und nicht mehr gegen die Psychiatrie. Eine kleine
Gruppe der Irren-Offensive hob dann einen Graben aus, sägte
die Brücke an und sagte: »Ludger, komm doch rüber
zu uns und lass Peter und die andern (die enttäuscht die
Irren-Offensive verlassen hatten) und den Verein auf der anderen
Seite stehen.« So fühlte ich. Dabei ist die Struktur
des geplanten Berliner Weglaufhauses radikal antipsychiatrisch,
das ist toll, und ich bin von Konzeption und unserer Arbeit fest
überzeugt. Leider versuchen der Senat und die Psychiatrieverwaltung
unter Leitung von Frau Fried, das Projekt zu verhindern. Manchmal
denke ich, die antipsychiatrische Selbsthilfe kann im großen
nicht klappen, eigentlich nur in Ausnahmefällen; die Situation
ist oft vergleichbar mit einem Rettungsschwimmer, der gleichzeitig
zehn Ertrinkende retten soll. Bei mir entsteht langsam Resignation,
und ich halte es für das beste, wenn ich meiner bezahlten
Arbeit nachgehe und daneben Menschen unterstütze, wenn sie
mich darum bitten; denn ich kämpfe gegen die Psychiatrie.
Politiker, die dieses Psychiatrie-Schweinesystem unterstützen,
sind für mich Verbrecher; darum bleibt mir nur die Möglichkeit,
mit Freunden Kontakt zu halten und mich zurückzuziehen, denn
ich hasse faule Kompromisse.
Frage: Ludger, was war für Dich in den vielen Jahren Irren-Offensive
die überraschendste Erfahrung?
Ludger: Der Weglaufhausgruppe wurde eine Million Mark für
den Kauf eines Hauses zugesagt. In meinen kühnsten Träumen
hätte ich das nicht für möglich gehalten. Was die
Irren-Offensive betrifft: Wir waren mit nichts mehr zu überraschen,
denn es ging bei uns sehr chaotisch und lebendig zu. Da wollten
welche den Mauerläufer befreien: Dieser war 1986 provokativ
oben auf der Berliner Mauer herumgelaufen und hatte symbolisch
mit einem Vorschlaghammer auf die Steinplatten draufgehauen, worauf
er von DDR-Soldaten festgenommen worden war. Oder: Beim Plenum
im besetzten Haus, 1981/82, folgten wir den Fußstapfen des
Diebes, der unseren Kohleofen geklaut hatte; wir hatten die unschuldigen
Hausbesetzer zu Unrecht verdächtigt, der Dieb stammte nämlich
aus unseren eigenen Reihen. Oder: Der Psychologe, der uns zuerst
Mut gemacht hatte, verschwand bei unserer frechen Aktion vor Angst
auf dem Klo. Und der Anstaltsleiter schaffte es vor Aufregung
nicht, seinen weißen Kittel überzuziehen, und ohne
ihn konnte er nicht den nötigen Eindruck schinden, um uns
hinauswerfen zu lassen. Als einmal das besetzte Haus, in dem wir
gerade unser Plenum abhielten, von einem Heer von Polizisten umstellt
war, spazierte W. mit einem Putzeimer durch das Aufgebot von grimmigen
Polizisten. Dass es so viele liebe und nette Menschen gab, die
uns in aussichtslos scheinenden Situationen Möglichkeiten
aufzeigten, Wege eröffneten und Rückendeckung gaben,
antipsychiatrisch weiterzuarbeiten, das hat mich sehr überrascht.
Genausowenig hätte ich erwartet, dass das Gegenteil, der
große Widerstand von außen und leider selbst auch
aus den eigenen Reihen, mehr Erfolg hatte.
Frage: Gab es auch miese Erfahrungen?
Ludger: Ja, wir mussten uns immer Mut machen, um nicht daran
zu verzweifeln. Viele waren fertiggemacht worden, und so war die
Zahl derjenigen klein, die es schafften, im Leben wieder klar
zu kommen. Ich denke jetzt gerade an Tina, diese kleine, klare,
mutige und starke Persönlichkeit, die sich jede finstere
kaputte Lebenssituation anschaute und in all der traurigen Welt
bei anderen das Heilige, Schöne und Lebendige hervorholte
und weckte. Sie hatte vor dem Verrücktsein keine Angst. Und
sie hatte den Mut, den Menschen klaren Wein einzuschenken anstelle
von trüber Brühe. Ich war traurig, mit ansehen zu müssen,
wie Tina für das Schöne, das sie gab, von einigen in
der Irren-Offensive mit Dreck beschmissen wurde. Ich spreche lieber
über schöne Erfahrungen.
Frage: Welche Aussagen von 1981 würdest Du heute auf keinen
Fall wiederholen?
Ludger: Ich habe viel dazugelernt und würde nun anders antworten.
Meine Sichtweise, jeder Psychiatrie-Betroffene sei auf Grund seiner
Betroffenheit ein besonders vollkommener Mensch, ist falsch gewesen.
Jeder einzelne Mensch steht in einem permanenten Entscheidungsprozess,
er kann sich entfalten und, indem er an sich arbeitet, seine Persönlichkeit
entwickeln. Oder er tut nichts anderes, als auf Dauer seine Opfergeschichte
zu pflegen, dann geht er ein wie eine Primel. Für eine persönliche
Entscheidung ist jeder selbst verantwortlich so wie dies
ihrerseits die lieben Freunde und Verwandten auch sind.
Frage: Kannst Du auch sagen, was Du heute genauso wie damals
sagen würdest?
Ludger: Ich habe in der Irren-Offensive die wunderbarsten Freunde
meines Lebens gefunden. Das Interview mit Tina ist gut so, und
wenn jetzt eine Zeitspanne dazwischen liegt, gefallen mir die
Antworten noch immer. Nach über zwölf Jahren Arbeit
auf diesem Gebiet würde ich heute sogar noch einen Grad schärfer
formulieren, damit jeder merkt, was Psychiater tun. Im Kern möchte
ich Aussagen wiederholen, wie ich sie damals gemacht habe.
Anmerkungen der Herausgeber
(1) Tina Stöckles
Interview mit Ludger Bruckmann (einschließlich der einleitenden
Worte) stammt aus ihrem (vergriffenen) Buch: »Die
Irren-Offensive. Erfahrungen einer Selbsthilfe-Organisation von
Psychiatrieopfern«, Frankfurt am Main: Extrabuchverlag
1983, S. 34-41 [Neuausgabe 2005 im Antipsychiatrieverlag]
(2) Selbstverwaltetes
Kommunikationszentrum mit humanistischen Psychotherapie-Angeboten
in Berlin-Friedenau; Ort der Gründung der Irren-Offensive
(3) »Bestandsaufnahme
einer Psychiatrie Wahnsinn und Ausgrenzung in Fotodokumenten
von 1856 bis heute«, Ausstellung, organisiert von der Berliner
Gesellschaft für Sozialpsychiatrie und dem Gesundheitsladen
e.V., Westberlin, 17. November bis 15. Dezember 1981