Peter
Lehmann
Zum Davonlaufen Wie die Weglaufhausgruppe
entstand
Es war einmal eine solidarische antipsychiatrische
Selbsthilfegruppe von Psychiatriebetroffenen, die Irren-Offensive
e.V. Wir hatten uns 1980 in Berlin zusammengeschlossen,
um uns gegenseitig zu stärken, Erfahrungen auszutauschen
und gemeinsam gegen die Psychiatrie anzugehen.
Zusammen mit Mitgliedern des Psychiatrie-Beschwerdezentrums
fuhr die Gruppe 1982 in zwei VW-Bussen nach Amsterdam
zum Kongreß »Psychipol«, bei dem es um Alternativen
zur Psychiatrie ging. Am Rande des Kongresses besuchte
die Reisegruppe das Wegloophuis Kaizersgracht. Das Staunen,
daß es so etwas gibt, wich nach der Rückkehr in Berlin
dem festen Wunsch, ein Haus für ein gruppeneigenes Projekt
zu organisieren. Eine »Hausgruppe«, bestehend aus Mitgliedern
der Irren-Offensive und des Beschwerdezentrums (vorwiegend
nicht-psychiatriebetroffene PsychologiestudentInnen),
wurde gegründet (Stöckle 1983a). Sie traf sich regelmäßig
und begann, sich Klarheit zu verschaffen, was genau
in dem angestrebten Haus passieren solle. Schon 1983
zeigte sich, daß unterschiedliche Vorstellungen bestanden.
Ein Teil der Hausgruppe wollte ein antipsychiatrisches,
alternatives Irrenhaus, ein »Verrücktenhaus«, in dem
ausschließlich Betroffene wohnen sollten, insbesondere
Mitglieder der Irren-Offensive. Ihr Motto war »zusammen
leben, arbeiten und kämpfen«. Das Haus sollte Schutz
vor der ständig drohenden Psychiatrisierung liefern.
Sozialhilfe, Krankengeld oder Frührente hätten die nötige
finanzielle Absicherung gebracht, die Beantragung staatlicher
Zuschüsse überflüssig gemacht und den Ausstieg aus isolierten
und verrücktmachenden Lebensverhältnissen ermöglicht
(Pietsch 1983).
Ein anderer Teil der Hausgruppe wollte ebenfalls ein
Verrücktenhaus: Staatlich teilfinanziert sollte es allerdings
sein, die Erfahrungen Psychiatriebetroffener sollten
ins Konzept eingehen, aber nicht unter Ausschluß anderer
Erfahrungen. Der reine Selbsthilfeansatz sollte
unter Einbeziehung von Fähigkeiten Nicht-Betroffener
und zugunsten von Hilfsangeboten für andere ausgeweitet
werden. Also sollte dieses Haus möglichst von einem
gemischten, bezahlten Team betrieben werden. Tina Stöckle,
eine Mitbegründerin der Hausgruppe, schrieb seinerzeit,
daß noch nicht entschieden sei,
»... ob Menschen, die selbst noch nicht in
der Psychiatrie waren, im Ver-rücktenhaus mitarbeiten
können. Die wesentliche Voraussetzung dafür ist, daß
diese Menschen Verständnis für ihre eigenen Probleme
und eben für die Probleme der Ver-rückten besitzen,
daß sie da sein können, ohne den Anspruch, dem Hilfesuchenden
etwas aufzuzwingen oder aufzudrängen. (...)
Aufgefallen ist uns beim SSK (Sozialistische Selbsthilfe
Köln e.V., P.L), daß die einzelnen Mitglieder sehr stark
engagiert sein müssen, innerhalb der Gruppe funktionieren
müssen, sonst würde die Organisation zusammenbrechen.
Dort ist eigentlich zu wenig Raum für Menschen, die
sich eine Zeitlang nicht einordnen können, die zu sehr
mit sich selbst beschäftigt sind. Das Leben im SSK ist
hart und fällt somit als Vorbild für unser Ver-rücktenhaus
weg, weil wir gerade eben auch den Menschen einen Platz
und Schutzraum bieten wollen, die nicht mehr funktionieren
das kann auch uns selbst betreffen. Das bedeutet,
daß wir uns in Arbeitskollektiven nur teilweise selbst
finanzieren könnten. Für den Auf- und Ausbau eines Ver-rücktenhauses
wäre unbedingt eine staatliche Unterstützung nötig.«
(Stöckle 1983b, S. 31f.)
Als Kompromiß bot sich an: Jede Fraktion versucht,
ihr Konzept zu verwirklichen, die zwei Konzepte müssen
sich gegenseitig nicht ausschließen, im Gegenteil.
Im Lauf der Zeit wuchs die Hausgruppe. Einzelne Nichtbetroffene,
mehr oder weniger frei von psychiatrischer Ideologie,
stießen dazu. Natürlich kam es auch zu Liebesbeziehungen
zwischen den Mitgliedern der Hausgruppe. Und sie funktionierte
gut solange die Beziehungen hielten. Scheiterten
jedoch insbesondere Beziehungen zwischen psychiatriebetroffenen
und nichtbetroffenen Mitgliedern, hatte dies nicht bloß
die übliche persönliche Katastrophe der unmittelbar
Beteiligten zur Folge: Eine Zusammenarbeit zwischen
Psychiatriebetroffenen und Nichtbetroffenen konnte für
unmöglich erklärt werden, der ungeliebte Ex-Partner
der Nichtbetroffene durfte »in sich gehen
und das Weite suchen«.
Während in der Folgezeit von der Fraktion des ausschließlich
von Betroffenen zu tragenden Verrücktenhauses keine
weiteren Aktivitäten bekannt werden, ist die Hausgruppe
um Tina Stöckle recht tätig, trägt alleine die Projektarbeit
und macht sich an die Formulierung der Konzeption.
1986 hörten wir, die Mitglieder der Hausgruppe, vom
sagenhaften Reichtum Jan Philipp Reemtsmas und seiner
nach ihm benannten Stiftung. Ein Mitglied der Irren-Offensive
hatte sogar in seiner Vergangenheit persönliche Beziehungen
zur Familie Reemtsma gehabt, seine Ausbildung war von
ihr finanziert worden. Allerdings sollten wir auf dieses
Verhältnis lieber nicht hinweisen, zu sehr hatte unser
Mitglied offenbar in verrücktem Zustand seine ehemaligen
Gönner genervt.
Wir erfuhren, daß die Reemtsma-Stiftung vorrangig Forschungsprojekte
finanziert. Also beantragten wir Forschungsgelder, und
zwar zur Untersuchung der Möglichkeit, wie ein Weglaufhaus
nach holländischem Vorbild errichtet werden kann, allerdings
antipsychiatrisch und ohne Psychopharmaka (Projekt Weglaufhaus
1987). Es bot eine Reihe von Vorteilen gegenüber dem
Verrücktenhaus: Es schien einfacher zu begründen, denn
die Erfahrung hatte gezeigt, daß immer wieder aus der
Psychiatrie Weggelaufene bei der Irren-Offensive Schutz
gesucht hatten. Sie waren gar nicht so verrückt gewesen
und hatten hauptsächlich Unterkunft, rechtlichen und
finanziellen Beistand und GesprächspartnerInnen gesucht.
Wir mußten keine weitergehende konzeptionelle Antwort
auf die Frage finden, wie akut Verrückte in das Haus
kommen und was mit ihnen dann passieren sollte, war
doch die allgemeine Erfahrung, daß sie in diesem Zustand
kaum zum Bleiben zu bewegen waren, auch wenn draußen
die Gefahr der Psychiatrisierung drohte. Außerdem konnten
wir auf den holländischen Erfahrungen aufbauen.
Nichtbetroffene, mit denen gute Erfahrungen gemacht
wurden, konnten in die Mitarbeit einbezogen werden.
Mit einem Vetorecht wurde der Einfluß der Betroffenen
abgesichert. Das Weglaufhaus sollte einen bezahlten
Arbeitsplatz bieten, die eigene Wohnung als Rückzugs-
und Erholungsmöglichkeit bewahrt werden.
Die Weglaufhausgruppe entsteht
Die Gelder wurden zwar mit der Standardbegründung »Nicht
zuständig« abgelehnt, aber die notwendig gewordene erste
schriftliche Formulierung der Konzeption für das Projekt
brachte uns einige Klarheit darüber, welche gravierend
unterschiedlichen Vorstellungen bei uns vorhanden waren,
wenn wir vom »Haus« redeten. Die Publikation des Artikels
in der Irren-Offensive sowie weitere Öffentlichkeitsarbeit,
z.B. im Radio, führten dazu, daß eine Reihe interessierter
Nichtbetroffener zur Hausgruppe stießen.
So ist die Weglaufhausgruppe entstanden, und sie entwickelt
sich zur Gruppe mit eigenem Gruppenbewußtsein. Die Konzeption
wird weiterentwickelt. Finanzierungsanträge werden geschrieben,
teilweise unter immensem Zeitdruck, da von der Senatsverwaltung
immer wieder Fristen genannt werden, mit deren Einhaltung
wir große Hoffnungen verbinden.
Noch ist die Weglaufhausgruppe mit der Irren-Offensive
eng verbunden. Doch in der Irren-Offensive zeichnen
sich erste gravierende Probleme ab. Ihre Praxis ist
nicht mehr so friedlich und befriedigend wie in den
ersten Jahren. Routine entwickelte sich. Einige Mitglieder,
die (zu) oft im Mittelpunkt des Geschehens standen,
verlieren die Lust bzw. Einsicht in die Notwendigkeit,
immer und immer wieder von ihrer eigenen Psychiatriegeschichte
zu erzählen. Vorwürfe der Abgehobenheit tauchen auf,
es gehe ihnen zu gut, sie müßten mal wieder in die Psychiatrie.
Zweifel am Sinn der Selbsthilfegruppe tauchen auf. Hierarchien
der Beliebtheit und Anerkennung werden mit neuen Hierarchien
bekämpft: Wer ist der bzw. die Betroffenste unter den
Betroffenen, wem geht es am schlechtesten? Sind die
Psychiatriebetroffenen ohne bzw. mit unabgeschlossenem
Studium prinzipiell authentischer als diejenigen mit
Abschluß? Leiden wird zum Markenzeichen und Qualifikation
zum Vorwurf, adrette Kleidung macht verdächtig, Männer
in Anzügen sind sowieso Verfassungsschutzspione, mögen
sie von noch so großen Qualen in der Psychiatrie berichten.
Der Vereinstreffpunkt muß szenegemäß schmuddelig sein,
und wer sich daran stört und putzen und aufräumen will,
ist als bürgerlich und Normalo entlarvt. Auch andere
Konflikte stehen ungelöst im Raum: Wie lange können
sich die Sensiblen noch auf die Geschäftigkeit der Managertypen
einlassen bzw. wie lange ertragen die nüchtern Argumentierenden
diejenigen noch, die die Emotionalität gepachtet zu
haben scheinen? Und ist das Plenum, in dem es neben
Persönlichem häufig auch um Politisches geht, nicht
zu sehr von den Bedürfnissen derer entfernt, die vor
allem Geselligkeit und sich austauschen (»Kaffeekränzchen«)
wollen?
Einige Mitglieder der Irren-Offensive, die auch in
der Weglaufhausgruppe engagiert sind, versuchen, dem
nimmer endenden Frust im Montagsplenum der Irren-Offensive
zu entgehen und legen den Termin der Weglaufhausgruppe
ebenfalls auf den Montagabend. Kommen Mitglieder der
Irren-Offensive aus der Verrücktenhausfraktion auch
mal zum Treff der Weglaufhausgruppe, werden sie als
störend empfunden: Sie haben den Diskussionsprozeß nicht
mitverfolgt, und nur weil sie sporadisch auftauchen,
kann nicht alles noch einmal von Grund auf neu diskutiert
werden. Nichtbetroffene, die eher mal den falschen,
d.h. psychiatrischen Begriff benutzen, werden deshalb
nicht gleich zum Teufel geschickt. Es hat sich ein eigener,
geduldigerer Diskussionsstil in der Weglaufhausgruppe
entwickelt, auch wenn insbesondere sozialpsychiatrische
Ideologie dort ebenso verpönt ist wie in der Irren-Offensive.
Weglaufhausgruppe und Irren-Offensive driften auseinander.
Andererseits verbinden die Doppelmitgliedschaft einzelner
sowie die Tatsache, daß beide Gruppen antipsychiatrisch
und betroffenenkontrolliert sind. Außerdem ist der Irren-Offensive,
die zudem von der Senatsverwaltung finanziell unterstützt
wird, die Gemeinnützigkeit zuerkannt worden, und wollte
die Irren-Offensive insgesamt nicht ein Weglaufhaus?
Sind das nicht ausreichende Beweggründe, gar nicht erst
daran zu zweifeln, daß das Weglaufhaus unter der formalen
Trägerschaft der Irren-Offensive konzipiert wird? Doch
Dann kommt die Million
Wiederholt macht ein Mitglied der Weglaufhausgruppe
nicht weiter ausgeführte Andeutungen, er wolle für das
Projekt gemäß der entwickelten Konzeption Geld spenden.
Der Mann, der erst bei ein paar Treffen dabei war, erfährt
jedoch wenig Beachtung, da die Projektgruppe überzeugt
ist, daß eine Spende von ein paar Tausend Mark zu früh
kommt und nicht den großen Fortschritt bringt, und so
pocht er zuletzt auf einen Termin. In einer Pizzeria
in Anwesenheit von drei ihm vertrauenswürdig erscheinenden
Mitgliedern der Weglaufhausgruppe zieht er schließlich
einen Kontoauszug aus der Tasche und überreicht ihn,
Kontostand: 1.000.000 DM. Wir könnten mit dem Geld ein
Haus kaufen.
Er wolle allerdings anonym bleiben, aus Angst, von
Freunden und Bekannten nur noch als möglicher Geldgeber
betrachtet zu werden. Die Nachricht über das Geld löst
in der Weglaufhausgruppe Begeisterung aus, in der Irren-Offensive
zuerst auch. Doch
Dann kommt der Streit
Die Weglaufhausgruppe sieht sich auf dem Weg zu ihrem
Haus ein großes Stück weiter. Offenbar aber auch die
Verrücktenhausfraktion: mit der Million wäre sie der
Verwirklichung ihres Traumes sehr nahe gekommen. VertreterInnen
dieser Fraktion stürmen die anstehende Mitgliederversammlung
der Irren-Offensive, bei der Vorstand einschließlich
KassenwartIn gewählt werden sollen, es fällt die Forderung
»Wir wollen Kontozugang!« Außenstehenden muß an dieser
Stelle gesagt werden, daß die Mitgliederversammlung
der Irren-Offensive in den acht Jahren zuvor immer eine
Sache war, die friedlich und innerhalb von zehn Minuten
über die Bühne ging. Jetzt muß die Versammlung mehrmals
neu angesetzt werden, da permanent herumgebrüllt wird
und Tassen durch die Gegend fliegen. Dabei hat sich
der Kontostand gar nicht geändert. Die Million ist nur
versprochen, nicht der Irren-Offensive, sondern der
Weglaufhausgruppe, und auch nicht als Bargeld, sondern
zur Bezahlung eines noch zu suchenden Hauses. Doch diese
Feinheiten interessieren nicht mehr. Ist die Million
nicht auf dem Konto, kann sie nur gestohlen sein
so der jetzt geäußerte Vorwurf. Der Spender soll mit
Name und Adresse benannt werden, damit Mitglieder der
Verrücktenhausfraktion zu ihm gehen und ihm klarmachen
können, daß ihnen die Spende mit mehr Recht zu vermachen
ist als uns: sie brauchten ja nur ein Haus und könnten
sofort beginnen. Die Schlammschlacht beginnt.
Eine ganze Reihe schwebender Konflikte macht eine Einigung
in Frieden unmöglich. Die Weglaufhausgruppe, obwohl
inzwischen mehr oder weniger autonom, ist aufgrund ihrer
Entstehungsgeschichte, aber auch wegen der Gemeinnützigkeit
und der vermeintlich in Bälde anstehenden finanziellen
Unterstützung durch den Senat noch mit der Irren-Offensive
liiert. Einige Psychiatriebetroffene der Weglaufhausgruppe
glauben weiterhin an eine gütliche Lösung und setzen
sich dafür ein, wodurch sie gleichzeitig eine rasche
Trennung der beiden unmöglich machen. Der Trennungsprozeß
zweier langjähriger Mitglieder der Irren-Offensive,
gelegentlich mitten in Versammlungen ausgetragen, führt
zu einer zusätzlichen Belastung. Die Abneigung vieler
Mitglieder der Irren-Offensive gegen PsychologInnen,
oft Ergebnis eigener unangenehmer Erfahrungen in Anstalten
und Therapien, kann leicht gegen einzelne Mitglieder
der Weglaufhausgruppe gelenkt werden.
1989 erfolgt die Gründung des Vereins zum Schutz vor
psychiatrischer Gewalt e.V. Die vereinsrechtliche Verflechtung
mit der Irren-Offensive hat sich als Hemmschuh erwiesen,
und außerdem sollen Nichtbetroffene die Möglichkeit
erhalten, Vereinsfunktionen zu übernehmen. Doch es treten
auch Mitglieder der Verrücktenhausgruppe in den neuen
Verein ein. Langjährige Weglaufhaus-Aktive treten genervt
aus, der Streit dominiert und blockiert die Sache bis
hin zu öffentlichen Angriffen und einer von drei Mitgliedern
der Irren-Offensive an die Senatsverwaltung für Gesundheit
gestellten Forderung, dem geplanten Weglaufhaus keine
Mittel zur Verfügung zu stellen. Doch all dies schadet
nicht mehr, denn der Senat sagt sowieso nein zum Finanzierungsantrag.
In der Folgezeit, zu Beginn der 90er Jahre, verlassen
nach und nach weitere Mitglieder die Irren-Offensive,
teilweise wechseln sie zum Verein zum Schutz vor psychiatrischer
Gewalt. Sämtliche Mitglieder der Verrücktenhausfraktion
verlieren ebenfalls das Interesse an der Irren-Offensive,
hinterlassen aber in deren Zeitschrift (August 1991)
ihre Art der Abrechnung mit dem Weglaufhausprojekt.
Diese Schriften kursieren nach wie vor und schüren ein
Feuer, das so nie brannte.
Noch lähmt das Schreckgespenst endloser und vor allem
nutzloser Diskussionen und die verbliebene Sprachlosigkeit,
die unselige Spaltung der psychiatriekritischen Psychiatriebetroffenen
in Berlin besteht noch immer.
Literatur