in: Psychosoziale Umschau (BRD), 16. Jg. (2001), Nr. 1, S. 32-34; und in: Mitgliederrundbrief des Bundesverbands Psychiatrieerfahrener (BRD), 2001, Nr. 1, S. 12-14
Homepage des Antipsychiatrieverlags
Diese Seite übersetzen

Kerstin Kempker

Alternatives 2000

»Alternatives« ist eine seit 1986 jährlich stattfindende Tagung in den USA, im Jahr 2000 steht sie unter dem Motto »A new vision of recovery«. Dies ist auch das erste Wort, welches wir – Iris Hölling, Peter Lehmann und ich – im Wörterbuch nachschlagen: Von Besserung und Genesung bis Erlangung von Schadenersatz (recovery of damages) reicht die Spannweite des Begriffs, und so finden alle TeilnehmerInnen darunter Platz, die vielen »consumers« (NutzerInnen) und die wenigen »survivors« (Überlebenden) von »mental health«, dem US-amerikanischen Äquivalent zum Komplex Psychiatrie.

Im zentral gelegenen Renaissance-Hotel und dem damit verbundenen Kongresszentrum von Nashville/Tennessee tagen 600 Menschen, Schwarze und Weiße, Situierte und Outlaws, Patienten und Freiheitskämpfer, Kunstschaffende, Wissenschaftler, Eigenbrötler und Ehrenämtler. (Fast) alle galten einmal oder gelten noch heute als »psychisch Kranke«, »mentally ill«. Im Rahmen dieser Tagung ist jede und jeder eine »very important person« mit Namens- und Herkunftsschild, Funktion und dem Status, Gast des ersten Hotels der Stadt zu sein. Der Prunk der Hotelhallen und Säle, die gläsernen Fahrstühle, überdimensionierten Betten, der umfassende Service, die üppigen Büffets und aufwendig dekorierten Tische im Ballsaal, wo schwarzbefrackte Kellner uns immerzu freundlich umschleichen, um Kaffee nachzuschenken, das Dessert zu servieren oder kleine Sonderwünsche zu erfüllen, übten zu Beginn eine leicht einschüchternde Wirkung auf mich aus, die Zimmerpreise ebenfalls. Verkehrte Welt, statt Wärtern in Weiß Diener in Schwarz, Suite statt Zelle, Stoffservietten und Karaffen ersetzen Schlabberlatz und Schnabeltasse, eifrige Pagen halten die Türe auf...

Als ich Judi Chamberlin, »grandmother of the movement« und Mitorganisatorin vom »National Empowerment Center«, frage, wie der Kongress zu diesem edlen Veranstaltungsort kommt, sagt sie, woanders hätten die 600 TeilnehmerInnen, die vielen Arbeitsgruppen und Großveranstaltungen nicht genug Platz gefunden und den technologischen Anforderungen (Cyber Café, elektronische Büroausstattung, Audio- und Video-Technik) nicht entsprochen werden können. Möglich wurde der Tagungsort durch eine Finanzierungshilfe des Gesundheitsministeriums der US-amerikanischen Regierung. Peter Lehmann, der direkt vom Kasseler Kongress des deutschen Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener kam, genoss die Unterbringung besonders; die finanzielle Unterstützung durch das Bonner Gesundheitsministerium reichte nur für eine Jugendherberge als Tagungsort.

Atmosphärisch waren die vier Tage in Nashville sehr freundlich und offen, oft bunt, schrill und ausgelassen, immer herzlich und aufmerksam und manchmal sehr bewegend. Die Bedeutung der Gefühle, die Vielfalt ihres Ausdrucks und der Anteilnahme daran konnten uns dröge Deutsche teils mitreißen, teils ließen sie uns verwundert zurück. Falls es unter den TeilnehmerInnen aus allen Staaten der USA mal Ärger gab, Unzufriedenheiten, Streit, falls einzelne ausflippten, abreisten, sich zurückzogen, dann haben wir davon nichts mitbekommen. Die Freundlichkeit allenorts war fast schon verdächtig.

Dass das Leben außerhalb des Hotels ein anderes Gesicht hat, zeigte sich, wenn man abends um das Gebäude herumging und die Menschen sah, die auf den Abluftschächten die Nacht verbrachten. Und überall auf unserer Reise, dass Armut schwarz und Reichtum weiß ist. Was sind die wirklichen Fragen? Geht es statt um Selbstdarstellung, Schulterklopfen, Begrifflichkeiten und Detailfragen nicht viel eher um Chancengleichheit und soziale Sicherung, das bekannte und entscheidende Thema »Geld und Rechte«?

Zum ersten Mal, heißt es, nehmen an den »Alternatives« deutlich viele »people of color« teil, neben den AfroamerikanerInnen sind das Psychiatriebetroffene spanischer, indianischer und asiatischer Herkunft, Inuits aus Alaska. Sie kämpfen in Vorträgen und Diskussionen, mit Arbeitsgruppen, T-Shirt-Aufdrucken, Tanz und Musik darum, am Kongress entscheidend mitzuwirken. Besonders die alten schwarzen Ladies beeindrucken mich, wenn sie wie Königinnen durch den Saal schreiten, mit tiefer Stimme den Raum füllen und Witz, Weisheit und Würde ausstrahlen. Gleich am Ankunftstag, als die Neulinge sich in einem Saal versammeln und Informationen erhalten, steht ein Mann in der letzten Reihe auf und ruft: »Ich bin aus Alaska. Wo kommt Ihr her?« Er wird heftig beklatscht, und dann steht immer wieder jemand auf, nennt seinen Bundesstaat, die Leute von dort erheben sich und werden mit Applaus begrüßt. Auch wir werden herzlich empfangen. Nur vorsichtig und nach und nach weiht man uns ein in das gängige Deutschlandbild von Nazi-Horden, kalter Effizienz, Schuldverdrängung und Größenwahn. Wir tauschen Vorurteile aus. Und was uns bisher nur eine gute Gelegenheit schien, unsere Reise zu den »Alternatives« zu finanzieren, trifft tatsächlich zu: Wir fördern das Ansehen Deutschlands in den USA. Mit dieser Mission hat uns das bundesdeutsche Außenministerium ja beauftragt, als es unsere Flugkosten übernahm.

Am ersten Veranstaltungstag sitzen wir drei zusammen mit Gábor Gombos aus Ungarn und der US-Amerikanerin Sylvia Caras, einer Vertreterin des »World Network of Users and Survivors of Psychiatry« (Weltnetzwerk Psychiatriebetroffener), beim Lunch auf dem Podium. Meine Befürchtung, zwischen Teller- und Schüsselklappern, Tischgesprächen und umherlaufenden Kellnern akustisch zu versanden, ist unbegründet. Sehr konzentriert schenken uns 600 Menschen, die gerade beim Mittagessen sind und eben noch heftig plauderten, Gehör. Über eine Stunde lang ist es so still, dass mich der Lärm erstaunt, den jemand durch das Umrühren des Zuckers in seiner Teetasse verursacht. Mein Vorurteil, dass die AmerikanerInnen sich selbst genug sind und ansonsten uninteressiert, erweist sich als falsch.

Gábor Gombos, der Vorsitzende des Europäischen Netzwerks Psychiatriebetroffener und Gründer der ungarischen Betroffenenbewegung »Voice of Soul«, kommt gerade von Bill Clinton, der ihn auszeichnete als einen von weltweit 51 bedeutenden Kämpfern für Menschenrechte, in seinem Fall für seinen Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen in der Psychiatrie und in Heimen. Andere mit ihm Gewürdigte sind Vaclav Havel, Bischof Tutu, Ellie Wiesel. Gábor Gombos zeigt kurz den Bildband »Speak truth to power – Human rights defenders who are changing our world«, in dem Kerry Kennedy Cuomo (Tochter von Robert Kennedy und Vorsitzende von Amnesty International USA) und Eddie Adams (renommierter Fotograf und Pulitzerpreisträger) die Geschichten und Fotos der Preisträger versammeln (New York: Crown Publishers 2000). Es ist ihm wichtig, dass die Psychiatrie als menschenrechtsverletzend in diesen Kanon der Greuel aufgenommen ist. Er fühle sich als Stellvertreter. Gábor Gombos spricht von der Psychiatrie in Ungarn und anderen Staaten des alten Ostblocks, von dem zarten Alter der Selbsthilfe- und Betroffenenbewegung und von den großen Veränderungen, die die letzten zehn Jahre forderten und möglich machten.

Sylvia Caras stellt das Weltnetzwerk vor, einen noch lange nicht ausgewachsenen und etwas papierenen Tiger, elektronisch gefüttert per Internet (www.wnusp.net) und E-Mail, im Werden begriffen. Während Peter Lehmann über Schwierigkeiten der Kommunikation und den Umgang mit Differenzen innerhalb des Europäischen Netzwerks (www.enusp.org) spricht, einem Netz aus immerhin ca. 30 verschiedenen Sprachen und noch mehr verschiedenen Kulturen, erläutert Iris Hölling unseren Begriff von Antipsychiatrie, und ich beschreibe, wie diese Antipsychiatrie sich praktisch in der Arbeit im Berliner Weglaufhaus (www.antipsychiatrieverlag.de/info/weglaufhaus.de) niederschlägt.

Anschließend kommen viele der ZuhörerInnen zu uns und bedanken sich, für die Beiträge, für unser Kommen, für unsere Mühe, in ihrer Sprache zu sprechen. Manche kramen ein paar deutsche Worte aus ihrem Gedächtnis, eine Frau singt uns ein altes deutsches Wiegenlied, das sie als Kind von ihrer Großmutter gehört hat. Auch später, nach dem Workshop zum Weglaufhaus, den Iris Hölling und ich mit ca. 20 TeilnehmerInnen durchführten, kommt immer wieder jemand mit einem strahlenden Dank auf uns zu. Einrichtungen, die wie unser Weglaufhaus insbesondere Unterstützung beim Absetzen anbieten, gibt es dort keine einzige. Wenn uns auch all dieses Danken und Klatschen manchmal etwas übertrieben erscheint und irgendwie sehr anstrengend, sind wir doch ausgehungert nach dieser Wertschätzung und wünschen uns, ein bisschen davon bei uns kultivieren zu können.

Peter Lehmann leitet einen Workshop zur Frage, wie Betroffene mit unterschiedlichen und teilweise kontroversen Einstellungen zur Psychiatrie konstruktiv zusammenarbeiten können; Grundlage seines Workshops ist sein Vortrag zum selben Thema, den er 1997 beim Kongress des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener in Kassel hielt. Obwohl nie ausgesprochen, ist das Thema in den USA ständig präsent und sorgt für verborgenen Zündstoff; nun soll der Vortrag ins Englische übersetzt und in den USA verbreitet werden.

Besonders haften bleibt mir der ebenso informative wie leichtfüßige Diavortrag »The politics of memory« von Patricia Deegan. Sie führt uns anhand einer kleinen Auswahl ihres 3000-Bilder-Texte-Archivs durch die Geschichte der Psychiatrie, betrachtet und beschrieben von Betroffenen. Ein Projekt, das noch lange nicht abgeschlossen ist und Patricia Deegan für ihre Recherchen auch nach Deutschland führt. Anlass für eine Einladung?

Was gibt es aber in den USA, was sind die »alternatives«? Bei einem Abendspaziergang in Downtown stehen wir am Ufer des Cumberland, schauen auf die »Mississippi-Queen«, einen dieser wunderbar alten Schaufelraddampfer, der eben ablegt mit bunten Lichtern und Dampforgelmusik, und fragen uns: Was wissen wir denn jetzt von den Alternativen zur Psychiatrie in den USA? Etwas verlegen stellen wir fest, dass wir zwar viele Kontakte geknüpft, bewegende Reden gehört und einzelne Projektinfos gesammelt haben, uns aber der Überblick ebenso fehlt wie klare Unterscheidungen. Das liegt sicher daran, dass wir als Fremde in einer fremden Sprache mehr Zeit bräuchten, um herauszufinden, wo »mental health« dahintersteckt und wo das »Empowerment Center«, wer wiederum hinter diesem, und warum so viel von »mentally ill« gesprochen wird, wie die TeilnehmerInnen dieses staatlich finanzierten Kongresses ausgewählt wurden und wer alles fehlt. Ein wenig mag es auch daran liegen, dass unter der großen Freundlichkeitsglocke Differenzen für Außenstehende nur schwer auszumachen sind.

Wir fragen uns durch, bis wir auf Sally Clay stoßen, unsere Informantin. Zusammen mit einem Kollegen und einer Kollegin beantwortet sie uns einen Nachmittag lang geduldig alle Fragen. Ihr Drop-in-Center in Fort Lauderdale, einer mittelgroßen Stadt nahe Miami, ist eines von dreien in Florida. Das große Gebäude wurde von den über 2000 psychiatriebetroffenen Mitgliedern gekauft. Es wird von Betroffenen geleitet und betrieben, ist ein Treffpunkt mit diversen Beschäftigungs- und Arbeitsangeboten und der Möglichkeit, auch über Nacht zu bleiben. Sex, Drogen und Alkohol bleiben draußen, die jährliche staatliche Förderung beträgt 1,5 Millionen Dollar.

Sally Clay ist auch Peer Advocate, d.h. sie kann als speziell beauftragte Betroffene jederzeit Leute in der Psychiatrie aufsuchen und beraten bzw. zwischen diesen und dem Anstaltspersonal vermitteln. Besondere Rechte hat sie dabei nicht, sie »has to play the game«, muss sich an die Regeln halten. Peer Advocates haben einen Generalschlüssel, mit dem sie auf jede Station gehen können. Ob sie denn noch nie in einen Konflikt geraten sei, wenn jemand mit ihrer Hilfe die Flucht antreten wollte? Gelächter, nein, die Leute wollten Kaffee und Zigaretten, nicht weglaufen. Insgesamt gebe es in den USA ca. 250 von Betroffenen geführte Zentren, die vom »Center for Mental Health Services« oder regional gefördert werden.

Radikalere Gruppen, die sich deutlich vom staatlichen Gesundheitswesen abgrenzen, sind bei den »Alternatives« kaum vertreten. Die wenigen treffen sich am Rande des Kongresses, um politische Aktionen zu planen. David Oaks von der Support Coalition International verkauft hier seine Zeitschrift »Dendron« (www.MindFreedom.org), in der er u.a. aufdeckt, dass der Verband betroffener Eltern, die »National Alliance for the Mentally Ill«, zwischen 1996 und 1999 mit 11,72 Millionen Dollar von der Pharmaindustrie gesponsert wurde. Das kennen wir doch.

Copyright by Kerstin Kempker 2000


Iris Hölling (mitte) sowie Dan Fisher (links)
und Laurie Ahern (rechts) vom National
Empowerment Center


von links: Peter Lehmann, Judi Chamberlin,
Gábor Gombos

von links: Judi Chamberlin, Gábor Gombos,
Kerstin Kempker, Iris Hölling, Peter Lehmann


von links: Peter Lehmann, David Oaks,
Iris Hölling

David Oaks