in: Peter Lehmann / Peter Stastny (Hg.), Statt Psychiatrie 2. Berlin / Eugene / Shrewsbury: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag 2007, S. 418-420
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Pat Bracken

Jenseits von Modellen und Paradigmen – Eine radikale Interpretation von Recovery

Ursprünglich wurde der Begriff "Recovery" in einigen einflussreichen Erfahrungsberichten von Betroffenen verwendet, um ein alternatives Programm in der Psychiatrie anzukünden. In den letzten Jahren benutzt man den Begriff "Recovery" immer häufiger. Meist geht es dabei um den Wandel von einem "medizinischen" zu einem "Recovery-orientierten Modell", was zu einem "Paradigmenwechsel" in unserem Verständnis psychiatrischer Probleme führen soll. In diesem Beitrag will ich die radikalere These vertreten, dass es bei der Recovery-Bewegung nicht um den Wechsel von einem Paradigma zu einem anderen (oder von einem Modell zu einem anderen) geht, sondern um die generelle Überwindung des Denkens in Paradigmen und Modellen.

Zuerst sollten wir uns darüber klar sein, wozu wir eine Alternative suchen. Üblicherweise ist es das "medizinische Modell", das als Problem angesehen wird, da ein medizinisches Verständnis von verrückten Erfahrungen und psychischem Leid als falsch und schädlich angesehen wird. Dies führt bei dem irrigen Versuch, "Symptome" zu behandeln, zum unnötigen und zerstörerischen Einsatz von Psychopharmaka und Elektroschocks und ist natürlich ein großes Problem. Ich denke aber, dass das medizinische Modell nur Teil eines grundlegenderen Problems ist: der Tendenz, menschliche Schwierigkeiten auf die eine oder andere Art als technische Probleme zu verstehen. Dieses "technologische Paradigma" beeinflusst unsere grundlegendsten Ansichten über uns selbst und das Wesen von Gesundheit und Heilung. Es legt fest, wie Probleme für uns in Erscheinung treten, und leitet unsere Gedanken auf vielen verschiedenen Ebenen. Im Wesentlichen fördert es eine "modellbasierte" Herangehensweise an menschliche Schwierigkeiten. So umfasst das technologische Paradigma nicht nur das medizinische Modell, sondern auch die meisten psychologischen und Management-Ansätze psychischer Gesundheit. Neben biologischen Modellen der Produktion von "Symptomen" haben wir kognitive, psychoanalytische und auch soziale Modelle aller Art.

Das technologische Paradigma stellt die Entwicklung von Modellen, Klassifikationssystemen, den Vergleich verschiedener Eingriffe usw. ins Zentrum unseres Diskurses über psychische Gesundheit. Dies erkennt man sofort beim Durchblättern der meisten psychiatrischen und psychologischen Fachzeitschriften. Innerhalb dieses technologischen Paradigmas werden Aspekte wie Werte, Bedeutungen, Beziehungen und Macht nicht ignoriert, sind allerdings gegenüber den technischen Aspekten des psychosozialen Bereichs zweitrangig. Darüberhinaus unterstreicht es die zentrale Stellung von "Experten": Professionellen, Akademikern, Forschern und deren Verfahrensregelungen, Fortbildungen und Universitätsfakultäten. Betroffene können zwar nach ihrer Meinung zu Modellen, Eingriffen und Forschung befragt werden, sind aber immer Empfänger von Expertenwissen, das anderswo geschaffen wurde.

Meiner Meinung nach ist die Recovery-Bewegung und die Entstehung eines betroffenengeleiteten Diskurses über psychische Gesundheit nicht nur für das medizinische Modell eine radikale Herausforderung, sondern auch für das dahinter stehende technologische Paradigma. In diesem Betroffenendiskurs geht es nicht um neue Paradigmen oder neue Modelle, sondern um die komplette Neuorientierung unserer Denkweise über psychische Gesundheit. In der nichtpsychiatrischen Recovery-Literatur werden Aspekte der Macht und Beziehungen, Zusammenhänge und Bedeutungen, Werte und Prioritäten erstrangig. Therapie, Dienste, Forschung und sogar Psychopharmaka werden zwar nicht abgelehnt, jedoch als zweitrangig eingestuft. Geht es um Psychopharmaka, will die unabhängige Literatur von Psychiatriebetroffenen mit Hilfe von Informationen über deren Wirkungsweise, unerwünschte Wirkungen und deren fragliche Wirksamkeit erreichen, dass Psychopharmaka nur mit informierter Zustimmung verabreicht und die Profite der Pharmakonzerne aufgezeigt werden. Diese Literatur kritisiert auch deren Einfluss auf psychiatrische Fachbereiche an Universitäten und die dort betriebene Lehre und Forschung, auf Krankheitsmodelle und Klassifikationssysteme.

Um zu beurteilen, inwieweit die Recovery-Bewegung akzeptiert wird, müssen wir uns ansehen, welche Bedeutung man dem Betroffenendiskurs in Bildung und Fortbildung zuschreibt. Die radikalste Folgerung der Recovery-Bewegung mit ihrer Umkehrung dessen, was erst- und zweitrangig ist, besteht in der Feststellung, dass es die Betroffenen sind, die das größte Wissen und die meisten Informationen über Werte, Bedeutungen und Beziehungen besitzen. Im Sinne der Recovery-Bewegung sind sie die wahren Experten.

Aus dem Englischen von Pia Kempker

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