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Karl Bach Jensen
Das Europäische Netzwerk von Psychiatrie-Betroffenen
Kritische Momente der Organisierung
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PRESSEMITTEILUNG
EUROPÄISCHES NETZWERK VON PSYCHIATRIE-BETROFFENEN
GEGRÜNDET
Zandvoort / Amsterdam, 12. November 1991
Eine Konferenz von 39 Delegierten aus 16 europäischen
Ländern gründete am 27.10.1991 ein internationales
Netzwerk von Psychiatrie-Betroffenen mit dem Ziel, Informationsaustausch
und Zusammenarbeit zu fördern. Das Netzwerk will in
allen europäischen Ländern die Rechte von Psychiatrie-Betroffenen
verbessern. Es beschäftigt sich mit den sozialen Belangen,
dem Recht auf Wohnraum und Einkommen sowie der Forderung
nach Menschenrechten unabhängig von psychiatrischen
Diagnosen. Anwesend waren bei der Gründung Delegierte
aus Großbritannien, Skandinavien, den Benelux-Staaten,
Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, Italien,
Griechenland und Polen. Am 12.11.1991 wird ein internationales
Büro in Amsterdam seine Arbeit aufnehmen.
Die Aufgaben des Netzwerks sind,
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die rechtliche Position von 'Nutzern' und 'Nutzerinnen'
psychiatrischer Einrichtungen zu stärken;
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Informationen über die Wirkungsweise und Auswirkungen
psychiatrischer Psychopharmaka und Schockbehandlungen
zu sammeln und zu veröffentlichen;
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auf europäischer Ebene Einfluss auf Entscheidungen
zur Psychiatrie auszuüben;
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die Durchsetzung des Psychiatrischen Testaments, d.h.
rechtswirksamer Vorausverfügungen für den
Fall der Psychiatrisierung, zu fördern;
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nicht-psychiatrisch/medizinische Alternativen zur Psychiatrie
zu entwickeln und das Recht auf Psychopharmaka-freie
Hilfe durchzusetzen.
Ein besonderes Augenmerk wird das Netzwerk auf illegale
Anstaltsunterbringungen und die besondere Benachteiligung
von Minderheiten richten.
Das Netzwerk wird ein regelmäßiges Informationsblatt
in englischer Sprache veröffentlichen.
Die nächste Konferenz des Europäischen Netzwerks
findet Januar 1994 in Dänemark statt.
Die deutschsprachigen Delegationen (BRD, CH und A) wurden
von FAPI-Mitgliedern gestellt. Wer die oben genannten Ziele
vertritt und am Ausbau des Netzwerks und der Umsetzung und
Erweiterung der Ziele mitarbeiten will, ist herzlich eingeladen,
Kontakt mit FAPI aufzunehmen. Die bei FAPI organisierten
Betroffenen verstehen sich nicht als Repräsentanten
der Psychiatrie-Betroffenen, sondern als Kontaktpersonen
und -gruppen.
Regelmäßige Informationen über die Entwicklung
des Europäischen Netzwerks von Psychiatrie-Betroffenen
werden in den FAPI-Nachrichten
veröffentlicht.
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Wenn wir das Europäische Netzwerk kritisch betrachten, lassen
sich sowohl auf lange Sicht als auch auf kurze einige Gefahren
erkennen:
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Zwecks enger Beteiligung an den Entscheidungsprozessen in
der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EEC), der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) und den Vereinten Nationen (UN) zu schnell einen bürokratischen
Apparat zu schaffen, um den Anforderungen auf europäischer
oder Weltebene gerecht zu werden;
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Eine anarchistische Organisation aufzubauen, bei der die
Koordinationsorgane trotz fehlenden Mandats möglicherweise
eine Machtposition erlangen, ohne dass wirkliche, authentisch
demokratische Strukturen vorhanden sind;
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Vereinnahmt zu werden, d.h. eine zu große Nähe
zum psychosozial/psychiatrischen System entstehen zu lassen,
so dass unsere Ideen und Initiativen von diesen gewaltigen
modernen 'Monstern' geschluckt werden.
Welche Strategien brauchen wir, damit wir nicht in diese Fallen tappen?
Wie auf dem Treffen in Zandvoort hervorgehoben, benötigen wir zunächst eine weitgehend offene Organisationsstruktur, die den Führungsgremien (Koordinations-Komitee und europäisches Büro) keine oder nur geringe Machtbefugnisse einräumt. Wir müssen darauf achten, dass diese Organe auch auf lange Sicht nicht zu mächtig werden, und unsere Pläne und Entscheidungen in den nächsten Jahren darauf ausrichten, den erforderlichen NGO (Non-Governmental-Organisation)-Status, d.h. Beraterfunktion ohne Regierungsstatus, bei der EEC und WHO zu erreichen.
Wir brauchen derzeit einen Dachverband mit möglichen Einzel- und Gruppenmitgliedschaften, müssen aber auch stark und handlungsfähig sein. Ebenso benötigen wir den NGO-Status so schnell wie möglich. Wir sollten daher keine irgendwie geartete Doppelstruktur schaffen (einerseits offen, andererseits hierarchisch). Statt dessen müssen wir eine umfassende Struktur finden und entwickeln, damit wir nicht in die missliche Lage geraten, dass sich zwei Machtblöcke gegenseitig bekämpfen. Die demokratischen Rechte und Einflussmöglichkeiten sowohl für nutzerkontrollierte Gruppen als auch für Betroffene in gemischten, nicht nutzerkontrollierten Gruppen und für Einzelmitglieder müssen ausgewogen sein.
Die größte, schwerstwiegende und unangenehmste Gefahr lauert zweifellos in der Vereinnahmung durch das gigantische Psychiatrie-'Monster'. Dieses Risiko sollten wir sehr ernst nehmen. Als Netzwerk, laut unserer eigenen Definition eine Gemeinschaft von Klient(inn)en und Psychiatrie-Betroffenen, sind wir in gewissem Maße genötigt, einige wechselseitige Beziehungen zu dem 'Monster' einzugehen. Wir sollten uns von dem ganzen Süßholzgeraspel jedoch nicht zu sehr beeindrucken lassen. Auf keinen Fall sollten wir uns verpflichtet fühlen, aus Profilierungsgründen an jeder europäischen Konferenz teilzunehmen, die etwas mit Psychiatrie zu tun hat. Wir sollten uns lediglich als Kollektiv präsentieren, allerdings nur, wenn wir sicher sind, die Tagesordnung oder Teile davon bestimmen zu können. Wenn wir den subversiven Charakter dieses Vorgehens nicht aus den Augen verlieren, werden wir langfristig (Gegen-)Macht und Einfluss erlangen.
Aus dem Englischen von Rainer Kolenda
Über den Autor
Karl Bach Jensen: Im Herbst 1973 wurde ich wegen einer
unerfüllten Liebe verrückt und auf die (inzwischen abgeschaffte)
Station M6 der Psychiatrischen Anstalt Middelfart gebracht, der
schlimmsten Hölle der damaligen dänischen Psychiatrie. Man behandelte
mich sehr schlecht und vergiftete mich mit Megadosen von Neuroleptika:
nicht, weil ich unglücklich war, sondern wegen meiner 'falschen'
politischen Ideen. Obwohl ich schon lange wieder normal war, wurde
ich noch zweimal zwangsweise bilateral elektrogeschockt. Inzwischen
bin ich als Leiter einer Rund-um-die-Uhr-Anlaufstelle für Psychiatrie-Betroffene
voll ausgelastet; ich versuche, ihnen dabei zu helfen, sich von
ihrem Status als PatientInnen und KlientInnen zu befreien. Buchveröffentlichungen:
Mitherausgeber von "Hjernemedicin en bog om den giftige
psykiatri", Kopenhagen: Amalie, Galebevægelsens forlag 1988;
"Det mindste onde om menneskerettigheder og tvang i psykiatrien",
Kopenhagen: Amalie, Galebevægelsens forlag 1992; u.v.m. (Stand:
1993)
© 1993 by Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag
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