| in: Aktion Psychisch Kranke (Hg.): "25 Jahre
Psychiatrie-Enquete", Band 1, Bonn: Psychiatrieverlag 2001,
S. 368-373 |
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Peter
Lehmann
Wenn Psychiater zu viel von Empowerment reden
Beitrag im Symposium "Von der Entmündigung auf dem Weg
zum Empowerment" beim Kongress der Aktion Psychisch Kranke
e.V., Bonn, 22.-23.11.2000
Empowerment, so steht es im neuen Buch des Psychiatrieverlags
von Andreas Knuf und Ulrich Seibert, komme aus der Befreiungsbewegung
der Schwarzen und Frauen und bedeute Auflehnung gegen Unterdrückung
und Machtlosigkeit eigentlich. Gemäß der Definition
von Judi Chamberlin, der "großen alten Dame der Selbsthilfebewegung"
und Mitbegründerin des US-amerikanischen National Empowerment
Center, heißt Empowerment im psychosozialen Bereich unter
anderem: "mit der eigenen Stimme sprechen, die eigene Identität
neu definieren, die eigenen Möglichkeiten und das Verhältnis zu
institutionalisierter Macht neu definieren" (Chamberlin 1993,
S. 317). Diese Definition wurde in Deutschland in vielfältiger
Weise bekannt gemacht, z.B. in Artikeln der 'Sozialen Psychiatrie'
oder im Mitgliederrundbrief des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener
e.V. (BPE). Ziele von Empowerment sind Gleichberechtigung und
Selbstbestimmungsrecht.
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Sozialpsychiatrisierung von Empowerment
Was machen psychiatrisch Tätige aus dieser Aussage? Der
Psychologe Wolfgang Stark aus München ignorierte in seinem
Buch "Empowerment" Publikationen von Psychiatriebetroffenen
ausnahmslos (Stark 1996). Knuf und Seibert lassen zwar einige
zu Wort kommen, haben allerdings bereits eine eigene Definition
von Empowerment: Neben verstärkter Einflussnahme auf der
politischen Ebene sehen sie Empowerment unter anderem als
"Bewältigung der psychischen Krankheit" und als
"vermehrte Mitbestimmung bei der Behandlung" (Knuf/Seibert
2000, S. 5). Neben den Betroffenen als den Subjekten des
eigentlichen Empowerments sehen sie professionell Tätige
Empowerment machen als Menschen, die von (omni)potenten
Helfern zu Beratern und Förderern eines zunehmenden Emanzipations-
und Partizipationsprozesses werden. Schön gesagt.
Solche Definitionen sind dazu angetan, eine Vielzahl von
Fragen zu stellen:
-
Was ist mit den Menschen, die die Denunzierung einer
störenden und unbequemen Lebens- und Sinnesweise und
unzivilisiert ablaufender emotionaler Prozesse als
krank und damit als medizinisch behandlungsbedürftig
grundsätzlich zurückweisen (Kempker 1991)? Wieso sollen
diese Menschen Mitbestimmungsprozesse ausgerechnet
mit MedizinerInnen anstreben?
- Was ist mit den Menschen, die unter psychopharmakabedingten
chronischen Psychosen und Muskelstörungen leiden bzw.
die es schlicht ablehnen, das Menschenrecht auf körperliche
Unversehrtheit als Verhandlungsmasse zur Disposition zu
stellen (Lehmann 1996)? Sollen ein Schutz vor einer (weiteren)
Verletzung ihres Selbstbestimmungsrechts für diese Menschen
kein Thema sein?
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Passen
sich Psychiatrie-Erfahrene in die
vorgegebenen Strukturen ein, dann fördern
wir ihre Empowerment-Prozesse
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- Was soll mit psychiatrisch Tätigen Positives erreicht werden,
die z.B. Jugendliche aus nichtigem Anlass mit Elektroschocks,
Insulinkoma-Behandlungen und multiplen Pharmacocktails traumatisieren
(Kempker 2000, S. 36 61) und mit dieser energischen Behandlungsattitüde
Leitfiguren psychiatrischer Berufsverbände werden?
- Wo bleiben in psychiatrischen Diskussionszusammenhängen Psychiatriebetroffene,
die die Anwendung des Strafrechts auch im psychiatrischen Bereich
fordern bei dem Straftatbestand, der da heißt "fortwährende
strafbare Körperverletzung durch Eingriffe in die körperliche
Unversehrtheit ohne wirksame Aufklärung über Behandlungsrisiken
und Alternativen"?
- Wie können sozialpsychiatrisch Tätige unterstützend wirken,
wenn sie nicht einmal in der Lage sind, massivste Vorschädigungen
ihrer PatientInnen durch brutale biologische Behandlungsmaßnahmen
zu erkennen?
Löst die Verwendung des Modebegriffs Empowerment all diese Probleme?
Oder soll die Vielzahl der Psychiatriebetroffenen inner- und außerhalb
des BPE, die unter der Losung "Geld und Rechte" nach
einem wirksamen Schutz vor willkürlichen psychiatrischen Übergriffen
und nach selbstverwalteten nichtpsychiatrischen Alternativen streben
(Wehde 1991; Kempker 1998), wieder einmal ausgegrenzt werden?
Und sollen Machtmissbrauch, strukturelle Menschenrechtsverletzungen
und psychiatrische Inkompetenz wieder einmal unter den Tisch gekehrt
werden?
Selbstverständlich gibt es auch Psychiatriebetroffene, die überzeugt
sind, in der Psychiatrie Hilfe bekommen zu haben, die für sich
sogar Zwangsbehandlung als hilfreich definieren, die diejenigen
menschlichen, psychotherapeutischen und sozialen Hilfen erhalten
haben, die anderen vorenthalten wurden, die sich aus welchen
Gründen auch immer unter dem Motto "Verhandeln statt
behandeln" mit mehr oder in der Praxis meist
weniger Mitbestimmung zufrieden geben, Beispiel Behandlungsvereinbarung.
Deren Sichtweise soll in keiner Weise diskreditiert werden. Aber
es ist die Sichtweise eines Teiles der Betroffenen, und sie zur
Sichtweise der Betroffenen insgesamt zu erklären, ist unredlich.
Empowerment in öffentlichen Veranstaltungen?
Bisher besteht im psychosozialen Bereich auf vielen Ebenen ein
Ungleichgewicht, eine Benachteiligung von Psychiatriebetroffenen.
Solange dies noch so ist, sollten wie dies beispielsweise
manchmal zum Abbau der Diskriminierung von Frauen praktiziert
wird Quoten eingeführt werden: bei der Stellenbesetzung,
bei Planungskomitees von Kongressen, bei Zusammensetzung von Podien,
der Vergabe von Hauptreferaten, der Leitung von Arbeitsgruppen
usw. Da Kongressteilnahme oft für die Masse der zu 80% arbeitslosen
Psychiatriebetroffenen unerschwinglich ist, muss Psychiatriebetroffenen
eine finanziell erheblich ermäßigte Kongressteilnahme ermöglicht
werden. Und sie müssen endlich auch bei Pressekonferenzen beteiligt
werden, damit sie den Hauch einer Chance bekommen, das in den
Medien grassierende Stereotyp des gemeingefährlichen und behandlungsbedürftigen
Irren zu korrigieren. Wem ist aufgefallen, dass beim Festakt zur
Feier "25 Jahre Psychiatrie-Enquete Bilanz und Perspektiven
der Psychiatrie-Reform" am 21. November in Bonn Bad
Godesberg ursprünglich nicht ein/e einzige/r Psychiatrie-Betroffene/r
sprechen sollte? Wer der großen Empowerment-Enthusiasten
hat gegen diese Ausgrenzung protestiert? Was ist das für eine
Psychiatriereform, wenn bei der Pressekonferenz zum Festakt die
Betroffenen mal wieder wie selbstverständlich ausgegrenzt
waren?
Empowerment im Selbsthilfebereich?
Angesichts der großen Zahl psychiatriebetroffener Menschen
ist diejenige der im Selbsthilfebereich tätigen mehr als gering.
Und nur ein Bruchteil setzt sich aktiv und offensiv für die Vertretung
der eigenen Rechte ein. Viele Betroffene freuen sich, wenn ein
Profi überhaupt mal zuhört, wenn sie als Menschen wahrgenommen
werden. Man kann es ihnen nicht verdenken angesichts ihrer Erfahrungen
in der Psychiatrie.
Doch wenn sich Betroffene organisieren, wenn sie ihre Interessen
öffentlich vertreten oder wenn sie ihre Selbsthilfe- und Beratungstätigkeiten
gefördert haben wollen, finden nicht einmal diese Wenigen Unterstützung.
Weshalb wird der Selbsthilfebereich nicht finanziell gefördert
bzw. in der Regel im Vergleich zu anderen Ausgaben
mit Almosen abgespeist? Wo ist der Protest, wenn das Bundesministerium
für Gesundheit Millionen für die psychiatrische ("Anti-")Stigmatisierungskampagne
der biologischen Psychiatrie zum Fenster hinauswirft, um selbst
die bescheidensten Förderanträge von Selbsthilfeorganisationen
mit dem Argument "Kein Geld" abzuschmettern? Wo ist
der Protest gegen den Skandal, dass sich offenbar Verbraucherverbände
die Krankenkassengelder unter die Nägel gerissen haben, die eigentlich
für Selbsthilfe-Einrichtungen gedacht sind?
Fazit
Empowerment, Partnerschaft und Gleichberechtigung sind schöne
Worte. Sie eignen sich Sonntagsreden. Da Partnerschaft nur unter
Gleichberechtigten denkbar sind, sind alle, die Empowerment und
Gleichberechtigung wirklich wollen, freundlichst aufgefordert,
die rechtliche, soziale und finanzielle Situation von Psychiatriebetroffenen
auf allen Entscheidungsebenen zu stärken, bestehende Machtgefälle
zu verringern, Allianzen mit Psychiatriebetroffenen einzugehen,
sich öffentlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Verbände zu
äußern.
Da erfahrungsgemäß Menschen an ihren Machtpositionen hängen,
sollten Psychiatriebetroffene nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag
warten, sondern gemeinsam daran gehen, eine Gegenmacht aufzubauen.
Dazu müssen sie sich zusammenschließen und gemeinsam auf
den Weg zur Gleichberechtigung machen. Wenn sie eine Handvoll
Nichtbetroffener begleitet, sollten sie sich freuen. Wenn jene
aber in einer Weise von Empowerment reden, dass sie nur den ursprünglich
mit emanzipativem Sprengstoff versehenen Begriff entschärfen und
die Idee in altbekannter psychiatrischer Art uminterpretieren,
verbiegen, entschärfen, eingemeinden "kooptieren"
ist der Fachbegriff in der internationalen Selbsthilfe- und Befreiungsbewegung
, dann zeigt dies, wie weit der Weg ist zu einer Gegenmacht,
zu echtem Empowerment, wie wichtig es aber auch ist, diesen Weg
zu beschreiten. Das Ziel müssen allerdings die am Selbstbestimmungsrecht,
am wirksamen Mitbestimmungsrecht, an echter Partnerschaft interessierten
Betroffenen bestimmen. Niemand sonst.
Literatur