Alternatives 2000
»Alternatives« ist eine seit 1986 jährlich stattfindende
Tagung in den USA, im Jahr 2000 steht sie unter dem Motto »A
new vision of recovery«. Dies ist auch das erste Wort, welches
wir Iris Hölling, Peter Lehmann und ich im Wörterbuch
nachschlagen: Von Besserung und Genesung bis Erlangung von Schadenersatz
(recovery of damages) reicht die Spannweite des Begriffs, und so
finden alle TeilnehmerInnen darunter Platz, die vielen »consumers«
(NutzerInnen) und die wenigen »survivors« (Überlebenden)
von »mental health«, dem US-amerikanischen Äquivalent
zum Komplex Psychiatrie.
Im zentral gelegenen Renaissance-Hotel und dem damit verbundenen
Kongresszentrum von Nashville/Tennessee tagen 600 Menschen, Schwarze
und Weiße, Situierte und Outlaws, Patienten und Freiheitskämpfer,
Kunstschaffende, Wissenschaftler, Eigenbrötler und Ehrenämtler.
(Fast) alle galten einmal oder gelten noch heute als »psychisch
Kranke«, »mentally ill«. Im Rahmen dieser Tagung
ist jede und jeder eine »very important person« mit Namens-
und Herkunftsschild, Funktion und dem Status, Gast des ersten Hotels
der Stadt zu sein. Der Prunk der Hotelhallen und Säle, die
gläsernen Fahrstühle, überdimensionierten Betten,
der umfassende Service, die üppigen Büffets und aufwendig
dekorierten Tische im Ballsaal, wo schwarzbefrackte Kellner uns
immerzu freundlich umschleichen, um Kaffee nachzuschenken, das Dessert
zu servieren oder kleine Sonderwünsche zu erfüllen, übten
zu Beginn eine leicht einschüchternde Wirkung auf mich aus,
die Zimmerpreise ebenfalls. Verkehrte Welt, statt Wärtern in
Weiß Diener in Schwarz, Suite statt Zelle, Stoffservietten
und Karaffen ersetzen Schlabberlatz und Schnabeltasse, eifrige Pagen
halten die Türe auf...
Als ich Judi Chamberlin, »grandmother of the movement«
und Mitorganisatorin vom »National Empowerment Center«,
frage, wie der Kongress zu diesem edlen Veranstaltungsort kommt,
sagt sie, woanders hätten die 600 TeilnehmerInnen, die vielen
Arbeitsgruppen und Großveranstaltungen nicht genug Platz gefunden
und den technologischen Anforderungen (Cyber Café, elektronische
Büroausstattung, Audio- und Video-Technik) nicht entsprochen
werden können. Möglich wurde der Tagungsort durch eine
Finanzierungshilfe des Gesundheitsministeriums der US-amerikanischen
Regierung. Peter Lehmann, der direkt vom Kasseler Kongress des deutschen
Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener kam, genoss die Unterbringung
besonders; die finanzielle Unterstützung durch das Bonner Gesundheitsministerium
reichte nur für eine Jugendherberge als Tagungsort.
Atmosphärisch waren die vier Tage in Nashville sehr freundlich
und offen, oft bunt, schrill und ausgelassen, immer herzlich und
aufmerksam und manchmal sehr bewegend. Die Bedeutung der Gefühle,
die Vielfalt ihres Ausdrucks und der Anteilnahme daran konnten uns
dröge Deutsche teils mitreißen, teils ließen sie
uns verwundert zurück. Falls es unter den TeilnehmerInnen aus
allen Staaten der USA mal Ärger gab, Unzufriedenheiten, Streit,
falls einzelne ausflippten, abreisten, sich zurückzogen, dann
haben wir davon nichts mitbekommen. Die Freundlichkeit allenorts
war fast schon verdächtig.
Dass das Leben außerhalb des Hotels ein anderes Gesicht hat,
zeigte sich, wenn man abends um das Gebäude herumging und die
Menschen sah, die auf den Abluftschächten die Nacht verbrachten.
Und überall auf unserer Reise, dass Armut schwarz und Reichtum
weiß ist. Was sind die wirklichen Fragen? Geht es statt um
Selbstdarstellung, Schulterklopfen, Begrifflichkeiten und Detailfragen
nicht viel eher um Chancengleichheit und soziale Sicherung, das
bekannte und entscheidende Thema »Geld und Rechte«?
Zum ersten Mal, heißt es, nehmen an den »Alternatives«
deutlich viele »people of color« teil, neben den AfroamerikanerInnen
sind das Psychiatriebetroffene spanischer, indianischer und asiatischer
Herkunft, Inuits aus Alaska. Sie kämpfen in Vorträgen
und Diskussionen, mit Arbeitsgruppen, T-Shirt-Aufdrucken, Tanz und
Musik darum, am Kongress entscheidend mitzuwirken. Besonders die
alten schwarzen Ladies beeindrucken mich, wenn sie wie Königinnen
durch den Saal schreiten, mit tiefer Stimme den Raum füllen
und Witz, Weisheit und Würde ausstrahlen. Gleich am Ankunftstag,
als die Neulinge sich in einem Saal versammeln und Informationen
erhalten, steht ein Mann in der letzten Reihe auf und ruft: »Ich
bin aus Alaska. Wo kommt Ihr her?« Er wird heftig beklatscht,
und dann steht immer wieder jemand auf, nennt seinen Bundesstaat,
die Leute von dort erheben sich und werden mit Applaus begrüßt.
Auch wir werden herzlich empfangen. Nur vorsichtig und nach und
nach weiht man uns ein in das gängige Deutschlandbild von Nazi-Horden,
kalter Effizienz, Schuldverdrängung und Größenwahn.
Wir tauschen Vorurteile aus. Und was uns bisher nur eine gute Gelegenheit
schien, unsere Reise zu den »Alternatives« zu finanzieren,
trifft tatsächlich zu: Wir fördern das Ansehen Deutschlands
in den USA. Mit dieser Mission hat uns das bundesdeutsche Außenministerium
ja beauftragt, als es unsere Flugkosten übernahm.
Am ersten Veranstaltungstag sitzen wir drei zusammen mit Gábor
Gombos aus Ungarn und der US-Amerikanerin Sylvia Caras, einer Vertreterin
des »World Network of Users and Survivors of Psychiatry«
(Weltnetzwerk Psychiatriebetroffener), beim Lunch auf dem Podium.
Meine Befürchtung, zwischen Teller- und Schüsselklappern,
Tischgesprächen und umherlaufenden Kellnern akustisch zu versanden,
ist unbegründet. Sehr konzentriert schenken uns 600 Menschen,
die gerade beim Mittagessen sind und eben noch heftig plauderten,
Gehör. Über eine Stunde lang ist es so still, dass mich
der Lärm erstaunt, den jemand durch das Umrühren des Zuckers
in seiner Teetasse verursacht. Mein Vorurteil, dass die AmerikanerInnen
sich selbst genug sind und ansonsten uninteressiert, erweist sich
als falsch.
Gábor Gombos, der Vorsitzende des Europäischen Netzwerks
Psychiatriebetroffener und Gründer der ungarischen Betroffenenbewegung
»Voice of Soul«, kommt gerade von Bill Clinton, der ihn
auszeichnete als einen von weltweit 51 bedeutenden Kämpfern
für Menschenrechte, in seinem Fall für seinen Kampf gegen
Menschenrechtsverletzungen in der Psychiatrie und in Heimen. Andere
mit ihm Gewürdigte sind Vaclav Havel, Bischof Tutu, Ellie Wiesel.
Gábor Gombos zeigt kurz den Bildband »Speak
truth to power Human rights defenders who are changing our
world«, in dem Kerry Kennedy Cuomo (Tochter von Robert
Kennedy und Vorsitzende von Amnesty International USA) und Eddie
Adams (renommierter Fotograf und Pulitzerpreisträger) die Geschichten
und Fotos der Preisträger versammeln (New York: Crown Publishers
2000). Es ist ihm wichtig, dass die Psychiatrie als menschenrechtsverletzend
in diesen Kanon der Greuel aufgenommen ist. Er fühle sich als
Stellvertreter. Gábor Gombos spricht von der Psychiatrie in
Ungarn und anderen Staaten des alten Ostblocks, von dem zarten Alter
der Selbsthilfe- und Betroffenenbewegung und von den großen
Veränderungen, die die letzten zehn Jahre forderten und möglich
machten.
Sylvia Caras stellt das Weltnetzwerk vor, einen noch lange nicht
ausgewachsenen und etwas papierenen Tiger, elektronisch gefüttert
per Internet (www.wnusp.net)
und E-Mail, im Werden begriffen. Während Peter Lehmann über
Schwierigkeiten der Kommunikation und den Umgang mit Differenzen
innerhalb des Europäischen Netzwerks (www.enusp.org)
spricht, einem Netz aus immerhin ca. 30 verschiedenen Sprachen und
noch mehr verschiedenen Kulturen, erläutert Iris Hölling
unseren Begriff von Antipsychiatrie, und ich beschreibe, wie diese
Antipsychiatrie sich praktisch in der Arbeit im Berliner Weglaufhaus
(www.antipsychiatrieverlag.de/info/weglaufhaus.de)
niederschlägt.
Anschließend kommen viele der ZuhörerInnen zu uns und
bedanken sich, für die Beiträge, für unser Kommen,
für unsere Mühe, in ihrer Sprache zu sprechen. Manche
kramen ein paar deutsche Worte aus ihrem Gedächtnis, eine Frau
singt uns ein altes deutsches Wiegenlied, das sie als Kind von ihrer
Großmutter gehört hat. Auch später, nach dem Workshop
zum Weglaufhaus, den Iris Hölling und ich mit ca. 20 TeilnehmerInnen
durchführten, kommt immer wieder jemand mit einem strahlenden
Dank auf uns zu. Einrichtungen, die wie unser Weglaufhaus insbesondere
Unterstützung beim Absetzen anbieten, gibt es dort keine einzige.
Wenn uns auch all dieses Danken und Klatschen manchmal etwas übertrieben
erscheint und irgendwie sehr anstrengend, sind wir doch ausgehungert
nach dieser Wertschätzung und wünschen uns, ein bisschen
davon bei uns kultivieren zu können.
Peter Lehmann leitet einen Workshop zur Frage, wie Betroffene
mit unterschiedlichen und teilweise kontroversen Einstellungen zur
Psychiatrie konstruktiv zusammenarbeiten können; Grundlage
seines Workshops ist sein Vortrag zum selben Thema, den er 1997
beim Kongress des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener in Kassel
hielt. Obwohl nie ausgesprochen, ist das Thema in den USA ständig
präsent und sorgt für verborgenen Zündstoff; nun
soll der Vortrag ins Englische übersetzt und in den USA verbreitet
werden.
Besonders haften bleibt mir der ebenso informative wie leichtfüßige
Diavortrag »The politics of memory« von Patricia Deegan.
Sie führt uns anhand einer kleinen Auswahl ihres 3000-Bilder-Texte-Archivs
durch die Geschichte der Psychiatrie, betrachtet und beschrieben
von Betroffenen. Ein Projekt, das noch lange nicht abgeschlossen
ist und Patricia Deegan für ihre Recherchen auch nach Deutschland
führt. Anlass für eine Einladung?
Was gibt es aber in den USA, was sind die »alternatives«?
Bei einem Abendspaziergang in Downtown stehen wir am Ufer des Cumberland,
schauen auf die »Mississippi-Queen«, einen dieser wunderbar
alten Schaufelraddampfer, der eben ablegt mit bunten Lichtern und
Dampforgelmusik, und fragen uns: Was wissen wir denn jetzt von den
Alternativen zur Psychiatrie in den USA? Etwas verlegen stellen
wir fest, dass wir zwar viele Kontakte geknüpft, bewegende
Reden gehört und einzelne Projektinfos gesammelt haben, uns
aber der Überblick ebenso fehlt wie klare Unterscheidungen.
Das liegt sicher daran, dass wir als Fremde in einer fremden Sprache
mehr Zeit bräuchten, um herauszufinden, wo »mental health«
dahintersteckt und wo das »Empowerment Center«, wer wiederum
hinter diesem, und warum so viel von »mentally ill« gesprochen
wird, wie die TeilnehmerInnen dieses staatlich finanzierten Kongresses
ausgewählt wurden und wer alles fehlt. Ein wenig mag es auch
daran liegen, dass unter der großen Freundlichkeitsglocke
Differenzen für Außenstehende nur schwer auszumachen
sind.
Wir fragen uns durch, bis wir auf Sally Clay stoßen, unsere
Informantin. Zusammen mit einem Kollegen und einer Kollegin beantwortet
sie uns einen Nachmittag lang geduldig alle Fragen. Ihr Drop-in-Center
in Fort Lauderdale, einer mittelgroßen Stadt nahe Miami, ist
eines von dreien in Florida. Das große Gebäude wurde
von den über 2000 psychiatriebetroffenen Mitgliedern gekauft.
Es wird von Betroffenen geleitet und betrieben, ist ein Treffpunkt
mit diversen Beschäftigungs- und Arbeitsangeboten und der Möglichkeit,
auch über Nacht zu bleiben. Sex, Drogen und Alkohol bleiben
draußen, die jährliche staatliche Förderung beträgt
1,5 Millionen Dollar.
Sally Clay ist auch Peer Advocate, d.h. sie kann als speziell beauftragte
Betroffene jederzeit Leute in der Psychiatrie aufsuchen und beraten
bzw. zwischen diesen und dem Anstaltspersonal vermitteln. Besondere
Rechte hat sie dabei nicht, sie »has to play the game«,
muss sich an die Regeln halten. Peer Advocates haben einen Generalschlüssel,
mit dem sie auf jede Station gehen können. Ob sie denn noch
nie in einen Konflikt geraten sei, wenn jemand mit ihrer Hilfe die
Flucht antreten wollte? Gelächter, nein, die Leute wollten
Kaffee und Zigaretten, nicht weglaufen. Insgesamt gebe es in den
USA ca. 250 von Betroffenen geführte Zentren, die vom »Center
for Mental Health Services« oder regional gefördert werden.
Radikalere Gruppen, die sich deutlich vom staatlichen Gesundheitswesen
abgrenzen, sind bei den »Alternatives« kaum vertreten.
Die wenigen treffen sich am Rande des Kongresses, um politische
Aktionen zu planen. David Oaks von der Support Coalition International
verkauft hier seine Zeitschrift »Dendron« (www.MindFreedom.org),
in der er u.a. aufdeckt, dass der Verband betroffener Eltern, die
»National Alliance for the Mentally Ill«, zwischen 1996
und 1999 mit 11,72 Millionen Dollar von der Pharmaindustrie gesponsert
wurde. Das kennen wir doch.
Copyright by Kerstin Kempker 2000
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