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in: Matrix 3000 (Peiting/BRD), Band 11 (Mai 2002), S. 11-13
(korrigiert im Januar 2006)
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Psychiatrische Psychopharmaka: Anlass zu großer
Sorge
Als krank definierte Gefühle und damit verbundene Handlungsweisen
lassen sich leicht mit Antidepressiva und Neuroleptika (sogenannten
antipsychotischen Medikamenten) unterdrücken. Doch diese
synthetischen Substanzen bergen erhebliche Gesundheitsrisiken.
Ob unter psychopharmakologischem Einfluss eine vernünftige,
konfliktaufdeckende und -verarbeitende Therapie möglich ist,
scheint zudem mehr als fraglich.
Sofern sie überhaupt wie gewünscht eintritt, zieht
die kurzfristige Pharmawirkung mittel- und langfristig häufig
eine Chronifizierung der ursprünglichen Probleme nach sich,
ganz zu schweigen von den vielfältigen schädigenden
Wirkungen auf das zentrale Nervensystem, das Vegetativum und den
Muskelapparat sowie Tendenzen zur Abhängigkeit und damit
verbundene Entzugsprobleme. Oder es entstehen neue störende
Gefühle, die, basierend auf Veränderungen im Nervenreizleitungssystem,
kaum noch mit lebensgeschichtlichen Konfliktverarbeitungsversuchen
zu tun haben und zu ihrer jeweils momentanen Neutralisierung neue,
noch tiefer eingreifende Maßnahmen mit noch größeren
Risiken und Folgeschäden nach sich ziehen, zum Beispiel Elektroschocks.
Auch die neuen Psychopharmaka, ob antidepressive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
à la Fluctin oder atypische Neuroleptika à la Leponex, Risperdal
und Zyprexa, können gravierende Auswirkungen haben, basierend
auf tiefen Eingriffen ins Transmittersystem.
Die Gefühle der Behandelten mögen zwar gebessert erscheinen
und Unwohlsein, Ratlosigkeit, Angst und Verzweiflung durch die
angewendeten Maßnahmen unterdrückt werden: Die Chemobehandlung
bewirkt, dass nur noch die Betroffenen selbst von ihren Gefühlen
gestört werden, sofern sie diese überhaupt noch spüren.
Entäußern können sie diese Gefühle jedoch
nicht mehr, sie sind quasi chemisch geknebelt.
Antidepressiva
Antidepressiva wirken sich im psychischen Bereich tendenziell
in der Weise aus, dass ein Teil der Behandelten ruhiggestellt
wird, passiv, stumpf, emotionslos; andere reagieren mit Unruhe,
Verwirrtheit, Aggressivität. Die Persönlichkeit ändert
sich, das Suizidrisiko steigt. Alle diese Störungen treten
unter sogenannten therapeutischen sowie unter moderaten und niedrigen
Dosierungen auf, unabhängig vom Anlass der Verabreichung
und auch bei als normal geltenden Versuchspersonen. Unter der
Hand werden Bedenken geäußert, Antidepressiva könnten
Depressionen chronifizieren. Schon Mitte der 60er Jahre zeigte
sich, dass depressive Phasen bei sogenannten endogen Depressiven
in zunehmendem Ausmaß nicht mehr richtig aufhörten,
sondern es notwendig erschien, die Antidepressiva immer weiter
zu verabreichen. Frühere Phasen der gleichen Patienten hatten
ohne Antidepressiva wesentlich kürzer gedauert. So kam der
Verdacht auf, diese ungewöhnliche Verlängerung von Phasen
sei das Ergebnis der Antidepressiva selbst.
Auch die neuen Antidepressiva, die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
(SSRI), verändern das Transmittersystem; im synaptischen
Spalt steigt die Konzentration von Serotonin. Der Organismus reagiert
jedoch mit einer Abnahme der Rezeptoren: Folge der Down-Regulation,
des Kompensationsversuchs des Körpers auf von außen
kommende Eingriffe. Auf die Dauer kommt es zu einer verminderten
Serotoninwirkung. Marc Rufer, Arzt und Psychotherapeut in Zürich,
warnte denn auch: "Wenn die Serotoninmangel-Hypothese der
Depression richtig wäre, müssten die SSRI schwerste
Depressionen bewirken."
Neuroleptika
Bei Neuroleptika tritt tendenziell eine Senkung des psychischen
Energieniveaus auf mit der Folge von Apathie, gefühlsmäßiger
Stumpfheit, emotionaler Panzerung und Einfrierung des Gefühlslebens.
Die Persönlichkeit der Behandelten ändert sich. Hinzu
können Gefühle der Leistungsunfähigkeit kommen,
der Minderwertigkeit und der Verzweiflung einschließlich
der Tendenz, bei einem noch mobilisierbaren Rest von Energie diesem
Leiden ein Ende zu setzen, insbesondere bei ausgesprochen quälenden
körperlichen Wirkungen wie zum Beispiel der Sitzunruhe. Mit
eindeutigen Worten machte Frank Ayd von der Psychiatrischen Abteilung
des Franklin Square Hospital in Baltimore bereits 1975 auf mögliche
Suizidtendenzen als Neuroleptikawirkung aufmerksam:
"Es besteht nun eine allgemeine Übereinstimmung, dass
milde bis schwere Depressionen, die zum Suizid führen können,
bei der Behandlung mit jedem Depotneuroleptikum auftreten können,
ebenso wie sie während der Behandlung mit jedem oralen Neuroleptikum
vorkommen können."
In Deutschland forderte deshalb der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener
e.V. (www.bpe-online.de) 2000 vom Bundesministerium für Gesundheit
die Einführung eines Suizidregisters unter besonderer Berücksichtigung
von beteiligten Psychopharmaka/Elektroschocks, vorangegangener
Fixierung und anderen Formen psychiatrischer Zwangsmaßnahmen.
Eine staatenübergreifende Meldepflicht für Psychiatrie-
und Psychopharmaka-assoziierte Suizide könnte dafür
sorgen, dass Vorsorgemaßnahmen möglich und endlich
verlässliche Studien durchgeführt werden, die den Zusammenhang
insbesondere zwischen Psychopharmakawirkungen und Suizidalität
weiter erforschen.
Neuroleptika, die eigentlich einen vermuteten Dopaminüberschuss
bekämpfen sollen, können im Lauf der Zeit zu einer spezifischen
Veränderung des Nervensystems führen: zu einer unnatürlichen
und chronischen Erhöhung der Zahl der Dopaminrezeptoren sowie
zu einem erhöhten Dopaminspiegel. Der Organismus reagiert
auf die künstliche chemische Blockade der Dopaminrezeptoren
mit der Bildung zusätzlicher Rezeptoren, die sich nach dem
Ende der Neuroleptikaverabreichung nicht immer zurückbilden,
so dass es zu einem Ungleichgewicht von Transmittern und Rezeptoren
und/oder einer Übersensitivität der Dopaminrezeptoren
kommen kann. Es tritt eine Toleranzentwicklung gegenüber
der sogenannten antipsychotischen Wirkung auf, d.h. die Dosis
muss ständig erhöht werden, um die ursprüngliche
Wirkung aufrechtzuerhalten. Insbesondere atypische Neuroleptika
bergen diese Gefahr, die im Tierversuch nachgewiesen wurde. In
Schweden beispielsweise, wo man Clozapin (Leponex) intensiv einsetzte,
wurden bei einer ganzen Reihe von Betroffenen beim Absetzen von
Clozapin psychotische Symptome in einer Stärke festgestellt,
die vorher nicht vorhanden war. Urban Ungerstedt und Tomas Ljungberg
vom Stockholmer Karolinska Institut fragten 1977 nach Neuroleptikaexperimenten
an Ratten, ob die 'antipsychotischen Medikamente', die 'spezifische'
Rezeptoren blockieren, nicht etwa eine 'spezifische' Rezeptorensupersensibilität
und somit 'spezifische' Nebenwirkungen verursachen, d.h. das behandelte
psychische Problem selbst pharmakologisch potenzieren.
Atypische Neuroleptika werden als nebenwirkungsarm angepriesen.
Remoxiprid (Roxiam) war als modernes atypisches Neuroleptikum
1991 als "Rose ohne Dornen" angekündigt worden,
d.h. als gut verträgliches Medikament ohne Nebenwirkungen.
Drei Jahre später wurde es allerdings von der Herstellerfirma
wieder vom Markt genommen: wegen einer Reihe von lebensgefährlichen
Fällen aplastischer Anämie Blutarmut mit Verminderung
der roten und weißen Blutkörperchen, beruhend auf einem
Defekt im blutbildenden System. Ein anderes Beispiel ist Sertindol
(Serdolect), das lange als nebenwirkungsarm galt. Im November
1998 fand sich im Internet in medizinischen Datenbanken noch der
Begriff nebenwirkungsfrei. Am 2.12.1998 meldete dann die ‚Ärzte
Zeitung': "Vertrieb von Serdolect(R) gestoppt Anlass
sind schwere kardiale Nebenwirkungen und Todesfälle".
Risperidon (Risperdal) ist ein weiteres atypisches Neuroleptikum,
das die Lebensqualität erhöhen und die Reintegration
ins gesellschaftliche Leben erleichtern soll. "Zurück
ins Leben", "Anna ist wieder da", so oder ähnlich
lauten die Werbesprüche. In der ‚Medical Tribune' vom 26.
Mai 2000 lobte Psychiater Dieter Naber aus Hamburg Risperidon
als "gut verträgliches Medikament". Aber nicht
nur Anna ist wieder da; auch tardive Dyskinesien sind wieder da.
Just am gleichen 26. Mai 2000 wurde in Philadelphia/USA der Psychiatriebetroffenen
Elizabeth Liss 6,7 Millionen US-Dollar Schmerzensgeld zugesprochen,
zahlbar vom behandelnden Psychiater. Frau Liss war nach vierzehnmonatiger
Verabreichung von Risperidon an tardiver Dyskinesie erkrankt,
Unterform tardive Dystonie in Form von Krämpfen der Gesichts-
und Nackenmuskulatur.
Therapie unter Psychopharmaka?
Abgesehen von der Gefahr akuter toxischer Reaktionen oder chronischer
Psersönlichkeitsveränderungen stellt sich schon bei
normaler Psychopharmakawirkung die Frage, wie unter emotionaler
Panzerung speziell unter Antidepressiva und Neuroleptika eine
Psychotherapie stattfinden kann, die verborgene Konflikte aufdecken
und lösen hilft. Unabdingbare Voraussetzung für die
Möglichkeit, sich an die Lösung psychischer Probleme
zu machen, ist ein von chemischen Beeinträchtigungen freies
psychisches Potential. Ob sich die Betroffenen alleine, gemeinsam
mit Nahestehenden, in Selbsthilfegruppen, in psychotherapeutischen
Beziehungen oder durch Hilfe von Homöopathen oder Naturheilkundlern
mit der eigenen Lebenssituation, mit Schwächen, Problemen,
Ängsten und Blockaden auseinandersetzen wollen: dies ist
unter Psychopharmakaeinfluss ebenso schwer vorstellbar wie unter
Alkohol oder dem Einfluss sonstiger persönlichkeitsverändernder
und benommen machender psychotroper Substanzen. Mit dem Glauben
an die wirksame Hilfe durch den richtigen Arzt und seine richtige
Psychopille in der richtigen Dosis endet zu oft die Möglichkeit,
eine Krise als Chance angemessener Wirklichkeitsverarbeitung zu
erkennen, Einsicht in die Kontinuität des eigenen Lebens
in all seiner Vielfalt zu gewinnen und die vorhandenen realen
existentiellen Probleme in eigener Verantwortung und eventuell
mit geeigneter fachlicher Hilfe anzupacken.
Dieser kritischen Darstellung wird von der herrschenden Medizin
mit Sicherheit vehement widersprochen. Psychopharmaka würden
ein neues Gleichgewicht gestörter Transmitterfunktionen herstellen
und die Behandelten dadurch auch psychotherapeutischen Maßnahmen
zugänglich machen. Bei vielen psychischen Problemen unter
Psychopharmakabehandlung handle es sich um Symptomverschiebungen
der postulierten primären Krankheit. Liest man jedoch die
Fachliteratur, sieht man sich eines besseren belehrt und erkennt
in dieser Argumentation eine leicht durchschaubare Schutzbehauptung.
Durch Auslass- und Doppelblindversuche, unter denen sich der psychische
Zustand der Behandelten jeweils dramatisch veränderte, wird
es leicht, Störungen als Auswirkungen der Psychopharmaka
zu erkennen. Auch die übereinstimmenden Ergebnisse von Selbst-
und Tierversuchen sprechen eine klare Sprache. Ernsthafte Therapeuten
sollten sich wirklich nicht mehr wundern, weshalb ihre Klienten
unter psychopharmakologischem Einfluss oft so verschlossen wirken.
Therapeuten, die sich nicht auf Aussagen der Pharmawerbung oder
wohlklingende Lehrbuch-Versprechungen von Psychiatern verlassen
wollen, tun gut daran, sich näher mit der Wirkungsweise von
Psychodrogen zu befassen und sich eine fundierte und unabhängige
Meinung zu bilden. Detaillierte Erfahrungsberichte, wie diese
Substanzen abgesetzt wurden, ohne gleich wieder im Behandlungszimmer
des Arztes oder in der Anstalt zu landen, wirken entängstigend
und bilden eine vernünftige Betrachtungsgrundlage.
Weiterführende Literatur
-
P. Lehmann: Blinde
Flecken in der sozialpsychiatrischen Wahrnehmung,
in: Soziale Psychiatrie, 25. Jg. (2001), Nr. 1, S. 10-14
-
P. Lehmann (Hg.): Psychopharmaka
absetzen Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva,
Lithium, Carbamazepin und Tranquilizern, Berlin 1998
-
P. Lehmann: Schöne neue Psychiatrie. Band 1: Wie
Chemie und Strom auf Geist und Psyche wirken, Band 2:"Wie
Psychopharmaka den Körper verändern, Berlin
1996
Copyright by Peter Lehmann 2002