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| Rede bei der Veranstaltung »Lebenswelten
10 Jahre Psychoseseminare« in Schwerin, 7.-9. Juli
2000, veranstaltet vom Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen
e.V. und vom Landesverband Psychosozialer Hilfsvereine Mecklenburg-Vorpommern
e.V. Unter demselben Titel gekürzt abgedruckt in: Psychosoziale
Umschau, 15. Jg. (2000), Nr. 4, S. 11-12 |
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Peter
Lehmann
Dialog nicht nur in Psychoseseminaren Steht der
gleichberechtigte Umgang im psychiatrischen Alltag kurz bevor?
Dialog heißt Zwiegespräch. In meinem Beitrag geht es
nicht um das einfache Miteinander-Sprechen, sondern das Sprechen
unter Gleichen. Es geht um Gleichberechtigung.
Manko an Gleichberechtigung
Wer psychiatrische Stationen am eigenen Leib erlebt hat, weiß
in der Regel, wo es an Gleichberechtigung happert. Der Bundesverband
Psychiatrie-Erfahrener e.V. (BPE) unternahm 1995 für die Zeitschrift
Sozialpsychiatrische Informationen eine Umfrage
zur Qualität der psychiatrischen Behandlung und ihrer Einführung
bzw. Verbesserung. Über 100 BPE-Mitglieder nahmen an der
Umfrage teil. In den Antworten wurde der bestehenden Psychiatrie
eine nahezu als »vernichtend« zu bezeichnende Absage erteilt.
Denn nur 10% der Antwortenden gaben an, dort Hilfe zur Lösung
der Probleme gefunden zu haben, die zur Psychiatrisierung geführt
hatten. Häufig kam es zur Verletzung der Menschenwürde.
Es gab keinerlei wie rechtlich vorgeschrieben umfassende
Aufklärung über Behandlungsrisiken, d.h. in der Psychiatrie
wird strukturell gegen Normen des Strafrechts verstoßen, denn
körperliche Eingriffe ohne informierte Zustimmung sind Straftatbestände,
abgesehen von akuten Zuständen der Nichteinwilligungsfähigkeit
zum Beispiel bei Bewusstlosigkeit und in Todesgefahr. Drohung, Nötigung
und Anwendung offener Gewalt werden von den Betroffenen persönlich
erlitten oder müssen mit angeschaut werden im Wissen, bei Widerrede
der oder die Nächste zu sein.
Selbstverständlich gibt es auch Psychiatriebetroffene, die
überzeugt sind, in der Psychiatrie Hilfe bekommen zu haben,
die sogar Zwangsbehandlung als hilfreich erlebt haben, die diejenigen
menschlichen, psychotherapeutischen und sozialen Hilfen erhalten
haben, die anderen vorenthalten wurden vorenthalten werden
mussten, denn die Psychiatrie definiert sich als medizinische Instanz,
und Medizin ist hierzulande Organmedizin, naturwissenschaftlich
orientiert, sie sieht den Menschen primär als Stoffwechselprodukt
»mit einem Chemielabor im Gehirn« (so die Schweizer Psychiaterin
Brigitte Woggon), entsprechend gilt es bei Laborunfällen chemisch
einzugreifen.
Oft wird versucht, psychiatriebejahende Psychiatriebetroffene
gegen Kritiker auszuspielen. Dabei bleibt die Würde des oder
der Einzelnen leicht auf der Strecke, denn was interessiert Sie
beispielsweise meine Einstellung, wenn es um die höchstpersönliche
Entscheidung über Ihre körperliche Unversehrtheit geht
umgekehrt ebenso. All die unterschiedlichen höchstpersönlichen
Entscheidungen sind zu respektieren, die jeweiligen Verstöße
zu bekämpfen.
Doch heute soll es nicht um ein Lamentieren über den sattsam
bekannten psychiatrischen Alltag gehen und besondere Skandale
wie zum Beispiel die Elektroschockverabreichung an Jugendliche ohne
jegliche Aufklärung und Zustimmung, sondern um Versuche der
Reform des Alltags innerhalb und außerhalb stationärer
psychiatrischer Einrichtungen.
Gleichberechtigung ist eine Forderung aller Psychiatriebetroffener
weltweit. Wirksame Mitspracherechte werden auf allen denkbaren Entscheidungsebenen
gefordert, zum Beispiel
-
bei UN-Entscheidungen
-
bei europäischen Entscheidungen
-
bei nationaler Gesetzgebung und politischer Entscheidung
-
bei Parteiprogrammentscheidungen
-
bei Landesregierungs- und Verwaltungsentscheidungen
-
bei Entscheidungen auf regionaler und lokaler Ebene
-
in Weiterbildungsveranstaltungen
-
in Psychoseseminaren
-
bei Kongressen, insbesondere der Kongressplanung und Podiumsbesetzung
-
bei der Geldmittelvergabe auf allen Ebenen
-
bei Forschungsvorhaben
-
im Arbeitsbereich
-
im Heimbereich
-
bei Stellenbesetzungen im psychosozialen Bereich
- bei höchstpersönlichen Behandlungsfragen.
Gleichberechtigung auf UN-Ebene?
Gleichberechtigung fängt sowohl unten als auch oben an. Um auf
Ebene der Vereinten Nationen Mitspracherechte zu bekommen und als
offizielle Beraterorganisation der UN anerkannt zu werden, braucht
es einen Weltverband
von Psychiatriebetroffenen. Einen Vorläufer zu einem solchen
Weltverband gibt es bereits seit ca. 10 Jahren, allerdings konnte
hier bisher nur teilnehmen, wer das nötige Kleingeld hatte, um
zu Treffen zum Beispiel nach Mexiko oder Japan zu reisen es
war eine Handvoll durchaus engagierter Leute, aufgrund der ökonomischen
Auslesemechanismen und der fehlenden Mandate aber ohne glaubwürdigen
Anspruch auf Repräsentanz. Dies soll sich ändern, die Gründung
eines echten Weltverbands ist in Vorbereitung. In ca. zwei Jahren
werden wir vor der Situation stehen, dass aus Deutschland ein noch
zu bestimmender Delegierter oder eine Delegierte zur Gründung
des Weltverbands reisen wird. Alle Organisationen, die die Verbesserung
der Situation Psychiatriebetroffener auf ihre Fahnen geschrieben haben,
werden dann gebeten sein, die deutsche Beteiligung am Weltverband
finanziell zu unterstützen.
Gleichberechtigung auf europäischer Ebene?
Auf europäischer Ebene gibt es seit 8 Jahren das Europäische
Netzwerk, mittlerweile mit Organisationen aus ca. 35 Ländern.
Auf welcher Stufe innerhalb der europäischen Gemeinschaft und
der Anwärterstaaten für die EG-Erweiterung sich das Mitspracherecht
Psychiatriebetroffener befindet, zeigen Zahlenverhältnisse und
Entscheidungsabläufe. Bei der Konferenz »Balancing Mental
Health Promotion and Mental Health Care« (»Ausgewogene Förderung
von psychischer Gesundheit und psychiatrischer Betreuung«), einer
gemeinsamen Veranstaltung der WHO (Weltgesundheitsorganisation) und
der Europäischen Kommission in Brüssel im April 1999 war
ich als Repräsentant der europäischen Psychiatriebetroffenen
eingeladen neben schätzungsweise 70 psychiatrisch Tätigen,
Regierungs- und anderen VerbandsvertreterInnen. Unsere sämtlichen
Vorschlägen hinsichtlich Ziele und Strategien besserer Förderung
von psychischer Gesundheit und Betreuung wurden abgelehnt sollten
abgelehnt werden, was angesichts des Zahlenverhältnisses der
Anwesenden einfach schien. Niemand der beteiligten Personen hatte
es für nötig befunden, die Position des europäischen
Netzwerks zu unterstützen. Auch seitens EUFAMI, der europäischen
Organisation der Eltern psychiatrisch Betroffener, kam nicht ein Wort
der Fürsprache zur Unterstützung unserer Selbsthilfeanstrengungen.
Erst nach meiner massiven Kritik und mit freundlicher Unterstützung
der Repräsentanten der Europäischen Union, Alexandre Berlin
und Horst Kloppenburg, wurden einige unserer Positionen dem in Brüssel
beschlossenen Consensuspapier
zugefügt, zum Beispiel
-
die aktive Einbeziehung von Psychiatriebetroffenen in die Psychiatriepolitik
-
die Förderung von Selbsthilfeansätzen und nicht-stigmatisierenden,
nicht-psychiatrischen Ansätzen und
-
vor allem die Freiheit zur Auswahl aus Behandlungsangeboten
zur Stärkung der Menschenrechte.
Soweit zu partnerschaftlichem Miteinander auf europäischer
Ebene.
Die relativ schwache Repräsentanz unabhängiger Psychiatriebetroffener
geht vielen Machthabern immer noch zu weit. Am 27. Juni 2000 erhielt
ich Post von Clemens Huitink, dem Sekretär des europäischen
Netzwerks, der von einer Anhörung beim europäischen Parlament
zum Thema »Schizophrenie« Wind bekommen hatte. Er schrieb:
»Liebe Freunde, Mental Health Europe (europäische
Sektion der World Federation for Mental Health; Weltverband für
psychische Gesundheit, dem auch der Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen
e.V. angehört, P.L.) benachrichtigte mich von einem Hearing,
das John Bowis (Mitglied des europäischen Parlaments und früherer
Minister in Großbritannien) unter dem Titel Psychische
Gesundheit in Europa, die Sicht des Patienten im europäischen
Parlament organisiert hatte. Diese Einladung kam völlig unerwartet.
Da ich neugierig war und ohnehin einen freien Tag brauchte, beschloss
ich, nach Brüssel zu fahren und mich für die Veranstaltung
mit der Karte von Mental Health Europe anzumelden. Bei der Ankunft
bekam ich ein Namensschild, das für Mr. Clemens W. Huitink,
Managing Director von Mental Health Europe, bereit lag! (...)
In Wirklichkeit war das Hearing eine umfangreiche Werbekampagne
von Eli Lilly in Zusammenarbeit mit GAMIAN (Global Alliance for
the Mentally Ill Advocacy Network; Netzwerk der globalen Allianz
zur Fürsprache für Geisteskranke, P.L.), einer sogenannten
User-Organisation. Was man auch immer von diesen neuen atypischen
Psychopharmaka hält: Ich kann nicht zulassen, dass GAMIAN im
Namen von Betroffenen spricht, und finde es eine Riesenschande,
dass Mitglieder des europäischen Parlaments ihre Zustimmung
zu so etwas geben. Überraschenderweise wurde ich von Horst
Kloppenburg vom DG V unterstützt, der auch anwesend war und
sich als Einziger kritisch äußerte.«
Da Horst Kloppenburg, ein deutscher Rechtsanwalt in EG-Diensten,
zuvor schon mit Vertretern des europäischen Netzwerks in Kontakt
gekommen war, ist die von Clemens Huitink genannte Unterstüzung
nicht überraschend für mich.
Man darf gespannt sein, welche Organisationen, die Partnerschaft
auf ihre Fahnen geschrieben haben, gegen diesen Skandal der Ausgrenzung
des weltweit größten demokratisch strukturierten Verbands
von Organisationen Psychiatriebetroffener beim Europäischen
Parlament und bei der Pharmafirma Eli Lilly protestieren. Bitte
berichten Sie mir.
Gleichberechtigung bei der Antistigma-Kampagne?
Ich will nun die Antistigma-Kampagne ansprechen, von der man auch
in Deutschland hört. In Österreich gelang es mir letzten
Monat, von einer Psychiatriebetroffenen endlich Material über
diese Aktion zu erhalten. Antistigma-Kampagne und Partnerschaft
sind offenbar Gedanken, die sich vollkommen ausschließen.
Ein erster Blick auf die Seite mit dem Leitungsausschuss zeigt,
dass nach meiner Kenntnis ausschließlich Psychiater der reaktionärsten
biologischen Prägung das Sagen haben. Norman Sartorius, der
bei der Diagnose »Schizophrenie« eine langfristige regelmäßige
Elektroschockverabreichung verbunden mit Langzeitneuroleptika für
optimal hält. Juan López-Ibor, Sartorius' Nachfolger als Präsident
des psychiatrischen Weltverbands, Elektroschocker; für Deutschland:
Wolfgang Gaebel, vormaliger DGPPN-Präsident, gleiche Richtung
wie seine Psychiaterfreunde.
Wie üblich, taucht in der gesamten Schrift keine einzige
Publikation von Betroffenen in den Literaturlisten auf. Nirgendwo
in der gesamten Anleitung tauchen Psychiatrie-Erfahrene als Handlungssubjekte
auf, die auf irgend einer Stufe der Kampagne eine positive Rolle
haben. Es bleibt ihnen einzig die des Behandlungsobjekts
eine durchsichtige und primitive Verhärtung bestehender Stigmatisierung.
Wer auch nur die leiseste Idee von Partnerschaft hat, sollte schleunigst
bei der Bundesregierung für den Stop jeglicher finanziellen
Unterstützung der Antistigma-Kampagne plädieren
solange, bis VertreterInnen eines demokratisch strukturierten Betroffenenverbands
ein wirksames Mitspracherecht haben.
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Gleichberechtigung auf der Geschlossenen und draußen?
UN, Europäische Gemeinschaft, Antistigma-Kampagne.... Sie
können nun fragen, was hat das alles mit unseren direkten,
unmittelbaren Angelegenheiten zu tun? Letztes Jahr stellte der BPE
bei der Bundesregierung einen Antrag auf Projektförderung
es ging um die Förderung eines Modellprogramms »Selbsthilfe
von Psychiatriebetroffenen für Psychiatriebetroffene«.
Kein Geld, hieß die Antwort, die Bundesregierung unterstützt
bereit die »Antistigma-Kampagne«. Die Beträge, die
diese Stigmatisierungskampagne erhält, kenne ich nicht. Jede
einzelne Mark für diese Kampagne ist jedoch zu viel, jede einzelne
Mark fehlt den Selbsthilfegruppen vor Ort. Freundlicherweise empfing
Frau Andrea Fischer im Februar 2000 eine gemeinsame Delegation aus
BPE, Angehörigenverband und Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen,
wir durften unsere Wünsche
vortragen. Und anschließend erhielten wir das Angebot
der Finanzierung einer Dreiviertelstelle für Öffentlichkeitsarbeit.
Der BPE entschied, dass ich den BPE-Anteil, also insgesamt eine
Viertelstelle für Öffentlichkeitsarbeit, haben soll. Wie
gerne würde ich ab Arbeitsbeginn 1.8.2000 Verbände und
Personen nennen, die ebenso eine gerechtere Verteilung der Finanzmittel
und vor allem eine vernünftige finanzielle Förderung des
Selbsthilfebereichs fordern, angesichts der Mittelknappheit insbesondere
mit den Geldern, die bisher Pharmafirmen und ihre Werbekampagnen
erhalten.
Psychiatrische Testamente ein anderes Thema sollen
ein rechtswirksame Instrumente sein, um der Psychiatrie ihren Platz
zuzuweisen, den sie haben sollte: als Dienstleistungsunternehmen,
das seine Maßnahmen anbieten kann, und die Betroffenen entscheiden
dann, ob sie sie annehmen wollen oder nicht. Schließlich ist
das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit keine Verhandlungsmasse,
die partnerschaftlich aufzuteilen ist. Eine Woche, nachdem 1993
im Spiegel ein Bericht
über das Psychiatrische Testament stand, wurde in Bielefeld
der Behandlungsvertrag geboren, und da er keinen Vertragscharakter
hat, wird er jetzt Behandlungsvereinbarung genannt. Man
darf sich wünschen, welche Zwangsmaßnahmen der Psychiater
in welcher Reihenfolge anwenden soll, wenn er meint, sie seien
nötig. Auch sonstige Wünsche darf man nennen. Rechtsfolgen
hat ein Verstoß nicht, sofern handelsüblich psychiatrisch
begründet. Partnerschaft setzt gleiche Rechte voraus, hierzu
gehören Sanktionsmöglichkeiten bei Rechtsverstößen,
ebenso Wahlmöglichkeiten, d.h. es braucht real vorhandene Alternativen
nichtpsychiatrischer Einrichtungen und Selbsthilfezentren. Dem immer
wieder vorgebrachten Vorwurf, die Formulierung von eigenen Rechten
zerstöre mögliche Vertrauensbeziehungen zwischen medizinisch-psychiatrisch
Tätigen und Behandelten, ist entgegenzuhalten, dass nur dann
ein tragfähiges Vertrauensverhältnis entstehen kann, wenn
letztere ihre Rechtspositionen respektiert wissen, insbesondere
ihr verfassungsrechtlich geschütztes Selbstbestimmungsrecht.
Wer Partnerschaft im psychiatrischen Alltag will, kann dies glaubhaft
nur vertreten, wenn er oder sie sich für nichtpsychiatrische
Alternativen und für eine massive Verbesserung der Rechtsposition
von Betroffenen einsetzt.
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Hierzu gehören auch Sanktionsmöglichkeiten aller Art,
beginnend bei Ombudsleuten, FürsprecherInnen, Patientenvertrauenspersonen,
PatientenanwältInnen. Dieses Thema wird bei der kommenden Mitgliederversammlung
des BPE im September in Kassel im Mittelpunkt stehen, wo eine als
Patientenvertrauensperson arbeitende niederländische Betroffene
und eine Patientenfürsprecherin aus Süddeutschland von
ihrer Arbeit berichten werden. In Kassel will der BPE herausfinden,
für welches Modell der Unterstützung Betroffener in Anstalten
er sich stark machen will. Alle sind herzlich eingeladen zu kommen
und mitzudiskutieren.
Gleichberechtigung in Psychoseseminaren und anderen Veranstaltungen?
Auch Psychoseseminare gelten als Möglichkeit des gleichberechtigten
Austausches zwischen Betroffenen den eigentlichen Erfahrenen
, den sogenannten Experten, Angehörigen und BürgerhelferInnen
(letztere sind offenbar im wesentlichen in Baden-Württemberg
beheimatet). Partnerschaft in Psychoseseminaren würde nach
meinem Verständnis voraussetzen, dass gleichberechtigt entschieden
wird, wer als ReferentIn eingeladen wird und wer die jeweilige Sitzung
leitet. Meist werden Psychoseseminar nicht von Betroffenen moderiert.
Zuletzt sollten die aktiv Mitwirkenden dann noch gerecht bezahlt
werden.
Bisher besteht im psychosozialen Bereich auf vielen Ebenen ein
Ungleichgewicht, eine Benachteiligung von Psychiatriebetroffenen.
Solange diese noch nicht behoben ist, müssen wie zur
Verringerung der Diskriminierung von Frauen Quoten eingeführt
werden: bei der Stellenbesetzung, bei Planungskomitees von Kongressen,
bei Podiumszusammensetzungen, bei der Vergabe von Hauptreferaten,
bei der Leitung von Arbeitsgruppen usw. Da Kongressteilnahme oft
für die Masse der zu 80% arbeitslosen Psychiatriebetroffenen
unerschwinglich ist, muss Psychiatriebetroffenen eine finanziell
erheblich ermäßigte Kongressteilnahme ermöglicht
werden.
Quoten gibt es im Berliner Verein zum Schutz vor psychiatrischer
Gewalt, einem aus Betroffenen, Bürgern, Angehörigen und
sogenannten Experten zusammengesetzten Verein. 50% aller Beschäftigten
im Weglaufhaus
Berlin müssen Psychiatriebetroffene sein, und sie sind
es auch. So einfach wirkt die Quote. Keine Entscheidung im Verein
kann gegen die Mehrheit der psychiatriebetroffenen Vereinsmitglieder
getroffen werden. Seit es Vetorecht und Quote gibt, also seit zehn
Jahren, hat noch kein Streit zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen
stattgefunden Grundlage der Partnerschaft sind abgesicherte
Mitbestimmungsrechte und gleiche ökonomische Bedingungen am
Arbeitsplatz.
Gleichberechtigung im Publikationsbereich?
Partnerschaft heißt auch, Psychiatriebetroffenen in der Literatur
Raum zur Darstellung zu geben. Damit meine ich jetzt nicht die Abspeisung
von Buchbeiträgen mit Almosen, wie sie in manchen Verlagen
praktiziert wird, die hier nicht genannt sein sollen. Partnerschaft
heißt hier, ihre relativ wenigen und deshalb um so wichtigeren
Publikationen in der Literatur nicht totzuschweigen. Auf philosophischer
Ebene könnte man spekulieren, ob der Weg vom Totschweigen zum
Totschlagen weit ist. An solchen Spekulationen will ich mich aber
nicht beteiligen; allerdings, Partnerschaft und Totschweigen schließen
sich aus. Ich denke hier an das Buch von Prof. Michael Stark mit
dem Thema »Empowerment«, erschienen vor ca. zwei Jahren
im Lambertusverlag. Empowerment heißt Selbstbemächtigung,
gemeint ist unter anderem, so Judi Chamberlin aus den USA in dem
Buch »Statt
Psychiatrie«: »mit der eigenen Stimme sprechen, die
eigene Identität neu definieren, die eigenen Möglichkeiten
und das Verhältnis zu institutionalisierter Macht neu definieren«.
Wie kann man ein Buch zu diesem Thema schreiben und Publikationen
aller Betroffenen ausnahmslos ignorieren? Gilt es in der akademischen
Welt als unfein, Psychiatriebetroffene partnerschaftlich zu Wort
kommen lassen? Micheal Stark ist nur exemplarisch genannt, er steht
mitnichten alleine. Ein anderes Beispiel: Beim Verlag Pabst-Scence-Publishers
kam gerade ein Buch über Psychotherapie von Psychosen (Herausgegeben
von Martin Urban) heraus, ich habe es an meinem Büchertisch,
denn es sind einige vernünftige Artikel darin, ebenso Kommentare
von BPE-Mitgliedern. Als ich beim Verlag Bücher nachbestellte
und den Büchertisch auf diesem Kongress erwähnte, schickte
mir der Verlag ungefragt Exemplare des Buches »Psychiatrie
auf dem Weg Menschenbild, Krankheitsverständnis und
therapeutisches Handeln«, herausgegeben von Matthias Krisor
und Harald Pfannkuch. Ich schaute in das Buch hinein: Artikel von
17 Autoren, darunter durchaus respektable Autoren wie Martin Urban
und Heiner Keupp. Aber kein einziger Betroffener ist darunter, dafür
handelt es sich allesamt um männliche Autoren. Das Buch ist
gesponsert von den Pharmafirmen Bristol-Myers Squibb, Desitin Arzneimittel
GmbH, Hoffmann-La Roche AG, Janssen-Cilag, Lipha Arzneimittel GmbH,
Novartis Pharma GmbH, Promonta Lundbeck Arzneimittel, Rhône Paulenc
Pharma GmbH, Synthelabo Arzneimittel GmbH, Zeneca GmbH. »Psychiatrie
auf dem Weg« Psychiatriebetroffene wurden mal wieder
behandelt, als seien sie hirnlose Idioten, allen schönen Worten
von Empowerment und anderen Modebegriffen zum Trotz. Was kann das
Ziel eines Weges sein, an dem Betroffene von vornherein ausgegrenzt
sind? Das Abstellgleis. Die Chronikereinrichtung. Das Odachlosenaysl.
Das Sozialamt. Das Arbeitslosenamt. Nie und nimmer das partnerschaftliche
Miteinander.
Partnerschaft in der Literatur heißt neben zu-Wort-kommen-lassen
auch: vernünftig zu bezahlen, Psychiatriebetroffene in Interviews
nicht auszubeuten: Sie sollten für ihre mit Interviews verbrachte
Zeit finanziell entschädigt werden, sie sollten davor geschützt
werden, gegen ihren Willen diagnostiziert und vorgeführt zu
werden, und sie sollten speziell davor bewahrt werden, dass ihre
Artikel von psychiatrienahen Herausgebern verbogen, uminterpretiert
und somit ihre Aussagen verleugnet werden. Ein Beispiel ist das
Buch »Bevor die Stimmen wiederkommen«, herausgegeben von
Andreas Knuf und Anke Gartelmann. Durchweg gute Beiträge Psychiatriebetroffener,
die ihre durchdachten Vorstellungen zu einem selbstbestimmten Umgang
mit dem eigenen Verrücktwerden zu Papier brachten, werden dort
missbraucht, um Stimmung für ein gemeindepsychiatrisches Szenario
zu machen: für den in der Regel verständnisvollen niedergelassenen
Psychiater und sein richtiges Medikament in der richtigen Dosis
sowie den hilfreichen und vertrauenswürdigen Sozialpsychiatrischen
Dienst. Egal ob etwa der psychiatriekritische Pirmin von Reichenstein
resümiert, alle wahre Hilfe sei Hilfe zur Selbsthilfe, ob Wolfgang
Voelzke klarstellt, dass es die Betroffenen selbst sein müssen,
die über die Frage der Psychopharmakaeinnahme entscheiden,
ob die Selbst-CheckerInnen ihre Probleme teilweise gerade nicht
als Krankheit verstehen und sich so unbefangen und ohne diagnostische
Scheuklappen mit ihnen auseinandersetzen können: Die Herausgeber,
zwei Diplompsychologen, psychoedukativ ausgebildet, wissen alles
besser. »Pillen. Wir stehen ihnen äußerst zwiespältig
gegenüber, was aber bedeutet, dass wir sie in vielen Fällen
für unverzichtbar halten müssen.« Müssen? Geht
es denn nicht um die Betroffenen als Subjekte ihres Lebens und ihrer
Entscheidungen? »Medikamente bieten vielen Betroffenen in Zeiten
hoher Anforderungen eine Möglichkeit, ihr Gleichgewicht zu
bewahren. ... Wer auf Nummer sicher gehen möchte,
ist mit einer Dauermedikation am besten beraten. ... Häufig
werden die negativen Wirkungen der Neuroleptika, Lithiumpräparate
und Antidepressiva auch überbewertet und mit der Eigendynamik
der Erkrankung verwechselt.« Häufig wird einfach nur Mist
(nach-)erzählt. Das Buch des Psychiatrieverlags endet mit dem
Krisenpass: für Einträge zur »aktuellen Medikation«
und zu Erfahrungen mit Medikamenten stehen 18 cm zur
Verfügung, für »Besonderes (zum Beispiel besondere
Wünsche an die Behandlung)« ganze 2. Ist das die Basis
für Partnerschaft?
Von psychiatrischen Fachzeitschriften zu reden, ist ein weiteres
trauriges Kapitel. Psychiatriebetroffene sind dort in aller Regel
nicht als Autoren und Autorinnen vertreten, von extremen Ausnahmen
abgesehen. Psychiatrische Fachzeitschriften übernehmen einen
Teil der Ausbildung und Weiterbildung psychiatrisch Tätiger
sofern diese überhaupt etwas lesen nach dem Abschluss
ihrer Ausbildung. Wenn Sie einen partnerschaftlich orientierten
Psychiater zur Hand haben: Fragen Sie ihn, was er bereits unternommen
hat, um gegen die massive Einseitigkeit und den Ausschluss von Betroffenen
zu unternehmen. Fragen Sie ihn auch, was er unternimmt, um gegen
schwarze Schafe in den eigenen Reihen vorzugehen. Ich kann gerne
einen nennen: Hendrik Uwe Peters, vormals Präsident der Deutschen
Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde, der Minderjährige
ohne informierte Zustimmung mit einer Vielzahl von Eletroschocks,
Insulinschocks und Psychopharmakakombinationen behandelt (»therapiert«)
hat, siehe das neue Buch »Mitgift
Notizen vom Verschwinden«, Berlin 2000, von Kerstin
Kempker). Wo wir schon dabei sind: Fragen Sie Ihren partnerschaftlich
orientierten Psychiater, was er alleine oder innerhalb seiner Standesorganisation
unternimmt gegen das weitere
feige Vorenthalten von Behandlungsakten seitens seiner Kollegenschaft,
gegen die durchgängige Verabreichung von Elektroschocks und
Psychopharmaka ohne informierte Zustimmung, gegen die massive Benachteiligung
von Heiminsassinnen und -insassen. Ein an Partnerschaft orientierter
psychiatrisch Tätiger wird vielleicht die bisher rechtlosen
und diskriminierten Psychiatriebetroffenen aktiv unterstützen.
Vielleicht. Antragsformulare für BPE-Fördermitgliedschaften
oder Weglaufhaus-Patenschaften sind bei mir erhältlich.
Übrigens: Der BPE ist seit Ende letzten Jahres mit einer
eigenen
Website im Internet. Im Internet gibt es auch eine Website des
sogenannten Psychiatrienetzes, geführt vom Psychiatrieverlag.
Links zu Büchern des Psychiatrieverlag sind deshalb auf der
Psychiatrienetz-Website selbstverständlich. Wurde schon einmal
daran gedacht, Links zu Büchern einzurichten, die von Psychiatriebetroffenen
verfasst wurden und die nicht im Psychiatrieverlag erschienen sind?
Schön wäre es auch, wenn in Publikationen über die
Internetpräsenz des psychosozialen Bereichs die Website des
Bundesverbands ebenfalls erwähnt würde. Vielleicht stellt
die Psychosoziale Umschau in ihrer nächsten Nummer
dem BPE eine Seite zur Verfügung? In der letzten Nummer wurde
bei einem Artikel zum Thema nur die Psychiatrienetz-Website vorgestellt,
die Website des BPE schlicht vergessen. Es gibt inzwischen auch
eine Website des Weglaufhauses, eine Website des Europäischen
Netzwerks mit Adressen oder Links zu Organisationen in ganz Europa,
von Aserbeidschan bis Portugal. Wer ist hier Ansprechpartner?
Gleichberechtigung im Selbsthilfebereich?
Zur Partnerschaft gehören mindestens zwei Parteien, auch Psychiatriebetroffene
sind gefordert, sich stärker zu artikulieren. Viele freuen sich,
wenn ein Profi überhaupt mal zuhört, wenn sie als Mensch
wahrgenommen werden. Man kann es ihnen nicht verdenken angesichts
ihrer Erfahrungen in der Psychiatrie. Echte Partnerschaft kann es
aber nur unter selbstbewussten Individuen geben, die ihre Ansprüche
auch anmelden. In ihren eigenen Gruppen sollten wir Psychiatriebetroffene
deshalb mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn wir etwas bewirken wollen
und wenn wir einen partnerschaftlichen Umgang mit uns wollen, können
wir dieses glaubwürdig nur einfordern, wenn wir selbst partnerschaftlich
miteinander umgehen. Die Tatsache, dass wir in der Psychiatrie waren,
einen psychiatrischen Stempel haben, mag eine Gemeinsamkeit sein,
die partnerschaftliches Miteinander erleichtert, aber wir sind zu
verschieden in Herkunft, Glauben, politischer Überzeugung und
persönlichen Vorlieben, als dass die psychiatrische Gemeinsamkeit
eine primär von außen definierte Gemeinsamkeit!
alle Probleme des Miteinander lösen würde. Und wenn
wir partnerschaftlichen Umgang wollen, egal mit wem, müssen wir
miteinander selbst partnerschaftlich verkehren, auch dem Andersdenkenden
mit Respekt gegenübertreten, selbst wenn wir im Einzelfall seine
oder ihre Meinung nicht teilen. So sollte es in Selbsthilfegruppen
selbstverständlich sein, dass Machtstrukturen bekämpft werden,
dass Selbstdarsteller in die Schranken gewiesen werden, dass Frauenschutzräume
wie Frauentage und Frauengruppen respektiert werden, dass auf Menschen,
die den Begriff der psychischen Krankheit ablehnen und ihn als Diffamierung
betrachten, Rücksicht genommen wird, dass Menschen, die Psychopharmaka
absetzen wollen, ebenso unterstützt werden wie Menschen, die
der Überzeugung sind, dass ihnen Psychopharmaka helfen.
Fazit
Gelegentliche Mängel auf Seiten der Psychiatriebetroffenen
sollte jedoch niemanden davon abhalten, auf allen Ebenen partnerschaftliche
Strukturen und Entscheidungsabläufe zu installieren. Da Partnerschaft
nur unter Gleichberechtigten denkbar ist, sind alle, die Partnerschaft
wirklich wollen, aufgefordert, die rechtliche, soziale und finanzielle
Situation von Psychiatriebetroffenen auf allen Entscheidungsebenen
zu stärken und bestehende Machtgefälle zu verringern.
Da erfahrungsgemäß Menschen gerne an ihren Machtpositionen
hängen, sollten wir Psychiatriebetroffenen nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag
warten, sondern gemeinsam daran gehen, eine Gegenmacht aufzubauen.
Dazu müssen wir uns zusammenschließen und uns gemeinsam
auf den Weg zur Gleichberechtigung machen. Wenn uns eine Handvoll
Nichtbetroffener begleiten, soll uns dies freuen. Der Weg ist weit,
wir stehen am Anfang. Der gleichberechtigte Umgang im psychiatrischen
Alltag scheint unendlich weit entfernt. Aber unseren langen und
beschwerlichen Weg nimmt uns niemand ab.
Copyright by Peter Lehmann 2000
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